Management

"Eine absurde und unnötige Idee“

Jede Essenseinladung und jeder verschenkte Kugelschreiber kann heute von Compliance-Beauftragen als Schritt in die Korruption gesehen werden. Eine Kontrollmaschinerie verwaltet den Anstand und zwingt Unternehmen eine Checklisten-Bürokratie auf, die teuer und ineffizient ist. Doch der Widerstand gegen die Scheinmoral der Sittenwächter mehrt sich. Von Piotr Dobrowolski

Die Folgen solcher Zurückhaltung wären tatsächlich verheerend, stimmt Norbert Zimmermann zu. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Berndorf AG warnt: „Wer zwischenmenschliche Beziehungen reglementiert und einschränkt, unterbindet am Ende Kreativität. Denn die meisten guten Ideen entstehen, wenn zwei Menschen gern und ungezwungen gemeinsam über ein Problem nachdenken.“ Und sei es über ein Sauschädelessen.

Der Schluss, den Zimmermann zieht, ist daher ziemlich eindeutig: „Einem mittelständischen Unternehmen würde ich dringend abraten, einen Compliance-Beauftragten zu installieren. Der sagt Ihnen nämlich ständig, was Sie alles nicht dürfen, und produziert permanent Regeln, an die Sie sich halten müssen. Also solange der Gesetzgeber mich nicht dazu zwingt, würde ich das nie machen.“

Doch gerade das könnte passieren. „Ich sehe schon die Gefahr, dass es im Zuge des allgemeinen Normierungswahns dazu kommt, dass der Gesetzgeber hunderte von mittelständischen Betrieben dazu zwingt, Compliance-Manager zu installieren und Compliance-Berichte abzuliefern. Ich halte das für eine absurde und unnötige Idee“, sagt Veit Schmid-Schmidsfelden, Vorstand des niederösterreichischen Metallbauers und Automobilzulieferers Fertinger.

„Eine Kulturfrage“

Vor allem die in Relation zum Nutzen aufgewendete Zeit ist es, die Schmid-Schmidsfelden ärgert. Weiter reichende Vorbehalte haben hingegen jene Unternehmer, welche auf Märkten tätig sind, die anders funktionieren als Europa und die USA. Ihr Einwand lautet: Mit Regeln, die in der ersten Welt gemacht wurden, lassen sich in der zweiten Welt und erst recht in Schwellenländern keine Geschäfte machen.

Das gibt auch Michael Aßländer zu bedenken: „Ob etwas als Bestechung gilt oder nicht, ist sehr stark kulturabhängig. Im arabischen Raum können Sie vermutlich gar keine Geschäfte machen, ohne mit einem Gastgeschenk aufzuwarten. Das ist natürlich keine Bestechung im eigentlichen Sinne, weil ein Scheich, der – etwas übertrieben formuliert – bereits fünfzehn Porsches in der Garage stehen hat, sich kaum vom sechzehnten Porsche korrumpieren lassen wird.“

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