Chemische Industrie

Borealis sucht Partner oder Käufer für seinen Standort in Linz

Borealis will für den größten Standort in Österreich einen Partner finden - oder einen Käufer. Der in Wien ansässige Chemiekonzern gehört mehrheitlich der staatlichen Beteiligungsgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate.

Der auf Kunststoffe und Düngemittel spezialisierte Chemiekonzern Borealis lässt die Weichen auf Expansion gestellt. Mehrere Ausbauprojekte in Europa und weltweit sind in Umsetzung oder geplant.

Borealis hat seinen Sitz in Wien, gehört aber zu 64 Prozent einer Firma namens Mubadala, einer staatlichen Aktiengesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate. Der Mineralölkonzern OMV hält weitere 36 Prozent an Borealis.

Partner für Linz gesucht - "aber ohne Zeitdruck"

Für Linz in Oberösterreich, dem mit 1.200 Mitarbeitern größten Standort in Österreich, wird weiterhin an internen Verbesserungsprojekten gearbeitet und langfristig ein Partner gesucht, aber ohne Zeitdruck, sagte Borealis-Chef Alfred Stern im Interview mit der Austria Presseagentur.

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Am Standort Linz ist Borealis mit der Produktion von Pflanzennährstoffen und Melamin befasst und beherbergt auch das Innovations-Headquarter für den Gesamtkonzern, der rund 6.800 Beschäftigte zählt. In den vergangenen 18 Monaten habe man das Düngemittel-Geschäft transformiert, Kosten gesenkt und die Anlagenverfügbarkeit erhöht, so Stern. Deshalb habe man heuer mehr produzieren und verkaufen können, "das hilft uns auch, das Ergebnis hier weiter zu verbessern".

Zu diesem Standort:
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"Zur Zeit konzentrieren wir uns darauf, die Geschäftsergebnisse weiter zu verbessern. Langfristig glauben wir, dass eine Industriekonsolidierung notwendig ist und sind für den Pflanzennährstoffbereich offen, um eine mögliche Partnerschaft zu diskutieren - wir haben aber keinen Zeitdruck", betont der Borealis-Chef. Ob es auf die Übernahme eines anderen Pflanzennährstoff-Herstellers oder ein Joint Venture mit einem solchen hinauslaufen könnte, lässt der Chemieriese derzeit "bewusst offen". Jedenfalls solle der Geschäftsbereich und somit auch der Standort Linz dadurch "abgesichert" und "gestärkt" werden, "das muss die Vision sein". Stern räumt ein, dass der Zeitpunkt für eine Partnersuche derzeit nicht ganz ideal ist. Momentan gebe es auch keine konkreten Gespräche: "Vorerst treiben wir den Transformationsprozess dort weiter voran."

Expansion auf der Arabischen Halbinsel

Die wohl größten Expansionspläne verfolgt Borealis für den Kunststoffproduzenten Borouge, ein Joint Venture mit der Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC) in Ruwais (Vereinigte Arabische Emirate, VAE). Nachdem dort seit Anfang vergangenen Jahrzehnts in mehreren Stufen die Kapazität von 600.000 über 2 Mio. auf 4 1/2 Mio. Jahres-Tonnen an Polyolefinen gesteigert wurde, steht als nächstes die Ausbaustufe "Borouge 4" an, bei der langfristig - bis 2030 - die Gesamtkapazität mehr als verdoppelt werden könnte. Der Cracker soll einen Ethylen-Output von 1,8 Mio. t erzielen und eine Gesamtkapazität von 3,3 Mio. t Olefinen und Aromaten aufweisen. "Der Start wäre für Mitte 2025 vorgesehen", sagt der Borealis-Chef.

Die Bedingungen für den weiteren Borouge-Ausbau - vorgesehen ist etwa der weltgrößte Mixed-Feed-Cracker, der Ethan, Propan und Naphtha verarbeiten kann - scheinen günstig: "Der dortige Markt", nämlich Naher und Mittlerer Osten sowie Asien, "hat sich besser als erwartet entwickelt." Und auch für die nächsten Jahre geht der Chemiekonzern von größerem Marktwachstum in Asien und Mittelost aus. Final soll über das "Borouge 4"-Investment Ende 2020 entschieden werden.

Der Bau der fünften Polypropylen-(PP)-Anlage von Borouge mit 480.000 t Jahreskapazität läuft bereits. Mit der neuen PP-Anlage, die laut Stern Ende 2021 in Betrieb gehen soll, wird die Polyolefin-Kapazität auf 5 Mio. t pro Jahr steigen.

Ausbau in Belgien

Weil in Europa der Propylenbedarf weiter steigen wird, die Produktionskapazitäten aber eher schrumpfen werden, wie Stern sagt, zieht Borealis an seinem großen Standort in Kallo eine neue Propan-Dehydrierungsanlage mit 740.000 t Jahreskapazität hoch, die laut Stern Mitte 2022 in Betrieb gehen soll. In Kallo startet man aktuell auch die Erzeugung von Polypropylen aus erneuerbarem Propan, das Neste zur Verfügung stellt. Zudem setzt Borealis dort auch verstärkt auf Windstrom. Dazu: Große PDH-Anlage von Borealis in Belgien soll 2022 in Betrieb gehen >>

Auch regional diversifiziert Borealis verstärkt. 2018 entschied man, in Bayport (Texas) eine Borstar-PE-Anlage mit 625.000 t Jahresvolumen mit Total als Partner zu bauen. Das Texas-Investment ist Teil der Borealis-Strategie, sich kostengünstige Rohstoffe verfügbar zu machen, hier Ethan. Einerseits finde man in den USA durch den Schieferöl- und -gas-Boom einen attraktiven Rohstoffmarkt vor, andererseits gebe es einen Absatzmarkt für die Borstar-Technologie. In Taylorsville (North Carolina) hat Borealis eine neue PP-Compounding-Anlage für den Automobilmarkt gebaut, in New Jersey verfügt man über ein Werk für Kabel- und Draht-Isolationsmaterialien.

Aktuelle Ergebnisse:
Gute Geschäfte bei Borealis - trotz aller geopolitischer Risiken >>

Bis zum dritten Quartal habe sich Borealis heuer gegenüber dem Markt gut geschlagen, wenngleich es zuletzt etwas schwächere Ergebnisse gegeben habe, resümierte Stern die ersten neun Monate, über die die OMV-Beteiligung Anfang November berichtet hatte. Allein im dritten Quartal hat Borealis 1,97 Mrd. Euro umgesetzt und 207 Mio. Euro Nettogewinn erzielt.

In Asien habe sich konjunkturell eine gewisse Nachfrageschwäche bemerkbar gemacht, auch seien die Borouge-Produktenpreise unter Druck gekommen. Im vierten Quartal seien die Polyolefin-Märkte bisher schwächer gewesen - Ursache seien zusätzliche PO-Kapazitäten, etwa in Nordamerika. Und wegen der bekannten Themen wie Handelskonflikte und Brexit würden sich "die Märkte recht verhalten nach vorne bewegen", sagt Stern. Langfristig würden die PE- und PP-Märkte "signifikant wachsen", verweist der Borealis-Chef auf das anhaltende Bevölkerungswachstum und den stetigen Anstieg des Lebensstandards. Davon würden Anwendungen in Wasser- und Gasrohren ebenso profitieren wie im Medizin-Sektor oder bei Kabelummantelungen - dort auch durch den Erneuerbaren-Ausbau. "Langfristig rechnen wir mit jährlich 3 bis 4 Prozent Polyolefin-Marktwachstum." (apa/red)

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