Big Tech gegen Staaten : Amazon, Microsoft und Nvidia: Wie Tech-Konzerne zur neuen Weltmacht werden
Amazon, Microsoft und Nvidia treiben den globalen KI-Boom mit Milliardeninvestitionen in Cloud, Chips und Rechenzentren voran – und machen digitale Infrastruktur zur neuen Machtfrage.
- © FM Forum IndustriemedienJahrhundertelang waren Staaten die zentralen Akteure der Weltpolitik. Sie bestimmten Gesetze, kontrollierten Territorien, erhoben Steuern und entschieden über Krieg und Frieden. Große Unternehmen beeinflussten zwar schon immer politische Entscheidungen, doch die letztendliche Autorität lag zumindest formal bei den Regierungen.
Dieses Machtgefüge gerät zunehmend unter Druck. Die größten Technologiekonzerne der Welt verfügen mittlerweile über finanzielle Ressourcen, technische Infrastrukturen und internationale Einflussmöglichkeiten, die in einzelnen Bereichen jene vieler Staaten übertreffen. Unternehmen wie Amazon, Microsoft, Alphabet, Meta und Nvidia sind längst mehr als gewöhnliche Wirtschaftsunternehmen. Sie betreiben digitale Systeme, auf die Behörden, Unternehmen und Milliarden Menschen angewiesen sind.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!
Künstliche Intelligenz: Wer kontrolliert die wichtigste Technologie der Zukunft?
Besonders deutlich wird diese Entwicklung beim Aufstieg künstlicher Intelligenz. KI gilt als eine der entscheidenden Technologien der kommenden Jahrzehnte. Sie könnte die industrielle Produktion revolutionieren, medizinische Forschung beschleunigen, Verwaltungsprozesse verändern und zahlreiche Tätigkeiten automatisieren. Doch die Grundlagen dieser technologischen Revolution entstehen überwiegend nicht in öffentlichen Forschungseinrichtungen, sondern in den Rechenzentren und Entwicklungslaboren privatwirtschaftlicher Unternehmen.
Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Wer besitzt künftig die tatsächliche Macht – demokratisch legitimierte Regierungen oder jene Konzerne, die über die wichtigsten Technologien und Infrastrukturen verfügen?
Amazon und Anthropic bauen eines der größten KI-Rechenzentren der Welt
Wie weit die Verschiebung bereits fortgeschritten ist, zeigen die gewaltigen Investitionen der Technologiebranche. In der Nähe der amerikanischen Kleinstadt New Carlisle im Bundesstaat Indiana entsteht eine der bedeutendsten Infrastrukturen für künstliche Intelligenz. Unter dem Namen „Project Rainier“ hat Amazon gemeinsam mit dem KI-Unternehmen Anthropic einen riesigen Verbund leistungsfähiger Rechenzentren aufgebaut.
Bereits im Oktober 2025 meldete Amazon die Inbetriebnahme eines KI-Rechenclusters mit nahezu 500.000 selbst entwickelten Trainium2-Chips. Diese Prozessoren dienen dazu, komplexe KI-Modelle zu trainieren und zu betreiben. Im April 2026 erklärte Anthropic, bereits mehr als eine Million dieser Chips für seine KI-Systeme einzusetzen.
Das Unternehmen kündigte außerdem an, im Rahmen einer erweiterten Zusammenarbeit über zehn Jahre mehr als 100 Milliarden Dollar für Technologien und Rechenkapazitäten von Amazon Web Services aufzuwenden. Die Vereinbarung sieht eine mögliche zusätzliche Rechenkapazität von bis zu fünf Gigawatt vor.
Diese Größenordnungen verdeutlichen, wie kapitalintensiv die Entwicklung künstlicher Intelligenz geworden ist. Wer leistungsfähige KI-Systeme entwickeln möchte, benötigt nicht nur talentierte Wissenschaftler, sondern auch enorme Mengen an Rechenleistung, Energie und Kapital.
772 Milliarden Dollar: Der KI-Wettlauf wird zur Machtfrage
Für kleinere Unternehmen und viele öffentliche Forschungseinrichtungen wird es dadurch zunehmend schwieriger, unabhängig mit den führenden Konzernen zu konkurrieren. Laut Analystenschätzungen des Handelsblattes könnten Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta im Jahr 2026 zusammen rund 772 Milliarden Dollar investieren. Zum Vergleich: Die staatlichen Bruttoanlageinvestitionen Deutschlands beliefen sich im Jahr 2025 auf umgerechnet rund 171 Milliarden Dollar.
Zwar sind staatliche Anlageinvestitionen und Unternehmensinvestitionen unterschiedlich definiert und deshalb nur eingeschränkt vergleichbar. Doch die Gegenüberstellung macht deutlich, wie stark die finanzielle Gestaltungskraft einzelner Konzerne mittlerweile gewachsen ist.
Während demokratische Regierungen über Haushalte verhandeln, parlamentarische Mehrheiten organisieren und unterschiedliche gesellschaftliche Interessen berücksichtigen müssen, können Unternehmensführungen Investitionen innerhalb ihrer wirtschaftlichen und rechtlichen Handlungsspielräume wesentlich konzentrierter vorantreiben.
Geschwindigkeit wird dadurch selbst zu einem Machtfaktor.
Der Investitionsvergleich zeigt die neue Größenordnung des KI-Wettlaufs: Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta kommen beim Capex 2026 zusammen auf hunderte Milliarden US-Dollar – und rücken damit in eine Dimension vor, die mit den Bruttoanlageinvestitionen großer Volkswirtschaften vergleichbar wird.
- © FM Forum IndustriemedienCloud, Daten, KI: Warum Staaten von Tech-Konzernen abhängig werden
Der Einfluss der Technologiekonzerne beschränkt sich längst nicht mehr auf ihre Produkte. Entscheidend ist ihre Kontrolle über die Infrastruktur, auf der große Teile der digitalen Wirtschaft beruhen. Amazon betreibt mit AWS eine der weltweit bedeutendsten Cloudplattformen. Microsoft bietet mit Azure ebenfalls zentrale Rechen- und Speicherdienstleistungen an. Google verfügt neben seiner Suchmaschine über ein umfangreiches Cloudgeschäft und eigene KI-Technologien.
Unternehmen, Universitäten und öffentliche Einrichtungen nutzen diese Dienste, um Daten zu speichern, Software zu betreiben und KI-Anwendungen zu entwickeln. Daraus entstehen Abhängigkeiten, die weit über gewöhnliche Geschäftsbeziehungen hinausgehen.
Wer seine technischen Systeme auf der Infrastruktur eines bestimmten Anbieters aufbaut, kann häufig nicht ohne erhebliche Kosten zu einem Konkurrenten wechseln. Komplexe Softwarearchitekturen, proprietäre Schnittstellen und langfristige Vertragsbeziehungen erschweren den Wechsel.
Für Staaten entsteht dadurch ein strategisches Problem: Sie können zwar politische Entscheidungen über die Digitalisierung treffen, bleiben bei deren Umsetzung jedoch teilweise auf privat kontrollierte Technologien angewiesen.
Diese Abhängigkeit bedeutet nicht, dass Unternehmen rechtlich über Staaten stehen. Regierungen können Gesetze erlassen, Steuern erheben, Beschaffungsverträge kündigen oder Unternehmen regulieren. Doch solche Instrumente lassen sich nicht immer rasch oder ohne wirtschaftliche Folgen einsetzen. Die praktische Macht eines Konzerns zeigt sich deshalb weniger darin, dass er staatliche Autorität ersetzt, sondern darin, dass er die Handlungsmöglichkeiten von Staaten beeinflussen kann.
Amazon, Google und Microsoft: Die Gewinne hinter der neuen Tech-Macht
Eine wichtige Grundlage dieser Entwicklung ist der enorme wirtschaftliche Erfolg der großen Technologieunternehmen. Amazon erzielte im Geschäftsjahr 2025 nach eigenen veröffentlichten Unternehmenszahlen einen Umsatz von 716,9 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn betrug rund 77,7 Milliarden Dollar. Allein die Cloud-Sparte AWS erwirtschaftete einen Jahresumsatz von 128,7 Milliarden Dollar und ein operatives Ergebnis von 45,6 Milliarden Dollar.
Diese Zahlen zeigen, welche finanziellen Ressourcen bereits bestehende Geschäftsmodelle für neue Investitionen bereitstellen.
Auch andere Technologiekonzerne profitieren von Geschäftsbereichen, in denen sie eine besonders starke Marktstellung besitzen. Google ist ein zentraler Akteur bei Internetsuche und digitaler Werbung. Microsoft erzielt erhebliche Einnahmen mit Unternehmenssoftware und Cloudlösungen. Meta betreibt einige der größten sozialen Netzwerke der Welt.
Die dabei entstehenden Gewinne ermöglichen Investitionen in neue Märkte, Forschungseinrichtungen und strategisch wichtige Technologien.
Nvidia: Warum der Chipriese zum Schlüsselkonzern der KI-Welt wird
Besonders bemerkenswert ist auch die Entwicklung des Chipkonzerns Nvidia. Seine Grafikprozessoren bilden eine zentrale technische Grundlage vieler leistungsfähiger KI-Systeme. Mit der steigenden Nachfrage nach Rechenleistung gewann das Unternehmen eine herausragende Stellung innerhalb der globalen Technologiebranche.
Aktuell wird der Börsenwert von Nvidia mit rund 5,4 Billionen Dollar angegeben. Diese Bewertung ist allerdings eine zeitabhängige Momentaufnahme, keine dauerhaft verfügbare Geldsumme. Ein Börsenwert lässt sich auch nicht unmittelbar mit dem Bruttoinlandsprodukt eines Staates gleichsetzen. Während die Marktkapitalisierung den aktuellen Marktwert sämtlicher Aktien beschreibt, misst das Bruttoinlandsprodukt die innerhalb eines Jahres erbrachte Wirtschaftsleistung.
Trotzdem veranschaulichen solche Zahlen die Bedeutung der Technologiekonzerne für die internationalen Kapitalmärkte. Wer über enorme Unternehmensgewinne, einen hohen Börsenwert und einen breiten Zugang zu Kapital verfügt, kann die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Branchen beeinflussen.
Microsoft gegen die USA: Wenn ein Konzern kreditwürdiger wirkt als der Staat
Wie ungewöhnlich die neue Machtverteilung geworden ist, zeigt ein Blick auf die Kreditmärkte.
Am 16. Mai 2025 stufte die internationale Ratingagentur Moody’s die langfristige Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten von der Bestnote Aaa auf Aa1 herab. Als wesentliche Gründe galten die steigende Staatsverschuldung und die langfristige Belastung der öffentlichen Finanzen.
Microsoft zählt dagegen zu den Unternehmen, denen Moody’s die höchste Kreditwürdigkeitsnote Aaa zuschreibt.
Damit kann ein privatwirtschaftlicher Technologiekonzern aus Sicht der Ratingagentur ein geringeres Kreditrisiko aufweisen als die Regierung der mächtigsten Volkswirtschaft der Welt.
Diese Bewertung bedeutet nicht, dass Microsoft politisch mächtiger wäre als die Vereinigten Staaten. Ein Staat verfügt über hoheitliche Befugnisse, die Unternehmen nicht besitzen. Außerdem beeinflussen unterschiedliche Risiken und Bewertungsmaßstäbe die Kreditratings.
Dennoch hat eine hohe Bonität wirtschaftliche Vorteile. Sie kann Unternehmen den Zugang zu Kapital erleichtern und besonders günstige Finanzierungsbedingungen ermöglichen.
Das verstärkt einen bereits bestehenden Kreislauf: Hohe Gewinne verbessern die finanziellen Möglichkeiten, günstiges Kapital erleichtert neue Investitionen, und neue Infrastruktur kann wiederum die Marktposition stärken.
Für kleinere Wettbewerber wird es unter solchen Bedingungen schwieriger, mit den dominierenden Unternehmen Schritt zu halten.
KI-Rechenzentren: Warum künstliche Intelligenz immer mehr Strom braucht
Die wachsende Macht der Technologiekonzerne betrifft inzwischen auch einen Bereich, der traditionell zu den Kernaufgaben staatlicher Infrastrukturpolitik gehört: die Energieversorgung. Künstliche Intelligenz benötigt enorme Rechenkapazitäten. Diese wiederum verbrauchen große Mengen Strom. Für die Kühlung der Anlagen werden zusätzliche Energie und je nach Technologie auch Wasser benötigt.
Die Internationale Energieagentur (IEA) bezifferte den weltweiten Stromverbrauch von Rechenzentren für 2024 auf rund 415 Terawattstunden. In ihrem Bericht „Energy and AI“ aus dem Jahr 2025 prognostizierte sie für 2030 einen Anstieg auf ungefähr 945 Terawattstunden.
Das wäre mehr als eine Verdoppelung innerhalb von sechs Jahren.
Die Prognose ist allerdings mit Unsicherheiten verbunden. Wie stark der Energieverbrauch tatsächlich steigen wird, hängt unter anderem vom Ausbau der KI, technischen Effizienzsteigerungen und der verfügbaren Energieinfrastruktur ab. Trotzdem sind die politischen Folgen erheblich.
Stromnetze, Standorte, Genehmigungen: Wie KI-Rechenzentren Regionen verändern
Wenn große Rechenzentren entstehen, müssen Stromnetze ausgebaut und zusätzliche Erzeugungskapazitäten bereitgestellt werden. Gemeinden und Regionen stehen vor der Frage, wie sie den Bedarf neuer Industrieanlagen mit den Interessen ihrer Bevölkerung und anderer Unternehmen vereinbaren.
Private Investitionsentscheidungen können somit weitreichende Auswirkungen auf die öffentliche Infrastrukturplanung haben.
Das schafft ein neues Spannungsverhältnis: Während Technologiekonzerne über Standortentscheidungen und Investitionssummen bestimmen, müssen staatliche Stellen sicherstellen, dass Stromversorgung, Netze und Genehmigungsverfahren funktionieren.
Die Kosten und Vorteile solcher Projekte sind dabei keineswegs automatisch gleich verteilt.
Google, Meta und Amazon: Die Macht über Daten wird zur Demokratiefrage
Neben Kapital und Infrastruktur verfügen Technologiekonzerne über eine weitere strategisch wichtige Ressource: Daten. Milliarden Menschen nutzen täglich Suchmaschinen, soziale Netzwerke, digitale Marktplätze und Kommunikationsplattformen. Dabei entstehen Informationen über Interessen, Konsumverhalten und gesellschaftliche Entwicklungen.
Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Shoshana Zuboff hat diese Form der wirtschaftlichen Datennutzung mit dem Begriff „Überwachungskapitalismus“ beschrieben. Ihre zentrale Kritik richtet sich gegen Geschäftsmodelle, die menschliches Verhalten systematisch erfassen, auswerten und teilweise zur Vorhersage oder Beeinflussung künftiger Entscheidungen nutzen. Besonders problematisch wird diese Entwicklung, wenn wirtschaftliche und gesellschaftliche Informationsmacht zusammenfallen.
Digitale Plattformen beeinflussen, welche Nachrichten Menschen sehen, welche Produkte sie finden und welche Inhalte öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Die Unternehmen bestimmen dabei innerhalb gesetzlicher Grenzen über technische Regeln, Empfehlungsalgorithmen und die Gestaltung ihrer Plattformen.
Das kann Auswirkungen auf demokratische Debatten haben. Wer darüber entscheidet, welche Informationen sichtbar werden und welche Reichweite sie erzielen, besitzt eine erhebliche gesellschaftliche Gestaltungsmacht.
Damit entsteht eine Herausforderung für Demokratien: Die Regeln öffentlicher Kommunikation werden zunehmend auch durch private Unternehmen geprägt, deren Führungskräfte nicht durch demokratische Wahlen legitimiert sind.
Digitale Souveränität: Warum ärmere Staaten im KI-Zeitalter abhängig werden könnten
Die Konzentration technologischer Ressourcen hat zudem eine internationale Dimension. Nicht alle Länder verfügen über die finanziellen Mittel, um eigene leistungsfähige KI-Modelle, Halbleiterindustrien oder große Rechenzentren aufzubauen. Staaten mit geringerer Wirtschaftskraft laufen dadurch Gefahr, dauerhaft von Technologien abhängig zu bleiben, deren Entwicklung und Bedingungen sie kaum beeinflussen können.
Diese Sorge wurde auch bei den Vereinten Nationen deutlich. Im September 2026 forderten Vertreter mehrerer Entwicklungs- und Schwellenländer eine stärkere Beteiligung an der internationalen Gestaltung künstlicher Intelligenz.
Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters warnten sie davor, dass KI bestehende globale Ungleichheiten verschärfen könnte, wenn vor allem wohlhabende Staaten und mächtige Unternehmen die maßgeblichen Standards bestimmen.
Dabei geht es um mehr als einen gerechten Zugang zu neuen Produkten. Es geht um die Frage, wer über die Regeln entscheidet, nach denen KI-Systeme eingesetzt werden, wie ihre Risiken bewertet werden und welche gesellschaftlichen Interessen bei ihrer Entwicklung berücksichtigt werden.
Gerade für Länder ohne eigene große Technologieindustrie könnte der Zugang zu unabhängiger digitaler Infrastruktur künftig zu einer Frage wirtschaftlicher Souveränität werden.
AI Act und Digital Markets Act: Wie Europa die Macht von Big Tech begrenzen will
Die wachsende Konzernmacht ist allerdings kein unumkehrbarer Prozess. Staaten besitzen weiterhin Instrumente, um wirtschaftliche Macht zu begrenzen und Wettbewerb zu schützen. Ein wichtiges Beispiel liefert die Europäische Union.
Mit dem Digital Markets Act (DMA) hat sie Regeln für besonders mächtige digitale Plattformunternehmen geschaffen. Diese sogenannten Gatekeeper unterliegen speziellen Verpflichtungen, die einen faireren Wettbewerb ermöglichen sollen.
Unter anderem dürfen sie eigene Angebote nicht unzulässig gegenüber konkurrierenden Dienstleistungen bevorzugen. Bei Verstößen können Bußgelder von bis zu zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes verhängt werden. Bei wiederholten Verstößen sind sogar bis zu 20 Prozent möglich.
Auch die Regulierung künstlicher Intelligenz wurde in Europa vorangetrieben.
Der europäische AI Act verpflichtet Anbieter bestimmter universell einsetzbarer KI-Modelle unter anderem zu technischer Dokumentation, urheberrechtlichen Maßnahmen und Informationen über die verwendeten Trainingsinhalte. Für besonders leistungsfähige Modelle mit systemischen Risiken gelten zusätzliche Sicherheitsanforderungen.
Die entsprechenden Pflichten für Anbieter solcher Modelle traten grundsätzlich am 2. August 2025 in Anwendung. Seit August 2026 kann die Europäische Kommission die vollständige Einhaltung der einschlägigen Vorschriften gegenüber erfassten Anbietern neuer Modelle auch mit Sanktionen durchsetzen. Für ältere Modelle bestehen Übergangsregelungen.
USA gegen Amazon: Warum Wettbewerbsrecht im digitalen Zeitalter neu gedacht wird
Auch in den Vereinigten Staaten gibt es seit Jahren Bestrebungen, die Macht großer Technologieunternehmen wettbewerbsrechtlich zu begrenzen. Eine zentrale Persönlichkeit dieser Debatte ist Lina Khan, die von 2021 bis 2025 die amerikanische Wettbewerbsbehörde Federal Trade Commission leitete.
Bereits 2017 hatte sie in ihrer wissenschaftlichen Arbeit „Amazon’s Antitrust Paradox“ die Frage aufgeworfen, ob traditionelle wettbewerbsrechtliche Maßstäbe ausreichen, um die Macht digitaler Plattformen angemessen zu erfassen.
Unter ihrer Führung verklagte die FTC im September 2023 gemeinsam mit mehreren Bundesstaaten Amazon. Die Behörde warf dem Unternehmen vor, seine Marktstellung durch wettbewerbswidrige Praktiken abzusichern. Dabei handelt es sich um Vorwürfe der Wettbewerbsbehörde, nicht um einen allein durch die Klage bewiesenen Rechtsverstoß.
Der Fall veranschaulicht, wie schwierig es geworden ist, wirtschaftliche Macht in digitalen Märkten zu bewerten. Denn niedrige Verbraucherpreise allein bedeuten nicht zwangsläufig, dass ein Markt ausreichend Wettbewerb bietet. Entscheidend können auch Marktzutrittsschranken, Abhängigkeiten von Plattformen und die Kontrolle über wichtige Infrastruktur sein.
KI-Fortschritt oder Kontrollverlust: Das Dilemma moderner Demokratien
Die Entwicklung zeigt ein grundlegendes Dilemma moderner Gesellschaften. Einerseits schaffen große Technologiekonzerne Innovationen, finanzieren Forschung und entwickeln Produkte, die wirtschaftlichen Fortschritt ermöglichen. Ihre Investitionen können neue Arbeitsplätze schaffen, die Produktivität erhöhen und wissenschaftliche Entwicklungen beschleunigen.
Andererseits entsteht durch die Konzentration von Kapital, Daten, Rechenleistung und technischem Wissen eine Machtfülle, die demokratische Institutionen vor erhebliche Herausforderungen stellt.
Die Antwort kann deshalb kaum darin bestehen, technologische Innovation grundsätzlich zu verhindern. Vielmehr müssen Staaten dafür sorgen, dass Fortschritt nicht zwangsläufig zu dauerhaften Abhängigkeiten führt. Dazu gehören wirksame Wettbewerbsregeln, offene technische Standards, unabhängige Forschungseinrichtungen und öffentliche Investitionen in digitale Infrastruktur.
Ebenso wichtig ist die Frage, wer gesellschaftlich von den Erträgen künstlicher Intelligenz profitiert. Wenn Automatisierung Tätigkeiten verändert oder Arbeitsplätze ersetzt, entstehen neue Anforderungen an Bildung, soziale Sicherung und die Verteilung wirtschaftlicher Gewinne.
OpenAI-Chef Sam Altman und andere Technologieunternehmer haben in diesem Zusammenhang Modelle diskutiert, mit denen Bürger stärker an den wirtschaftlichen Vorteilen technologischen Fortschritts beteiligt werden könnten. Doch selbst eine breitere Verteilung der Gewinne löst das grundlegende Machtproblem nicht.
Denn finanzielle Beteiligung ist nicht gleichbedeutend mit demokratischer Kontrolle. Entscheidend bleibt, wer über den Zugang zu Technologien, ihre Einsatzbedingungen und ihre gesellschaftlichen Grenzen bestimmt.
Wem gehört die Infrastruktur der Zukunft? Die Machtfrage des 21. Jahrhunderts
Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele für mächtige Wirtschaftsunternehmen, die politischen Einfluss ausübten. Handelsgesellschaften, Ölkonzerne und internationale Finanzinstitutionen haben in unterschiedlichen Epochen die Geschicke ganzer Länder mitgeprägt. Neu ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Macht heute in wenigen global tätigen Unternehmen konzentrieren kann.
Die großen KI-Konzerne kontrollieren nicht nur einzelne Produkte. Sie schaffen zunehmend technische Grundlagen, auf denen andere Wirtschaftsbereiche aufbauen. Damit können Entscheidungen privater Unternehmensführungen Auswirkungen auf die Entwicklung ganzer Volkswirtschaften haben.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Amazon, Microsoft, Google oder Nvidia bereits mächtiger sind als Staaten. Eine solche pauschale Aussage wäre angesichts der unterschiedlichen politischen, militärischen und rechtlichen Befugnisse irreführend. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dass Staaten in strategisch wichtigen Bereichen zunehmend von Unternehmen abhängig werden, deren Entscheidungen sie nur begrenzt beeinflussen können. Demokratische Regierungen besitzen weiterhin die rechtliche Autorität, Regeln zu setzen. Doch diese Autorität muss auch praktisch durchsetzbar bleiben.
Wenn grundlegende Technologien, Kommunikationswege und digitale Infrastrukturen dauerhaft von wenigen Konzernen kontrolliert werden, könnten Regierungen künftig häufiger nur noch auf Entwicklungen reagieren, die anderswo entschieden wurden. Die zentrale Machtfrage des 21. Jahrhunderts lautet daher nicht mehr allein, wer ein Land regiert. Sondern auch, wem die Infrastruktur gehört, ohne die dieses Land kaum noch funktionieren kann.
Und damit steht mehr auf dem Spiel als die Zukunft künstlicher Intelligenz: Es geht um die Handlungsfähigkeit demokratischer Staaten und um die Frage, ob gesellschaftlicher Fortschritt weiterhin demokratisch gestaltet werden kann – oder zunehmend den wirtschaftlichen Interessen weniger globaler Unternehmen folgt.