Tech-Konzerne im Krieg : Starlink, Microsoft und Amazon: Wie Tech-Konzerne zur neuen Macht im Krieg werden

Ulrike Franke vom European Council on Foreign Relations auf der Bühne des Industriekongress 2026

Ulrike Franke vom European Council on Foreign Relations: Private Tech-Konzerne werden in modernen Konflikten zu sicherheitsrelevanten Akteuren.

- © Matthias Heschl

Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine angriff, begann der Krieg nicht nur mit Panzern, Raketen und Soldaten. Ulrike Franke eröffnete ihre Keynote beim INDUSTRIEKONGRESS 2026 mit einer anderen Perspektive: mit der digitalen Dimension der Invasion. Noch bevor russische Panzer in die Ukraine einrollten, schlug das Threat Intelligence Center von Microsoft Alarm. Das Unternehmen hatte eine neue Wiper-Malware identifiziert, die ukrainische Ministerien und die Finanzindustrie bedrohte. Diese Schadsoftware sollte Daten auf infizierten Rechnern löschen und damit zentrale staatliche und wirtschaftliche Funktionen treffen.

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Microsoft arbeitete daraufhin mit der ukrainischen Regierung zusammen, gab technische Hinweise und half bei Abwehrmaßnahmen. Parallel dazu trafen Vertreter der ukrainischen Regierung auf Amazon Web Services. Es ging darum, zentrale Datenbestände vor der Zerstörung physischer Server zu retten. Amazon brachte sogenannte Snowball-Geräte in die Ukraine, koffergroße Datenspeicher, mit denen Daten in die Cloud verschoben werden konnten. Die größte Bank des Landes, Grundbücher, Bevölkerungsregister und Ausbildungsdaten wurden gesichert.

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Starlink im Ukrainekrieg: Warum Elon Musks Satelliten zur Machtfrage wurden

Franke nutzte diese Beispiele, um zu zeigen, dass sich Kriegführung und Krisenmanagement grundlegend verändert haben. Nicht nur staatliche Behörden oder militärische Einheiten waren in diesen ersten Stunden entscheidend, sondern private Technologieunternehmen. Microsoft und Amazon wurden zu Akteuren in einem Krieg, der zwar von Staaten geführt wurde, dessen digitale Verteidigung aber wesentlich von privaten Unternehmen abhing.

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Noch deutlicher wurde diese neue Realität im Fall Starlink. Nachdem ein Cyberangriff den Satelliten-Internetzugang über das Netzwerk von Viasat störte, wandte sich der ukrainische Vizepremierminister Mychajlo Fedorow an Elon Musk. Er bat darum, Starlink über der Ukraine zu aktivieren. Wenige Stunden später wurde das Satelliteninternet bereitgestellt. In den folgenden Monaten kamen Zehntausende Starlink-Terminals in die Ukraine. Sie dienten dem Militär, der Regierung und der Bevölkerung als Kommunikationsinfrastruktur.

SpaceX betreibt mit Starlink ein Satellitennetz, das in der Ukraine zu einer zentralen Kommunikationsinfrastruktur wurde.

- © Wikipedia

Big-Tech im Krieg: Die neue Macht von Microsoft, Amazon und SpaceX

In Frankes Darstellung wurde Starlink zum Symbol einer neuen Abhängigkeit. Das System sei „bis heute das Rückgrat der militärischen Streitkräfte, was die Internetkommunikation angeht“, so Franke auf der Bühne des INDUSTRIEKONGRESS. Die ukrainischen Streitkräfte nutzten es, „um Drohnenbilder live zu streamen, Artilleriefeuer zu korrigieren und zu kommunizieren“. Damit wurde ein privat betriebenes Satellitennetz zu einem zentralen Bestandteil militärischer Handlungsfähigkeit.

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Aus diesen Beispielen leitete Franke ihre zentrale These ab. Die Akteure dieser Geschichten seien nicht primär Staaten oder Regierungen. „Microsoft, Amazon, SpaceX sind nicht Staaten, es sind nicht Regierungen, es ist nicht das Weiße Haus, es ist nicht Deutschland oder Österreich, es sind privatwirtschaftliche Unternehmen.“

Genau darin liegt der Kern der neuen Machtbalance. Geopolitik war lange vor allem das Feld von Staaten, Armeen und Diplomatie. Doch moderne Konflikte werden zunehmend durch Technologien geprägt, die in privaten Unternehmen entstehen: Cloud-Infrastruktur, Satellitenkommunikation, künstliche Intelligenz, Drohnen, Cyberabwehr. „Wir erleben derzeit eine grundlegende Veränderung im Machtgleichgewicht zwischen dem Staat und dem privaten Sektor“, so Franke. Diese Veränderung hänge mit der geopolitischen Lage zusammen, aber auch mit dem technologischen Wandel der vergangenen Jahre.

Cloud, Satelliten, Drohnen: Wie private Technologie Kriegsführung verändert

Die neue Macht privater Unternehmen liegt darin, dass sie Fähigkeiten besitzen, die Staaten nicht mehr selbstverständlich selbst kontrollieren. Franke sagte dazu: „Die veränderte geopolitische Lage auf der einen Seite und die technologische Entwicklung der letzten Jahre haben dazu geführt, dass es nun Privatunternehmen sind, die Fähigkeiten haben und herstellen, die fundamental relevant für die Kriegsführung sind und die Staaten nicht haben.“

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Der chinesischen Drohnenhersteller DJI zeigt, dass nicht nur klassische Rüstungsunternehmen relevant sind. Die Drohnen des Unternehmens sind zivile Konsumgüter. Sie wurden nicht als militärische Systeme entwickelt. Dennoch finden sie sich in großer Zahl auf dem Schlachtfeld in der Ukraine wieder. Damit verschwimmt die Grenze zwischen ziviler Industrie und militärischer Nutzung. Eine Technologie, die für Freizeit, Vermessung oder Filmaufnahmen gedacht war, kann im Krieg plötzlich strategische Bedeutung erhalten.

Diese Entwicklung hat Folgen für Staaten. Während im Kalten Krieg viele technologische Durchbrüche aus staatlich oder militärisch finanzierten Forschungsstrukturen kamen, hat sich die Richtung heute umgekehrt. Franke erinnerte daran, dass seit dem Sputnik-Schock viele zentrale Innovationen aus staatlichen Einrichtungen hervorgingen. Heute jedoch entstehen entscheidende technologische Entwicklungen häufig zuerst in privaten Unternehmen. Staaten werden dadurch zu Nutzern, Kunden oder Regulierern von Technologien, die sie selbst nicht mehr vollständig steuern.

Ein ukrainischer Soldat steuert eine Drohne während des „Wild Drones“-Wettbewerbs in Kamjanez-Podilskyj, Oblast Chmelnyzkyj am 5. Oktober 2025.

- © YURIY DYACHYSHYN / AFP / picturedesk.com

DJI-Drohnen: Wie zivile Technik auf dem Schlachtfeld landet

Für Regierungen entsteht daraus eine schwierige Frage: Welche Abhängigkeiten sind akzeptabel, welche nicht? Franke empfahl Staaten, „genau diese neuen Abhängigkeiten zu untersuchen“. Sie fragte: „Wo bestehen sie und wo sind sie vielleicht inakzeptabel? Wo sind die Fähigkeiten, die man privat einkaufen kann und die, die man selber entwickeln sollte?“

Taiwan dient ihr als Beispiel für eine solche strategische Überlegung. Das Land arbeitet an einem eigenen Satelliteninternet-Netzwerk, das vollständig in Taiwan hergestellt werden soll. Es soll keine globale Alternative zu Starlink sein, aber eine nationale Absicherung. Der Grund ist offensichtlich: Taiwan hat in der Ukraine gesehen, wie wichtig verlässliche Internetverbindungen im Krieg sind. Gleichzeitig will es nicht vollständig von Starlink und damit von Elon Musk abhängig sein. Franke verwies darauf, dass Musk über Tesla starke wirtschaftliche Interessen in China hat. In einem möglichen Konflikt zwischen China und Taiwan könnte daraus ein sicherheitspolitisches Risiko für das kleine Land entstehen.

Starlink-Abhängigkeit: Warum Taiwan aus dem Ukrainekrieg lernt

Doch die neue Machtbalance betrifft nicht nur Staaten und große Tech-Konzerne. Auch klassische Industrieunternehmen und mittelständische Betriebe geraten in ein neues geopolitisches Umfeld. Franke verwies auf den Operationsplan Deutschland, den das deutsche Verteidigungsministerium Anfang 2024 vorgestellt hatte. Im Kern geht es dabei um die Frage, wie militärische Verteidigung und zivile Unterstützung zusammenwirken können. Deutschland wäre im Ernstfall eine zentrale Drehscheibe der NATO. Soldaten, Fahrzeuge und Material müssten durch das Land bewegt und versorgt werden.

Damit rücken private Unternehmen in den Fokus, die bislang vielleicht keinen Bezug zu Verteidigung hatten. Franke stellte die Frage sehr konkret: „Welcher Autobahnraststellenbesitzer hat sich Gedanken darüber gemacht, dass auf ihn möglicherweise die Aufgabe zukommen könnte, hunderttausende NATO-Trucks zu versorgen?“ Ebenso müssten Speditionen damit rechnen, dass ihre Lastwagen im Verteidigungsfall für kriegsrelevante Transporte benötigt werden könnten.

Der entscheidende Satz lautet: „Geopolitik und Krieg sind nähergekommen.“ Damit meinte Franke nicht nur geografische Nähe, sondern eine strukturelle Veränderung. Unternehmen können nicht mehr davon ausgehen, dass geopolitische Konflikte ausschließlich Sache von Regierungen sind. Lieferketten, digitale Infrastruktur, Produktionskapazitäten und Dienstleistungen können sicherheitsrelevant werden.

Ulrike Franke sieht eine neue geopolitische Rolle für Unternehmen – von Tech-Konzernen bis zu klassischer Industrie.

- © Matthias Heschl

Operationsplan Deutschland: Warum Speditionen und Raststätten plötzlich relevant werden

Zugleich werden Unternehmen selbst zu Angriffszielen. Cyberangriffe, Desinformation und Sabotage kritischer Infrastruktur sind Teil der veränderten Sicherheitslage. Franke sprach von einer Welt, in der Unternehmen „zum Ziel hybrider Bedrohungen“ werden können – „von Cyberangriffen über Desinformation bis hin zu Sabotage kritischer Infrastruktur“. Auch physische Angriffe auf Datencenter müssten mitgedacht werden.

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Für Unternehmen entstehen daraus neue strategische Fragen. Sind ihre Produkte kriegsrelevant, auch wenn sie ursprünglich nicht dafür gedacht waren? Können ihre Dienstleistungen in einem Konflikt eingesetzt werden? Wie positioniert sich ein Unternehmen, wenn es in beiden Konfliktparteien Geschäftsinteressen hat? Welche internen Prozesse braucht es, um über solche Fragen zu entscheiden?

Cyberangriffe und Sabotage: Warum Unternehmen selbst zum Ziel werden

Franke machte deutlich: „Unternehmen nehmen in dieser geopolitischen Welt eine neue Rolle ein.“ Diese Rolle sei nicht für alle gleich. Aber die Grundtendenz gelte für alle Branchen: „Kein Unternehmen kann es sich mehr leisten, diese geografischen Veränderungen zu ignorieren.“

Die neue Machtbalance zwischen Staat und Privatwirtschaft ist damit keine theoretische Debatte. Sie betrifft Cloud-Anbieter und Satellitenfirmen, KI-Unternehmen und Drohnenhersteller, Speditionen und Raststätten, Rechenzentren und klassische Industriebetriebe. Staaten müssen ihre Abhängigkeiten prüfen und eigene Fähigkeiten dort aufbauen, wo private Kontrolle sicherheitspolitisch riskant wird. Unternehmen wiederum müssen erkennen, dass sie in Krisen und Kriegen nicht mehr nur wirtschaftliche, sondern auch geopolitische Akteure sind.

Am Ende steht eine doppelte Herausforderung: Staaten müssen lernen, mit mächtigen privaten Technologie- und Industrieakteuren umzugehen. Unternehmen müssen lernen, mit ihrer neuen sicherheitspolitischen Bedeutung verantwortlich umzugehen. In Frankes Worten bringt diese Entwicklung „neue Unsicherheiten, neue Herausforderungen, aber zum Teil eben auch neue Möglichkeiten“.