Exporte : China-Wochen: Wie Österreichs Maschinenbauer den Osten erobern

Am 20. September 2002 war Ernst Berger in bester Feierlaune. Nicht, weil der Herbst vor der Türe stand – „wir eröffneten unser Schwesternwerk in China“, erinnert sich der Chef des Werkzeugbauers GPN in Nussbach. Drei Millionen Euro investierten die Oberösterreicher damals in den neuen Standort in Shanghai. „Weil wir gegen billigere chinesische Werkzeugmacher in Asien immer häufiger das Nachsehen hatten“, begründet Berger den Expansionsschritt. Den General Manager stellten die Oberösterreicher – da gab es keine Debatte. Auch nicht über die Ausrichtung der China-Produktion: Bald stellten 60 Mitarbeiter, durch die Bank Chinesen, Kunststoffprofil-Extrusionswerkzeuge für den asiatischen Markt her – “um die Hälfte günstiger als in Österreich”, so Berger. Mittlerweile produziert man für die halbe Welt – darunter auch Japan und die USA. Ernst Berger könnte also eigentlich ganz zufrieden sein. Würde ihm nicht ein zweites China-Engagement der Gruppe im Magen liegen. 2005 kaufte Greiner den Pettenbacher Werkzeugmacher Gruber Extrusion – seither Greiners Zweitmarke im Werkzeugbereich. Über einen chinesischen Joint Venture-Partner – damals noch zu zehn Prozent am Unternehmen beteiligt – war Gruber Extrusion schon zum Kaufzeitpunkt in China engagiert. 2007 stellte Gruber eine neue Fabrik am Rande von Jinan „auf die grüne Wiese“, so Berger. Und scheiterte spektakulär. Denn plötzlich war die Krise da. Und das chinesische Management machte „Fehler um Fehler“, so Berger. Im Juni des heurigen Jahres zog Berger in Jinan deshalb resigniert die Reißleine. Die Kündigungen gingen nicht ohne ”heftige Schreiduelle” über die Bühne. Sogar die Polizei schritt ein, “das war nicht ohne“, sagt Berger, der Gruber Shandong gerade liquidiert. Handlungsdruck.China als Abenteuer mit unsicherem Ausgang? Die “horrenden Mietkosten” in Jinan wären noch zu verkraften gewesen, meint Berger rückblickend. Doch die Fertigung kam nicht in die Gänge. Haarsträubende Qualitätsprobleme, dazu mangelnde Liefertreue: „Unser österreichischer Produktionsleiter lief gegen Windmühlen“, erzählt Berger. Auch nachdem Gruber Extrusion im Vorjahr endlich den Partner ausgekauft hatte, war Sand im Getriebe: Der neue Standortchef “zahlte sich selber Prämien aus“, berichtet Berger von Erlebnissen, die er nicht für möglich hielt. Dennoch scheint die Ausgangssituation für Maschinen- und Werkzeugbauer klarer denn je: Wer sich jetzt nicht Richtung China bewegt, zahlt später drauf, lautet der Branchensukkus. In Europa seien „die Wachstumsgrenzen für den Werkzeugmaschinenbau erreicht“, sagte Emag-Seniorchef Norbert Heßbrüggen einer deutschen Zeitung. Weitere Kostproben gefällig? Das Marktvolumen in Westeuropa, USA und den BRIC(Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika)-Staaten werde im Jahr 2015 rund 68 Milliarden Euro erreichen, schätzt der Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken VDW. Das wäre eine Verdopplung gegenüber 2010 – und laut Verband dürfte über die Hälfte des Wachstums in China stattfinden. Zugleich würden chinesische Betriebe immer mehr High-End-Maschinen (Marktanteil derzeit: maximal 20 Prozent) auf ihre Wunschliste setzen. Bis 2015 verdreifache sich die Nachfrage nach Topmaschinen, glaubt VDW-Vorsitzender Martin Kapp. Nicht alle scheinen gerüstet: Deutsche Maschinenbauer seien mehrheitlich noch nicht einmal im chinesischen Internet präsent, rügte die Stuttgarter Internetagentur echolot digital worx. Sie fühlte 110 Maschinenbauern auf den Zahn – nur sechs hatten einen „makellosen Internetauftritt“ in chinesischer Sprache vorzuweisen. Fortsetzung auf Seite 2: Neue Allianzen
Immerhin: Die Maschinen- und Werkzeugbauer bringen sich in Stellung. Im Mai stellten Gildemeister und Mori Seiki partnerschaftliche Pläne mit dem chinesischen Maschinenhersteller Shen Yang Machine Tool vor. Geplant sei eine „gleichberechtigte Kooperation“ in China. Offenbar will man direkt in Shenyang eine eigene Produktion für Billigmaschinen hochziehen. Auch der schwäbische Maschinenbauer Emag agiert ganz anders als noch vor ein paar Jahren: Seit kurzem gehört das Unternehmen zur Hälfte dem chinesischen Rivalen Jiangsu Jinsheng, hinter dem die angesehene Unternehmerfamilie Pan steht. Rund 100 Millionen Euro investierten die Chinesen in die Emag – eine wichtige Kapitalspritze. Doch der neue Eigentümer ist auch die erhoffte Eintrittskarte für den chinesischen Markt: „Wir wollen in China produzieren“, sagte Emag-Seniorchef Norbert Heßbrüggen der FAZ. Auch der Sondermaschinenbauer Fill aus Gurten setzt in China neue Aktivitäten: Im Mai unterschrieb Eigentümer Andreas Fill eine Vertriebspartnerschaft mit der in China ansässigen W & K Shanghai. “An deren Standort mieteten wir uns auch mit einem kleinen Vertriebsteam ein”, erzählt Fill, der für den Gießereibereich ganz gute Absatzchancen in China sieht. Lieferanten von Maschinenbauern schüren Hoffnung: Der Lagerhersteller SKF errichtet derzeit um 66 Millionen Euro ein neues Werk in Jinan. Dort sollen ab 2012 500 Mitarbeiter auf 16.000 Quadratmetern Fläche „Kegelrollenlager produzieren“, so Tryggve Sthen, President der SKF Automotive Division. Mit welchen Erwartungen und Strategien aber gehen Maschinen- und Werkzeugbauer in die Volksrepublik? INDUSTRIEMAGAZIN sah sich bei österreichischen und deutschen Firmen um – und erfuhr von Ängsten, aber auch Hoffnungen, was das sensible China-Geschäft betrifft. Fortsetzung auf Seite 3: Anger Machining - China-Geleitzug für Autobauer
Dietmar Bahn, Mitchef des Trauner Maschinenherstellers Anger Machining, steht vor einer folgenschweren Entscheidung. Die Geschäfte laufen gut – die Oberösterreicher bauen Hochgeschwindigkeitsmaschinen, die sich in der umkämpften Autoindustrie einen Namen gemacht haben. Speziell in Deutschland und Amerika fuhren die Trauner zuletzt reiche Ernte ein. Dagegen ist China noch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zurzeit habe man nur einen “Servicepartner in Shanghai”, sagt Bahn. Dieser Tage reist er jedoch mit einer Delegation um Kammerpräsident Leitl und dem Industriellen Androsch nach China. Eine von drei Reisen, die für den Manager heuer „rein strategischen Charakter hat“, so Bahn. Autobauern folgt der Maschinenbaubetrieb zwar schon traditionell über den ganzen Erdball: „Wir gehen nach Mexiko, wir gehen nach Indien, wir gehen dorthin, wo es Bedarf für unsere Maschinen gibt“, bekräftigt Bahn. Doch China ist – allein schon wegen der enormen Investitionen – ein Sonderfall. Der Autobauer Volvo ist einer von vielen, die ins Land gehen: Die Schweden errichten im chinesischen Chengdu gerade ein Montagewerk, ein Motorenwerk in Daqing soll folgen. “Wir wurden gefragt, ob wir uns vorstellen können, mitzugehen“, erzählt Bahn. Er glaubt nicht, dass ihn eine Reise ins Ungewisse erwartet. Die chinesische Statistikbehörde spricht den Oberösterreichern auch Mut zu: Die jährliche Automobilproduktion innerhalb der letzten sechs Jahre habe sich “verdreifacht” (2010: 15 Millionen Fahrzeuge). Und nach Einschätzung des chinesischen Werkzeugmaschinenverbandes CMTBA liegt das jährliche Investitionsvolumen für Werkzeugmaschinen im Bereich Automotive bei beglückenden vier Milliarden Euro. Selbst Lieferanten bestätigen den Trend: “Unser Pkw- und Lkw-Geschäft entwickelt sich in Asien sehr positiv“, heißt es beim Lagerhersteller SKF. Für die Trauner könnte sich somit ein riesiger Absatzmarkt auftun. Auch BMW, Daimler, Audi “zieht es ja nach China”, beobachtet Bahn. Ein Viertel des China-Umsatzes erscheint ihm alleine mit deutschen Automobilisten machbar – “wir brachten uns deshalb bei Volkswagen ins Gespräch“, sagt er. Zwei Schwierigkeiten sieht Bahn aber. Einerseits die Suche nach wirklich guten chinesischen Partnern – die Chinareise soll dafür ein Türöffner sein. Anderseits Downgrades an der Maschine – die seien fürs China-Geschäft “unerlässlich”. Ein Beispiel: Die stoßfeste Umhausung einer Roboterzelle kostet in Europa gut und gern 45.000 Euro. Soviel ist ihn China niemand bereit dafür zu zahlen. Deshalb hofft Bahn, dass die chinesischen Sicherheitsvorschriften auch eine “günstigere Variante aus Plastik” zulassen würden. Fortsetzung auf Seite 4: WFL Millturn Technologies: Im Luftfahrt-Eldorado eingecheckt
Die Dongzhimenwai Straße verläuft im Pekinger Bezirk Dongcheng. Bei Hausnummer 48 haben sich die Linzer eingemietet: Hier eröffnete der Hersteller von Komplettbearbeitungsmaschinen WFL vor gut sechs Jahren seine Vertriebs- und Serviceniederlassung. Heuer stockten die Linzer ihre China-Mannschaft auf – “das Geschäft zieht an”, begründet Asien-Verkaufsleiter Martin Kaukal. Man sei zu acht – und der Leiter des Chinabüros “ein echter Glücksfall“, sagt Kaukal. Der Mann “ist hundertprozentig loyal” und beinahe schon “ein WFL-Veteran“, erzählt er. Ein ausgesprochen gutes Händchen bewiesen die Linzer aber auch bei der Standortwahl: In Peking hat die chinesische Import- und Exportgesellschaft für Luftfahrtechnologie, kurz CATIC, ihren Hauptsitz. Sie schreibt Investitionsprojekte aus und wickelt sie auch ab – “ein extrem wichtiger Partner, den wir von Anfang an im Auge hatten”, sagt Kaukal.Vor Mitbewerbern, die in den Ausschreibungen günstiger unterwegs sind, fürchten sich die Linzer nicht. Schon gar nicht vor Anbietern plagiierter Maschinen. Wesentliche Partner wie Chengdu Aircraft würden die zunehmenden Nachbauten billiger japanischer Maschinen meiden. “Die werden nicht einmal ignoriert”, sagt Kaukal. Auch die Einfuhr von Maschinen aus Österreich sei eigentlich keine große Sache. Um in den Genuss von Zollvergünstigungen zu kommen, sei zwar manche Hürde zu nehmen. Chinesische Institute würden mit viel Akribie „per Laser die Positioniergenauigkeit der importierten Maschine vermessen“, erzählt Kaukal. Das sei aber okay. Unglücklich sei er nur über die Spätfolgen der heimischen Bankenkrise. „Teiils werden allfällige Anzahlungsgarantien österreichischer Banken nicht akzeptiert“, so Kaukal. Die Linzer müssten ärgerlicherweise “auf chinesische Kreditinstitute ausweichen”.Dem Reich der Mitte deshalb gleich den Rücken zu kehren, daran denken sie freilich keine Sekunde – zu gut gehen hier die Geschäfte. Boeing zufolge würden in China für die kommenden 20 Jahre 3800 Flugzeuge benötigt – und es gebe “noch andere positive Signale”, so Kaukal. Die Schiffsbauindustrie darbe zwar – doch Neuinvestitionen fanden hier “noch nicht in großem Stil statt”, sieh Kaukal einen neuen Umsatzbringer nahen. Fortsetzung auf Seite 5: Trumpf - vom Job-Shop zur Edelproduktion
Seit 1983 – so lange schon mischt der deutsche Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf am chinesischen Markt mit. Noch viel länger gibt es in China Job-Shops – mit einem sind seit 2004 auch die Deutschen vertreten: Gefertigt werden Blechteile und Komponenten für China im Wert von fast sechs Millionen Euro pro Jahr. Aber erst 2009 machte Trumpf richtig ernst: In Taicang, etwas nordwestlich von Shanghai, eröffnete der Konzern sein 14.000 Quadratmeter großes Werk. Im Februar 2012 soll der erste Ausbau fertig sein – er bringt fast eine Verdoppelung der Produktionsfläche. „Waren anfangs alle Kapazitäten für die Montage von Lasermaschinen und OP-Tische reserviert, ist nun weiterer Platz für die Montage von Stanzmaschinen geschaffen worden”, erzählt Geschäftsführer Friedrich Kilian. Dafür gibt es auch vom VDW indirekt Lob: Mit dem Export allein würden Betriebe ihre Wachstumschancen in China nämlich “nicht annähernd optimal ausschöpfen“, sagte dessen Vorsitzender, Martin Kapp. Dabei war er vielleicht im Gedanken bei Trumpf – denn deren Einstiegsmaschine zum Stanzen war bisher ein klassischer Exportartikel. Schon bald wird die Maschine direkt in China für den chinesischen Markt produziert. „Schlüsselkomponenten wie die Steuerung kommen weiterhin aus Deutschland“, sagt Kilian. Chancen auf Aufträge hätten chinesische Lieferanten aber bei mechanischen oder hydraulischen Teilen: Die Hydraulikpumpe für ein Palettenwechslersystem liefert schon ein Chinese. Und die lokale Wertschöpfung soll mit chinesischen Firmen aus gutem Grund hinauf: „Manche westliche Anbieter sind hier kaum billiger unterwegs wie zuhause“, wundert sich Kilian.Wie aber findet der Maschinenbauer qualifizierte Lieferanten? „Wir haben dafür ein eigenes Einkaufsbüro aufgemacht“, antwortet Kilian. Sechs Mitarbeiter – Deutsche und Chinesen sind gut durchmischt – begutachten und bereisen alle möglichen Anbieter. „Es sind streckenweise sechs Mal mehr Firmen aktiv“, sagt Kilian. Sein Tipp an Einkäufer ist deshalb erst recht, nicht dem Sparwillen zu verfallen. Eine Pumpe, die in Europa 2000 Euro kostet, darf hier um ein Drittel günstiger sein. Ist der Preisunterschied größer, schrillen bei Kilian aber die Alarmglocken: „Um solche Anbieter machen wir meist einen Bogen“.Taicang ist eine 500.000-Einwohner-Stadt. Auch sechs F&E-Mitarbeiter werken mittlerweile im Trumpf-Werk: Sie hatten bereits eine zündende Idee für China-Maschinen: „Einen manuellen Palettenwechsler“, verrät Trumpf-Geschäftsführer Friedrich Kilian. Bis Ende 2012 will er die Mitarbeiterzahl bei 600 liegen sehen (derzeit: 500) – denn die Prozesse spielen sich ein: Mittlerweile wissen die Deutschen mit Stromschwankungen im chinesischen Netz umzugehen. Und sie kennen die lokalen Gepflogenheiten: Ein gutes Einvernehmen mit den Behörden sei entscheidend, heißt es Trumpf. Dann sei selbst der Zukauf von Produktionsfläche “schneller in trockenen Tüchern”. Denn auch hier gebe es einen Baubürgermeister, “der involviert werden möchte“, schmunzelt Kilian. Beziehungspflege als Erfolgsfaktor in China? Wenn sich so heftige Schreiduelle vermeiden lassen, nur gut.