Arbeitszeitflexibilisierung : Der Arbeitskrampf

Arbeitszeitflexibiliiserung
© Grafik INDUSTRIEMAGAZIN

Für die Belegschaft der Schoeller-Bleckmann Oilfield Technology in Ternitz hätte es auch schlimmer kommen können. Bei dem vom derzeit niedrigen Ölpreis gebeutelten Hersteller von Ölfeldbohrköpfen mussten zu Jahresbeginn knapp 15 Prozent der Mitarbeiter gekündigt werden. Auf Nachtschichten verzichtet man in Ternitz schon seit Längerem, teilweise wird derzeit sogar kurzgearbeitet. Vor allem zehrt man – in Erwartung einer Erholung bei den Ölfeldinvestitionen – von Arbeitszeitkonten, die im Rahmen einer Betriebsvereinbarung 2006 geschaffen wurden: Darauf sparen die Beschäftigten bei Auftragsspitzen Überstunden an, in flauen Zeiten bauen sie Gutstunden ab. Statt wie bei normaler Auszahlung den eineinhalbfachen Stundensatz (an Wochentagen) erhielten die Mitarbeiter nur den Zuschlag, also 50 Prozent ausbezahlt, die Gutstunde selbst verblieb am Konto. In Summe konnten auf diese Weise 500 Gutstunden pro Jahr gesammelt werden. In der Krise – im vergangenen Mai – wurde das Konto geschlossen. "Wir haben die Gutstunden um 40 Prozent erhöht, damit hatten die meisten Mitarbeiter 700 Stunden am Konto und davon zehren wir jetzt", sagt Geschäftsführer Franz Wurzer. "Ohne eine solche Lösung hätte die derzeitige Auftragssituation auch 50 Prozent der rund 300 Mitarbeiter in der Produktion im niederösterreichischen Ternitz treffen können, sagt Wurzer.

Kurzfristig 12 Stunden

Doch um das Modell zum Funktionieren zu bringen, musste Wurzers Personalabteilung von allen Ausnahmeregeln im Arbeitszeitgesetz Gebrauch machen: Denn eigentlich ist die tägliche Maximalarbeitszeit für nicht leitende Angestellte mit zehn Stunden gedeckelt. Mit Hilfe einer speziellen Betriebsvereinbarung war es möglich, in den konjunkturellen Boomzeiten die tägliche Maximalarbeitszeit phasenweise auf zwölf Stunden anzuheben. Das Gesetz ist diesbezüglich sehr strikt: Nur bei "vorübergehend auftretendem besonderem Arbeitsbedarf", wie es wörtlich heißt, darf die Maximalarbeitszeit auf zwölf Stunden täglich oder 60 Stunden wöchentlich angehoben werden.

Dabei handelt es sich um eine Ausnahmeregelung, die die Industrie gerne in normale Gesetzesform gegossen haben will. Schon weil die Inanspruchnahme ein bürokratischer Extremaufwand ist: Derzeit bedarf es einer Genehmigung durch das Arbeitsinspektorat (sowie die kollektivvertragsfähigen Körperschaften), die Regelung darf nur für maximal 24 Wochen im Jahr in Anspruch genommen werden und auch das nicht 24 Wochen in Folge.

Weltweit flexibler?

Angesichts der angespannten Lage am Arbeitsmarkt scheint die Erhöhung der maximalen Arbeitszeiten vielleicht nicht der drängendste Punkt auf der Regierungsagenda. Doch fest steht: In vielen Bereichen ist Österreichs Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich ziemlich starr und bürokratisch. Etwa im Bereich der Maximalarbeitszeit: Da ist – mit weitaus weniger administrativem Aufwand als hierzulande – zum Beispiel in der Schweiz sogar ein 14-Arbeitsstunden-Tag möglich. In Deutschland wiederum muss zwar die tägliche Höchstgrenze von zehn Stunden eingehalten werden. Doch da das deutsche ArbeitsArbeitszeitgesetz von einer Sechstagewoche ausgeht, ergibt das inklusive Samstag bis zu 60 Stunden in der Woche. Noch großzügiger für die Arbeitgeberseite sind die Regelungen in den USA. Dort beträgt die Normalarbeitszeit 40 Stunden, eine Obergrenze für Überstunden gibt es aber nicht. "Ein 14-Stunden-Tag ist dort überhaupt kein Problem", sagt Axel Kühner, Vorstandsvorsitzender der Greiner Gruppe mit Werken in den US-Bundesstaaten Pennsylvania und North Carolina. "Unsere Schwesterfirma in Houston fährt einen Drei-Schicht-Betrieb mit zwei Mann, während wir hier drei Mann dafür brauchen", illustriert es Wurzer von der SBO-Tochter Schoeller-Bleckmann Oilfield Technology.

Keine unbegrenzten Möglichkeiten

Unbegrenzte Möglichkeiten gibt es aber auch am amerikanischen Arbeitsmarkt nicht. Zum Beispiel sind Überstunden, die über die 40 Stunden hinausgehen, grundsätzlich (mit Zuschlägen) zu bezahlen und Zeitkontomodelle in den USA unbekannt. Dazu kommt ein gewisser Zug zur (kostenintensiven) Mehrarbeit: "In den USA sind Mitarbeiter eher als hierzulande auf kurzfristige Vorteile bedacht. Es herrscht eine geringere Bindung an das Unternehmen und – da mehr Einkommen angestrebt wird – eine weitaus größere Bereitschaft zu Überstunden", sagt Greiner-Chef Axel Kühner.

China sei, was die Mentalität der Arbeitnehmer anbelangt, so Kühner, "die Übertreibung von Amerika". Im Reich der Mitte müssen Überstunden, wovon bis zu drei am Tag erlaubt sind, immer mit Zuschlag bezahlt werden, Gleitzeit gibt es nicht. "Das Arbeitsrecht in China ist noch recht jung und entwickelt sich erst. Man kann und muss sich daher für vieles Genehmigungen bei den lokalen Behörden holen, z. B. für neue Schichtmodelle", sagt Monika Stoisser-Göhring, internationale Human Resources-Chefin beim steirischen Leiterplattenhersteller AT&S. Die Genehmigungen zu erhalten, sei jedoch kein Problem und Kontrollen generell unüblich. Auch Arbeitsaufzeichnungen sind in China nicht verpflichtend. „Ich habe noch nie erlebt, dass Arbeitszeitaufzeichungen überprüft werden", sagt Stoisser-Göhring. Dass diese in den Hightech-Werken der AT&S in Shanghai und Chongqing schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen penibel geführt werden, versteht sich von selbst.

Problem: Fehlender Betriebsrat

Über mangelnde Kontrolle können sich österreichische Unternehmen nicht beklagen. Und eingehalten werden müssen neben dem Arbeitszeitgesetz auch die Bestimmungen im Kollektivvertrag sowie eventuelle Betriebsvereinbarungen und die Bestimmungen im individuellen Arbeitsvertrag mit jedem Einzelnen. Auf einigen der vier Ebenen hat sich einiges in Richtung Flexibilisierung bewegt: So wurde im neuen Metaller-KV eine Zeitkontoregelung vereinbart, an deren letzten Details die Sozialpartner gerade noch feilen, bevor sie in Kraft treten kann. Die Kernpunkte darin: Mitarbeiter können bis zu 167 Stunden auf dem Konto ansammeln, 40 Stunden davon sogar ins nächste Jahr übertragen. Zwischen der 41. und 45. Stunde fallen die Überstundenzuschläge weg, erst ab der 46. Überstunde zahlt der Betrieb die Zuschläge wieder. Dafür erhöht er im Gegenzug das Zeitguthaben: Von der 61. bis 100. Stunde um zehn Prozent, für alles, was darüber ist, gibt es einen 20-prozentigen Zeitzuschlag.

Die bisherige Ausnahmeregelung hat einen entscheidenden Haken: Sie muss als Betriebsvereinbarung mit allen Mitarbeitern oder mit jedem Mitarbeiter einzeln abgemacht werden. Das stellt etwa Banner Kunststoffwerke GmbH, ein Spritzguss-Betrieb mit 65 Mitarbeitern, vor Herausforderungen. "Wir haben keinen Betriebsrat und bräuchten dafür lauter Einzelvereinbarungen. Für uns sind solche Regelungen daher zu kompliziert", sagt Franz Massak, Werksleiter in Linz. "Ohne Leiharbeit könnten wir unsere Spitzen niemals vernünftig abdecken."

Mitarbeiter spielen mit

An der Bereitschaft der Mitarbeiter zur Flexibilisierung scheitern temporäre Mehrarbeitsmodelle fast nie, wie die Erfahrung zeigt. Etwa beim Maschinen- und Anlagenbauer Fill. Dort ist rund die Hälfte der Produktionsmitarbeiter regelmäßig auf Montage im Ausland. "Diese Mitarbeiter wollen Überstunden machen. Das bringt ihnen zusätzliches Geld und sie sind schneller wieder zu Hause bei ihren Familien", sagt Geschäftsführer Andreas Fill. Genau aus diesem Grund würden sich viele Mitarbeiter auch eine Ausweitung der Maximalarbeitszeit wünschen, pflichtet Klaus Dirnberger bei, Chef des Maschinenbauers Anger Machining mit Sitz in Traun. Ebenso könnten Arbeitnehmer, die sehr weit zur Firma pendeln, Dirnberger zufolge von einer Ausweitung der Tagesarbeitszeit profitieren: Ihnen könnte ein Zwölfstundentag im Gegenzug eine Viertagewoche bringen.

Die Gewerkschaft freilich befürchtet, dass eine höhere Flexibilität unterm Strich Arbeitsplätze kostet. Die Rechnung ist einfach: Mehr Arbeitsstunden würden zukünftig zwangsläufig auf weniger Arbeitnehmer aufgeteilt. Eine Gleichung, bei der, so Greiner-Chef Axel Kühner, allerdings eine wichtige Variable außen vor bleibt: Denn jedes Mal, wenn ein neues Produkt eingeführt werde, stehe man vor der Entscheidung für einen Produktionsstandort. Aufgrund des starren Systems in Österreich gehe dies bei Greiner sehr oft zugunsten eines Werkes in Ungarn oder Tschechien aus. Dort wird übrigens mit 1.858 (Ungarn) bzw. 1.776 Stunden (Tschechien) jährlich fast 200 Stunden mehr gearbeitet als in der Alpenrepublik.

1 Optimieren Sie Normalarbeitszeit!

Eine genaue Abstimmung von Schichten verbessert die Nutzung der Maschinenlaufzeit. Mittels spezieller Software lässt sich etwa relativ kurzfristig zwischen zwei und vier Schichten variieren. Dadurch seien Einsparungen in Höhe von einer halben bis einer Million Euro an Lohnkosten pro 1.000 Mitarbeiter möglich, meint Jan Balgemann, Geschäftsführer von Atoss Software GmbH, Anbieter einer Arbeitszeitoptimierungssoftware. Tipp: Für den kurzfristigen Einsatz der Mitarbeiter haben sich Tauschbörsen bewährt. Vor der Festlegung der Schichtpläne können Mitarbeiter Präferenzen äußern und kurzfristige Änderungen im Rahmen einer Tauschbörse vornehmen.

2 Gleitzeit spart Zuschläge!

Gleitzeitvereinbarungen helfen, Überstundenzuschläge zu sparen. Tipp: Nutzen Sie auch die Differenz zwischen Kollektivvertrag und Gesetz! Sieht der KV eine 38,5 Stunden-Woche vor, dann ist die Differenz zur gesetzlichen Wochenarbeitszeit von 40 Stunden nicht zuschlagspflichtig, sofern das nicht explizit im KV festgehalten ist.

3 Nutzen Sie Betriebsvereinbarungen zur Maximalzeiterhöhung!

Im Rahmen von Betriebsvereinbarungen ist die Erhöhung der täglichen Arbeitszeit auf mehr als 10 Stunden erlaubt. Dies für höchstens 24 Wochen im Jahr und nur bei "vorübergehend auftretendem besonderen Arbeitsbedarf zur Verhinderung eines unverhältnismäßigen wirtschaftlichen Nachteils". Besonders in zyklischen Geschäften lohnt es sich, Stundenkonten zu vereinbaren, die in auftragsschwächeren Phasen abgebaut werden können.

4 Vergessen Sie nicht auf die Fenstertags-Regelung!

Für Fenstertage gibt es im Arbeitsgesetz eine Ausnahme. So kann zur Einarbeitung mittels Betriebsvereinbarung die tägliche Maximalarbeitszeit erhöht werden, ohne dass Überstundenzuschläge anfallen. Das Plus an Arbeitszeit muss dabei innerhalb von 13 Wochen konsumiert werden – außer im Kollektivvertrag ist hier ein größerer Zeitraum vorgesehen. "Kommt keine Betriebsvereinbarung zum Tragen, kann sich der Arbeitgeber das Recht zur Anordnung einer Einarbeitung im Arbeitsvertrag sichern", rät Franz Marhold, Institutsvorstand für Arbeits- und Sozialrecht an der WU Wien.

5 Schließen Sie Einzelvereinbarungen!

Gibt es keinen Betriebsrat, können Maximalarbeitszeiterhöhungen in einer Einzelvereinbarung festgelegt werden. "Eine generelle Zustimmung zu Beginn des Arbeitsverhältnisses reicht allerdings nicht", sagt Rolf Gleißner, Arbeitsmarktexperte in der Wirtschaftskammer Österreich. Vielmehr muss es für diesen Fall eine gesonderte Vereinbarung geben. Lehnen Arbeitnehmer diese Mehrarbeit ab, darf ihnen laut Gesetz kein Nachteil daraus entstehen.

6 Vorsicht bei den Freizeit-Optionen im KV!

Der neue Metaller-KV beinhaltet neben einem Zeitkonto die Möglichkeit, statt der KV-Erhöhung zusätzliche Freizeit zu konsumieren. Ein ähnliches Modell hat auch die Elektro- und Elektronikindustrie. Experten raten Betrieben zu Vorsicht. Denn nehmen zum Beispiel die Metaller statt 1,5 Prozent mehr Geld die Freizeitoption, entspricht das rund 3,5 zusätzlichen Urlaubstagen im Jahr. Dieser erhöhte Urlaubsanspruch bleibt bestehen und wird – so wie auch die KV-Erhöhung – von Jahr zu Jahr mitgeschleppt. Bei Auftragsspitzen ist das der Flexibilität nicht unbedingt förderlich.

7 Nutzen Sie flexiblere Modelle im Ausland!

Wer Mitarbeiter ins Ausland entsendet, sollte sich auch mit den dortigen Arbeitszeitbestimmungen vertraut machen. Die bisherige Entsenderichtlinie sieht zwar im Wesentlichen nur vor, dass die Mindestlöhne und -gehälter des Ziellandes eingehalten werden. Doch die EU-Kommission legte kürzlich einen Vorschlag zur Reform der Richtlinie vor: Künftig sollen erstens auch ortsübliche Prämien oder Zulagen bezahlt werden, darunter Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder Zulagen für besondere Arbeiten. Zweitens sollen für Arbeitnehmer, die für länger als zwei Jahre entsandt werden, auch die arbeitsschutzrechtlichen Bestimmungen des Gastlandes gelten.

Die fünf häufigsten Fehler bei Entsendungen lesen Sie übrigens auf unserer Webseite.