Frauen und Technik

Stereo-Typ: Frauen in Männerdomänen

Noch immer gelten weibliche Führungskräfte in Technikjobs als Exoten. Wir haben fünf Managerinnen gefragt: Wie offen sind die Türen für Frauen in leitenden Positionen in der Industrie?

Die Fakten sind hinlänglich bekannt: Es gibt zu wenig Frauen in technischen (und naturwissenschaftlichen) Berufen. Und: Es gibt zu wenig Frauen in leitenden Positionen. An fehlenden Programmen zur Frauenförderung, Beratungseinrichtungen und diversen Aktionstagen, deren erklärtes Ziel es ist, Mädchen und Frauen für bislang stark segregierte „Männerberufe“ zu begeistern, kann es nicht liegen. Deren Zahl ist Legion, in der Praxis ist es aber dennoch so, dass nach wie vor zwei Drittel der weiblichen Bevölkerung in sogenannten typischen Frauenberufen arbeiten, während lediglich acht Prozent in „Männerdomänen“, also quasi allem, was irgendwie mit Zukunftsbranchen zu tun hat, tätig sind.

Stehen keineswegs „alle Türen offen“?

Am Bildungsniveau liegt es auch nicht. Bereits seit Jahren gibt es mehr Maturantinnen als Maturanten und an den Universitäten mehr Frauen als Männer, die ihr Studium erfolgreich abschließen. Seit dem Vorjahr ist das übrigens auch an den Fachhochschulen so. Während Personalchefs, Gleichstellungsbeauftragte und Headhunter vor allem die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie nach wie vor bestehende geschlechtsspezifische Stereotype ins Feld führen, monieren Wissenschaftler, dass Frauen, die sich für einen technischen Beruf entschieden haben, keinesfalls wie suggeriert „alle Türen offenstehen“ würden. Viel zu viele würden auf Sachbearbeiterniveau bleiben und seien in der Hierarchie weiter unten als ihre Kollegen berichten Frauen, in ihrem Arbeitsalltag als „Exoten“ wahrgenommen zu werden und mehr oder weniger ein Außenseiterdasein zu führen.

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MINT ist nicht überall eine „männliche Domäne“

Ging man bislang davon aus, dass die Unterrepräsentanz von Frauen in technischen Berufen mit mangelnder Gleichberechtigung zu tun hätte, zeigte eine im Februar dieses Jahres veröffentlichte, international angelegte Studie (The Gender-Equalitiy Paradox in Science, Technology, Engineering and Mathematics Education), dass genau das Gegenteil davon der Fall ist. In Ländern mit weniger Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern studieren durchschnittlich mehr Frauen MINT-Fächer als in Ländern, die den Global Gender Gap Index anführen. So liegen Algerien, Tunesien und die Vereinigten Arabischen Emirate im Spitzenfeld. Der Frauenanteil bei MINT- Studien liegt hier bei über 40 Prozent. Ein Trend, der auch an der TU Wien zu beobachten ist: 40 Prozent der studierenden Frauen kommen nicht aus Österreich, sondern aus Südeuropa, Osteuropa, aus arabischen Staaten, der Türkei und dem Iran. Der Grund: Nicht überall gilt Technik als ausschließlich männliche Domäne. Hartnäckig an diesem Stereotyp festhalten würde man allerdings nach wie vor in Mitteleuropa und in den USA. Dass diese scheinbar letzte patriarchale Bastion mit Zähnen und Klauen gegen eindringende Frauen verteidigt wird, wäre in diesen Regionen, wie entsprechende Statistiken anschaulich dokumentieren, oftmals keine Seltenheit.

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Wir haben fünf Frauen interviewt, die in sogenannten klassischen Männerdomänen arbeiten. Hier sind ihre Geschichten.

Stéphanie Lakkis: "Ich werde respektiert für die Dinge, die ich erreiche"

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STÉPHANIE LAKKIS, Leiterin Digital Enterprise Solutions für die Prozessindustrie bei Siemens

Schon in der Schule hatte ich eine Leidenschaft für Mathematik und Physik. Ich hatte das Glück, dass ich schon früh ermutigt wurde, mir mehr zuzutrauen und Neuem gegenüber aufgeschlossen zu sein“, erzählt Stéphanie Lakkis, die über Umwege bei Siemens gelandet ist. Nach ihrem Studium, Electrical Engineering and Computer Science, in Frankreich und Auslandssemestern in Kanada und Australien wollte die gebürtige Französin ursprünglich eine Laufbahn im Bankensektor einschlagen. „Allerdings war ich nach den ersten Einblicken dort rasch desillusioniert. Vor allem hatte ich das Gefühl, dass ich meinen Anspruch an eine gestalterische Tätigkeit in diesem Sektor nicht erfüllen konnte“, sagt Lakkis. Ihre Entscheidung, zum Engineering zurückzukehren, führte sie nach Wien. Bei Siemens war Lakkis zunächst als Project Engineer im Energiebereich tätig, seit Juni dieses Jahres leitet sie das Business Segment Digital Enterprise Solutions in der Prozessautomatisierung. An Siemens fasziniert sie vor allem „das intensive Streben nach Innovation“. „Wir arbeiten, forschen und entwickeln direkt im Mittelpunkt der industriellen Digitalisierung. Mein Aufgabengebiet ist es, mit meinem Expertenteam aus unterschiedlichsten Fachgebieten innovative Lösungen für die Themenbereiche Advanced Automation, Edge and Cloud Solutions und Manufacturing Execution Systems zu entwickeln. Konkret arbeiten wir vor allem für die Chemische, die Lebensmittel-, die Pharma- und die Abwasser- bzw. Entsorgungsindustrie. Wir verfolgen den Ansatz, industrielles Know-how mit Digitalisierungstechnologie zu verbinden und so den Kunden zu besseren Lösungen zu verhelfen“, erklärt Lakkis ihr Aufgabengebiet. Dass es hervorragende Technikerinnen und Forscherinnen gibt, steht für sie außer Frage – wenn auch, fügt sie in einem Nachsatz hinzu, „insgesamt derzeit vielleicht noch zu wenige“. Trotzdem steht für Lakkis „die fachliche Kompetenz und nicht das Geschlecht“ im Vordergrund: „Ich werde hier respektiert für die Dinge, die ich erreiche, und für die Art und Weise, wie mir das gelingt.“ Damit sich in Zukunft mehr Frauen für die Technik begeistern, seien vor allem Schulen gefordert, bei Mädchen und Buben die Faszination für Technik und Naturwissenschaften zu wecken. „Gute Bildung gibt jungen Menschen Perspektiven und erlaubt es ihnen, in Zukunftsbranchen mit entsprechend großen Herausforderungen tätig zu werden“, ist Lakkis überzeugt.

Petra Wolf: "Bei technischen Besprechungen bin ich oft die einzige Frau"

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PETRA WOLF Bauingenieurin/Team Projektleitung Semmering Basistunnel (ÖBB-Infrastruktur AG)

Der Grund, warum ich 2014 die Stelle bei den ÖBB angenommen habe, war in erster Linie das Projekt Semmering Basistunnel. Bei einem der größten Tunnelbau-Projekte in Österreich mitzuarbeiten, war für mich der perfekte Einstieg in die Berufswelt“, sagt Petra Wolf. Studiert hat die 29-Jährige an der TU Graz, Bauingenieurwissenschaften, Umwelt und Wirtschaft. Warum sie bei diesem Studium gelandet ist, kann sie heute nicht mehr genau sagen: „Die Affnität zur Architektur war wahrscheinlich ein Grund. Bauingenieurwesen erschien mir damals allerdings sinnvoller als ein Architektur-Studium.“ Ihre Wahl hat Wolf bis heute nicht bereut. „Ich arbeite seit über vier Jahren bei den ÖBB und es bleibt spannend“, erklärt sie lachend. Der Semmering Basistunnel werfe nach wie vor interessante technische und bauvertragliche Herausforderungen auf, an denen man wachsen könne. „Hier arbeiten viele ausgezeichnete Fachkräfte aus unterschiedlichsten Disziplinen des Bauwesens zusammen. Die Möglichkeit, auf deren Fachwissen zugreifen zu können, ist für mich sehr wertvoll“, sagt Wolf. Als Frau im Bauwesen, und speziell im Tunnelbau, sei man allerdings in der Regel allein unter Männern. „Bei technischen Besprechungen bin ich oft die einzige Frau. Wenn es um wirtschaftliche Themen geht, sind gelegentlich auch ein paar Kolleginnen dabei“, sagt Wolf. Dennoch fühle sie sich respektiert, wenngleich die Situation „direkt vor Ort, also auf der Baustelle“ noch „ein wenig anders“ wäre: „Da hat man es als Frau, denke ich, etwas schwerer sich durchzusetzen“, räumt Wolf ein. Aber die Zeiten ändern sich. Bereits jetzt schon hat Wolf auch auf der Baustelle einige Kolleginnen an ihrer Seite, nämlich „Geologinnen und Geotechnikerinnen, aber auch Bauleiterinnen“. Wolf hofft, dass das bald schon „eine Selbstverständlichkeit“ sein wird.

Daniela Saxenhuber: "Ich habe bisher immer Wertschätzung erfahren"

© BMW

DANIELA SAXENHUBER Projektleiterin Entwicklung E-Antriebsumfänge im BMW Group-Werk Steyr

Diplom-Ingenieurin der Technischen Mathematik, Magistra der Wirtschaftswissenschaften, Doktorin der Industriemathematik. Ihre Faszination für die Materie ist für Daniela Saxenhuber leicht erklärt: „Ich gehe den Dingen gerne auf den Grund. In meiner Dissertation habe ich mich mit der Tomographie der Erdatmosphäre zur Bildverbesserung in Teleskopen beschäftigt, heute arbeite ich in der Motorenentwicklung. Beiden liegen mathematische Modelle und Simulationen zugrunde.“ Die 28-Jährige startete ihre berufliche Karriere mit dem „Global Leader Development Programme“ im BMW Group Werk Steyr, ein Entwicklungsprogramm für Hochschulabsolventen und junge professionelle Berufseinsteiger. „Besonders prägend während der Ausbildung war mein Auslandsaufenthalt in der Zentrale München in der Antriebsstrategie; im 19. Stockwerk, nur wenige Etagen unter dem Vorstand der BMW AG. Als ich dort zum ersten Mal aus den Fenstern des 4-zylindrischen Hochhauses über München schaute und mich, in Hosenanzug und Pumps, als eine der wenigen Frauen – wie immer als Technikerin – unter die vielen Anzugträger gemischt habe und in der Konzernstrategie mitarbeiten durfte“, erinnert sich Saxenhuber. Jetzt arbeitet sie in Steyr als Projektleiterin im konzernweiten Dieselmotoren-Entwicklungszentrum der BMW Group. Dass sie in ihrer Abteilung die einzige Projektleiterin ist, stört sie nicht: „Ich fühle mich unter meinen Kollegen sehr wohl und ich habe bisher immer Wertschätzung und Respekt erfahren.“ Dennoch sei die Arbeit als Frau in der Technik herausfordernd, besonders als junges Mitglied in einem sehr männerdominierten Umfeld. „Ich denke, das wird sich in Zukunft ändern“, ist Saxenhuber überzeugt. Je normaler es wird, auch Frauen in technischen Berufen in Führungspositionen zu sehen, desto kleiner würden oft unterbewusste Vorurteile werden.

Vivien Lingel: "Mir fällt es nur noch selten auf, dass ich die einzige Frau bin"

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VIVIEN LINGEL Director Material and Process Technology, FACC AG

Durch meine Eltern wusste ich, was ich nicht werden wollte, nämlich Lehrerin oder Rechtsanwältin“, erzählt Vivien Lingel lachend. Uni-Schnupperkurse, Studienberatung und ein Auslandsaufenthalt in London nach der Matura haben sie motiviert, in die technische Richtung zu gehen. „Der Anfang im Studium war sehr schwer“, sagt die 37-Jährige. An der TU Dresden hat die gebürtige Deutsche Mechanical Engineering studiert. „Als ich mit dem Studium fertig war, wurde bei FACC gerade eine Stelle im Material- & Process Engineering Interiors frei. Nachdem sich die zukünftige Chefin im Bewerbungsgespräch sehr mitreißend und extrem motivierend gezeigt hatte, stand der Entschluss fest: Ich ziehe nach Österreich.“ Elf Jahre später ist Lingel bei FACC Director Material and Process Technology. Die Kombination aus praktischen Versuchen, PC-Arbeit und Besprechungen macht ihr immer noch großen Spaß. „Ja, die Arbeit hier ist sehr nahe an meinem Traumberuf, obwohl es großen Termindruck und enge Zeitpläne gibt. Aber gerade das ist ja auch die immerwährende spannende Herausforderung, ohne die es langweilig werden würde“, sagt Lingel. Sie fühle sich als Frau in ihrer Position respektiert, erzählt sie: „Mir fällt es im Job nur noch selten auf, dass ich oft die einzige Frau unter vielen Männern in den Besprechungen bin.“ In ihrem Team ist der Männer-Frauenanteil ausgeglichen, im Unternehmen selbst wäre der Männeranteil deutlich höher. „Auch in den Führungspositionen überwiegt der Männeranteil. FACC ist es aber ein Anliegen, verstärkt Karrieren für Frauen – auch in Teilzeit – zu fördern. Maßnahmen wie eine adäquate Ganztags-Kinderbetreuung sollten zudem auch für Frauen mit Kindern die Ausübung eines Fulltime-Jobs möglich machen. Gäbe es dieses Angebot flächendeckend, würde das das in den österreichischen Vorstandsetagen vorherrschende Bild eventuell ändern“, sagt sie.

Sandra Grienberger: "Man weiß es zu schätzen, mich im Haus zu haben"

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SANDRA GRIENBERGER Fachverantwortliche der Abteilung Umwelt- und Betriebsanalytik, Sparte Wasser- und Abwasseranalytik, bei Voestalpine

Ihr Studium der Technischen Chemie hat sich Sandra Grienberger mit Ferialjobs in der Voestalpine mitfinanziert, heute leitet sie die Wasser- und Abwasseranalytik des Großkonzerns. „Umweltpolitik hat viel mit Nachhaltigkeit zu tun und die Voestalpine nimmt ihre unternehmerische Verantwortung in diesem Bereich sehr ernst“, sagt Grienberger. Sie selbst versteht sich als Umweltmanagerin, in ihren Einsatzbereich fällt die Kontrolle sämtlicher Ab- und Grundwässer der Voestalpine am Standort Linz.

Mit den Gegebenheiten vor Ort ist die promovierte Chemikerin bestens vertraut. Nach zahlreichen Praktika und zunächst freien Dienstverträgen – um, wie sie sagt, Job und Familie besser vereinbaren zu können – ist Grienberger seit 2002 fix an Bord, seit 2016 nunmehr in leitender Position. Die Fachverantwortung für den Wasserschutz hat sie gern übernommen: „Ich mag das Thema – ich finde es durchwegs spannend.“ Auch wenn das Tagesgeschäft geprägt ist von strengen Behördenauflagen, die regelmäßig adaptiert werden. Meist geht es um Grenzwerte, und meist werden diese nach oben revidiert.

„Wir sind ständig bemüht, up-to-date zu bleiben, Prozesse schneller zu machen und diese, soweit es geht, zu vereinfachen“, sagt Grienberger. Innerhalb des Unternehmens fühlt sich die Teamplayerin akzeptiert: „Man weiß es durchaus zu schätzen, uns als Umweltmanager direkt im Haus zu haben, unser fachliches Know-how, aber auch unser Wissen um die Produktionsprozesse und unsere schnelle Reaktionsfähigkeit.“

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