Personalia

Neuer Chef soll Boeing aus den negativen Schlagzeilen bringen

Der 62-jährige David Calhoun war Manager bei General Electric und der gefürchteten Finanzfirma Blackstone. Jetzt wechselt er auf den Chefsessel von Boeing, einem der größten Industriekonzerne der USA.

Er hat Karriere bei General Electric gemacht, das Marktforschungsunternehmen Nielsen an die Börse gebracht und war Manager beim Investment-Giganten Blackstone - nun soll David Calhoun den kriselnden US-Flugzeugbauer Boeing aus den Negativschlagzeilen holen: Der 62-Jährige wechselt in den Chefsessel und übernimmt damit das Steuerruder bei einem der größten Unternehmen der USA.

Boeing ist derzeit vor allem damit beschäftigt, die Krise um den Unglücksflieger 737 MAX in den Griff zu bekommen. Nach zwei Abstürzen von Passagiermaschinen des Typs Boeing 737 MAX, bei denen insgesamt 346 Menschen ums Leben gekommen waren, muss Calhoun das Vertrauen der Kunden in das Unternehmen wiederherstellen. An ihm liegt es, die Scherben seines Vorgängers aufzukehren, dem im Dezember geschassten Dennis Muilenburg. Dazu wird der Manager all sein Geschick brauchen. Doch Experten bezweifeln, ob der aus dem Finanzbereich stammende Calhoun langfristig der Richtige für den Job ist - oder ob er nur als Feuerwehrmann in der Krise agieren soll.

Muilenburgs Umgang mit den Abstürzen und der Aufarbeitung der Krise hatte zu einer Entfremdung mit den Aufsichtsbehörden, mit Kunden und den Familien der Opfer geführt. Am Ende zog Boeing - für viele Beobachter zu spät - die Reißleine und ersetzte Muilenburg durch Calhoun. Dieser betonte daraufhin, er glaube fest an die Zukunft von Boeing und auch der 737 MAX. Der Aktienkurs von Boeing stieg nach der Bekanntgabe des Führungswechsel kurz vor Weihnachten deutlich an.

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Boeing befindet sich derzeit mitten im Prozess um die Wiederzulassung der 737 MAX. Nach den zwei Flugzeugabstürzen gilt seit März ein Flugverbot für das Modell. Fluggesellschaften mussten tausende Flüge streichen und auf andere Maschinen zurückgreifen. Sie verlangen vom Flugzeugbauer deswegen Entschädigungen. Boeing stellte im Juli 5,6 Mrd. Dollar (knapp 5,1 Mrd. Euro) für solche Zahlungen zurück. Im Dezember entschied das Unternehmen dann, die Produktion der 737 MAX auszusetzen. Wann das Modell wieder abheben wird, ist noch unklar.

Mit Calhoun setzt Boeing nun auf einen Mann an der Spitze, der einst die mächtige Infrastruktur-Sparte bei General Electric (GE) leitete und Erfahrung mit Unternehmenssanierungen sowohl bei Nielsen als auch bei Blackstone sammelte. Bei Boeing saß er seit vergangenem Herbst an der Spitze des Verwaltungsrates. Nun fühle er sich "geehrt, dieses großartige Unternehmen und die 150.000 engagierten Mitarbeiter zu leiten, die hart daran arbeiten, die Zukunft der Luftfahrt zu gestalten", erklärte Calhoun im Dezember.

Der 62-Jährige ist Experte für Finanzmanagement und Unternehmensstrategien. Nach seinem Studium der Buchhaltung an der Virginia Tech kam Calhoun 1981 in die Konzernrevision von GE. Der Beginn einer fast vier Jahrzehnte währenden Karriere, in der er schließlich GE Infrastructure leitete, eine Abteilung, die unter anderem Flugzeugtriebwerke und den Schienenverkehr umfasst.

Dass er eher Finanzmanager denn Techniker ist, wirft bei Experten allerdings die Frage auf, ob Calhoun langfristig der richtige Mann ist, um die Geschicke des traditionsreichen Flugzeugbauers zu steuern. Richard Aboulafia von der Beratungsfirma Teal Group etwa glaubt, dass er als eine gute Wahl für die "kurzfristige Stabilisierung" Boeings scheine. Auf lange Sicht aber bringe Calhoun mit seiner Kapital-Expertise Fähigkeiten mit, die Boeing schon zuhauf habe.

Jim Hall, früherer Chef der US-Transportsicherheitsbehörde NTSB, begrüßt die Ablösung Muilenburgs als "längst überfällig". Boeing müsse die Sicherheit der Flugzeuge wieder an die erste Stelle setzen, ist er überzeugt. Langfrist sei dafür aber am besten jemand an der Konzernspitze geeignet, der mehr praktische Erfahrung und Kenntnis der Luftfahrttechnik habe. (afp/apa/red)