Coronakrise

McKinsey: Rückkehr zur Normalität Anfang 2021 möglich

Die wirtschaftliche Erholung auf das Niveau vor der Coronakrise könnte Jahre dauern, so die Beratungsgesellschaft McKinsey. Wenn Regierungen aber entschlossen reagieren, könnte die Eurozone Anfang 2021 wieder zur "Normalität" zurückkehren.

Wenn es gelingt, die Ausbreitung des Covid-19-Virus innerhalb von zwei bis drei Monaten einzudämmen und die Maßnahmen zum Schutz der Unternehmen einigermaßen erfolgreich sind, dann dürfte sich die Wirtschaft der Eurozone bis zum ersten Quartal 2021 wieder auf das Niveau vor der Krise erholt haben - das hat das Beratungsunternehmens McKinsey berechnet.

Chinas Wirtschaftsleistung könnte diesem Szenario zufolge bereits im dritten Quartal dieses Jahres an jene vor der Krise anschließen, die USA und der Rest der Welt könnten im Schlussquartal 2020 soweit sein, sagte Knut Alicke, Partner im Stuttgarter Büro von McKinsey, in einer Online-Pressekonferenz.

Die Wirtschaft der Eurozone wird dieser Modellrechnung zufolge am schwersten zu leiden haben: Die Wirtschaftsleistung wird hier im zweiten Quartal 2020 um 9,5 Prozent geringer ausfallen als im Schlussquartal 2019. Im Gesamtjahr wird die Wirtschaft der Eurozone um 4,4 Prozent schrumpfen. Chinas BIP würde demnach heuer um 0,4 Prozent geringer ausfallen als im Vorjahr, jenes der USA um 2,4 Prozent und die globale Wirtschaftsleistung würde um 1,5 Prozent schrumpfen.

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Wenn die Regierungen nicht rasch und entschieden genug reagieren und der "Lockdown" noch mehrere Monate anhält, sieht das Bild noch viel düsterer aus, "dann gibt es eine Rezession, aus der es schwer ist wieder herauszukommen", so Alicke. In diesem Fall würde die Wirtschaft der Eurozone bis zum dritten Quartal 2023 brauchen, bis sie sich vollständig erholt hätte, so die McKinsey-Experten.

Auf die einzelnen Branchen und Sektoren wirkt sich die Coronavirus-Krise unterschiedlich aus. So sei im Bereich der Logistik die Nachfrage nach Lkw-Transporten zunächst stark gestiegen, berichtete Alicke, "aber das wird sich wieder normalisieren". Problematisch sei es bei der Luftfracht, weil 50 bis 60 Prozent der Frachtkapazitäten auf Passagierflugzeuge entfallen würden, die derzeit aber nicht fliegen. Die Nachfrage der Verbraucher habe sich stark in den Online-Bereich verschoben: "Die E-Commerce-Unternehmen suchen teilweise händeringend nach Mitarbeitern."

Besonders stark getroffen seien die Autobranche, der Tourismus und die Luftfahrt. In der Autoindustrie werde die Nachfrage heuer um ein Viertel zurückgehen, längerfristig werde sich der Strukturwandel zur Elektromobilität beschleunigen, glaubt Alicke. In Tourismus und Luftfahrt werde die Erholung besonders lange dauern, weil die Nachfrage vorerst niedrig bleiben werde.

Vergleichsweise gering sei die Nachfrage nach Pharmazeutika und medizinischen Produkten betroffen, außer bei Produkten wie Desinfektionsmittel oder Schutzmasken. Außerdem gebe es hier relativ hohe Lagerbestände, sodass die Lieferketten nicht abreißen würden, erklärte Alicke.

Anders sehe es in der Autoindustrie aus, wo es einen zeitversetzen Effekt gebe. "Wenn ein Zulieferbetrieb in China seit Mitte Jänner nicht produziert, merkt man das in Europa Mitte März", denn es werde sehr viel über Seefracht geliefert und die Container seien vier bis sechs Wochen unterwegs.

Für die Textilindustrie gebe es zusätzlich das Problem der Saisonalität. Weil die Seefracht vier, sechs oder acht Wochen unterwegs sei, könne man viele Produkte später nicht mehr verkaufen - nämlich auch jene Lieferungen nicht, die bereits unterwegs seien.

Beschleunigen werde sich wohl auch die Digitalisierung der Unternehmen, sagte Alicke, denn nur so könnten sie in Szenarien planen und weiter vorausschauen. Unternehmen, die noch "Excel-Listen herumschicken, stehen immer fünf Zentimeter vor der Wand und hoffen, dass der nächste Tag nicht irgendwelche Horrormeldungen bringt".

Zu erwarten sei auch, dass die Produzenten künftig größere Reserven in ihren Lieferketten haben werden, ähnlich, wie es bei den Kapitalreserven der Banken nach der Finanzkrise passiert sei. Wie in der Pharmaindustrie seien auch in anderen kritischen Branchen gesetzliche Reserve-Vorgaben denkbar. Der Trend der letzten Jahre zu einem einzigen Zulieferer könnte sich nun umkehren, um die Ausfallssicherheit zu erhöhen.

Ein Gegentrend zur Globalisierung, also eine Re-Nationalisierung bzw. Re-Regionalisierung der Wirtschaft sei schon seit Jahren zu beobachten, sagt Alicke. "Dieser Trend hat schon eingesetzt und wird durch die Covid-19-Krise verstärkt." Viele Unternehmen würden regionale Strukturen aufbauen. Das müsste nicht zwangsläufig eine Verteuerung der Produkte zur Folge haben. "Die Lohnkosten-Unterschiede zwischen China und Osteuropa oder Mexiko sind nicht mehr so groß."

Wichtig sei es, beim Wiederhochfahren der Produktion wegen der langen Lieferwege die Lieferanten rechtzeitig zu informieren, betonte Alicke. (apa/red)