Luftfahrt

Luftfahrt: Berlin warnt vor Ausverkauf europäischer Airlines

Wegen der schweren Krise der Luftfahrt im Zuge der Coronakrise führt Berlin Gespräche mit den Regierungen der EU-Länder. Der deutsche Verkehrsminister Scheuer warnt mit Blick auf Asien erneut vor einem "Ausverkauf" europäischer Luftfahrtunternehmen.

Die europäische Luftfahrtbranche ist durch die Coronapandemie in einer schweren Krise. Zwar soll es nun in Europa einheitliche Regeln zum Gesundheitsschutz beim Fliegen geben. Dazu gehört, Abstand zu halten vor der Abfertigung - nur: Es kommt derzeit kaum ein Passagier. Das geht massiv ins Geld für die Fluggesellschaften und Flughäfen.

Es gehe nun darum, das Vertrauen der Fluggäste zurückzugewinnen, sagte der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nach digitalen Beratungen mit EU-Amtskollegen sowie Vertretern der Wirtschaft. Dazu diene auch eine Verständigung der EU-Verkehrsminister auf einheitliche Standards beim Gesundheitsschutz.

So gebe es eine Verpflichtung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes vom 6. Lebensjahr an, zur Belüftung im Flieger selbst, höhere Reinigungsintervalle und eine mehrsprachige Information der Passagiere. Eine Regel, die einen freien Mittelplatz im Flugzeug vorschreibt, sei nicht vorgesehen. Dazu habe es auch Beratungen mit Wissenschaftern gegeben. Scheuer sagte, mit der Vereinbarung zu den Regeln sei ein deutscher Vorschlag angenommen worden. Deutschland hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne.

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Ob das aber hilft, damit wieder mehr Menschen fliegen, muss abgewartet werden. Trotz der Lockerungen in der Krise erwartet die Branche keine schnelle Erholung, wie der Flughafenverband ADV vor kurzem deutlich gemacht hatte. Der Chef des Flugzeugbauers Airbus, Guillaume Faury, geht davon aus, dass der Luftverkehr möglicherweise erst 2025 wieder das Niveau aus der Zeit vor Corona erreichen wird.

Denn weltweit ist das gesamte System weiterhin empfindlich gestört. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Matthias von Randow, warnte vor irreparablen Strukturbrüchen in der europäischen Branche infolge der Coronapandemie. In einem Brandbrief an die US-Regierung und die EU-Kommission hatten die Chefs großer Fluggesellschaften darauf gedrängt, den Luftverkehr zwischen den USA und Europa wieder in Gang zu bringen. Die Vorstandschefs schlugen ein koordiniertes gemeinsames Coronatestprogramm vor, um den Luftverkehr zwischen den USA und Europa ohne Quarantäne oder andere Einreise-Beschränkungen wieder im großen Stil zu ermöglichen.

Scheuer stellte sich hinter Pläne der Landesgesundheitsminister in Deutschland, Reiserückkehrer aus Risikogebieten verpflichtend auf das Coronavirus zu testen. Er unterstütze das Vorhaben. "Aber es wird uns alle fordern", sagte der Minister mit Blick etwa auf die nötige Ausstattung an den Flughäfen.

Dabei dürfte es auch ums Geld gehen. Das aber ist derzeit das große Problem in der Branche. Für den Branchenführer Lufthansa, Konzernmuttergesellschaft der AUA, hatte die deutsche Regierung bereits ein milliardenschweres Rettungspaket geschnürt. Auch die Flugzeugbauer und die Flughäfen, vor allem die regionalen, aber ächzen unter der Krise - womöglich muss die Politik mit weiteren Staatshilfen ran.

"Es stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel", sagte Scheuer. Die Politik wolle gegensteuern. Nach Branchenangaben waren vor der Krise in der deutschen Luftverkehrswirtschaft allein rund 330.000 Menschen direkt beschäftigt, also bei den Fluggesellschaften, in der Luftfahrtindustrie oder an den Flughäfen. Viele davon sind aber derzeit in Kurzarbeit - und die Einschläge kommen näher. So hat die irische Billigairline Ryanair ihren Rückzug von deutschen Standorten wie dem Hunsrück-Flughafen Hahn angekündigt.

Scheuer warnte mit Blick auf die Konkurrenz etwa in Asien erneut vor einem "Ausverkauf" europäischer Luftfahrtunternehmen. Die Luftverkehrswirtschaft und der Flugverkehr stünden vor einem epochalen Umbruch. Es komme auch auf Innovationen an und darauf, dass Unternehmen auch in Corona-Zeiten in sauberere und sparsamere Flugzeuge sowie alternative Kraftstoffe investieren.

Auch an anderer Stelle könnten die Fluggesellschaften in die Bredouille kommen. Anfang März hatte die EU-Kommission eine wichtige Regelung zu Start- und Landerechten ausgesetzt - damit Airlines keine unrentablen "Geisterflüge" anbieten müssen, um die sogenannten Slots zu erhalten. Die Regel gilt aber nur bis Mitte Oktober. Scheuer drängte Brüssel dazu, in dieser Frage mehr Dynamik zu entwickeln - sprich: Schnell zu entscheiden, dass die Regel ausgesetzt bleibt. (dpa/apa/red)