Konjunktur

Chefetagen der deutschen Industrie: "Die Konjunktur droht zu kippen"

In den Chefetagen der deutschen Wirtschaft macht sich allmählich Alarmstimmung breit. Der Ifo-Index für das Geschäftskloma ist zuletzt auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren gefallen. Immer mehr Ökonomen halten sogar eine Rezession für möglich.

In den Chefetagen der deutschen Wirtschaft macht sich immer schlechtere Stimmung breit. Mehr Experten denn je halten deswegen eine Rezession für möglich. Unter dem Eindruck des internationalen Handelsstreits und der schwachen Weltwirtschaft fiel das vom Ifo-Institut gemessene Geschäftsklima im Juli auf den niedrigsten Stand seit April 2013.

Das wichtige deutsche Konjunkturbarometer sackte um 1,8 auf 95,7 Punkte ab und ist damit weiter im freien Fall: Es sank zehnmal in den vergangenen elf Monaten. Die Alarmsirenen schrillen insbesondere in der Industrie, in der sich die Rezession laut Ifo in allen wichtigen Sektoren bereits ausbreitet. Auch der noch rund laufende Dienstleistungssektor lässt sich von der schlechteren Stimmung anstecken: "Die deutsche Konjunktur befindet sich in schwierigem Fahrwasser", so das Resümee von Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Skepsis wächst

Die Führungskräfte beurteilten ihre gegenwärtige Geschäftslage schlechter. Auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate und damit bis ins nächste Jahr hinein wurden skeptischer eingeschätzt. Deutschland, das lange Zeit die Konjunkturlokomotive in der Eurozone war, geht nun zusehends die Luft aus: Die Geschäfte der Industrie liefen zuletzt so schlecht wie seit 2012 nicht mehr.

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Und erfolgsverwöhnte Vorzeigebranchen schwächeln: So rechnen etwa die Autobauer für heuer mit einem Minus von einem Prozent im Neugeschäft. Die Maschinenbauer erwarten einen Produktionsrückgang von zwei Prozent. Im Zuge der Konjunkturflaute wird sich laut Ifo-Institut die Kurzarbeit bald in solchen Schlüsselbranchen erhöhen.

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DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle verwies darauf, dass Deutschland am Rande einer Rezession ist - also zwei Quartalen mit schrumpfender Wirtschaftsleistung. Die Unternehmen machten die Schotten dicht und bestellten nicht mehr so viele Güter nach. Zudem herrsche Zurückhaltung bei Investitionen.

Auch Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe warnte: "Der deutschen Wirtschaft stehen unruhige Zeiten bevor." Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im zweiten Quartal wohl geschrumpft, nach plus 0,4 Prozent zum Jahresauftakt. Die Daten für das Frühjahr werden Mitte August erwartet. "Im dritten Quartal dürfte es dann aber leicht ins Positive drehen - gestützt durch die Binnenkonjunktur." Hier sorge der private Konsum für Schwung, allerdings zeichne sich ein Ende des Booms am Arbeitsmarkt ab. "Das Jobwunder schwächt sich jetzt so nach und nach ab. Die Unternehmen werden deutlich zurückhaltender mit Neueinstellungen."

Andere Ökonomen halten auch im Sommer eine schrumpfende Wirtschaft für möglich, womit Deutschland dann in eine Rezession abrutschen würde.

Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe richtete den Blick vor allem ins Ausland: "Da es nicht nach einer Lösung der globalen Handelskonflikte aussieht und der Brexit verunsichert, droht die Konjunktur stärker nach unten zu kippen." Insbesondere der ungeklärte EU-Austritt Großbritanniens sorgt laut Ifo-Experte Wohlrabe für Unsicherheit: "Denn wir haben mit Boris Johnson und seinem Kabinett eine gestiegene Wahrscheinlichkeit für einen harten Brexit." Der neue britische Premierminister hat seine Landsleute unmittelbar nach der Amtsübernahme auf einen ungeregelten EU-Ausstieg eingestimmt. Ein solcher Chaos-Brexit ist für die exportorientierte deutsche Wirtschaft ein Schreckgespenst.

Angesichts der nicht nur in Deutschland, sondern auch in der gesamten Eurozone absehbaren Konjunktureintrübung berieten die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) in ihrer Frankfurter Zentrale über neue Geldspritzen für die Wirtschaft. Volkswirte erwarteten, dass Notenbank-Chef Mario Draghi zumindest die Tür für eine Verschärfung der Strafzinsen im September öffnen wird. Die im Oktober ablaufende Amtszeit von Draghi würde damit so enden, wie sie vor acht Jahren begonnen hat - mit einer Lockerung der Geldpolitik. (reuters/apa/red)

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