Brexit

Brexit: So füllen britische "Heuschrecken" ihre Kassen

Die berüchtigte Branche der Finanzfirmen meistert auch den Börsencrash, der nach der Entscheidung für ein Brexit gefolgt ist, ohne größere Verluste - und macht mit Wetten gegen den Pfund und den Euro sogar ordentlich Kasse.

David Harding nimmt das "Hedge" in "Hedgefonds" offenbar wörtlich - absichern, mit Gegengeschäften Risiken mindern. Der britische Milliardär setzte sich öffentlich für einen Verbleib seines Landes in der EU ein und spendete Geld für die Anti-Brexit-Kampagne. Sein Hedgefonds Winton Capital wettete gleichzeitig mit Finanzgeschäften auf einen EU-Austritt.

Mit dem Votum der Briten für den Brexit erlitt Harding in seinem politischen Engagement eine Niederlage, seinen Kummer konnte er gleichwohl mit einem kräftigen Wertzuwachs seines Fonds mildern. Während am Tag nach dem Referendum viele Börsen zehn Prozent in die Tiefe rauschten und das Pfund Sterling auf ein 31-Jahres-Tief abstürzte, legte Winton Capital, mit rund 30 Mrd. Dollar (27 Mrd. Euro) einer der größten Hedgefonds der Welt, nach eigenen Angaben um 3,1 Prozent zu.

Die "Heuschrecken" kassieren weiter - egal was die Politik entscheidet

Insgesamt schlug sich die Hedgefonds-Branche am "schwarzen Freitag" vergleichsweise gut: Während sich weltweit Börsenwerte im Gesamtvolumen von fünf Billionen Dollar in Luft auflösten - dem Doppelten der jährlichen britischen Wirtschaftsleistung -, verloren Hedgefonds im Schnitt nur 0,2 Prozent, wie der Datenanbieter Hedge Fund Research vorrechnet. Protagonisten der Branche residieren häufig im vornehmen Londoner Stadtteil Mayfair und lassen sich nur ungern in die Karten schauen. Verlässliche Zahlen zu Wertentwicklung oder verwaltetem Vermögen gibt es kaum. Auch öffentliche Äußerungen zu aktuellen Entwicklungen sind die absolute Ausnahme.

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Hardings Fonds habe mit sogenannten "Short"-Positionen auf fallende Pfund- und Eurokurse gesetzt, schrieb der Fonds in einem Brief an seine Kunden, den Reuters einsehen konnte. Bei derartigen Geschäften verkauft ein Investor eine Währung an einem Stichtag zu einem festgesetzten Kurs. Fällt der offizielle Wechselkurs während der Laufzeit des Vertrags darunter, kann sich der Verkäufer am Markt billiger mit der Währung eindecken und die Differenz als Gewinn einstreichen. Solche Wetten sei Winton vor längerer Zeit eingegangen, hieß es in dem Brief.

Geld machten Winton und andere Profiteure des Brexit auch mit "Long"-Positionen in Anlagen, die in turbulenten Zeiten als sichere Häfen gelten - etwa Gold oder der japanische Yen. Entweder legten sie sich diese direkt in ihr Depot, um von den erwarteten Kursgewinnen zu profitieren. Einige sichern sich auch mit Hilfe von Terminkontrakten das Recht, diese Anlagen an einem Stichtag zu einem festgesetzten Preis zu kaufen. Ihre Hoffnung: Der Börsenkurs steigt bis dahin über diese Marke.

Auch Hardings Kollege Andrew Law, Chef des US-Hedgefonds Caxton, machte mit dem Brexit viel Geld, obwohl er sich gegen einen Austritt engagierte. Sein 1983 gegründete und 8 Mrd. Dollar schwere Hedgefonds gewann einem Insider zufolge am Tag nach dem Referendum zwei Prozent. Dabei hatte Law einen offenen Brief unterschrieben, in dem sich britische Wirtschaftsbosse gegen den Brexit aussprachen. Außerdem spendete er 200.000 Pfund für die Kampagne "Britain Stronger in Europe".

Für den Brexit-Befürworter Crispin Odey zahlte sich der geplante Ausstieg Großbritanniens aus der EU ebenfalls in barer Münze aus. "Ich gehöre wohl zu den Gewinnern", sagte er in einem Reuters-Interview. Er sei mit seinem gut 10 Mrd. Dollar schweren Hedgefonds in sämtlichen Anlagen seines Portfolios "short" gegangen. "Bis jetzt hatten wir ein schwieriges Jahr", räumte Odey ein. Bis Anfang Juni hatte Odeys Fonds nach Reuters-Recherchen knapp 30 Prozent verloren. Die Hälfte davon hofft der 57-Jährige, einer der reichsten Hedgefonds-Manager der Insel, durch seine Brexit-Wetten wieder gutzumachen.

Die Hedgefonds verfügen über Kapitavolumina, die der jährlichen Wirtschaftsleistung Frankreichs entsprechen

Noch besser schnitten sogenannte Macro-Fonds ab, bei denen der Computer auf Basis mathematischer Modelle über Käufe und Verkäufe entscheidet. Entsprechende Fonds des US-Anbieters AQR oder des schwedischen Vermögensverwalters Lynx gewannen am Tag nach dem Brexit jeweils etwa fünf Prozent. AQR habe am darauffolgenden Montag, als Dax und EuroStoxx50 um weitere drei Prozent einbrachen, noch einmal 1,1 Prozent zugelegt, sagte eine AQR-Sprecherin.

Hedgefonds gelten als Enfants terribles der Finanzbranche. Ihnen eilt der Ruf voraus, aus steigenden wie fallenden Kursen Kapital schlagen zu können. Da sie weniger stark reguliert sind als beispielsweise Pensionsfonds und häufig aggressive Wetten eingehen, sehen Kritiker in ihnen eine Gefahr für die Stabilität der weltweiten Finanzmärkte.

Schätzungen zufolge gibt es insgesamt etwa 8400 Hedgefonds. Weltmarktführer mit einem verwalteten Vermögen von 162 Mrd. Dollar ist Bridgewater. Die traditionsreiche britische Man Group kommt als größter börsennotierter Konkurrent auf knapp die Hälfte. Dem deutschen Branchenverband BAI zufolge hatten Investoren Anfang 2014 weltweit 2,7 Billionen Dollar bei Hedgefonds angelegt. Dies entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung Frankreichs. (APA/Reuters/red)