Expertenrunde: Von wegen Deindustrialisierung!

Der Anteil der industriellen Wertschöpfung am Bruttosozialprodukt beträgt in Österreich – wie in den vergangenen 15 Jahren – exakt 30 Prozent. Andreas Gerstenmayer (AT&S), Andreas Ludwig (Umdasch) und Franz Wohlfahrt (Novomatic) sowie Raiffeisen-General Ludwig Scharinger diskutieren, wie wir die 30 Prozent auch 2021 schaffen.

Wir schreiben das Jahr 1999. An den Börsen in London und New York sind Unternehmen gelistet, die mit wenig mehr als einer Idee einen höheren Börsenwert erzielen als die heimischen Industrieschwergewichte Voestalpine, Andritz oder die OMV. Die so genannte Rubelkrise zwingt heimische Banken – massiv in Russland investiert - eine gemeinsame Lösung zu finden. Ganz ohne staatliche Hilfe beschliessen Sie im Herbst 1999 in den „Wiener Gesprächen“ ihre Forderungen gegenseitig zu stunden, verhindern so ihren eigenen Kollaps, den Untergang Osteuropas – und liefern damit die Blaupause dafür, was heute im Umgang mit der griechischen Schuldenkrise ein gangbarer Weg wäre. Ja, und noch etwas passiert 1999. Der renommierte britische Economist erscheint mit einer ganz Deutschland gewidmeten Ausgabe. Am Cover: „Deutschland, der kranke Mann Europas“.

In Hochlohnländern produzieren! Der Tenor des brillianten Artikels, der sich in den kommenden Jahren in das kollektive Bewusstsein der Europäer fressen sollte: Die globale Arbeitsteilung und die immer ausgefeilteren globalen Logistikketten machen Produktion in Hochlohnländern wie Deutschland (und Österreich!) überflüssig. Der Fokus der Wirtschaftspolitik der Zukunft muss auf Dienstleistung und Konsum liegen. Und tatsächlich, die Realität scheint den Ökonomen recht zu geben: In den 2000er Jahren boomen die USA, während Deutschland (und Österreich, aufgrund einer Ost-Sonderkonjunktur etwas bevorteilt) nur anämisch wachsen. Der keltische Tiger Irland wächst teilweise zweistellig. Und Spanien wird zur Euro-Lokomotive: Im Jahr 2005 werden 40 Prozent aller neuen Jobs der Europäischen Union in Spanien geschaffen. Heute ist klar, dass die Deindustrialisierung, die ein Jahrzehnt wie ein Schreckgespenst über Europa schwebte, nicht statt gefunden hat. Wie Ende der 90er Jahre sind in Österreich rund eine halbe Million Menschen in der Industrie beschäftigt. Der Anteil der industriellen Wertschöpfung am Bruttosozialprodukt betrug in Österreich im Vorjahr – wie schon die letzten 10 Jahre – exakt 30 Prozent. Doch was war das Erfolgsrezept der heimischen Industrie? Was bleibt von der Herausforderung, die die globale Arbeitsteilung darstellt? Die Industrievorstände Andreas Gerstenmayer (AT&S), Andreas Ludwig (Umdasch) und Franz Wohlfahrt (Novomatic) sowie Raiffeisen-General Ludwig Scharinger diskutierten am INDUSTRIEMAGAZIN-Kongress, was in den kommenden 10 Jahren auf die heimische Industrie zukommt. Lohnzurückhaltung?„Ein Land kann nur mit einer entsprechenden Wertschöpfung existieren, wir haben das in Österreich nie vergessen. Und es ist befriedigend zu sehen, dass dies mittlerweile auch überall anders so wahrgenommen wird“, sagt Andreas Gerstenmayer, Vorstandsvorsitzender des Leitplattenhersteller AT&S. „Wir haben nicht die Fehler gemacht, die andere Länder begangen haben. Wir haben durch gezielte Industriepolitik den Standort attraktiv gehalten“, meint auch Andreas Ludwig, Vorstandssprecher der Umdasch AG. Doch was war das Erfolgsrezept der letzten Jahre? Hat etwa die evidente Lohnzurückhaltung der Arbeitnehmer (die Reallöhne in Österreich sind seit 1999 um 2,3 Prozent gestiegen, in Deutschland um 0,3 Prozent gesunken, aber in Großbritannien, Griechenland oder Portugal um fast 20 Prozent gestiegen) einen Effizienzgewinn gebracht, der die Industrie im Lande gehalten hat? „Ich glaube, dass die Effekte der offensichtlichen Lohnzurückhaltung ziemlich überschätzt werden“, sagt Andreas Ludwig. „Der Lohnunterschied im Vergleich zu Ländern wie Indien oder China ist so enorm, dass eine Steigerung von zwei oder drei Prozent keinen Unterschied macht“ ,sagt Ludwig. Sein Unternehmen konzentriert fast die gesamte Konzernwertschöpfung in Amstetten. Exportanteil der Umdasch AG: Über 90 Prozent. Flexibler als gedacht? Es sei vor allem das hohe Bildungsniveau gewesen, das Abwanderung verhindert hat, meint Andreas Gerstenmayer: „Europa hat immer noch einen enormen Bildungsvorsprung gegenüber China.“ Es sei unmöglich, einen ausgebildeten Ingeneur aus China und einen Ingeneur aus Europa auf dieselbe Stufe zu setzen. „Europäer handeln viel eigenständiger, innovativer“, sagt Gerstenmayer. „Diese Flexibilität ist ein Vorteil, den wir nutzen werden müssen.“  Auch die zuletzt immer wieder gescholtene mangelnde Flexibilität des Arbeitsrechts und der Mitarbeiter dürfte sich in der Krise als Standortvorteil erwiesen haben. „Die Kurzarbeitsmodelle haben – allen Unzulänglichkeiten zum Trotz – viele Unternehmen über schwierige Monate getragen“, sagt Ludwig. Und auch die – etwa im Vergleich zu Deutschland – flexibler einsetzbaren Leiharbeitskräfte dürften helfen: So heuert die Umdasch AG derzeit rund 500 Mitarbeiter. Vorerst, auch aufgrund der doch noch relativ unsicheren konjunkturellen Situation, Leiharbeitskräfte. Fortsetzung auf Seite 2: Industrielle Wertschöpfung auf dem Heimmarkt erhalten.

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