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Trends

Fünfte industrielle Revolution?

Unsere Welt, unser Wirtschaftssystem und auch die Industrie verändern sich in immer kürzeren Zeitabständen grundlegend. Zwei Megatrends werden die Zukunft von Industrieunternehmen bestimmen.

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Schon immer war die Industrie von Wandel getrieben. Was nun retrospektiv als die vier industriellen Revolutionen bezeichnet werden, nahm vor knapp 250 Jahren seinen Anfang. Damals legte man mit der Erfindung der Dampfmaschine den Grundstein für die maschinelle Produktion von Gütern. Sie führte zu tiefgreifenden Veränderungen für Wirtschaft und Gesellschaft. Ende des 19. Jahrhunderts ebneten die Entwicklung des Fließbands, die Erfindung von Motoren und wesentliche Fortschritte im Bereich der Elektrizität den Weg für die zweite industrielle Revolution. Der nächste Quantensprung der Industrialisierung steht in enger Verbindung mit dem weltweit ersten funktionsfähigen Computer „Z3“. Es war der Startschuss für eine rasante Beschleunigung mit immer kürzeren Entwicklungszyklen. Im Jahr 1991 wurde mit der ersten veröffentlichten Website im World Wide Web am Schweizer Institut CERN das Zeitalter des Internets eingeläutet. Und damit begann auch die Geschichte der Industrie 4.0.

Aufbruch in eine digital vernetzte Welt

Was waren es doch für Zeiten, als wir noch Disketten mit einer Speicherkapazität von rund drei Megabytes verwendeten. Mit „Karl Klammer“ war der erste virtuelle Assistent aus dem Haus Microsoft geschaffen. In vielen Haushalten kündigten knackende und piepsende Modems die Verbindung mit dem Internet an.

Die 90er waren der Aufbruch in das digital vernetzte Zeitalter. Es war der 6. August des Jahres 1991, als Tim Berners ­Lee das World Wide Web öffentlich und weltweit verfügbar machte. Noch im selben Jahr wurde der Traum von miteinander vernetzten und autonom arbeitenden Maschinen geboren. 1999 etablierte sich dafür der Begriff Internet der Dinge (IoT). Eine fast trivial erscheinende Bezeichnung für etwas, das für die disruptive Transformation sämtlicher Produktionsprozesse weltweit verantwortlich ist.

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Digitalisierung und neue Technologien treiben bis heute die Weiterentwicklung der Industrie und Produktionsprozesse voran. Roboter haben Einzug in die Produktionsstätten gehalten. Intelligent vernetzte Geräte kommunizieren über integrierte Software und Sensoren mit­ einander und tauschen so Daten aus. Gezielte Analysen können entlang der gesamten Wertschöpfungskette einen wesentlichen Beitrag zur effizienten Produktion leisten. Es scheint so, als wären wir am Ende eines lange andauernden Entwicklungszyklus angekommen.

Wie viel digitaler geht noch?

Blickt man auf die heimischen Betriebe und die bereits abgeschlossenen digitalen Transformationsprojekte, stellt sich die Frage: Wie viel mehr geht überhaupt noch? Die knappe Antwort: Mehr, als manch einer vielleicht erwarten würde. Zwar ist das Bewusstsein österreichischer Unternehmen für Digitalisierung in den letzten Jahren deutlich gestiegen – 2020 gaben drei Viertel der von uns befragten 800 Führungskräfte österreichischer Unternehmen an, digitale Technologien würden sich auf ihr Geschäftsmodell auswirken – ein Plus von 21 Prozent im Vergleich zu 2016. Allerdings erscheint uns der Anteil jener Unternehmen, für die Digitalisierung keine bzw. kaum eine Rolle für das Geschäftsmodell spielt, mit knapp 23 Prozent nach wie vor sehr hoch. Die 180 befragten Industrieunternehmen nehmen übrigens keine Vorreiterrolle ein, sondern befinden sich genau im Mittel der österreichischen Unternehmenslandschaft quer über alle Branchen.

COVID­19 dürfte die Wichtigkeit von Digitalisierung allerdings jedem Unternehmen klar gemacht haben. Vier von fünf der befragten Industriebetriebe waren der Meinung, die Bedeutung neuer Technologien sei durch die Pandemie gestiegen, kein einziges Unternehmen sieht hingegen eine schwindende Bedeutung.

Österreichs Industriebetriebe wollen deshalb auch in den nächsten Jahren vermehrt in digitale Technologien investieren – allen voran stehen hier Programme zur Automatisierung durch Roboter, die zwei Drittel der Unternehmen umsetzen wollen. Auch gefragt sind Cloud Computing und Data Analytics. Eine nachvollziehbare Reihung – obwohl Cloud Computing an Bedeutung gewonnen hat, vorrangig wohl zum Schutz vor weiteren möglichen Krisen. Robot Process Automation kann hingegen insgesamt den Arbeitsalltag von den Mitarbeitenden erleichtern, und der richtige Umgang mit Daten bringt einen klaren Wettbewerbsvorteil für die Zukunft.

Und jetzt?

In der aktuellen Situation haben Unternehmen, die schon vor der Corona-­Krise in digitale Technologien investiert haben, einen klaren Vorsprung. Die digitalen Vorreiter können deutlich schneller und flexibler agieren, wie die letzten Monate gezeigt haben. Unternehmen mit digitalen Vertriebskanälen sind hier mehr denn je auf der Überholspur. Die österreichische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren eine gute Position auf dem Weg des digitalen Wandels erarbeitet und in den letzten Monaten einen erheblichen Sprung gemacht. Der aktuelle Digitalisierungsschub in Folge von COVID­19 muss genutzt werden, um die Vorteile digitaler Technologien noch konsequenter in den Mittelpunkt der Strategie zu stellen.

Der Fokus auf Digitalisierung allein wird aber nicht reichen. Denn neben dem Megatrend Digitalisierung macht sich ein zweites Thema seit vielen Monaten in Österreichs Vorstandszimmern breit: Nachhaltigkeit. Sowohl Investoren und Konsumenten als auch die Politik verlangen heute nachhaltige Lösungen. Österreichische Unternehmen sind sich zwar der Verantwortung hinsichtlich Nachhaltigkeit bewusst, allerdings sind sie noch unentschlossen, welche Nachhaltigkeitsstrategie verfolgt werden soll und wie daraus auch Geschäfts-­ und Ertragspotenziale lukriert werden können. Wer aber in Zukunft noch relevant und nachhaltig erfolgreich sein möchte, der muss jetzt die geeigneten Strategien und Konzepte entwickeln. Und wer weiß: Vielleicht sprechen wir in hundert Jahren von der heutigen Zeit als der fünften industriellen Revolution, mit der wir langfristigen Wert für alle Stakeholder und unsere Umwelt geschaffen haben?

Gerhard Schwartz leitet bei EY Österreich den Sektor Industrial Products und berät seit rund 30 Jahren österreichische Industrieunternehmen