Life Sciece: Den Trampelpfad verlassen

Große Pharmakonzerne flüchten aus dem Risiko: Innovation findet wird fast nur noch von kleinen Life Science-Unternehmen zugekauft. So lassen sich Flops verstecken.

Ex-Intercell-Mann Erich Tauber hält den Ball für sein Start-up bewusst niedrig: „Viele Biotech-Start-ups träumen ja davon, ein voll integriertes Pharmaunternehmen zu werden, wie Intercell es zu sein versucht.“ Er nicht: „Wir haben zwei Labors und Platz für maximal zehn Leute.“ Dabei soll es auch bleiben. Tauber weiß, wie viel schief gehen kann, wenn man sich wie viele Uni-Start-ups auf die Gebiete stürzt, die als besonders sexy gelten, wie Krebs oder HIV. „Wir verlassen ein bisschen den Trampelpfad. Viele Biotech-Firmen suchen sich vor allem technologisch und kommerziell schwierige Projekte.“ Risikominimierung ist Teil seines Businessplans. Tauber ging gezielt auf die Suche nach einer schon validierten Trägertechnologie, mit der Antikörper gegen Tropenkrankheiten im Körper gezielt in die passenden Zellen gebracht werden können. Fündig wurde er beim Pariser Institut Pasteur – dort gab es mit dem modifizierten Masernvirus Themaxyn eine verfügbare Technologieplattform. Man war sich schnell handelseins – die Franzosen schlossen eine F&E-Vereinbarung mit Tauber ab: Themis bekam die exklusive Kommerzialisierungslizenz für Themaxyn. In nächsten Takt testet Themis den Pasteur-Vektor in Tierversuchen auf seine Einsetzbarkeit gegen Chikungunya, Dengue- und Gelbfieber. „Wir validieren ein Wirksamkeits-Sicherheitsprofil so weit, dass man es in eine zulassungsfähige klinische Studie überleiten kann.“ Das Flop-Risiko bewege sich in einem überschaubaren Rahmen – Themaxyn funktioniert bereits gegen das West Nil-Virus, nun gilt es, den Wirkungsbereich auf andere Krankheiten auszudehnen.
 
Das liebe Geld.
Wichtig ist der klare Entwicklungspfad – ins Blaue hinein forscht keine noch so kleine Biotech-Schmiede mehr. Denn sie brauchen viel Spielgeld. Förderungen sind ein wesentlicher Teil des Finanzierungsmix’. Allein die austria wirtschaftsservice (aws) zahlte in den letzten zehn Jahren rund 430 Millionen Euro in Form von Zuschüssen, Krediten und Garantien an Life Science-Firmen. In Wien unterstützte die Technologieagentur der Stadt Wien ZIT seit 1998 Projekte mit mehr als 100 Millionen Euro.
Der – branchentypische - Finanzierungs-Mix von Themis besteht aus Wagniskapital und Förderungen (aws Seedfinancing, FFG-Zuschuss und -Darlehen). In Förderinstrumenten wie dem Seedfinancing sieht Tauber einen Standortvorteil („darum beneiden uns Forscher in anderen Ländern“), allerdings gibt es auch ein Problem: „Man braucht einen Eigenanteil.“ Der für viele Start-up-Wissenschaftler nicht zu stemmen ist. Doch auch einem Risikokapitalgeber muss man die eigene Forschungsschiene erst einmal verkaufen. Lokales Venture Capital gibt es in Österreich kaum – aber Tauber denkt da ohnehin international. Themis steht kurz vor Abschluss eines 5-Millionen-Euro-Pakets mit Venture Capital-Gesellschaften, das die nächsten vier Jahre ausfinanzieren soll.
Auch Biocrates arbeitet mit einem Mix aus Kapitaleinschüssen der Gründer, Seedfinancing, Venture Capital und einem erp-Technologiekredit. Umsätze erwirtschaften die Innsbrucker acht Jahre nach der Unternehmensgründung auch: Mit einem speziell entwickelten Breitband-Kit, das Forschern die Bestimmung von rund 180 verschiedenen Metaboliten erlaubt. Andere Forscher in Unis und Pharmaunternehmen nutzen es, um für ihre jeweiligen Projekte wichtige Metabolit-Gruppen schneller und effizienter zu identifizieren. 2010 verkaufte Biocrates 200 Stück davon. Maike Seidenberger

 

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