Industriekonjunktur

Industrie in Vorarlberg: Robust wie ehedem

Vorarlbergs Industrie zeigt sich in der Pandemie robust. Damit die gute Kondition anhält, wird in diesem Frühjahr an zahlreichen Stellschrauben gedreht. 

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"Mit den Fortschritten in der Pandemie-Bekämpfung ist es höchste Zeit, sich wieder altbekannten wichtigen standortpolitischen Herausforderungen zu widmen."
Martin Ohneberg, Präsident IV Vorarlberg 

Die Industriellenvereinigung ist nicht als Wohltätigkeitsverein bekannt. Ein karitatives Spurenelement ist dennoch vorhanden, wenn sie am 5. Juli zu ihrem diesjährigen Sommerfest in das neue Hotel „Firmament“ in Rankweil einlädt. Das IV-Präsidium rund um Martin Ohnenberg hat die Location bewusst gewählt, „um ein Zeichen für den unternehmerischen Mut zu setzen“. 

Ungewollt ist das „Firmament“ zu so etwas wie ein Sinnbild für die Zuversicht geworden, mehr als nur heil aus der Pandemie herauszukommen: Der bisher ausschließlich als Caterer tätige Ernst Seidl wird dann stolze 23,1 Millionen Euro in die Mischung aus Hotel, Eventlocation, Catering-Küche und Restaurant investiert haben. „Es ist ein Businessprodukt. Unsere Zielkunden sind die hier ansässigen Weltmarktführer“, sagt Seidl. 143 Zimmer, 12 Longstay-Appartements, Eventräume für bis zu 800 Gäste – Seidl will auch selbst Kongresse ausrichten. 

Blum im Auslastungshoch

Der IV-Empfang ist die Generalprobe für die offizielle Eröffnung 15 Tage später. Dann wäre ein guter Teil der Vorarlberger Wirtschaft im Urlaubsmodus. Nicht 2021. Erstmals in der Firmengeschichte wird es beim Höchster Beschlägehersteller Blum diesen Sommer keinen klassischen Betriebsurlaub geben. Das betrifft nicht nur die 6180 Mitarbeiter, die heuer zeitversetzt in die Ferien gehen. Das ist jeder 25. Beschäftigte in Vorarlberg. Seit etwa 30 Jahren orientieren sich normalerweise auch Zulieferer, Partner und der eine und andere Branchenkollege an den Schließtagen in den acht Blum-Werken. Dort ist dieses Jahr die Auslastung so hoch, dass die Produktion durchgehend aufrecht erhalten bleibt, erklärt Geschäftsführer Philipp Blum das Novum. 

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Portrait, Rhomberg © Matthias Weissengruber T:0699-11110855 / Verlagsgruppe News / picturedesk.com

Hubert Rhomberg, CEO Rhomberg Group:  „Es war für alle ein Lernen"

Das Wirtschaftsjahr 2019/20 schloss das Höchster Familienunternehmen mit einem Gruppenumsatz von 1,9 Mrd. Euro ab. Das war ein zartes Plus von 0,8 Prozent unter den gerade einsetzenden Corona-Wirren. Nicht alle kamen mit einem solchen blauen Auge davon. Die Ökonomen der Bank Austria errechnen einen 5-prozentigen Rückgang der Wirtschaftsleistung der Vorarlberger Industrie für 2020 – und mit einer starken Erholung 2021.

„Die Industriewertschöpfung im Ländle wird heuer voraussichtlich um deutlich mehr als 6 Prozent steigen und damit das Vorkrisenniveau aus 2019 übertreffen“, sagt Claus Jeschko, Landesdirektor Firmenkunden Vorarlberg der UniCredit Bank Austria: „Die Stärkefelder der Vorarlberger Wirtschaft sind die Metallindustrie, der Maschinenbau und die Elektroindustrie, die den bereits im 2. Halbjahr 2020 eingeschlagenen Aufwärtstrend weiter fortsetzen werden, vorausgesetzt es kommt zu keinen weiteren Corona-bedingten Verwerfungen der globalen Lieferketten. Auch bei der Kreditnachfrage spüren wir inzwischen einen deutlichen Aufwärtstrend, auch wenn die Unternehmen grundsätzlich weiterhin über eine hohe Liquidität verfügen.“

Gute Geschäftslage

Die Einschätzung deckt sich mit jenen der jüngsten Konjunkturumfrage für das 1. Quartal. Die aktuelle Geschäftslage wird von 58 Prozent der befragten Unternehmen als gut bezeichnet. Michael Amann, Geschäftsführer der Sparte Industrie der Wirtschaftskammer: „Getragen wird die derzeitige Konjunktur von der weiterhin erfreulich erfolgreichen Auslandsperformance der Industrieunternehmen. Die großen Firmen laufen Samstag/Sonntag durch …“. Durch die Differenziertheit und die weltweite Vernetzung bekomm die Vorarlberger Industrie allerdings auch die Kehrseite der Medaille voll zu spüren, was etwa Rohstoff- und Logistik-Engpässe bzw. -kosten angeht: „Es erwischt uns gerade überall!“. Oder, wie es Philipp Blum auf den Punkt bringt: „Wir leben ein bisschen von der Hand in den Mund.“

Der Bregenzer Baumagnat und leidenschaftliche Querdenker Hubert Rhomberg zieht aus einem Jahr Pandemie trotz aller Schwierigkeiten auch positive Lehren: „Es war für alle ein Lernen. Auch für die Politik. Ich beneide da niemanden. Wir haben in der Industrie enorm davon profitiert, dass wir uns austauschen: Was funktioniert bei dir, wie hast du das gemacht, wie reagieren die Mitarbeiter, wenn man das so oder so organisiert …? Weil man sich vertraut, weil man sich halt auch kennt! Die Kleinheit des Landes hat auch Vorteile.“

Alte Herausforderungen

Mit den Fortschritten in der Pandemie-Bekämpfung, findet IV-Präsident Martin Ohneberg, sei es höchste Zeit, sich wieder "altbekannten wichtigen standortpolitischen Herausforderungen“ zu widmen. Als am vorrangigsten nahm Ohneberg im Mai die never ending story um die Verbindung zwischen den Autobahnen auf Schweizer und Vorarlberger Seite des Rheins ins Visier. A 15, S 18, der wenige Kilometer lange fehlende Lückenschluss hatte seit den 1970ern schon viele Bezeichnungen. Die aktuelle heißt CP-Variante. „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem man Dinge ganz klar und transparent ansprechen sollte.

Blum ©

Blum-Geschäftsführer Philipp (li.) und Martin Blum: Erstmals in der Firmengeschichte wird es beim Höchster Beschlägehersteller diesen Sommer keinen klassischen Betriebsurlaub geben: Die Auslastung ist so hoch, dass die Produktion durchgehend aufrecht erhalten bleibt

Bei der S 18-Nachfolgelösung darf es ab sofort nur noch um die Bevölkerungsverträglichkeit und Beschleunigung der getroffenen Trassenentscheidung gehen. Und eine Beschleunigung des Verfahrens ist realistisch und konkret möglich.“ Ohneberg stützt sich auf ein Gutachten des bekannten Vorarlberger Verfassungs- und Föderalismusexperten Peter Bußjäger: „Er kommt zu einer eindeutigen Einschätzung, dass es sich um ein standortrelevantes Vorhaben im besonderen öffentlichen Interesse handelt und das Standortentwicklungsgesetz anwendbar ist. Es geht dabei nicht um weniger Umweltschutz, sondern um weniger Bürokratie. Es geht um ein schnelleres Verfahren, damit die geplagte Bevölkerung und Wirtschaft entlastet werden.“ Ein, so weiter wörtlich „Lackmustest, wie ernst der türkis-grünen Bundesregierung dieses Projekt wirklich ist und welchen Einfluss Vorarlberger Interessen in Wien haben“.

"Projekt-Rückstau". 

Das Verhältnis Vorarlberg zu Wien (oder umgekehrt) ist selten gänzlich frei von Emotionen. Der aktuelle Industrie-Präsident scheut aber auch keineswegs das Piesacken der schwarz-grünen Landesregierung. Bereits 2018 hielt er fest, dass es in Vorarlberg „einen Rückstau bei Infrastrukturprojekten mit höherem Projektaufwand gibt und dazu eine signifikante Umsetzungsschwäche bei Großprojekten für die Mobilität“. Die Lebens- und Standortqualität einer Region hänge wesentlich von ihrer grundlegenden Leistungsfähigkeit und Erreichbarkeit ab. “Wir laufen ernsthaft Gefahr, den Anschluss an weitaus dynamischere Standortregionen zu verlieren.“ Ohneberg fordert, trotz Corona, von den politischen Entscheidungsträgern im Land mehr Mut und mehr Weitblick „auf die großen Zukunftsbilder“ ein. Selbstredend, dass diese von der IV, aber auch im Verbund mit der Wirtschaftskammer und anderen Gruppen in den letzten Jahren in Konturen gemalt wurden. 

Nehmen wir den „Markenbildungsprozess“. 2018 hatte eine 30-köpfige Gruppe von Experten und Visionären als gemeinsames Ziel „2035 ist Vorarlberg der chancenreichste Lebensraum für Kinder“ erarbeitet. Das gefiel der IV und das gefiel Landeshauptmann Markus Wallner, der es politisch zur Chefsache erklärte. Anfang 2020 kam das Logo der „Marke Vorarlberg“. Und dann kam Corona. Dennoch: Langsam nimmt alles wieder Fahrt auf. Diesen Mai warteten nicht nur insgesamt 100.000 Euro auf die Teilnehmer des 1. offenen Projekt-Calls der Marke Vorarlberg zum Schwerpunkt „Potenziale entfalten – für Bildung begeistern“.

Unmittelbar davor bzw. parallel startete das Land auch einen „Digital Innovation Call“, mit dem Gründer und KMU „ihre Projekte schneller aus der Garage schaffen“, so Wirtschaftslandesrat Marco Tittler. Ursprünglich angedacht war eine Förderrichtlinie, allerdings habe man schnell gemerkt, dass digitale Innovationsprojekte schwer mit klaren Vorgaben vereinbar seien. So wurden die Projekte mittels Video und Pitch Deck eingereicht, die Auswahl trifft eine Jury in einem zweistufigen Verfahren, die unter anderem mit Unternehmern wie Hubert Rhomberg (Rhomberg Holding), Christian Beer (Heron) oder dem Consulter Stefan Hagen prominent besetzt ist.

Drängen auf Autobahnverbindung

Und noch etwas neu machte der Mai: Die WISTO, an der zu gleichen Teilen das Land, die Hypo Vorarlberg Bank AG und die Wirtschaftskammer Vorarlberg beteiligt sind, bekommt zu ihrem ursprünglichen Kerngeschäft eines Wirtschaftsservices für Unternehmen den komplett neu formierten Bereich der Standortentwicklung sowie das Standortmarketing hinzu. Um Synergien zu nutzen und die Außenwahrnehmung zu stärken, übernahm die WISTO gesamtheitlich das Corporate Design der Marke Vorarlberg und führt folglich auch das Logo der Marke Vorarlberg. 

Claus, Jeschko, Landesdirektor, Firmenkunden, Vorarlberg, UniCredit, Bank, Austria © UniCredit Bank Austria

„Auch bei der Kreditnachfrage spüren wir inzwischen einen deutlichen Aufwärtstrend.“
Claus Jeschko, Landesdirektor Firmenkunden Vorarlberg, UniCredit Bank Austria

Bei all diesen Aktivitäten ist eine gewisse Ungeduld der Industrie dennoch nicht zu übersehen. Weil die Unternehmen noch intensiv mit der Pandemie beschäftigt sind, wird sie vornehmlich institutionell artikuliert. Siehe Ohnebergs Drängen auf die Autobahnverbindung. Mathias Burtscher, diesen Sommer nach zehn Jahren scheidender IV-Geschäftsführer, sekundiert seinem Boss in Sachen Campus Vorarlberg. Die Entwicklung des Viertels rund um die Fachhochschule in Dornbirn sei „vorrangig“: „Hier sind die Wissens- und Forschungseinrichtungen angesiedelt. Hier ist die schöpferische Brennzelle Vorarlbergs.“ Die Industrie will mehr universitäre Kooperationen, beispielsweise mit St. Gallen.

Das bekannte Bürokratie- und Verwaltungs-Bashing der Industrie erhält im Zusammenhang mit der Markenbildung ein neues Gewand: Die Industrie will mehr kommunale Kooperationen. Die Politik solle „größer, nicht in 96 Gemeinden denken“ und die Marke Vorarlberg als Steuerungselement nutzen. Also weniger Kirchtürme, dafür mehr Leuchttürme. Was heiße, „auch einmal nein zu sagen und den einen oder anderen Konflikt einzugehen.“ Mit der Konfliktkultur im Ländle, da hapert es noch, so Burtscher Befund. 

Die Markenbildung gehört auch zu Teil 6 „Wirtschaftsstandort“ von insgesamt 8 Teilen des Strategieprogrammes der Wirtschaftskammer. Unter der Bezeichnung „Dis.Kurs Zukunft“ laufen über 40 Projekte, oft im Hintergrund. In der Sparte Industrie ist „HTL V“ eines davon, erklärt Michael Amann. Unter diesem Titel wurden Zukunfstechnologien identifiziert, mit denen sich alle drei HTL in Vorarlberg stärker verknüpfen sollen. Den Schwerpunkt bildet 3D-Druck, der an allen Lehranstalten in der Ingenieursausbildung verankert wird, gefolgt vom Themenpaar Big Data und – „eine Riesen Baustelle, jeden Tag gibt es Millionenschäden“ – IT-Security.