Robert Weber ist INDUSTRIEMAGAZIN-Autor für Digitalisierung in der Industrie, Arbeit 4.0 & Bildung 4.0

Meinung

Ein Rollrasen für die Digitalisierung

E-Government? Ja sicher. 5G? Muss kommen. Aber: In der EU mangelt es an bespielbaren Plätzen, Trainern, Regeln und Spaß für die Digitalisierungswettkämpfe der Zukunft.

Estlands Fußballnationalmannschaft liegt auf dem 84. Rang der FIFA-Weltrangliste und die Bilanz weist 221 Niederlagen und 107 Siege aus. Die Weltspitze ist weit weg. „Ein perfekter Fußballplatz und ein bewährtes Regelwerk sind nicht gut genug, wenn niemand die Motivation – oder sogar die Grundkenntnisse – hat, um zu spielen“, weiß Estlands Premierminister Jüri Ratas. So schlimm ist es um die Nationalmannschaft zwar nicht bestimmt, aber das Zitat trifft gut auf die Europäische Union und ihre Digitalkunst zu.

Ratas, momentan EU-Ratsvorsitzender und Gastgeber zum Digitalisierungsgipfel in Tallinn, weiß um die Probleme in Europa. Um im Bild zu bleiben: Der Fußballplatz Digitalisierung ist an manchen Stellen saftig grün – beispielsweise in Estland – und offenbart große sandige Stellen in Österreich, Italien oder Deutschland.

Regelwerk dringend gesucht

Auch ein gemeinsames Regelwerk fehlt. Ratas will das ändern, freier Datenraum EU, eine digitale Identität für jeden EU-Bürger, sichere Netze. Das Problem: Die anderen Vereine müssen erstmal den Rasen auswechseln. Im Spitzensport geht das schnell. Rollrasen drauf, andrücken, anwachsen lassen und schon kann das Spiel starten. Rollrasen kostet aber bekanntlich mehr Geld. Sprich: Die Vereine müssen schnell viel mehr ausgeben, um überhaupt mitspielen zu können. Doch sie haben keine andere Wahl, wenn sie weiter in der ersten Liga der Weltwirtschaft mitspielen wollen.

White Paper zum Thema

Doch wie Ratas warnt: Alleine ein perfekter Platz ist keine Garantie für eine erfolgreiche Mannschaft. Das verkennen viele in der Diskussion um die Digitalisierung. Motto: Wir verlegen Glasfaser und schon ist das Problem gelöst. Das reicht nicht. Ausgerechnet das Digitalisierungspapier aus Deutschland, Frankreich und Italien, das im Vorfeld des Gipfels in Tallinn veröffentlicht wurde, offenbart diese Schwächen und das alte Denken. Erster Punkt: Internetunternehmen zielgerichtet besteuern – wichtig, ja aber sicherlich nicht der wichtigste Punkt. Zweiter Punkt: Netze ausbauen – Rollrasen, möglichst schnell. Dritter Punkt: Schutz der persönlichen Daten – wichtig, aber um Daten zu schützen muss man Menschen erstmal motivieren, sich dem neuen Spiel zu stellen.

Regierunggssysteme überdenken

Ratas hat das verstanden: Um sicherzustellen, dass niemand allein zurückgelassen wird, müssen alle Europäer Zugang zu Bildung und Fortbildung haben, damit sie für diese Arbeitsplätze der Zukunft bereit sind – egal wie alt sie sind oder wo sie leben. Vereinskalkulation: Rollrasen bezahlen und neue Trainer einstellen. Das sollte im Budget der Europäischen Union drin sein.

Und der Este geht noch einen weiteren wichtigen Schritt weiter, den kaum ein europäischer Politiker wagt: „Wir müssen einige unserer grundlegenden Regierungssysteme überdenken, darunter die Besteuerung und Sozialversicherung.“ Digitalisierung ist kein Technikfeld, kein Feld für den Platzwart. Darüber wollen die meisten Politiker nicht reden.

Sprich: Wie wollen die Vereine in Zukunft den Rollrasen und die weitere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung bezahlen? Denn was passiert, wenn der menschliche Mittelstürmer in einigen Jahren durch einen Roboter ersetzt wird? Haben wir dazu Regeln? Der spielt die Liga, die Champions League, den Pokal und die WM oder EM der Nationalmannschaft ohne Verletzung durch. Auf den ist echt verlass.

Und am Ende muss Digitalisierung auch Spaß machen – denn Lustlosigkeit und Angst lähmen. Also zocken Sie jetzt eine Runde FIFA 2018 mit Datenträger oder als Download – das kommt ganz auf Ihren Standort an.

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