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Millionenbetrug beim Autozulieferer Leoni erinnert stark an Fall bei FACC

Der deutsche Autozulieferer Leoni stellt fest, dass 40 Millionen Euro auf Konten im Ausland verschoben wurden - Empfänger unbekannt. Die Methode erinnert stark an den spektakulären Betrugsfall beim oberösterreichischen Luftfahrtzulieferer FACC. Hier der ausführliche Hintergrundbericht.

Hier im Bild: Der Standort Stolberg des Nürnberger Autozulieferers Leoni.

Der deutsche Autozulieferer Leoni ist Opfer eines millionenschweren Betrugs geworden. Die bisher unbekannten Täter nutzten dafür gefälschte Dokumente und Identitäten sowie elektronische Kommunikationswege, wie das Unternehmen am Dienstag überraschend mitteilte. Damit sei Geld auf Konten im Ausland transferiert worden. Der Schaden belaufe sich auf rund 40 Mio. Euro.

Die "Chef-Masche"

Ein Sprecher wollte sich wegen der laufenden Ermittlungen zunächst nicht zu Details äußern. Erst am Freitag sei der Betrug erkannt worden. Aus dem Firmenumfeld hieß es, jemand habe sich gegenüber Kollegen als Leoni-Mitarbeiter ausgegeben und behauptet, "besondere Befugnisse zu haben". Auf diese Weise habe er "bestimmte Geschäftsvorgänge vorbereiten" lassen. Das Besondere sei dabei nicht das Vorgehen der Betrüger an sich, "sondern die Höhe des Schadens".

Der Vorstand des Nürnberger Konzerns leitete umgehend eine Untersuchung der Vorfälle ein und prüft Schadenersatz- und Versicherungsansprüche. Ebenso sei Anzeige erstattet worden. Bei Polizei und Staatsanwaltschaft war die Anzeige noch nicht eingegangen.

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Die Auswirkungen auf das Ergebnis kann das Unternehmen derzeit noch nicht abschätzen. Die Liquiditätslage des Konzerns sei jedoch nicht wesentlich beeinträchtigt.

So sieht die Methode aus

Das Vorgehen der Täter ähnelt dem "Chef-Betrug" ("CEO-Fraud"), dem auch der oberösterreichische Luftfahrtzulieferer FACC aufgesessen war, wie INDUSTRIEMAGAZIN.at hier ausführlich gemeldet hatte. Auch bei FACC betrug heuer der Schaden rund 40 Mio. Euro.

Mit dieser Methode haben Wirtschaftsbetrüger in den vergangenen Monaten bereits mehrere andere Unternehmen um große Beträge erleichtert. Mehr dazu hier: FACC ist in Österreich nicht das einzige Opfer >>

Bei der Weiterentwicklung des berüchtigten Enkeltricks meldet sich der vermeintliche Chef oder Finanzchef des Unternehmens - über eine gefälschte E-Mail-Adresse - beim Buchhalter und drängt zur Eile: Für wichtige Transaktionen müsse dringend Geld überwiesen werden.

Der Mitarbeiter wird zu "strikter Geheimhaltung" verpflichtet. Dies und vorbereitete Zahlungsaufträge mit der notwendigen - aber gefälschten - zweiten Unterschrift setzen die Kontrollmechanismen außer Kraft: So landen große Geldsummen auf ausländischen Konten.

Deutschland: 60 Betrugsfälle im Jahr 2013

Die Masche tauchte vor etwa zwei Jahren zuerst in der Schweiz und im französischsprachigen Europa auf. Hinter dem Betrug soll ein weltweit operierendes Netzwerk der Organisierten Kriminalität stecken. Das FBI bezifferte den weltweiten Schaden auf 3,1 Mrd. US-Dollar (2,8 Mrd. Euro) in 100 Staaten.

Dem deutschen Bundeskriminalamt wurden seit 2013 bundesweit rund 60 Betrugsfälle mit einem Gesamtschaden von 106 Mio. Euro bekannt. Der tatsächliche Schaden könne aber höher liegen, weil es dazu keine Statistik mit Meldepflicht gebe.

Täter spionieren das Unternehmen wochenlang aus

Nach Erkenntnissen der Ermittler sind die Betrüger in diesen Fällen über das Unternehmen bestens im Bilde und bereiten sich wochenlang vor. Betroffen sind demnach Großkonzerne und Mittelständler. Besonders anfällig seien patriarchalisch-autoritär geführte Unternehmen, in denen Zweifel und Widerspruch nicht erwünscht sind.

Die Aktie des im MDax notierten Unternehmens brach im Verlauf des Dienstags vorübergehend um mehr als zehn Prozent ein. (APA/dpa/red)

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