Energiepreise : Putins Schatten über Europa

Wenn Wladimir Putin auf Konfrontationskurs geht, heißt es Kopf einziehen. Doch diesmal braucht es keine militärische Machtdemonstration, sondern nur: Gazprom. Ein Drittel aller europäischen Gasimporte kommen vom quasistaatlichen Konzern – ein politisch mächtiger Hebel, den der Staatsmann gezielt einzusetzen weiß. Und so scheint das Vorhaben der USA, erstmals seit Jahrzehnten wieder Gas nach Europa exportieren zu wollen, dieser Tage wie eine Randnotiz. Denn auch Energieexperten warnen: Für russisches Gas gebe es auf absehbare Zeit keinen Ersatz. In der Tat: Dass Moskau den Gashahn sehr schnell zudrehen kann, bekam Europa schon mehrmals vorgeführt – zuletzt im Winter 2009.

Märkte unter Druck

Jetzt auch noch der Aufstand in der Ukraine und die Okkupation der Halbinsel Krim durch Russland. Beides hält die Energiemärkte in Atem. Und trotzdem richtet sich der Blick der Industrie derzeit „nicht nur auf Putins Machtdemonstration“, wie ein Energiemanager eines großen steirischen Industriebetriebs meint: Auch die Auswirkungen der Schiefergasrevolution in den USA und der anstehende Umbau des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) in Deutschland treiben Energieeinkäufer der heimischen Industrie um.

In Österreich laufen zudem Vorbereitungen für ein neues Energieeffizienzgesetz auf Hochtouren, und Brüssel verschärft seine Argumentationslinie gegen die aktuellen Industrierabatte. Faktoren, die unterschiedlich stark auf die Preise durchschlagen. INDUSTRIEMAGAZIN analysiert die jüngsten Entwicklungen. Vorweg: Für Panik unter industriellen Energieabnehmern besteht allen Ängsten zum Trotz kein Anlass.

Derart eng an die russischen Gaslieferungen gebunden wie Finnland (100 Prozent) sind im restlichen Europa nicht viele: Die Slowakei bezieht 93 Prozent, Österreich 61,8 Prozent des Gases aus Russland. Nur sechs Staaten am Atlantik sind allerdings keine Kunden bei Gazprom. Erwartet wird nun eine stufenweise Verschärfung von Sanktionen gegen Russland, bis hin zu einem Handelsembargo.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat bereits direkt an die Adresse Gazproms Verzögerungen beim Bau der Pipeline South Stream angekündigt, ebenso beim vollen Zugang zur strategisch wichtigen deutschen Pipeline „Opal“. All das spricht für eine spürbare Verteuerung von Gas. Kommt es zu einer Preisrallye? Wohl kaum. Denn zum einen ist der Winter vorbei und die heimischen Speicher dank dem Klimawandel trotzdem ungewöhnlich gut gefüllt.

Zum anderen rechnet zumindest bei russischen Energieexporten niemand mit einem Lieferstopp. „Die Risikofaktoren haben sich erhöht, aber es ist kaum davon auszugehen, dass Russland die Gaslieferungen über Monate einschränken wird“, sagt Johannes Mayer, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft der E-Control. Die einfache Erklärung: Russland braucht das Geld mindestens genauso wie Europa das Gas. Abseits der glanzvollen Winterspiele in Sotschi stagniert das Wachstum, die marode Infrastruktur des riesigen Reiches gehört dringend erneuert – und Gazprom ist als größter Devisenbringer wichtiger denn je.

Auch sind in Westeuropa nicht alle von scharfen Schritten gegen Putin begeistert. Namentlich Wirtschaftstreibende aus Deutschland und Österreich zeigen sich derzeit nicht gerade als patriotische Europäer. Das überrascht wenig: Die Liste österreichischer Industriebetriebe mit einer engen Verbindung zu Russland liest sich wie das Who is who der heimischen Wirtschaft. Entsprechend appelliert WKÖ-Chef Christoph Leitl an die Politik, den Konflikt doch bitte nicht auf Kosten der Wirtschaft auszutragen.

Deals mit Moskau gehen weiter

Während also Washington und Brüssel eine Drohkulisse aufbauen, ist die Realität in den oberen Konzernetagen wie auch im Gasmarkt eine andere. So weist Europas größter Stromkonzern Eon auf seine „seit vielen Jahrzehnten stabilen Beziehungen zu Russland“ hin und wirbt bei der EU um Milde – damit Gazprom auf jeden Fall weiter liefert. Und die BASF-Tochter Wintershall lässt sich auch mitten in der Krim-Krise nicht davon abhalten, mit Gazprom einen der größten Deals abzuwickeln, den die Energiewirtschaft seit Jahren gesehen hat. Für die Beteiligung an einem Gasfeld in Sibirien zahlen die Hessen einen stolzen Preis: 20 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazitäten und etwa ein Fünftel am deutschen Gashandelsmarkt. Damit wird Gazprom unter anderem auch Teilhaber an einem Speicher in Straßwalchen-Haidach in Salzburg. Für Wintershall sind das alles Positionen, mit denen der Konzern noch 2012 etwa zehn Milliarden Euro Umsatz generierte. Im Sommer 2014 soll die Transaktion abgeschlossen sein – das Echo in der Öffentlichkeit war bisher erstaunlich verhalten.

Bremsklotz Langfristverträge

Die Gaspreise sind wegen der Schiefergasrevolution jedenfalls in den USA unter Druck geraten – und große Abnehmer wie zuletzt die heimische EconGas nutzen das, um die berüchtigten Langfristverträge schrittweise vom Ölpreis abzukoppeln. Noch 2010 seien 90 Prozent der heimischen Gasverträge an den Ölpreis gekoppelt gewesen, meinte E-Control- Vorstand Walter Boltz vor wenigen Tagen in Wien. Inzwischen betrage ihr Anteil rund 50 Prozent. Und frühere Laufzeiten von 20 bis 25 Jahren lägen jetzt zwischen einem und fünf Jahren. Boltz zufolge sind übrigens genau diese ölpreisindizierten Verträge der wichtigste Grund dafür, dass Gas in Europa um bis zu vier Mal so teuer sei wie in Nordamerika.

Warten auf Gas aus den USA

Nicht nur deshalb schauen Energiehändler derzeit gebannt in eine andere Richtung: In Washington drängen Lobbyisten der Gasindustrie darauf, endlich LNG-Exporte nach Europa zuzulassen. Diese sind derzeit außerhalb der US-Freihandelszone massiv eingeschränkt. Der Hintergrund ist freilich weniger politisch. Analystin Teresa Schinwald von der Raiffeisen Centrobank erklärt: „Beim Frackingboom ist inzwischen auch nicht alles Gold, was glänzt. Neue Produktionsanlagen haben zum Teil viel höhere Produktionskosten, die nicht einmal von den lokalen Preisen gedeckt werden – die US-Förderer müssen also exportieren.“ Zugleich mehren sich Impulse aus dem US-Finanzmarkt, dass der Frackingboom in absehbarer Zeit empfindliche Dellen bekommt. Und je höher die Kosten der Förderung, desto größer der Druck, nach Übersee zu exportieren. Deshalb schwenkt die Regierung von Barack Obama allmählich um. Derzeit ist der Bau von sechs neuen Anlagen zum Export genehmigt.

Asien zahlt am meisten

Doch zwei Aspekte sprechen dagegen, dass billiges Gas aus Amerika demnächst auch hierzulande für euphorische Stimmung sorgt. Zum einen müssen in den USA die Terminals erst gebaut werden, in denen das Gas gekühlt, auf ein 500stel seines Volumens geschrumpft und in Schiffe gepumpt wird.

Die erste Anlage dieser Art in Louisiana wird frühestens nächstes Jahr betriebsbereit sein. Der zweite Grund sind die Preise auf dem Weltmarkt – und die sprechen nicht für den Weg über den Atlantik. Dazu Teresa Schinwald: „US-Exporteure können ihr Gas in Europa auch inklusive der Transportkosten mit Gewinn verkaufen, aber die Margen in Asien sind viel höher.“

Im Vergleich zur Dynamik der Gasmärkte bietet das Geschehen am heimischen Strommarkt ein fast schon vertrautes Bild: Wegen des Frackingbooms haben sich Kohleimporte aus den USA in Europa stark verbilligt. Weil gleichzeitig die Verschmutzungsrechte im Emissionshandel immer noch spottbillig sind, drücken die CO2-intensiven Kohlekraftwerke die Strompreise tief nach unten – und drängen zusammen mit den Erneuerbaren die modernsten Gaskraftwerke aus dem Markt, was wiederum für Millionenverluste bei den alteingesessenen Energiekonzernen sorgt.

Neue Gesetze in Wien und Berlin

In den nächsten Wochen werden mehrere Gesetzesnovellen erwartet, die für weitere Impulse am Markt sorgen dürften. Für Österreich läuft die Zeit ab, EU-Vorgaben in ein nationales Energieeffizienzgesetz umzusetzen. Noch im April dürfte daher eine erste Vorlage kommen. Das größte Problem für heimische Hersteller: Nach vielen schon erfolgten Effizienzmaßnahmen rechnen sich derzeit neue Investitionen bei fallenden Strompreisen nicht. „Energiesparen ist derzeit alles andere als sexy“, meint ein Branchenkenner. Dabei habe sich die jetzige Regelung bereits gut bewährt, sagt Hans Zeinhofer, Geschäftsführer des Linzer Stromvertriebsunternehmens Enamo, hinter dem die Linz AG und die Energie AG stehen. Zeinhofer verweist auf umfangreiche freiwillige Einsparungsverpflichtungen der Industrie: „Wir plädieren für Freiwilligkeit. Das neue Gesetz soll die Zielwerte anheben und keine Verpflichtungen reinschreiben, weil die Praxis gezeigt hat, dass das ausreicht. Die Industrie wird kaum folgen können, wenn neue Maßnahmen vorgeschrieben werden, die sich erst in zwölf Jahren amortisieren.“

Zeinhofer verweist auch auf ein erfolgreiches Schweizer Modell der Energieeinsparung, das in Deutschland sehr erfolgreich sei: Etwa zehn Hersteller gründen ein „lernendes Energieeffizienz-Netzwerk“ (LEEN), lassen alle ihre Anlagen umfassend prüfen, verpflichten sich zu Einsparungen – und tauschen ihre Erfahrungen regelmäßig im Netzwerk aus, etwa zur Druckluft im Betrieb A und einem metallurgischen Verfahren im Betrieb B. Voraussetzung dafür: Dem Netzwerk dürfen keine direkten Konkurrenten angehören. LEEN seien besonders geeignet für Hersteller, die mehr als eine halbe Million Euro pro Jahr für Energie ausgeben. „In Deutschland zeigen LEEN, dass die Betriebe Einsparungen weit über dem Durchschnitt erzielen“, sagt Zeinhofer. Sein Unternehmen will in Kürze das erste LEEN hierzulande starten.

Zahnloser Tiger Backloading

Auf EU- Ebene tritt noch heuer das so lange umkämpfte Backloading in Kraft, also die vorübergehende Herausnahme einer größeren Menge an CO2-Zertifikaten aus dem Handel, um die am Boden klebenden Emissionspreise zu stützen. Ende Februar passierte die Novelle die letzte EU-Instanz, nun werden schrittweise 900.000 Zertifikate dem Markt entzogen. Der Zertifikatehandel hat schon reagiert – seit Mai hat sich der Preis für die Emission einer Tonne CO2 im Jahr 2015 mehr als verdoppelt und liegt jetzt bei 6,50 Euro.

Doch um den Niedergang der Gaskraftwerke zu stoppen und einen Einfluss auf die Energieeffizienz zu erzielen, wäre ein Preis von mindestens 30 Euro nötig – und ein solcher Anstieg ist derzeit nicht in Sicht. „Allein Österreichs Emissionen betragen 80 Millionen Tonnen pro Jahr. Beim Backloading geht es um 900 Millionen Tonnen, verteilt auf ganz Europa und viele Jahre“, sagt Johannes Mayer von der E-Control. Nach den Worten von Teresa Schinwald von der Raiffeisen Centrobank sind im Markt derzeit bis zu zwei Milliarden Zertifikate überschüssig: „Diese überschüssigen Mengen sind zum guten Teil in den Händen der Industrie, die sie auf dem Markt verkaufen kann. Wenn also die Überschussmenge doppelt so hoch ist wie das Backloading, dann wird das den Strompreis kaum antreiben.“

Energiewende wird repariert

Bis zum Sommer will die neue deutsche Regierung eine umfassende Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vorlegen, im August tritt dann das neue EEG in Kraft. Was darin stehen wird, hat direkte Auswirkung auf die Industriestrompreise in Österreich, da beide Länder eine Handelseinheit bilden. Einige Eckdaten der Novelle zeichnen sich bereits ab: Der Anteil der Erneuerbaren wird bis 2025 auf etwa 40 Prozent weiter ausgebaut, allerdings abgebremst und zu deutlich niedrigeren Kosten. Die alten Förderungen bleiben bestehen, die neuen werden dagegen empfindlich gestutzt. Und: Diskutiert wird auch eine Beihilfe für die jetzt defizitären Gaskraftwerke, die als Ausgleich für die Erneuerbaren unersetzlich sind.

Talsohle in Sicht

Unter dem Strich dürfte das künftige EEG den Wildwuchs bei den Erneuerbaren eindämmen, doch der Ausbau geht weiter – und damit bleiben auch die Strompreise weiter unter Druck. Allerdings sehen Experten hier bald eine Grenze erreicht. „Wir nähern uns beim Strompreis einer Talsohle“, sagt Roland Kuras, Geschäftsführer der Wiener Energiemaklerfirma PowerSolution. Der Experte, der in Österreich unter anderem Kunden der Großindustrie berät, weist dabei auf die Grenzkurven für Kohlekraftwerke: „Vielleicht geben die Preise noch leicht nach, aber es wird keine großen Sprünge nach unten mehr geben.“