Standort : Am Limit

Der Vergleich macht Max Oberhumer sicher. Ein Blick auf die Energiepreise in den USA, dann der Blick auf die Preise für Rohstoffe in Europa – für Industriemanager offenbaren sich ernüchternde Differenzen. Das gute Abschneiden der USA sei „offenkundig“, meint der Geschäftsführer des Papierherstellers Sappi Austria. Und stellt eine Beispielrechnung aus heimischen Gefilden an: Würden die Energiepreise in der heimischen Papierindustrie um zehn Prozent steigen, „verteuert sich die Herstellung für uns um 1,5 Prozent“, sagt Oberhumer.

Das ist viel – „den Wettbewerb entscheiden wenige Prozent.“ Und trotzdem ist der Manager nicht bereit, den Standort schlechtzureden. „Man sollte im Vergleich zu Amerika nicht nur den Kubikmeterpreis für Gas anschauen“, meint er. Österreich bliebe für die Papierindustrie ein hervorragender Standort: Man habe exzellente Transportwege. „Und wir haben genügend beste Rohstoffe vor der Haustür.“

Damoklesschwert

Wie ist es um den Industriestandort Österreich bestellt: Diese Frage beherrscht die öffentliche Debatte – und im Hintergrund hängt ein großes, dunkles Damoklesschwert. Es ist die Drohung der Abwanderung. Auslöser der jüngsten Diskussion ist Wolfgang Eder. Der Generaldirektor der Voestalpine hat jetzt seine frühere Kritik einfach nochmal wiederholt – diesmal allerdings so radikal wie nie zuvor. Zuletzt auf dem Industriekongress des INDUSTRIEMAGAZIN in Wien griff Eder die heimische Wirtschaftspolitik, die hohen Abgaben und vor allem die Energiepreise scharf an. Ganz offen stellt er die Zukunft des traditionsreichen Standortes Linz in Frage – also das Herz der österreichischen Schwerindustrie.

Die Reaktion anderer Wirtschaftskapitäne auf diese Kritik folgte sofort. OMV-Chef Gerhard Roiss und Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung, stellten sich demonstrativ an Eders Seite. Die zentrale Botschaft: Wenn es so weitergehe, dann sei es bald aus mit der Stärke der heimischen Industrie. Tatsächlich setzen zwei zeitgleiche Entwicklungen auf dem Energiemarkt vor allem die energieintensiven Hersteller massiv unter Druck. Erstens die von Deutschland angetriebene Energiewende, die zu immer höheren Strompreisen für den Mittelstand führt – während der Strom für Großkunden immer billiger wird. Und zweitens die Schiefergasrevolution in den USA, die den Preis für Gas und Öl in Nordamerika in den Keller gedrückt hat.

Die Entscheidung der Voestalpine, um mehr als eine halbe Milliarde Euro ein neues Werk in Texas zu bauen, fand weltweit ein Echo. Begründet wird das in erster Linie mit den Energiepreisen. Vorausgesetzt, Amerika pumpt dank Fracking weiter so viel Öl und Gas aus den Prärien des Mittleren Westens, und vorausgesetzt, die Produktion in China bleibt weiter so viel billiger als in Europa – verwandeln sich dann die Länder der EU in deindustrialisierte Argarstaaten? Das INDUSTRIEMAGAZIN zeigt, warum die Kritik heimischer Manager alles andere als Rhetorik ist – und warum Industriestandorte in Österreich weiter eine Wettbewerbsfähigkeit haben, die auch die Angst vor den hohen Energiepreisen relativiert.

Eines steht fest: Mit der teuren Energie ist Europa gegenüber den USA im Nachteil – gegenüber Asien nicht unbedingt. So ist Elektrizität in den USA deutlich billiger als in Europa. In Deutschland zahlen jene Industriebetriebe, die nicht von der EEG-Umlage befreit sind, um ein Drittel mehr als ihre amerikanische Konkurrenz. Spitzenreiter beim Industriestrom in der EU ist Italien mit rund 20 Cent pro kWh. In Österreich dagegen, dessen Großverbraucher von der deutschen Energiewende profitieren können, kostet Industriestrom bereits heute genauso viel wie in den USA. Und: Nach Zahlen der OECD liegen die Strompreise hierzulande nur noch knapp über den Preisen in den meisten asiatischen Ländern.

Industriegas dagegen kostet in den USA derzeit ein Viertel des Preises, der in Europa fällig wird. Doch gegenüber Asien bleibt Europa auch beim Gas im Vorteil. So kostet Gas in den großen Industriestaaten Japan und Korea noch viel mehr als hierzulande. Dieselbe Situation listet der Energieriese BP auf dem Weltmarkt bei den Kohlepreisen auf – Kohle ist in Europa im Schnitt deutlich billiger als in Asien. Eine Ausnahme sind hier viele Regionen Chinas, in denen kostengünstige Kohle vor Ort gefördert wird. Allerdings: Weil in China die Umweltverschmutzung derart massiv ist und der Strompreis aus Wind und Photovoltaik so billig, ist der jährliche Zuwachs an neuen Kohlekraftwerken im Vorjahr deutlich gesunken. Ausgerechnet die Umweltorganisation Greenpeace hat im Mai Prognosen vorgelegt, wonach der absolute Kohleverbrauch in China ab 2020 zurückgehen soll. Dafür sprechen schon heute die neuen, ambitionierten Klimaziele Pekings und die Einführung eines Zertifikatesystems in zwölf von 34 Landesprovinzen.

Das am stärksten deindustrialisierte Land

Und diese Schützenhilfe aus Washington hat die amerikanische Industrie auch bitter nötig. „Wer die Wettbewerbsvorteile der USA gegenüber Europa hochlobt, sollte auch erklären, warum das Land einen Industrieanteil von zwölf Prozent am BIP hat“, sagt Michael Peneder, Industrieökonom am Wifo. „Die EU hat einen Anteil von 16 Prozent – das ist wenig genug, aber trotzdem deutlich mehr.“ In Deutschland etwa liegt der Industrieanteil am BIP bei 23 Prozent.

Die amerikanischen Statistiken sind das Ergebnis eines jahrzehntelangen Niedergangs der US-Produktion. Noch 1980 erwirtschaftete die Industrie ein knappes Drittel der volkswirtschaftlichen Leistung des Landes. 2011 ist dieser Anteil auf elf Prozent gesunken. In absoluten Zahlen gab es in der amerikanischen Industrieproduktion zuletzt zehn Jahre lang überhaupt keine Zuwächse. Auch wenn im Vorjahr eine Wende eingesetzt hat, bleibt es ein sehr langer Weg bis zur Reindustrialisierung auf europäisches Niveau.

Michael Peneder, der systematisch die unterschiedlichen Standorte analysiert, fällt ein hartes Urteil: „Die Wettbewerbsfähigkeit der USA steigt dank der Energiepreise und des Niedriglohnsektors. Doch in den Bereichen, in denen sie heute zurückliegen, werden sie nicht schnell aufholen können. Unter allen klassischen Industriestaaten sind die USA heute das am weitesten deindustrialisierte Land.“

Produktivität made in Austria

Nicht nur dank seiner Ausbildung ist Österreich ein klassisches Industrieland geblieben: Der Industrieanteil am BIP beträgt hierzulande 19 Prozent. Laut Statistiken der WKÖ stieg die Wertschöpfung der heimischen Industrie von 39,67 Milliarden Euro im Jahr 2003 auf 53,18 Milliarden Euro im Vorjahr. Dieser Wert ist auch deutlich höher als vor der Krise. Hier weitere zwei Gründe, warum das so ist. Erstens die hohe Produktivität jedes einzelnen Mitarbeiters in der heimischen Industrie. Das zeigen Berechnungen von Eurostat nach Kaufkraftstandard (KKS) pro Beschäftigtem, also unabhängig von Landeswährungen und Preisunterschieden.

Die Zahlen weisen heimischen Betrieben europaweit den drittbesten Platz aus – noch vor Deutschland. Auch das Wifo konstatierte Ende 2013 in seiner jüngsten Analyse zum Thema: „Die Erwerbstätigenproduktivität in der österreichischen Warenherstellung erhöhte sich zwischen 2002 und 2012 um ein Drittel.“

Zweitens sind die Energiepreise für einen Löwenanteil der Industrie in Wirklichkeit überhaupt nicht so bedrohlich, wie es in manchen Diskussionen scheinen mag. Das belegen Analysen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das zu den größten des Landes zählt und sich alles andere als wirtschaftsfeindlich positioniert.

Die Statistiker des DIW haben die Kostenstrukturen des verarbeitenden Gewerbes durchgekämmt. Ergebnis: Energiekosten machen in der gesamten deutschen Industrie durchschnittlich 2,2 Prozent des Umsatzes aus. Für 92 Prozent aller Industriebetriebe betragen die Energiekosten sogar 1,6 Prozent des Umsatzes. Im Gegensatz dazu stehen die energieintensiven Unternehmen – sie müssen von ihrem Umsatz sechs Prozent und mehr für Energie aufwenden. Allerdings machen diese Unternehmen gerade einmal acht Prozent der gesamten industriellen Wertschöpfung aus. Gemessen am deutschen BIP beträgt der Anteil der energieintensiven Firmen sogar nur 1,5 Prozent.

Entscheidend für energieintensive Unternehmen, so die Autoren weiter, seien nicht die staatlich bestimmten Anteile am Energiepreis wie Netzgebühren und Steuern – weil in den meisten Ländern umfassende Ausnahmen gelten würden. Sondern entscheidend für den Preis und die Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes sei die geostrategische Position eines Landes und der Zugang zu Ressourcen. Das wäre zum Beispiel die Frage, wie zuverlässig und zu welchen Konditionen Gas nach Österreich geliefert werden kann.

WEF: Energiepreise nicht entscheidend

Welche Wettbewerbsfähigkeit ein Standort hat, untersucht jedes Jahr auch eine weitere Organisation, der man ebenfalls nun wirklich keinen grünen Lobbyismus vorwerfen kann: Das Weltwirtschaftsforum Davos (WEF). Dabei werden volkswirtschaftliche Daten mit den Ergebnissen einer Umfrage unter 13.000 Führungskräften zum „Global Competitiveness Index“ kombiniert. Bei der Frage, wie wettbewerbsfähig ein Standort sei, spielen in dieser Untersuchung die Energiepreise keine Rolle – stattdessen stehen Netzwerke in der Wirtschaft, Investitionen in F&E sowie Kooperationen zwischen Forschung und Industrie im Zentrum. Das Fazit der jüngsten Analyse: Ob ein europäisches Land in Zukunft international seine Wettbewerbsfähigkeit behaupten könne, hänge in erster Linie keineswegs von Energie- preisen ab – sondern von innovativen und forschungsintensiven Produkten.

Zukunft: Forschungsintensiv

„Die Existenz ist immer bedroht. Risiken liegen im Unternehmertum. Und das soll man nicht nur an den Energiepreisen aufhängen“, sagt ausgerechnet Felix Friembichler.

Als Chef des Zementverbands VÖZ vertritt er jene Unternehmen, die zu den energieintensivsten Konsumenten der heimischen Wirtschaft zählen: Bis zu 40 Prozent der Herstellungskosten müssen Zementwerke in Österreich für Energie aufwenden. In der Diskussion rund um Abwanderung könne gerade die Voestalpine als ein positives Gegenbeispiel dienen, so Friembichler: „Der Konzern hat sich in den vergangenen 20 Jahren enorm entwickelt und ist heute ein bedeutender Spieler geworden – und das trotz widriger Märkte und steigender Energiepreise. Und auch, weil der Glaube an die eigene Innovationsfähigkeit einfach da war.“