Energie

APG: Gaskraftwerke bleiben noch lange unverzichtbar

Wegen des Ausbaus der stark schwankungsanfälligen Erneuerbaren werden Gaskraftwerke noch für viele Jahre zur Stabilisierung der Stromnnetze notwendig sein, heißt es beim österreichischen Netzbetreiber APG. Österreich sei bei der Erzeugung gleichsam "zweigeteilt".

Gaskraftwerke werden womöglich noch im Jahr 2030 und damit deutlich länger als allgemein angenommen zur Stromnetz-Stabilisierung notwendig sein. "Auf thermische Anlagen wird man auch dann nicht verzichten können", meinte der technische Vorstandsdirektor der Verbund-Netztochter APG, Gerhard Christiner, vor wenigen Tagen mit Hinweis auf den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien.

Abhängigkeit von Stromimporten im Winter

In Österreich könnte nämlich die installierte Leistung an der nur bei Sonnenschein verfügbaren Photovoltaik von heute bis 2030 von einem Gigawatt auf 12 GW ausgebaut werden, die ebenfalls nur zeitweise nutzbare Windkraft von 2,8 auf 9 GW.

Eine womöglich dann parallel existierende Stromleistung von zum Beispiel 18.000 Megawatt könnte man auch bei allem Netzausbau nicht unterbringen - und im Winter wäre andererseits noch längst nicht der Bedarf gedeckt, meinte Christiner. Ohne thermische Erzeugung wäre Österreich auch dann nicht unabhängig von Stromimporten.

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Hilfe zwischen Deutschland und Österreich

Aktuell basteln deshalb wie bekannt Energie-Control, Wirtschaftsministerium und die APG als Höchstspannungsnetzbetreiber an einer mehrjährigen Lösung für die Bereitstellung thermischer Erzeugungskapazitäten, bisher mussten sich die Betreiber kalorischer Anlagen mit Halbjahresverträgen begnügen. Im letzten Winter hat Österreich Deutschland mit 2.400 MW Leistung Hilfe zur Netzstabilisierung geleistet und umgekehrt im heurigen Sommer in Deutschland 2.400 MW kontrahiert, im Winter 2017/18 werden Deutschland 2.900 MW angeboten.

Nötig sind kalorische Kraftwerkseinheiten auf beiden Seiten der Grenze - in Österreich aber sehr oft nicht nur zur Deckung von Erzeugungslücken, wenn etwa "Dunkelflaute" herrscht - also Windstille ohne Sonnenschein -, sondern auch um ein Zuviel an Strom aus Deutschland zu verhindern. Nämlich dann, wenn wieder eine der gefürchteten "netzbetrieblichen Extremsituationen" herrscht, wie es Christiner nennt, nämlich zum Beispiel zu viel Solarstrom in Bayern. Das führe zu massiven Überlastungen "und wir müssen in Österreich Kraftwerke hochfahren und gegenhalten", so der technische APG-Vorstand.

Enorme Kosten für "Redispatch"

Das Ganze sei aber nicht umsonst. Die Redispatch-Kosten seien enorm. Lagen sie 2013/14 noch um die 20, 30 Mio. Euro im Jahr, seien es 2015 bereits 200 Mio. Euro gewesen, "und heuer stehen wir bis jetzt schon bei 270 Mio. Euro - weil wir es nicht geschafft haben, das Netz entsprechend auszubauen, zugleich aber subjektive Interessen gegriffen haben, etwa von Windkraftbetreibern".

Die Kosten einer Megawattstunde Strom im Redispatch bezifferte Christiner mit 80 Euro. "Das ist wie eine Versicherung. Es ist ein Kraftwerk betriebsbereit samt Mannschaft - und eventuell rufen wir die Leistung ab." Unterm Strich sei das "nicht stimmig": "Auf der einen Seite fördern wir die Erneuerbaren, auf der anderen Seite müssen wir mit Strom aus thermischen Anlagen gegenhalten."

APG am Weiterbetrieb interessiert

Als Höchstspannungsnetzbetreiber sei man interessiert daran, dass die aus ökonomischer Sicht eigentlich unwirtschaftlichen kalorischen Kraftwerke, etwa gasbetriebene Anlagen, weiter betrieben werden, um sie zur Systemstabilisierung zur Verfügung zu haben. Es fehlten bei Strom-Großhandelspreisen von 35 Euro je MWh oder darunter jedoch Anreize für konventionelle Kraftwerke - das gelte auch für Wasserkraftanlagen und Pumpstrom.

Deshalb gebe es massive Stromimporte aus Deutschland, die man zum Teil physikalisch gar nicht transportieren könne. Vertraglich würden im Stromhandel bis zu 7.000 MW Importe nach Österreich fixiert, obwohl lediglich 5.000 MW realisierbar seien. Richtung Deutschland komme der Handel bis auf 9.000/10.000 MW, die aber ebenfalls nicht lieferbar seien.

Österreich "zweigeteilt"

Das Netz könne heute auch innerhalb Österreichs nicht alle Marktwünsche erfüllen, sagte Christiner bei einem Vortrag im Österreichischen Wirtschaftsmuseum in Wien. Im sehr trockenen Sommer des heurigen Jahres habe sich erneut die Zweiteilung des Landes gezeigt.

Der Osten habe permanent 3.000 bis 5.000 MW Leistungslücke aufgewiesen, also eine Unterdeckung. "Der Strom konnte aus dem Westen gar nicht dorthin, denn die West-Ost-Netzkapazität zum Ausgleich beträgt nur 2.000 MW". Hier schmerze vor allem die fehlende Salzburg-Leitung, denn was man an erneuerbarem Strom kaufe, könne man gar nicht mehr zu den Verbrauchszentren führen.

Kalorische Kraftwerke weiter unabdingbar

Zur Lösung der Probleme im System nötig seien ausreichende Kraftwerkskapazitäten - thermische Einheiten können 7.000 Stunden im Jahr fahren, Windräder laufen 2.500 bis 3.000 Stunden. Laut Christiner verfügt Österreich aktuell über 6.800 MW thermische Leistung, 2.800 MW Windkraft, 1.100 MW Photovoltaik, 5.700 MW Laufwasserkraftwerke sowie 84.00 MW Speicher bzw. 3.900 MW Pumpspeicher.

Zudem gehöre mit Demand Side Management die Nachfrage flexibler gemacht, und es brauche Batterie- und Pumpspeicher sowie Power-to-Gas-Technologien.

(APA/red)

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