Firmenübernahmen

"China kann uns überrollen": Forscher fordern Strategie gegen Firmenübernahmen

Europas einst sehr erfolgreiche Solarbranche existiert heute nicht mehr. Dasselbe könnte auch mit der Robotik und dann mit allen anderen Industriebranchen passieren, so Wissenschaftler in Berlin. Warnungen in Österreich gibt es schon länger, etwa von Sabine Herlitschka von Infineon oder Brigitte Ederer von der Elektronikindustrie.

Die deutsche Gewerkschaft IG Metall fordert angesichts der Einkaufstour chinesischer Investoren bei deutschen Hightech-Firmen eine zügige und wirksame Gegenstrategie.

"Die zunehmenden Übernahmen deutscher Unternehmen in Schlüsselindustrien können gefährlich werden", sagte Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, gegenüber der Nachrichtenagtentur dpa. "Dahinter steckt eine strategische Ausrichtung Chinas. Das darf man nicht unterschätzen", so Lemb.

Berliner Forscher: "Es ist der letzte Moment zu handeln"

Die Politik müsse bei Übernahmen sehr viel genauer hinschauen, sagte Mikko Huotari, Leiter des Programms internationale Beziehungen beim China-Forschungsinstitut Merics in Berlin, der dpa. "Es ist der letzte Moment zu handeln. China kann uns überrollen. Das haben wir bei der Solarenergie gesehen. Das ist ein Muster, das sich jetzt vielfach auch in anderen Industrien - wie beispielsweise in der Robotik-Branche wiederholen kann."

Europa und Deutschland müssten sich stärker Gedanken machen über sicherheitsrelevante Bereiche etwa in der Halbleitertechnologie, bei kritischer Infrastruktur, Schlüsseltechnologien oder im Bereich der Datensicherheit.

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Chinesische Investoren schlagen sehr gezielt zu

Chinesische Investoren greifen immer mehr nach deutschen Unternehmen, vor allem in Schlüsseltechnologien wie der Robotik, im Maschinen- und Anlagenbau oder in der Biomedizin. Gerade in diesen Tagen kämpft der chinesische Autozulieferer Ningbo Jifeng darum, den bayerischen VW-Zulieferer Grammer übernehmen: Chinesisch statt bosnisch? Zulieferer Grammer vor Übernahme >>

Am meisten Aufsehen erregte bisher 2016 die milliardenschwere Übernahme von Kuka, einem der technologisch führenden Hersteller von Robotern für die Industrie. Käufer war der chinesische Konzern Midea.

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Warnungen aus Österreich

Hierzulande gibt es nicht erst seit der Übernahme von Kuka den Hinweis darauf, dass diese Vorgänge gefährlich für den Standort sind. So hat bei Infineon Österreich Konzernchefin Herlitschka im Dezember ihren Appell wiederholt, beim Ausverkauf von Schlüsselkompetenzen in Europa nicht einfach zuzuschauen: Sabine Herlitschka warnt vor Ausverkauf europäischer Technologien >>

Der Nachfrageanstieg in China sei ein zweischneidiges Schwert, so die Topmanagerin und ehemaligen Spitzenpolitikerin Brigitte Ederer in ihrer Funktion als Präsidentin des Fachverbandes der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI): "Europa muss offen sein, aber seine Interessen wahren."

Ederer: Erfolgreiche KMU bekommen laufend Kaufgebote

Das Reich der Mitte habe es zusehends auf mittelständische europäische Unternehmen abgesehen. Im vergangenen Sommer berichtete Ederer, sie höre laufend von erfolgreichen Firmen, die Kaufangebote von Chinesen erhielten.

Österreich und die EU würden sich im internationalen Wettbewerb selbst schwächen - einerseits durch strenge Kartellauflagen, und andererseits durch zu wenig Protektionismus, das heißt also zu wenig Schutz. Ederer wünscht sich zum Beispiel, dass - wie in den USA - strategisch wichtige Unternehmen nicht ans Ausland verkauft werden dürfen. Mehr dazu: Brigitte Ederer warnt vor Erosion europäischer Schlüsseltechnologien >>

Zu Brigitte Ederer und Sabine Herlitschka:
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Berlin prüft und zögert - wie üblich

Sowohl auf deutscher als auch EU-Ebene wird derzeit darüber diskutiert, Firmenübernahmen durch chinesische Investoren zu erschweren. Der deutsche Staat kann bisher über das Außenwirtschaftsgesetz ein Veto gegen Übernahmen einlegen, wenn sicherheitspolitsche Interessen berührt sind.

Geprüft werden darf, wenn Anteile von 25 Prozent an einer deutschen Firma zum Verkauf stehen. Das Wirtschaftsministerium prüft nun, diese Schwelle zu senken. Lemb sprach sich dafür aus, dass künftig schon bei einer Beteiligung von zehn Prozent der Einstieg eines ausländischen Investors geprüft werden kann.

Vorstand der IG Metall: "Noch gibt es einen Vorsprung bei Hochtechnologien"

Nötig seien aber außerdem massive industriepolitische Anstrengungen in Deutschland und Europa, sagte Lemb. Noch gebe es einen Vorsprung bei Hochtechnologien, etwa im Maschinen- und Anlagenbau. "Wenn wir diesen verlieren würden, dann hätte das substanzielle Auswirkungen auf die Industrie in Deutschland insgesamt." Die Politik müsse mehr tun, der Handlungsdruck sei sehr hoch. "Wir brauchen eine zielgerichtete Gegenstrategie, unter Beteiligung der Gewerkschaften und Arbeitgeber. Eine solche Strategie könnte zum Beispiel im Bündnis Zukunft der Industrie entwickelt werden."

Huotari sagte, die EU könne der chinesischen Strategie "Made in China 2025" bisher nur wenig entgegensetzen. Europa aber müsse die Anstrengungen bei der Künstlichen Intelligenz und anderen Zukunftstechnologien massiv ausbauen.

"Made in China 2025": Die Eckdaten

China will in vielen Sektoren mit massiven staatlichen Subventionen die Technologielücke zu westlichen Firmen zu schließen und selbst Weltmarktführer hervorbringen. Bis 2049, zum 100. Geburtstag der Volksrepublik, soll das Land zu einer Industrie-Supermacht aufsteigen. 2017 gaben chinesische Investoren mit insgesamt umgerechnet rund 11 Milliarden Euro eine Rekordsumme für Firmenübernahmen und -beteiligungen in Deutschland aus, wie eine Untersuchung der Beratungsgesellschaft EY ergeben hatte. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergab, mehr denn je seien Technologiefirmen das Ziel chinesischer Investoren.

Chinesen als Partner: Alltag ganz anders als Kaufvertrag

Lemb sagte außerdem, die IG Metall sehe chinesische Investitionen in deutsche Unternehmen heute wesentlich kritischer als noch vor zwei oder drei Jahren. Die Gewerkschaft stelle mittlerweile fest, dass die Zusammenarbeit mit chinesischen Investoren und Eignern in den Betrieben schwieriger werde. Es gehe etwa um Tarifbindung und Akzeptanz der Mitbestimmung. (dpa/apa/red)

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