Exportwirtschaft

Industrie hofft auf neue Milliardengeschäfte mit dem Iran

Nach einem Jahrzehnt der Abschottung darf der Iran seine Wirtschaft öffnen und wieder weltweiten Handel treiben. Besonders Maschinenbauer, Fahrzeugbauer und Energiekonzerne sehen in dem Land mit 80 Millionen Menschen enorme Chancen.

Diesem Moment haben viele Menschen im Iran, aber auch deutsche Unternehmen und Politiker lange entgegengefiebert: Nach einem Jahrzehnt der Abschottung wegen der Atom-Sanktionen darf Teheran wieder weltweiten Handel treiben und seine Wirtschaft öffnen.

Wie rasch lässt sich der Riesenmarkt zum Nutzen beider Seiten aber erschließen? Eines ist klar: Der Nachholbedarf des Iran ist enorm. Das grüne Licht der Atomenergiebehörde IAEA vom Samstagabend in Wien öffnet eine Ökonomie mit 80 Millionen Menschen. Besonders die Startchancen für stark exportorientierte Volkswirtschaften wie Österreich oder Deutschland gelten dabei als gut. Hier eine Übersicht aller Meldungen zum Thema, darunter die jüngsten Schritte bei Siemens und Daimler.

Das Rennen ist eröffnet

Das Rennen um die besten Deals läuft bereits seit vergangenem Sommer: Vergangenen Sommer eilte wenige Tage nach einer ersten Einigung in Wien schon Deutschlands Vizekanzler und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nach Teheran - im Schlepptau dutzende Spitzenvertreter der deutschen Industrie.

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Auch Österreich war sehr schnell vor Ort. Gleich für Ende Juli 2015 hatte die Wirtschaftskammer in Wien eine internationale Business-Konferenz organisiert. Mehr als 300 Interessenten kamen, darunter auch Irans Industrie- und Handelsminister Mohammad Reza Nematzadeh.

Die Bemühungen der Wirtschaftskammer kommen nicht von ungefähr: Die WKÖ hofft auf eine mittelfristige Verfünffachung der Exporte in den Iran. 2004 belief sich die Exportleistung aus Österreich auf rund 400 Millionen Euro, zehn Jahre später lag sie bei 232 Millionen Euro. Nach einer Aufhebung der Sanktionen will man das Handelsvolumen wieder deutlich steigern und die Euromilliarde zu erreichen.

Auch auf höchster Staatsebene ist eine rege Reisediplomatie im Gange. Anfang September flog Bundespräsident Heinz Fischer in den Iran - als erster westlicher Staatschef überhaupt. Begleitet wurde Fischer von Außenminister Sebastian Kurz und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, beide ÖVP, sowie von Christoph Leitl von der Wirtschaftskammer.

OMV in der Startposition

Für Energiekonzerne wie die OMV ist das Abkommen mit dem Iran von ganz besonderer Bedeutung - schließlich verfügt das von den Mullahs regierte Land über Vorkommen von Öl und Gas, die zu den größten der Welt gehören.

So exportiert der Iran derzeit nur 1,3 Millionen Barrel Rohöl pro Tag - nach Angaben der Ölindustrie ist kurzfristig eine Steigerung auf bis zu vier Millionen Fass pro Tag möglich. Allerdings braucht es Technologie und Kenntnisse, um diese Kapazitäten zu heben - und hier kommen alteingesessene Ölkonzerne wie die OMV ins Spiel.

Immerhin war es die OMV, die 2007 mit einem österreichisch-iranischen Deal für Aufsehen gesorgt hat. Damals vereinbarte die OMV mit der National Iranian Oil Company, gemeinsam das Feld South Pars auszubeuten - angeblich das größte Gasreservoir der Welt. Wie der "Standard" berichtet, geht es dabei um die Phase 12 des Projekts - also genau der Bereich, um den sich vor den Sanktionen auch zahlreiche andere Energieriesen gerissen haben.

Deutsche Industrie hofft auf Milliardenaufträge

Die Deutschen waren vor dem Erlass der Zwangsmaßnahmen infolge des iranischen Nuklearprogramms einer der wichtigsten Partner des Schwellenlandes - entsprechend erwarten sie jetzt Marktchancen in Milliardenhöhe.

Jetzt sei die Zeit reif für frische Geschäfte, sagte der SPD-Chef am Sonntag in Berlin. Es eröffne sich "die Möglichkeit, ein neues Kapitel in den deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen aufzuschlagen". Im Mai werde eine gemeinsame Kommission beider Länder in Teheran tagen, die er mit seinem Amtskollegen Ali Tayebnia leite.

Große Chancen vor allem im Maschinenbau

Eine schnelle Wiederbelebung der Kontakte sei nötig, betonte der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier. "Dann ist für deutsche Unternehmen mittelfristig ein Geschäftsvolumen von fünf Milliarden Euro drin; langfristig sind zehn Milliarden Euro Exportvolumen durchaus realistisch."

Erneuern müsse der Iran vor allem seinen Maschinenpark, den Fahrzeugbau, die Baustoff-Industrie, das Wassermanagement, die Abfallwirtschaft, das Energiesystem und die Gesundheitsbranche. "Nach mehr als zehnjähriger Eiszeit fällt nun ein wichtiges Stoppschild."

Das Riesenproblem mit dem Ölpreis

Überschatten könnte dies jedoch ein Trend, der weltweit inzwischen genauso viel Sorgen wie Freude auslöst: der massive Einbruch der Ölpreise, die sich diese Woche praktisch im freien Fall befinden. Was Autofahrer oder Heizölkunden jubeln lässt, verschlimmert die Lage der Förderländer - Teheran ist ein Schwergewicht im Ölkartell Opec.

Stürzt der Preis für das "schwarze Gold" weiter ab, so fürchten viele, könnten ein geschröpfter Staatshaushalt und eine schwächere Nachfrage im Iran auch auf die Exporte dorthin durchschlagen. "Die Aufhebung der Sanktionen kommt für den Ölmarkt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt", sagt Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg.

Sein Kollege Heiko Peters von der Deutschen Bank spricht von einem "extrem schwierigen Umfeld". Und der Chef des Mineralölwirtschaftsverbands, Christian Küchen, mahnte bereits im August: "Die Entwicklung im Iran bleibt die große Frage."

"Der Iran hat ausreichende Rücklagen"

Doch insgesamt überwiegt die Zuversicht. "Der Iran hat ausreichende Rücklagen und ist solvent. Ersatzinvestitionen sind angesichts veralteter Anlagen dringend erforderlich", meint der Sprecher des deutschen Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA), Andre Schwarz. Der BGA prognostiziert einen Anstieg des Ausfuhrvolumens von 2,4 Mrd. Euro im Jahr 2014 auf bis zu 10 Mrd. Euro in den nächsten vier bis fünf Jahren. "Wir rechnen uns erhebliche Chancen aus."

Besonders die deutschen Maschinenbauer haben sich in Stellung gebracht. "Es gilt, die Chancen im Iran zu nutzen", sagt der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VDMA, Thilo Brodtmann. Mitmischen wollen zudem Autobauer wie Volkswagen, Audi, BMW oder Daimler, die sich offiziell noch bedeckt zu ihren Iran-Plänen halten. Auch die Logistikbranche hat großes Interesse. "Es gibt so etwas wie Goldgräberstimmung", sagte Schenker-Manager Michael Dietmar der Deutschen Presse-Agentur zum Jahreswechsel. "Iran ist für uns ein hochinteressanter Markt."

Für die BRD war Iran einst der zweitwichtigste Markt

Das war auch früher einmal so. In den 1970er-Jahren lag der Iran laut DIHK für die deutsche Wirtschaft als zweitwichtigster Exportmarkt außerhalb Europas hinter den USA. Dann schrumpfte die Bedeutung stetig: 2005 vor den Sanktionen habe das Land Waren "made in Germany" im Wert von 4,4 Mrd. Euro importiert, 2014 seien es weniger als 2,4 Mrd. Euro gewesen - Rang 50 der deutschen Handelspartner.

Die Flugzeugindustrie preschte bereits vor: Nach Angaben von Irans Transportminister Abbas Achundi orderte das Land inzwischen 114 Airbus-Maschinen.

Entscheidend aus deutscher Sicht ist aber eine sichere Finanzierung. Nötig seien Zusagen, dass Kreditinstitute nicht in den USA belangt werden, wenn sie Iran-Geschäfte begleiten, sagte Treier. Der VDMA ermutigt die deutschen Geldhäuser: "Die Banken müssen sich jetzt bewegen."

Wie teuer Ärger mit den USA werden kann, erlebte die Commerzbank. Sie musste für einen Vergleich 1,45 Mrd. Dollar hinblättern, um ein Geldwäsche-Verfahren beizulegen. "Sanktionen, die Banken betreffen, müssen aufgehoben werden", fordert daher der deutsche Bankenverband. (dpa/reuters/apa/red)

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