Logistik

„Mit Geld zuschütten ist zu wenig“

Der Logistik-Professor Franz Staberhofer verfolgt Supply Chains und deren Auswirkungen auf den internationalen Transport. Im Interview erklärt er, warum die Logistikbranche von der Krise vermutlich weniger hart getroffen wird als gedacht. Und warum es höchste Zeit für Europa wäre, systemrelevante Industrien zu definieren und in den Mitgliedsländern Produktionsstätten zu errichten.

Von
Logistik Transport Supply Chain Management Supply Chain Franz Staberhofer

Welche Auswirkungen wird die Coronakrise auf die Logistikbranche haben?

Franz Staberhofer Noch merken wir gar nicht, dass wir mittendrin stecken, weil alles mit Geld zugedeckt wird. In Wahrheit wird die Krise erst in den nächsten Wochen und Monaten spürbar werden. Die Logistik wird davon relativ wenig betroffen sein, weil es weiterhin not­ wendig ist, Güter zu bewegen. Wenn auch auf andere Weise, mit anderen Kunden und zu neuen Orten. Insgesamt denke ich, dass die Auswirkungen geringer sein werden, als viele annehmen.

Momentan geht es den Logistik-Unternehmen gut?

Staberhofer Es hängt natürlich davon ab, in welchem Bereich die Logistiker tätig sind. Aber es wird einige heftig betreffen, anderen wird es gleich gut oder gleich schlecht gehen. Im Lebensmittelbereich gibt es mehr Aufträge als jemals zuvor. Im Automotive-­Sektor hingegen ist der Auftrags­ stand derzeit fast null. Für die Logistiker dort ist es desaströs. Die wird es auch mittelfristig stärker betreffen, weil OEMs straucheln. In allen anderen Bereichen beginnt wieder das Hochfahren. Es wird sich wieder einpendeln. Nur eben nicht auf den Stand von 100 Prozent.

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Haben Sie einen Ratschlag für Logistik-Unternehmen, wie sie durch die schwierigen Zeiten kommen?

Staberhofer Es wird in den nächsten Wochen und Monaten entscheidend sein, genau zu beobachten, wo es zu Engpässen kommt. Denn diese Engpässe führen zu Ausfällen. Wenn ganze Züge oder Verbindungen ausfallen, erzeugt das massive Probleme. Genau das wird in den nächsten Wochen und Monaten passieren. Deshalb beobachtet unser Verein Netzwerk Logistik – in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Krisen- und Katastrophen­-Management – seit einigen Wochen dreizehn globale Supply Chains, um Störungen der Lieferketten und ihrer Querverbindungen feststellen und auf Engpässe reagieren zu können.

Welche Engpässe bzw. Schwächen der Lieferketten zeigen sich momentan?

Staberhofer Im Lebensmittelbereich war es zuletzt die Versorgung der Lkw-Fahrer mit Mund­-Nasen­-Schutz. Engpässe gab es auch bei Blisterverpackungen und Desinfektionsmitteln für den Hochreinbereich. Wir sehen aber auch ein systematisches Problem: dass nämlich die Regeln für die Abläufe beim Transport und bei der Übergabe von Waren nicht einheitlich sind oder überhaupt fehlen. Hygienevorgaben für Supermärkte sind heute selbstverständlich. Für die Wirtschaft gibt es derartige Regelungen nicht.

Während der Krise ist die Abhängigkeit Europas von Produzenten in Asien deulich geworden. Es werden Stimmen laut, jetzt doch wieder vermehrt in Österreich bzw. Europa zu produzieren und autarker zu werden. Wie sehen Sie das?

Staberhofer Wir sollten uns einen realistischen Zugang zu Globalität erhalten und nicht Merkantilismus betreiben. Zu sagen, dass wir jetzt alles wieder in Österreich machen, ist romantisch, aber unrealistisch. Ich glaube, es geht darum, verlässliche globale Verhältnisse herzustellen. Nehmen wir die Schutzmaskenproduktion in Vorarlberg. Irgendwann werden wir dort vielleicht 300.000 bis 400.000 Masken produzieren können. Inzwischen landen Flugzeuge mit Millionen dieser Produkte. Wenn wir uns dazu entschließen, diesen Markt zu bedienen, brauche ich marktfähige Preise und eine Skalierung, um Millionen oder Milliarden Stück produzieren zu können. 100.000 ist eine liebliche Einheit. Aber es ist nicht mehr als eine kleine Hilfestellung für den Moment. In zwei Monaten wird niemand eine österreichische Maske um einen Euro kaufen, wenn er sie für 10 Cent bekommen kann.

Was halten Sie von der Idee, Schlüsselindustrien nach Europa zurückzuholen?

Staberhofer Die Europäische Union sollte den Versuch unternehmen, hier eine gemeinsame Vorgangsweise zu finden. Für mich hieße das zum Beispiel: strategische Produkte zu definieren und sie in Europa herzustellen. Jedes EU­Land könnte für eines dieser Produkte verantwortlich sein und hätte die Pflicht, die anderen mit diesem Produkt zu versorgen.

Das klingt fast so, als würden Sie einer europäischen Planwirtschaft das Wort reden ...

Staberhofer Wenn Sie das als Planwirtschaft bezeichnen wollen: meinetwegen. Ich würde es als eine strategische Entscheidung sehen, die darauf abzielt, Stärken zu erhalten oder verlorene Stärken wieder aufzubauen.

Sind Sie zufrieden mit der Art und Weise, wie die Regierung die Unternehmen unterstützt?

Staberhofer In Summe ist gut reagiert worden. Natürlich hat es auch Fehler gegeben. Aber jeder, der entscheidet, macht auch Fehler. Was mich am meisten stört, sind populistische Maßnahmen à la: „Wir bauen jetzt Beatmungsmaschinen in Österreich“.

Bisher macht die EU in der Krise keine gute Figur. Wo sehen Sie dringend Handlungsbedarf?

Staberhofer Die EU ist derzeit nicht schwach; sie ist de facto nicht existent. Abgesehen von der strategischen Frage der Schlüsselindustrien sehe ich hier vor allem die Aufgabe, Transportwege offenzuhalten. Und diese Aufgabe stellt sich weiterhin. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass uns eine zweite oder dritte Coronawelle trifft. Dafür sollten wir jetzt die Rahmenbedingungen festlegen. Auch weil äußerst konfuse Situationen entstehen können, wenn vom Virus unterschiedlich betroffene Länder unkoordiniert vorgehen. Ein Regelwerk und Transparenz wären sehr hilfreich. Nur mit Geld zuschütten alleine wird es nicht gehen.

Stichwort Klimaschutz: Wird die Coronakrise gegen die Klimakrise ausgespielt?

Staberhofer Nein, ich glaube nicht. Allerdings werden die Unternehmen in den nächsten Jahren derartig mit der Wiederherstellung ihres Geschäfts befasst sein, dass es weniger Zeit und Raum für andere Diskussionen geben wird. Die Klimadebatte, wie sie in den letzten zwei Jahren geführt worden ist – also mit Schuldzuweisungen, unrealistischen Zugängen und viel Marketing­ Geschwätz –, wird es so nicht mehr geben. Klimaschutz wird dort stattfinden, wo er auch ökonomische Vorteile bringt. Ein Beispiel: Die Ankündigung, dass alle Lkw in absehbarer Zeit batteriegetriebene Elektrofahrzeuge sind, ist Unsinn. Aber die Neuausrichtung der Feinverteilung mithilfe von kleinen E­-Fahrzeugen oder mit dem Fahrrad ist in jeder Hinsicht sinnvoll.

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