Rüstung Industrie Österreich : "Superjahrzehnt der Defence"

Die neue Gefahrenlage in Europa sorgt für steigende Rüstungs- und Verteidigungsbudgets - und setzt einen Wandel in der Industrie in Gang
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Die neue Gefahrenlage in Europa sorgt für steigende Rüstungs- und Verteidigungsbudgets - und setzt einen Wandel in der Industrie in Gang
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Wenn MFL-Chef Herbert Decker Mitte März von einem stattlichen Aufragseingang spricht, hat er allen Grund dazu. Das Unternehmen sichert sich einen Auftrag vom deutsch- französisch Rüstungskonzern KNDS im mittleren zweistelligen Millionenbereich für die Produktion von Hightech-Panzerkomponenten. Decker, seit fast 35 Jahren im Unternehmen tätig und seit 2014 Managing Director, weiß: Es wird Weiterentwicklungen im Unternehmen brauchen, um den Auftrag, der das Segment Maschinenbau betrifft und im Bereich hochwertiger Schweißbaugruppen für den personenschützenden Bereich angesiedelt ist, abarbeiten zu können.
Doch abgesehen von einer größeren Investition - und erforderlichen Zulassungen, die man gerade erwirbt - wird es vor allem auf Assets ankommen, die das Unternehmen schon sein eigen nennt: "Leistungsfähigkeit, Know-how und Qualität sind in unserer DNA verankert und deshalb bedarf es keinen total neuen Aufbaus von Kapazitäten und Prozessen", sagt Decker. Anders gesagt: Es kann losgehen. Denn schon von 2026 bis 2028 soll die Auslieferung der Komponenten erfolgen.
Zäsur
Eine Zäsur. Denn wenn auch die von Erwin Haider und Heinrich Obernhuber 1994 gegründete Maschinenfabrik Liezen und Gießerei GesmbH stets geringfügig Umsatz im Rüstungsbereich erwirtschaftete - unter anderem wurden gepanzerte Strukturelemente für militärische Fahrzeuge gebaut - so soll das Geschäft mit Verteidigungstechnik nun deutlich ausgebaut werden. Womöglich eine Reaktion auf die in Teilen der Industrie grassierende Nachfrageschwäche?
"Schwächeln tut bei uns gar nichts", sagt Decker. Freilich: Die aus dem Ruder laufenden Kosten des heimischen Wirtschaftsstandorts erfordern die konsistente Suche nach neuen Märkten. "Es herrscht derartiger Wachstumsdruck, dass wir gar nicht anders können als uns uns laufend zu verbreitern", sagt Decker.
Doch es sei vor allem der geopolitischen Situation geschuldet, "dass wir als Teil der Verteidigungsgüterindustrie von nun an Fähigkeiten zur Verfügung stellen wollen", so Decker. Die Aggression des russischen Despoten sei offensichtlich, dass Europa, das gerade um seinen engsten Verbündeten der Nachkriegsordnung bangt, sich verteidigungsfähig machen müsse, "nicht ernsthaft zu bezweifeln". Man habe zu lange von der Friedensdividende gelebt und sich der Hoffnung ergeben, "dass die Menschheit friedlicher geworden ist", sagt Decker. Jetzt von "Aufrüstung" in Europa zu sprechen sei schlichtweg die falsche Zustandsbeschreibung: Es handle sich vielmehr um "Nachrüstung".

"Wollen unterstützen"
Und so fertigen die Obersteirer - im Sinne der Familie Haider, die die Mehrheit am Unternehmen hält - in den nächsten Jahren neben Schneefräsen, innovativen Güterwaggons für Helrom oder Fördersystemen für ein schwedisches Wasserstoff-Stahlwerk auch Militärtechnik. Diese soll künftig im 700-Mitarbeiter-Unternehmen Auslastung in beiden Segmenten - dem Maschinenbau und der Gießereitechnik - bringen. "Wir wollen Hersteller von Verteidigungstechnik sowohl mit hochqualitativen Gussteilen als auch hochpräzisen Schweißbauteilen unterstützen", sagt Decker.
Großartig umkrempeln müsse man die Produktionen dafür nicht - beziehungsweise habe man sich bereits in der Vergangenheit als sehr anpassungsfähg erwiesen. "Was wir neben Qualifizierungen zusätzlich brauchen, erwerben wir in Windeseile", sagt Decker. Dem wichtig wäre, dass Österreich sich bei Verteidigungstechnik Staaten wie Frankreich zum Vorbild nimmt: "Dort fließen nicht zig Milliarden Euro ab, sondern die Wertschöpfung verbleibt im Land".

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Industrie in Konversion
Die neue Gefahrenlage in Europa sorgt für steigende Rüstungs- und Verteidigungsbudgets: 2024 beliefen sich die europäischen Verteidigungsausgaben auf 326 Milliarden Euro. Nun will die EU-Kommission mit dem Investitionsprogramm „ReArm Europe“ 800 Milliarden Euro mobilisieren. Die europäischen Staaten könnten die vollständige Einstellung der US-Hilfen für die Ukraine im militärischen Bereich kompensieren, heißt es am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Auch der EU-Gipfel Ende März stand im Zeichen der Aufrüstung Europas. Das spürt die Wehrtechnikindustrie bei Anfragen, Auftragsvergaben und Börsekursen.
"Die Lieferantenportale der großen Wehrtechnikfirmen gehen wohl gerade über vor Anfragen", sagt ein Branchenkenner. Und Vertreter jener Industrien, die bisher auf die Produktion von Komponenten für Fahrzeug- oder zivilen Maschinenbau abonniert waren, denken um. Der Düsseldorfer Konzern Rheinmetall wandelt seine eigenen Autozulieferer-Werke in Rüstungswerke um. Darüber hinaus kooperiert Deutschlands Branchenführer beim Personal mit dem kriselnden Autozulieferer Continental. Ist das eine Blaupause für Österreichs Unternehmen?
Einerseits ist da die Hoffnung auf eine Sonderkonjunktur. Doch auch die Frage, wie die Produktion von Militärtechnik zu den eigenen Geschäftsgrundsätzen passt, erfährt eine Neubewertung. "Der Diskussionsprozess über eine mögliche Nutzung unserer Laser zur Drohnenabwehr ist bei Trumpf nicht krisengetrieben", heißt es etwa beim Maschinenbauer aus Dietzingen. Vielmehr habe dieser "mit einer tiefgreifenden Neubewertung dessen zu tun, was gesellschaftliche Verantwortung für ein wertegeleitetes Technologieunternehmen inmitten der geopolitischen Veränderungen unserer Zeit bedeutet". Aber wie schnell geht es, sich als strategischer Zulieferer in der Verteidigungsindustrie zu positionieren, wie schnell gelingt die Konversion von der Zivilproduktion zum Militär?
"Es hilft, dass Europa konsolidiert"
Hannes Hecher, CEO des Herstellers von unbemannten Luftfahrzeugen Schiebel, über eine mögliche Zeitenwende in der militärischen Beschaffung.
SEACURE? Das von Thales geleitete Konsortium weist für Hannes Hecher eine Richtung, wie Entwicklungen in Europa künftig häufiger laufen könnten. Der österreichische Drohnenbauer erhielt im Rahmen einer Ausschreibung des Europäischen Verteidigungsfonds eine Förderzusage für unbemannte Lösungen zur U-Boot- Detektion. "Dieses Konsortium hilft uns, uns im Bereich des Camcopter S-300 entscheidend weiterzuentwickeln", sagt der Geschäftsführer von Schiebel Österreich. Es bringt dem Unternehmen vor allem eines: Tempo. Denn in der Beschaffung seien staatliche europäische Stellen laut Hechers Erfahrungen eher langsam. Auf die Frage, ob die Zeitenwende in der militärischen Beschaffung angekommen sei, antwortet er: "Ich habe mein Telefon ständig bei mir. Anfragen, wie stark wir unsere Produktionskapazitäten steigern könnten, bleiben derzeit aus".
Derzeit fährt das Unternehmen im Werk in Wiener Neustadt im Einschichtbetrieb. Drei Schichten wären möglich. Schiebel ist in ein "hervorragendes Netzwerk an Zulieferern von Fertigungsdienstleistungen" eingebettet, das - nehmen die Auftragsvolumina zu - "eine Wachstumsbewegung mittragen würde", sagt Hecher.
Und dennoch verspürt Hecher Rückenwind der hilft, etwa regulatorischer Hürden in heimischen Entwicklung, etwas beim testweisen Flugbetrieb von unbemannten Drohnen anzugehen. "Es hilft, dass Europa konsolidiert und den politischen Willen entwickelt, sich zu schützen", sagt er. Schließlich sei die europäische Gemeinschaft immer dann erfolgreich, wenn sie Gelder in die Hand genommen und klare Rahmenbedingungen gesetzt habe, etwa in einer gemeinsamen Umweltpolitik.
"In Österreich werden wir weiterhin als Dual-Use-Anbieter agieren", sagte Eigentümer Hans Georg Schiebel kürzlich dem Magazin "Militär Aktuell". Laut Hecher verändern sich die Marktanforderungen momentan sehr schnell. "In Europa steigen die Verteidigungsbudgets erheblich, und es ist durchaus denkbar, dass Schiebel Frankreich darauf mit entsprechenden Angeboten reagieren wird".

Defence-Boom
Weil KTM solides Wachstum verzeichnete, waren im Kapfenberger Getriebewerk des Leichtbaufertigers Pankl lange Jahre nahezu sämtliche Kapazitäten für den Großkunden belegt. Als Folge der Insolvenz des Motorradbauers und den Nachwehen der Autokrise bietet sich heute ein anderes Bild im Werk: "Wir liegen bei 60 bis 70 Prozent Auslastung, das ist natürlich steigerbar", sagt CEO Wolfgang Plasser. Mit dem Wiederanlauf der Produktion für KTM im März erwartet er sich Linderung des Auslastungsproblems. Und Plasser hat schon in der Vergangenheit eine Möglichkeit geschaffen, personelle Einschnitte abzuwenden.
Die Lösung liegt nur 500 Meter Luftlinie entfernt - in Form des 2023 fertiggestellten Luftfahrtwerks Kapfenberg. Dort verzeichnet Pankl - neben den für gute Auslastung sorgenden Geschäftsfeldern Rennsport und Luxussegment - gerade einen Boom. Statt in den Segmenten neue Mitarbeiter aufzunehmen, wurden 29 Fachkräfte in die umliegenden Pankl-Werke transferiert, davon rund zehn in das Luftfahrtwerk. Diese fertigen nun Leichtbau-Antriebskomponenten und -systeme für die Luftfahrtindustrie, darunter Hubschrauberbauteile und Triebwerkskomponenten für zivile und militärische Nutzung. Ein Vorteil, wenn wesentliche Standards - bis zum ERP - standortübergreifend umgesetzt sind. "Die Dokumentation ist vielleicht anders, aber ein Zerspaner zerspant Fahrzeug- und Luftfahrtkomponenten auf die gleiche Weise", sagt Plasser.
20 Millionen Euro spezifischer militärischer Umsatz
Der im Defence-Bereich zehn bis 15 Prozent Wachstum für das Unternehmen als realistisch erachtet. "Den militärischen Sektor haben wir vor zehn Jahren kaum beachtet, zumeist waren es Geschäfte, die im Zuge von zivilen Luftfahrtaufträgen mitgelaufen sind", sagt Plasser. Den spezifischen militärischen Umsatz - mit Lösungen für Militärfahrzeuge, Hubschrauber, Jets und Drohnen - beziffert er mit zumindest 20 Millionen Euro pro Jahr. Für das FARA-Programm der U.S. Army - genauer: den Helikopter Bell Invictus 360 - hat Pankl Aerospace Systems etwa am kalifornischen Standort Cerritos Mainrotor Masts gefertigt. Für französische und italienische Kunden würden die abgefragten Umfänge im Bereich Helikoptertechnologien aktuell zunehmen. "Das ist sehr positiv für uns, weil es natürlich einen Beschäftigungseffekt bringt", sagt Plasser.
Zyklen wie in Automotive
Wie schnell aber ist mit einer Sonderkonjunktur für Zulieferer zu rechnen, wenn die Amerikaner durch "ihren vorerst verbal vorgetragenen Rückzug" (O-Ton Plasser) Europa zu einer milliardenschweren Aufrüstungsinitiative stimulieren? "Ich erwarte mir einen noch viel stärkeren Aufbruch als er jetzt zu beobachten ist", sagt Plasser. Der Kapazitätsaufbau werde jetzt, wo Europa "nicht mehr länger moralische Großmacht mit erhobenem Zeigefinger" sein könne, wohl um einiges schneller gehen als bisher, um eine "glaubwürdige Verteidigung aufzustellen".
Was ihm auch für seine Branche Zuversicht gibt: Anders als in der traditionellen Luftfahrt, wo es zehn Jahre von Prototypenbau bis zum qualifizierten Produkt dauere, ginge es im militärischen Bereich schneller: "Da gibt es Zyklen wie in der Automotive-Industrie", so Plasser. Jedoch hinderlich: Österreichs Zerfaserung etwa bei Luftfahrtlösungen. "Warum brauchen wir so viele unterschiedliche Programme", fragt Plasser. Und nur, weil Europa gedenkt, Geld bereitzustellen, "heißt das im Umkehrschluss nicht, dass sich eine europäische Verteidigungsindustrie aufbaut, die auch in Österreich nennenswerte Spuren hinterlässt", sagt Plasser.
Er regt an, bürokratische Hürden abzubauen. Man sei über Scheinthemen vielerorts noch nicht hinausgekommen. "Warum gelingt es innerhalb der EU, Plastikflaschenverschlüsse zu regeln, aber keinen Binnenmarkt für europäische Verteidigung zu schaffen", sagt Plasser. Der sich wundert, eine Ausfuhrgenehmigung nach dem Kriegsmaterialgesetz zu benötigen, wenn ein militärisches Teil innerhalb Europas ausgeführt werden soll.

"Das Spiel über die Bande kann Erfolg bringen"
Will Österreich bei der Reeuropäisierung der Vergabeketten für Militärtechnik nicht leer ausgehen, sollte es - wie im Regierungsprogamm angekündigt - auf industrielle Kooperationen setzen, meint Reinhard Marak, Leiter der Stabsstelle Krisenmanagement und Sicherheitsvorsorge der Wirtschaftskammer Österreich.
Auch wenn der heimische militärische Sektor in den vergangenen Jahrzehnten an die Verhältnisse in Europa angepasst wurde und Produktionskapazitäten verloren gingen, sind Österreichs Hersteller von Militärtechnik laut Reinhard Marak für die europäische Verteidigungsindustrie ein nicht zu unterschätzender Faktor. "In der Mobilität sind wir einfach gut", sagt Marak. Ebenso im Bereich persönlicher Bewaffung, wo mit Glock bis Steyr Arms prominente Firmen vertreten sind. Und bei der Aufgabe, Daten in ein Lagebild zu bringen, ist Frequentis an der Spitze. Werden durch die milliardenschwere europäische Initiative "Bereitschaft 2030" nun Österreichs Verteidigungstechnikfirmen eine Sonderkonjunktur erfahren?
Dies hängt extrem von den Kaufentscheidungen des jeweiligen Heimatstaates ab, sagt Marak. Frankreich etwa betreibt konsequentes Nearshoring, für Österreich mit seiner spezialisierten Verteidigungswirtschaft ergeben sich jedoch durch industrielle Kooperationen Chancen: So würde man sich bei der Vergabe an nicht-österreichische Verteidigungslieferanten - etwa aus nationalen Sicherheitsgründen - gewisse Zulieferkapazitäten für österreichische Firmen vertraglich zusichern lassen. "Dieses Spiel über die Bande kann Erfolg bringen ", sagt Marak. Die Niederlande machen dies gerade bei der Beschaffung der Embraer KC-390 erfolgreich vor.

Volle Bücher
Wenn Julian Cassutti in die Auftragsbücher schaut, gibt das ein Vorgefühl dessen, was viele erwarten: "Von einem Superjahrzehnt der Defence-Industrie ist die Rede", sagt der CEO von Steyr Motors. Der Auftragsbestand bis 2027 des Motorenbauers aus Oberösterreich, dessen Antriebe in Defence-Spezialfahrzeugen, zivilen und militärischen Booten sowie als Hilfsaggregate - sogenannte APU - für Kampfpanzer und Loks Einsatz finden, ist auf fast 200 Millionen Euro angewachsen. Auch deshalb: Mit der Rheinmetall Landsysteme GmbH, einer Tochter des Rüstungskonzerns Rheinmetall, wurde eine mehrjährige Entwicklungs- und Liefervereinbarung getroffen. Die Motoren aus Steyr werden vermutlich in Kampfpanzern wie dem Panther verbaut, schreiben die "Oberösterreichischen Nachrichten".
Zuletzt vermeldete Steyr Motors den Abschluss eines Rahmenvertrags mit einem brasilianischen Kunden. „Darüber hinaus stehen weitere Verträge unmittelbar vor der Unterschrift, wodurch sich der Auftragsbestand für die Zeit nach 2027 um zusätzlich 150 Millionen Euro erhöhen würde”, heißt es bei Steyr Motors. Der "super cycle" dürfte also auch den Oberösterreichern, die namhafte Rüstungsunternehmen beliefern, einiges an Neugeschäft bringen. Knapp zwei Drittel des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen im militärischen Bereich. 2025 liegt die Produktionsmenge bei zumindest 1.250 Einheiten, das Jahr mit seiner starken Auslastung soll laut Cassutti "keine Eintagsfliege bleiben".
Das Unternehmen, dessen Börsenwert sich zuletzt in einem Monat verdoppelt hat, strebt ein Wachstum von rund 40 Prozent pro Jahr (Umsatz 2024: 41,7 Millionen Euro) und eine Vervierfachung des (Adjusted) EBIT bis 2027 an. Aber kann das Unternehmen, das nach seiner Sanierung heute mehrheitlich in Eigentum der Münchner Finanzinvestorengruppe Mutares steht und an dem die heimische Industriegruppe B&C als zweitgrößter Aktionär 9,9 Prozent hält, solches organisches Wachstum stemmen? Zumal mit diversen Kunden über Neuverträge verhandelt werde?
Planbare Größen
"Unser Geschäft ist extrem planbar - besser geht es gar nicht", sagt Cassutti dem INDUSTRIEMAGAZIN. Bis auf die exakten Stückzahlen heruntergebrochen gebe es langfristige, zumeist über fünf Jahre laufende Rahmenverträge, die für Planungssicherheit sorgen würden. Auch Wartungsverträge - für zehn Jahre angesetzt - würden für Stabilität sorgen. Pumpt die EU nun 800 Milliarden Euro in die Aufrüstung, "ist frühestens in zwölf oder 24 Monaten mit einer Aufragsorder zu rechnen", sagt der CEO.
Dank vorhandener Kapazitäten der Vergangenheit sei das Unternehmen "komfortabel in der Lage", seinen Output ohne wesentliche Investitionen - also ohne zusätzliche Capex-Kosten - mehr als zu verdoppeln. "Wir haben die Linien, wir haben den Platz", sagt Cassutti. Zusätzliche Schichten - 2025 fährt das Unternehmen einschichtig - könnten im Bedarfsfall eingezogen werden. Freilich bräuchte es dafür weitere Mitarbeiter. Rund zehn Personen wurden zuletzt eingestellt, der Personalstand beträgt 110. "In der Region haben leider einige Unternehmen mit der Konjunktur zu kämpfen, das kommt uns bei der Mitarbeitersuche entgegen", sagt Cassutti. Und: Man hatte selbst in der Restrukturierung "keine Probleme", Mitarbeiter zu finden.
Kein Massenvolumensproduzent
Freilich: Zu einem Massenvolumensproduzenten wolle sich das Unternehmen auch in Zukunft nicht wandeln. "Wir entwickeln und produzieren maßgeschneiderte individualisierte Zwei-, Vier- und Sechszylindermotoren", heißt es in Steyr. 60 Prozent gehen auf europäische Märkte, in Österreich hat man nur über Umwege Kundenaktivitäten: In einem Kooperationsprojekt wird im Himalayagebirge zusammen mit der Bundeswehr, Truppen der Niederlande und Schweiz ein neues Fahrzeug unter anderem für das österreichische Jagdkommando höhengetestet. "Da ist der Motor ein Herzstück", sagt Cassutti.
Usancen der Rüstungsindustrie
Palfinger rüstet Bergefahrzeuge des Österreichischen Bundesheers mit Ladekranen aus und liefert ganz aktuell Slipway-Systeme für die singapurische Marine - eine Technologie, die das sichere Aussetzen und Wiedereinholen von Booten auf See möglich macht. Unter fünf Prozent des Konzernumsatzes - einen zweistelligen Millionenbetrag - erwirtschaftet der Technologie- und Kranhersteller derzeit mit der Verteidigungsgüterindustrie. Es wird aller Voraussicht nicht dabei bleiben: Seit dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine 2022 und auch aufgrund anderer Projekte wird Palfinger im Defense-Bereich "überproportional" wachsen, erzählt Gerhard Sturm, Senior Vice President Global Sales & Service.
"Die Ausschreibungen sind alles entscheidend - es geht um Null oder Eins", sagt Klaus Schreiber, Vice President Sales & Service Marine and Special Solutions, der die Zuspitzung bewusst wählt. Denn geht ein Kunde in diesem Segment verloren, "ist dieser mitunter auf Jahrzehnte verloren". Er verantwortet seit April 2024 den Marine & Defense-Bereich des Unternehmens. Sein Vorgesetzter ist Gerhard Sturm. Folgerichtig kennen die Herren die Usancen der Rüstungsindustrie, zusammen haben sie schon Aufträge zu See und Land verbuchen können.
Palfinger hat jedoch einiges in die Waagschale zu werfen. "Wir servicieren auch selbst, was dem Kunden Sicherheiten und uns zusätzliches Geschäftsvolumen bringt", sagt Gerhard Sturm. Der Aufbau eines 150 Milliarden Euro schweren EU-Rüstungsfonds lässt jetzt hoffen: Inhaltlich könnte dieser in infrastrukturelle Bereiche wie die Brückeninstandsetzung oder den Flughafenbetrieb hineinwirken. "Bereiche, wo wir mit unseren bewährten zivilen Standardlösungen gut aufgestellt sind", sagt Sturm.
Globales Shiften von Kapazitäten
Wie aber managt das Unternehmen Kapazitäten? Nicht erst seit der Weigerung der USA, in der Ukraine im selben Ausmaß Verteidigungsaufgaben zu übernehmen wie bisher, ist Palfinger noch enger auf Tuchfühlung zu Systemhäusern, etwa Fahrzeugintegratoren oder Werften aus dem militärischen Bereich gegangen. "Es gibt einfach viel mehr Aktivitäten heute als noch vor einigen Jahren", sagt Klaus Schreiber.

Mehr Defense-Geschäft
Trumps Politik lasse vermuten, dass noch mehr Defense-Geschäft komme. Dezidierte Produktionsstandorte für Defense-Produkte gebe es in der Palfinger-Welt nicht. Ein militärischer Ladekran sei vom Stahlbau und der Zylinderfertigung her ident aufgebaut zu seinem zivilen Pendant - und könne je nach Auslieferungsort an verschiedenen Standorten gefertigt werden. "Wir shiften je nach unseren Bedarfen global", sagt Gerhard Sturm. Insbesondere Steuerungstechnik und Lackierung seien größere Differenzierungsmerkmale. Letztere erfolgt beispielsweise in Österreich und Frankreich domizilierten Speziallackieranlagen.
Ansonsten gilt, was auch bei anderen militärischen Zulieferern gilt: Das Defense-Geschäft "sei Dank des Vor- und Nachlaufs sehr gut planbar in der Exekution", sagt Klaus Schreiber. Und anders als vielleicht Marktbegleiter praktiziere man auf hohem Niveau vertikale Integration. "Nachfrageschwankungen in der Bauwirtschaft lassen sich durch Defense-Aufträge glätten - und umgekehrt", sagt Schreiber.
Ebenfalls wichtig: Im Hintergrund derartiger Defense-Aufträge die Organisation in ihren Tiefenstrukturen wirken zu lassen. Anders gesagt: Es brauche Spezialisten, die sich beispielsweise auf Exportkontrollbestimmungen verstehen. "Als Leitbetrieb können wir uns kein Exportvergehen leisten", sagt Sturm.

"Es bleiben choke points"
Mehr Spezialisten in Verwaltung, eine Lösung für die Lagerhaltung von für die Waffenproduktion kritischen Rohstoffen: Was es für Europas Aufrüstungsvorhaben braucht, sagt der Consultant Mark P. Pfeiffer.
Wer mit Mark P. Pfeiffer über Aufrüstungstendenzen in Europa spricht, hört von ihm irgendwann den Satz, es mit einer "verteufelt komplizierten Branche" zu tun zu haben. Und er übertreibt wohl nicht: Zugang in die für Außenstehende regelrecht versiegelte Rüstungsgüterindustrie finden nach den Aussagen des Beraters für Aerospace und Defence lediglich Leute mit makellosem Werdegang, die auch damit umgehen können müssen, regelmäßig mit Anwürfen wie Kriegsprofiteur oder schlimmer konfrontiert zu werden, weil man in dieser Branche arbeitet.
Auf der Geschäftsmodellebene bleibt es komplex: Je mehr ein Staat beschafft, umso mehr Spezialisten im Beschaffungssapparat werden benötigt. Verteidigungsministerin Tanner habe die jahrzehntelange Reduzierung des Wehretats gestoppt, bei Aufrüstung ist derzeit schon aufgestockt worden und bei einer weiteren Erhöhung bräuchte es wohl dennoch mehr Personal im Staatsdienst: Das seien Experten ihres Fachs, studierte Maschinenbauer, Luftfahrttechniker, Mathematiker oder Physiker, "die dazu noch für eine viel breitere Vielfalt an Systemen eine Expertise haben müssen", sagt Pfeiffer.
Besonders die Ukraine zeige, dass eine große Vielfalt an Wirkmitteln und Systemen notwendig ist, um das Land zu verteidigen. "Wenn ich diese also beschaffen möchte, müssen die Mitarbeiter der Rüstungsdirektion entsprechend wissen, was in welcher Qualität, Quantität und mit welchen Attributen beschafft werden soll, damit sich Unternehmen entsprechend bewerben können und diese Güter dann zur Verfügung stehen", sagt Pfeiffer. Es blieben mit Blick auf die milliardenschwere EU-Initiative "Bereitschaft 2030" auch weitere choke points. Etwa jener, wie Europa Rohstoffe für Waffentechnologien konsistent produzieren könne. Wolfram, bei Waffen und Panzerungen im Einsatz, ist ein Beispiel, bei dem mehrheitlich die Vorkommen in China angezapft werden. "In Teilen Europas ist es untersagt, ohne einen entsprechenden Produktionsauftrag sich diese und andere kritische Materialien auf Lager zu legen", sagt Pfeiffer.
Was die schnelle Konversion klassischer Produktionsstrukturen in Rüstungsfertigung angeht, ist er zuversichtlicher: Ein alternatives Nutzungsspektrum der Auto-, Chemie- und Arzneimittelproduktion kann relativ schnell gehen, ab dem Moment, ab dem ein solches entfesselt werde.

Erweiterung der Produktion
Gut gefüllte Auftragsbücher verzeichnete zuletzt der Tiroler LKW-Aufbauhersteller Empl Fahrzeugwerk. Bereits Ende 2024 ging der 500. von Empl aufgebaute Unimog U5000 an den Depotdienst der litauischen Streitkräfte in Kaunas. Große Stückzahlen von verwindungsfreien Containerrahmen nimmt die deutsche Bundeswehr ab. Und bereits 2023 wurde ein Deal mit dem Österreichischen Bundesheer besiegelt, der dem Kaltenbacher Hersteller von maßgeschneiderten LKW-Aufbauten und Anhängern Auslastung bis 2028 beschert: Die Tiroler wurden mit mehr als 800 Wechselaufbauten und über 850 Lkw-Ausrüstungen zur Aufnahme der Aufbauten sowie weiteren Umbauten beauftragt. Heuer strebt Empl 200 Millionen Euro Umsatz an, zuletzt wurden über zehn Millionen Euro in die Erweiterung der Produktion investiert.
"Die Masse der Regierungs-Aufträge im Bereich Sicherheit und Verteidigung wird derzeit in Zentraleuropa vergeben", sagt der geschäftsführende Gesellschafter Joe Empl. Der Forecast des Unternehmens sei zufriedenstellend: „Wenn sich die Amerikaner außenpolitisch aus Europa zurückziehen und die EU aufrüsten müsse, seien für den Tiroler Betrieb auch in der Zukunft Möglichkeiten vorhanden, Aufträge zu lukrieren", sagt Empl.
Lohnfertiger unter Druck
Die wirtschaftlichen Bedingungen in Europa seien infolge des fortwährenden Krieges in der Ukraine jedoch schlecht: Zum humanen Leid kommt eine Reihe an negativen Begleiterscheinungen wie Lieferkettenprobleme und Kostensteigerungen, die bei Lohnfertigern, die von der kriselnden Automotive-Industrie nicht mehr länger mit lukrativen Aufträgen versorgt werden, voll durchschlagen. "Wir spüren, dass händeringend nach neuen Betätigungsfeldern auch innerhalb des Bereichs Defence gesucht wird", sagt Empl. Und tatsächlich ergeben sich unter anderem auch Chancen für Metallbearbeiter, Schweißer und Lackierer. Denn: wurden schon bisher bei Auftragsspitzen kleinere Schlossereibetriebe eingebunden, könnte ein höheres Maß an Outsourcing für Empl in den nächsten Jahren zum neuen Normal werden.
"Werden größere Stückzahlen abgerufen, erhöhen wir - regional und österreichweit - den Auslagerungsgrad", sagt Empl. Das liegt auch daran, dass der Fahrzeugtechnikhersteller in den eigenen Hallen gar nicht so gern voll auf Anschlag produziert. "Einem langjährigen Kunden zu sagen, ich bin für drei Jahre voll, geht in der Branche einfach nicht", sagt Empl. Es gilt daher, für kurzfristige Aufträge entsprechende Reserven vorzuhalten.
Vorsichtiger Ausblick
Da die zivile Produktsparte derzeit von der Bauflaute betroffen ist und somit für weniger Grundauslastung sorgt, ist Empl froh, dem Bundesheer Fahrzeuge liefern zu dürfen und so Arbeitsplätze zu erhalten. CEO Joe Empl lässt allerdings bei Ankündigungen wie jener rund um Europas milliardenschwerer ReArm-Initiative, dass nun vielfach Neugerät in der militärischen Kette nachgeschoben wird, eher Vorsicht walten. "Die Inhalte, die wir ja erst aus den Schlagzeilen kennen, müssen sich erst konkretisieren", sagt Empl. Der sich für den Aufbau und Modernisierung von Sicherheitskräften in Europa freilich eine einheitliche Vorgangsweise wünscht: "Nur eine enge Zusammenarbeit der europäischen Länder ist die Garantie für ein zukünftig starkes Europa.", sagt er.
Und es brauche Tempo. So beschäftigt ihn nicht nur die Frage, wie schnell Empl selbst in der Lage ist, die benötigten Aufbauten herzustellen, sondern auch, wie schnell militärische Einsatzfahrzeuge generell produziert werden können und ob im Notfall etwa auf zivile oder teilmilitarisierte Fahrgestelle ein Zugriff erfolgen könne.

Fabrik in unter zwölf Monaten
Im schnellen Hochskalieren von Fertigungskapazitäten hat Friedrich Ringer - vormals Chef der Steyr Daimler Puch-Niederlassung in Saudi Arabien und heute Inhaber der STEYR Trucks Sales and Services International GmbH (STI Steyr, Anm.) mit Sitz im Traunviertel - so seine Erfahrungen. 2001 ging im Zuge des Teilverkaufs von Steyr Daimler Puch an Magna der Unternehmenszweig in Saudi-Arabien in sein Eigentum über. Seither hat er mit seiner Frau Judith - sie managt heute den Österreich-Standort der STI Steyr im oberösterreichischen Waldneukirchen - nicht nur mehrere Tausend Stück Spezial-Lkw, von mobilen Krankenstationen bis zum Truppentransporter, nach Arabien exportiert. Vor Ort wurde auch bestehendes Gerät instand gesetzt.
So hat das Unternehmen zwischen 2009 und 2014 nicht weniger als 2.500 Fahrzeuge der Type Steyr-Puch Pinzgauer im arabischen Raum modernisiert. "Dafür zogen wir in Riad in unter zwölf Monaten eine eigene Fabrik hoch", erzählt Judith Ringer. Lieferanten mussten gesucht und Werkzeuge für die Ersatzteilproduktion und Fahrzeugmontage konstruiert werden. Auch demnächst könnte es für das Unternehmen, das im Geschäftszweig Spezial- und Sondermaschinen für die Straßensanierung nach eigenen Angaben trotz Infrastrukturkrise stabile Umsätze erwirtschaftet, im Defence-Bereich wieder schnell gehen müssen.
Der Zulieferer rechnet sich Chancen aus, bei der Vergabe künftiger Rüstungsaufträge "mitpartizipieren zu können", sagt Ringer. Angesichts einer sich verändernden Weltordnung sei es unerlässlich, sich als Europa selbständiger zu machen. Österreichische Unternehmen sollten dabei sein: "Es braucht Referenzen aus dem eigenen Land", sagt sie.
Weiterer STI-Standort?
Schnell Produktionskapazitäten in der 3,5 und 7,5 Tonnen Gewichtsklasse hochzufahren wäre etwa dann erforderlich, wenn STI Steyr für die Produktion eines Nachfolgefahrzeuges des Steyr-Puch Pinzgauers sowie des Puch G zum Zug käme. Ein solches hochgeländegängiges Allradfahrzeug wurde für das Österreichische Bundesheer von der BBG vor einiger Zeit ausgeschrieben. "Erste Tests mit unserem Fahrzeug LMV 4x4 - vom Blackhawk transportabel - liefen erfolgreich", sagt Ringer. Sie hofft, dass es bald zu einer Entscheidung kommt. Aktuell arbeitet STI Steyr daran, den Standort Waldneukirchen - derzeit mit 21 Mitarbeitern auf Engineering und Prototypenabnahmen spezialisiert - ebenfalls für die Produktion von Spezialfahrzeugen auszubauen. „Wir wollen damit auch am österreichischen – und mittelfristig europäischen – Markt Fuß fassen", heißt es im Unternehmen.
Denn nicht nur für den Angriffsfall, sondern auch den Katastrophenfall werden gute geländegängige Fahrzeuge gebraucht. Es sei auch durchaus realistisch, dass in der Nähe von Waldneukirchen in naher Zukauft ein weiterer STI-Standort in Österreich entsteht. "Wir sind ja keine Newcomer und Arbeitsinhalte wie die Montage lassen sich schnell umsetzen", sagt Ringer. Das sei kein Projekt, bei dem es hieße, in drei Jahren fange ich an zu bauen. "Wenn es erforderlich ist, können wir in neun Monaten produzieren". Ein richtiger Expansionsschritt also, für den man gedenkt, auf 100 Personen aufzustocken und ein Millioneninvest zu tätigen. Denn gute Gespräche führe man aktuell auch mit den potenziellen Abnehmern Großbritannien oder Griechenland.
