„Irgendwie mein Baby“

Ernst Müllner hat einst das Wiener Handylautsprecherwerk von Philips vor der Schließung bewahrt. Als NXP-Geschäftsführer hat er jetzt den Verkauf der hochautomatisierten Fertigung an einen US-Konzern eingefädelt: Mit 630 Millionen Euro der drittgrößte Firmenkauf des Jahres 2010.

Elektronik Knapp Philips Top-250 Unternehmen

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Müllner, Ende Dezember ist das hochautomatisierte Wiener Handylautsprecher-Werk aus der NXP-Gruppe an den US-amerikanischen Dover-Konzern verkauft worden. Das zukünftige Muttunternehmen, Knowles Electronics, produziert – wie Sie in Wien – Akustikkomponenten. Was bedeutet das für den Standort? Ernst Müllner: Das bedeutet, dass wir zukünftig endlich so stark investieren können, wie wir es eigentlich müssten. Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass das, was wir an Wachstum geplant haben, in der alten Eigentümerstruktur schwierig umzusetzen gewesen wäre. Warum? Im NXP-Konzern waren wir eigentlich immer so etwas wie ein Fremdkörper. Als die Philips-Halbleitersparte im Jahr 2006 als NXP an Investoren verkauft wurde, passte Sound Solutions als Spezialist für akustische Komponenten eigentlich nie richtig in die Kernkompetenz der Gruppe, zu der ja auch die Halbleiterentwicklung in Gratkorn gehört. Es gibt in der Halbleiterbranche eine Faustformel, wonach der Capex (Anm. die Investitionsausgaben eines Unternehmens) bei rund fünf Prozent vom Umsatz liegen sollten. Wir brauchen aber eindeutig eher zehn Prozent. Wie gefährlich sind Überschneidungen im Produktportfolio des Dover-Konzerns? Diese gibt es eigentlich nicht. Knowles Electronics, das Tochter-Unternehmen von Dover, in das Sound Solutions eingegliedert wird, konzentriert seine Geschäftstätigkeit voll auf den Bereich Akustik und ist mit seinen Produkten in den gleichen Märkten, aber mit unterschiedlichen Produkten präsent. Unsere Stärken bei Lautsprechern für den Mobiltelefonie-Markt ergänzen sich mit den Stärken von Knowles im Bereich Hörgeräte und bei MEMS Mikrofonen. Damit entsteht der weltweit führende Komplettanbieter für mikro-akustische Lösungen und wir können unsere Innovationen, Produkte und Aktivitäten am Standort in Wien aus einer sehr starken Position heraus vorantreiben. Bleiben die Kompetenzen – auch für das Werk in China – in Wien angesiedelt? Ja, die Kompetenzen bleiben in Wien – und werden sogar gestärkt. Die strategische Bedeutung der Sound Solutions ist in dem neuen Unternehmen wesentlich größer als sie bisher bei NXP war. Sie haben, so hört man, den Verkauf persönlich eingefädelt... Das stimmt. Ich habe vor fünf Jahren anläßlich eines Kundenbesuchs Jeff Niew, den Chef von Knowles, kennengelernt – und wir haben rasch festgestellt, dass wir beide interessante Unternehmen leiten, in der gleichen Branche tätig sind – sich aber doch mit anderen Produktportfolios beschäftigen. Dann haben wir begonnen, darüber nachzudenken, was wäre, wenn wir kooperieren würden. Was haben Ihre Eigentümer, die Finanzinvestoren rund um KKR zu Ihren Plänen gesagt? Ich habe mit dem Vorstand immer offen über die strategische Thematik kommuniziert. Wir haben vereinbart, wenn es Möglichkeiten gibt, das offen mit mir zu besprechen, was auch passiert ist. Die M&A-Abteilung von NXP und auch ich sind regelmäßig mit unteschiedlichsten Interessenten konfrontiert worden – und ich habe natürlich offen kommuniziert, dass es ein Interesse von Knowles gibt. Abschlussfrage: Sie haben vor rund 20 Jahren das Wiener Lautsprecherwerk vor der Schließung gerettet. Seither wurde beispiellos automatisiert und investiert – was bedeutet der Verkauf für Sie persönlich? Die Sound Solutions sind so etwas wie mein Baby – die Zukunft des Werkes ist für mich persönlich eine wirklich wichtige Sache. Ich wollte, bevor ich irgendwann in der Zukunft ausscheide, sicher sein können, dass die besten Voraussetzung geschaffen sind. Und ich bin überzeugt: Wäre eine Lösung, wie die Intergration bei Knowles nicht zustandegekommen, wäre das mittelfristig für den Standort ein Problem geworden. Interview: Rudolf Loidl

Zur Person:

Ernst Müllner, 57 war langjähriger Philips-Manager als er vor 20 Jahren die Werksleitung des in Wien-Favoriten ansässige Lautsprecherwerkes übernahm. Knapp vor der Schließung baute er das Untenrehmen zum Weltmarktführer bei Handy-Lautsprechern auf. 2006 verkaufte Philips seine Halbleitersparte (inklusive Sound Solutions) an NXP. Im Dezember übernahm der US-Industriekonzern Dover Corporation die Sound Solutions um 652 Millionen Euro und gliedert sie in seine Tochter Knowles Electronics  ein. Sound Solutions beschäftigt weltweit rund 1.000 Leute, davon 500 am Hauptsitz in Wien.

Verwandte tecfindr-Einträge