Energiewirtschaft

Österreichs Energiesysteme: Verbund-Chef Anzengruber mahnt Investitionen ein

Die Energiewende schreite weiter voran, sagt Wolfgang Anzengruber vom größten heimischen Stromerzeuger Verbund - doch ohne Kapazitäten bei thermischen Kraftwerken und neue Investitionen in Netze sei die Versorgung gefährdet. "Das System ist in einer Schieflage. Das ist jeden Tag ein Balanceakt", sagt auch Gerhard Christiner von der APG.

Der Aufrechterhaltung der in Österreich im internationalen Vergleich sehr hohen Strom-Versorgungssicherheit erfordert massive Investitionen in die Netze, aber auch den Erhalt thermischer Kraftwerke, die das volatile Aufkommen von Wind- oder Solarstrom ausgleichen können. Dies betonten Spitzenvertreter der Energiewirtschaft und andere Energieexperten bei einer Veranstaltung in Wien.

"Projekte "zulassen"

"Der Wille zum investieren ist da. Wir können uns keine weiteren Verzögerungen leisten, auch bei den Übertragungsnetzen nicht. Ein Strom-Blackout wäre womöglich noch viel teurer", sagte Verbund-Generaldirektor Wolfgang Anzengruber.

Die von der Strombranche geplanten Projekte müsse man "zulassen", das erfordere aber auch entsprechende wirtschaftliche Rahmenbedingungen: "Würden wir unwirtschaftliche Kraftwerke bauen, gingen wir ins Gefängnis."

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Bis 2030 will die Strombranche 50 Mrd. Euro investieren, darunter 35 Mrd. Euro in Netzausbau samt Smart Meter und 15 Mrd. Euro in den Ausbau Erneuerbarer (Wasserkraft, Wind, PV), davon 9 Mrd. in Anlagen und 6 Mrd. Euro in Stromspeicher.

System "an der Grenze der Belastungsfähigkeit"

Der Zug in Richtung Umsetzung der Energiewende fahre, doch gehe damit gesicherte fossile Leistung aus dem Stromsystem verloren, "die müssen wir ausgleichen", so Anzengruber. Im Osten des Landes, etwa im Raum Wien, gebe es keine Stromspeicher. Das System sei "immer wieder an der Grenze der Belastungsfähigkeit", warnte er.

Deutschland und Österreich seien jetzt "im Wahlkampfmodus": Auf die neuen Regierungen der beiden Länder kämen Aufgaben zu, um die - gefährdete - Sicherheit weiter aufrechtzuerhalten, so Anzengruber: "Wir brauchen rasch Maßnahmen."

APG: "Ohne thermische Kraftwerke geht es derzeit nicht"

"Ohne die thermischen Kraftwerke geht es derzeit nicht", betonte Gerhard Christiner, technischer Vorstandsdirektor der Verbund-Übertragungsnetz-Tochter Austrian Power Grid (APG). An sich gebe es im Raum Deutschland und Österreich Stromüberschüsse, aber wenn es kalt sei, wenig Wind wehe und die Wasserkraftspeicher leer seien wie heuer zu Jahresanfang, "kann es schon einmal eng werden, das haben wir sehr markant gesehen".

Es fehle in Österreich und Europa wesentliche Leistung, um das System in Summe sicher zu gestalten: "Das System ist in einer Schieflage. Der Kunde kriegt das nicht mit. Das ist jeden Tag ein Balanceakt", so Christiner.

Eingriffe nahezu jeden Tag notwendig

Heuer habe es von rund 250 Tagen nur 36 gegeben, an denen die APG nicht in den Markt eingreifen musste. Auch in den letzten Wochen, im Sommer, habe man thermisches Potenzial genutzt. "Gelingt uns der Netzausbau nicht, brauchen wir auch in den nächsten fünf Jahren die kalorischen Kraftwerke", so der APG-Vorstand.

Laut Umweltbundesamt-Geschäftsführer Georg Rebernig könnte es im österreichischen Stromnetz eine erhebliche Deckungslücke geben, wenn etwa ein großes kalorisches Kraftwerk aus Kostengründen - weil es unrentabel ist - vom Netz genommen werde.

Bereits ohne Anlagenschließung sei in zehn Jahren mit einer Lücke von 2.980 MW Leistung zu rechnen, falle aber eine 700-MW-Anlage weg, so würde die Lücke 5.583 MW betragen und beim Wegfall von 1.100 MW Kraftwerksleistung sogar 7.241 MW, denn das Delta wachse im Vergleich zur fehlenden Erzeugung überproportional an.

Im Jänner 2017 war Österreich zwei Wochen lang auf Importe angewiesen

Kritisch wären dann vor allem Wintermonate, wobei die Deckungslücke auch die maximale Strom-Importleistung übersteigen könnte. Würde man etwa 1.100 MW vom Netz nehmen, könnte es im Jahr 2025 in Summe beinahe 1.000 Stunden Deckungslücke geben, also rund 40 Tage, sagte Rebernig. Deshalb seien ausreichende Kapazitäten an (Gasturbinen-) Kraftwerken nötig - eine Aussage, durch die sich APG-Vorstand Christiner bestätigt sieht.

Fiele das Gas auch noch weg, hätte man in Österreich wir ein wirkliches Problem, so der Chef des Umweltbundesamts mit Verweis auf die Situation im heurigen Jänner. In diesem Monat konnte Österreichs Stromversorgung zwei Wochen lang nur mit Hilfe von Importen aufrechterhalten werden. "Auch die Kohle spielt in unsrer Erzeugung noch eine Rolle", so Rebernig, und die Speicher seien heuer bis April praktisch leer gewesen.

Im Jänner musste am schwierigsten Tag bei nur 8,3 GW verfügbarer Kraftwerksleistung die Differenz auf die Last von 11 GW durch Importe gedeckt werden. Denn neben den 4 GW Erneuerbaren waren nur 4 GW thermisch verfügbar, also aus kalorischen Kraftwerken, hatte die E-Control Anfang März erläutert und einen Erhalt der kalorischen Anlagen als unverzichtbar bezeichnet.

Umweltbundesamt mahnt zu einer echten Energiewende statt nur einer Stromwende

Weil mit Gas - und auch Kohle - betriebene Anlagen "für unsere Erzeugung klar erforderlich sind", wie Rebernig sagte, was ja auch im Konflikt mit der bis 2050 geplanten Dekarbonisierung stehe, müsse ein ganz wesentlicher Beitrag vom Energiesparen und einer höheren Energieeffizienz kommen.

"Der Energieverbrauch insgesamt muss grob fast auf die Hälfte heruntergehen - nicht bei Strom, sondern bei Energie insgesamt." Außerdem gehe es um Speicher, Wasserstoff- und Methan-Technologien, aber auch die Sektorkopplung Richtung Mobilität, Industriewärme und die Industrie insgesamt.

(APA/red)

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