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Hannover Messe: Die Super-Show

Vergessen sind die mageren Jahre: In der Industrie ist die Investitionslust groß wie schon lange nicht mehr. Aber ist die Hannover Messe noch das geeignete Pflaster für lukrative Industriedeals?

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Manchmal sind die einfachen Botschaften die besten. Auch Olaf Kramm mag sich das gedacht haben. Und so war dem 45-Jährigen nicht mehr als ein „Wir gehen als Automatisierer nach Hannover“ zu entlocken. Was hätte der bullige Deutschland-Chef des Roboterherstellers Fanuc auch anderes sagen sollen nach elfjähriger Abstinenz auf Deutschlands wichtigster Industriemesse. Schön, wieder unter Leute zu kommen? Die Entscheidung, sich dem Messemoloch anzunähern, kommt freilich nicht von ungefähr.

Die Japaner fahren seit Monaten eine Angriffsstrategie. Der eben erst gegründete Standort Wolfsburg steht schon wieder vor seiner Erweiterung, das Japan-Produkt, das demnächst auf 5.000 Quadratmetern präsentiert werden soll, verkauft sich gut. Und Kramm, seit 2011 an der Spitze der deutschen Robotertochter, hat frühzeitig antizipiert, dass in Deutschland heuer was geht. Der schwache Euro und das billige Öl befeuern die deutsche Wirtschaft. 1,5 Prozent Wachstum erscheint dem Bund Deutscher Ingenieure realistisch, vielleicht sogar mehr, „wenn die Energiepreise auf heutigem Niveau verharren oder weiter sinken“.

Investitionsfreude

Sehr viel bessere Vorzeichen für die HMI können sich Unternehmen also nicht erträumen. Ob der positive Trend in Deutschland aber für eine rundum gelungene Messe ausreicht, ist fraglich: Mehr als hundert Nationen stellen aus und jeder vierte Besucher kommt aus dem Ausland, wo es derzeit nicht überall so rund läuft. Für Markus Dibold, Senior Researcher am LCM, ist es ein „Überraschungsmoment“, ob das Anziehen der deutschen Wirtschaft im April zu spüren sein wird. Die Linzer sind in Hannover wieder mit einem Gemeinschaftsstand der UAR vertreten. Über die Jahre blieben die Linzer der Messe treu, was ihnen angesichts der Performance der Messe nicht sonderlich schwer fällt: „Sie bietet immer ein hervorragendes internationales Publikum“, sagt Dibold. Und: Wer durch die rot-weiß-rote Brille blickt, sieht eins: Die heimische Wirtschaftslage ist nicht viel schlechter als die deutsche. Zwar legt die IV der Politik traditionell die Rute ins Fenster und warnt vor einer weiter schrumpfenden Wirtschaftsleistung. „Ein Prozent plus sollte aber drin sein“, heißt es in der Branche mit einigem Pragmatismus.

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Pragmatisch geht auch der Veranstalter diesmal das Thema vollvernetzte Produktion an. Stellten sich im Vorjahr viele die Sinnfrage, folgt heuer die dogmatische Wende: Die HMI macht den Technologiesprung erlebbar, heißt es seitens der Messeleitung. Und verspricht nicht zu viel: Digital vernetzte Fertigungsanlagen, Roboter mit ausgebuffter Sensorik, die ohne Schutzzaun mit Menschen werkeln, IT-basierte Automation – „schauen Sie sich unseren Stand an, all das ist auf dem Vormarsch“, meint ein Industrieautomatisierer.

Unter dem Motto „On the way to Industrie 4.0 – Driving the Digital Enterprise“ bietet der Siemens-Stand in Halle 9 auf 3.500 Quadratmetern einen Überblick über das umfassende Portfolio für Kunden aus der Industrie. Der Stand versammelt Lösungen und Produkte zu den übergeordneten Wachstumsfeldern Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung. Den Veranstalter wird’s freuen: Die neuen vollvernetzten Technologien sind auch Schrittmacher der Energiewende. ABB-Österreich-Vorstand Franz Chalupecky kann die Vorzüge benennen: „Durch flexiblere Möglichkeiten in der Produktion kann die Auslastung gesteigert werden, während gleichzeitig individuellere Fertigungsmöglichkeiten realisiert werden“, sagt er.

Show-Charakter

Spektakelfreude zeigte Hannover immer schon, das soll auch heuer nicht anders sein. Mit neun Leitmessen und unzähligen Sonderschauen wird sich bei manchem auch diesmal wieder das Gefühl des Bauchladens einstellen. Die Zahl derer, die der HMI vorwerfen, als vielköpfige Hydra zwar viele Branchen, aber keine davon richtig gut abzubilden, ist jedoch im Sinkflug. Man hat sich damit abgefunden. Oder positiver formuliert: „Suche ich als Automatisierer eine Branchenmesse, gehe ich auf die SPS. Will ich Inspiration, auf die HMI“, meint ein Produktexperte eines Industrieelektronikers. Und die Kontakte sind immer noch einzigartig. „Hannover ist mehr als nur eine Super-Show“, schildert Walter Mennekes, Chef der gleichnamigen Elektrotechnikfirma. Hannover mache es möglich, „mit Spitzenpolitikern und Topmanagern zu sprechen“, so Mennekes.

Auch Carsten Stumpf, Vertriebsleiter bei Kawasaki Robotics, wüsste nicht, was es an der Hannover Messe auszusetzen gäbe. „Aus Sicht der Geschäftsakquise ist die HMI äußerst lohnenswert“, sagt er. Der angesprochene Show-Charakter schadet aber auch nicht. „Wegen ihrer fröhlichen Ungezwungenheit“ kommt die Messe auch bei unseren internationalen Kunden gut an“, erzählt ein Firmenchef.

Indien kommt 

Mit der Einladung des indischen Neo-Ministerpräsidenten Narendra Modi greift der Veranstalter auch heuer wieder nach dem großen internationalen Parkett. Die illustre Politikerpersönlichkeit – Modi kommt vom nationalistischen Arm der Indischen Volkspartei – will in Hannover Investitionsprojekte internationaler Geldgeber aufschienen. KMU oder kleine lokale Forschungsinstitute mögen sich da auf der falschen Hochzeit fühlen. „Natürlich ist Indien spannend“, meint ein Forscher. Indien, bereits 2006 Partner der HMI, liege aber nun mal nicht um die Ecke und sei trotz steigender F&E-Mobilität eher kein „quick win“. Für deutsche Ausrüster aber klingt das Angebot, mit dem Modi für Unterstützung bei der Modernisierung der indischen Fabriken und Infrastruktur wirbt, bestechend. Das produzierende Gewerbe, das Modi als Rückgrat der indischen Wirtschaft tituliert, verzehrt sich nach deutscher Technik: Siemens ist mit 23 Fabriken präsent.

Ein deutliches Lebenszeichen kam bereits aus der Leitmesse Druckluft- und Vakuumtechnik. Rund sechs Monate vor Messebeginn war die Halle 26 nahezu ausgebucht. Big Names wie Kaeser oder Atlas Copco stellen hier aus. Seit jeher wird die HMI mit besonderer Bedeutung aufgeladen. Läuft es auf der Messe rund, ist das Restjahr gerettet. Sie sei die Konjunkturlok, heißt es, ein erster, aber sehr entscheidender Konjunkturtest“, wie es der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau ausdrückt. Dass sich heuer erneut mehr als 9.000 Aussteller in Stellung bringen, überrascht nicht. Ebenso wenig, dass mit der Vernetzung der Produktion die Fabrikautomation endgültig sakrosankt ist. Ein deutlich vergrößerter Bereich wird heuer für die willfährigen Helfer abgestellt.

Das Who is who der Robotikwelt stellt in Hannover aus – ABB vollzieht auf der HMI den offiziellen Marktlaunch des Roboters YuMi. Er ist ein zweiarmiger kollaborativer Montageassistent mit der Fähigkeit, zu sehen und zu fühlen. Die weichen gepolsterten Arme des Roboters gewährleisten die sichere Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter: HMI-Experte Marc Siemering weiß, was die Neuentwicklung der Schweizer zu leisten imstande ist: „Fabriken erhalten durch die neuen Modelle eine Wandlungsfähigkeit, die eine ungeahnte Produktindividualisierung möglich macht“, sagt er. Der Programmieraufwand nimmt im selben Umfang ab, wie die Flexibilität zunimmt. Wer sich unschlüssig ist, ob die Technologie hält, was sie verspricht, wird am mittlerweile vierten Robotikkongress Antworten finden. Wann macht die Robotik Sinn für KMU? Gehört dem Doppel aus Werker und Roboter die Zukunft? Welche Rolle spielen in Zukunft mobile Roboterbrigaden? „Offene Diskussionsrunden“ sollen Klarheit bringen.

Die Hannover Messe findet von 13. Bis 17. April am Messegelände Hannover statt. Rund 200.000 Besucher aus 100 Ländern widmen sich dem Thema „Integrierte Industrie“.

Fotostrecke: 15 Industrie-4.0-Produkte auf der Hannover Messe 2015

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