Bernhard Seyringer ist Foresight-Analyst und leitet den Think Tank MRV Research, Wien/Brussel. Sie erreichen Ihn unter: buero-wien@curbs.at

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Inspector Gadget am Fließband: 5 Thesen zu Industrie 4.0

Die bisher diskutierten Szenarien der Vierten Industriellen Revolution setzen auf Kontinuität. Doch was wir erleben, ist keinesfalls Industrie 3.0 mit Grundsicherung, findet Bernhard Seyringer von MRV Research.

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Das Konzept 4.0 verblüfft durch eine völlig a-historische Betrachtungsweise und lädt in manchen Punkten zu einer Reise in die späten 1970er Jahre ein. Der Fokus auf die Zahlenspielereien rund um "automatisierungsgefährdete" Jobs ist dabei genauso unsinnig, wie die Vorstellung Arbeit 4.0 wäre Industriearbeit mit mehr technischen Gadgets und Internetanschluß. Die bisher diskutierten Szenarien der Vierten Industriellen Revolution sind konservativ und setzen vorwiegend auf Kontinuität: also Industrie 3.0 mit Grundsicherung. Es wäre auch die erste Revolution, die auf amtliche Anordnung stattfinden würde.

These 1: Sämtliche Annahmen über die Skills der Zukunft deuten in Richtung einer Qualifikationsstruktur, die nicht primär den MINT zuzuordnen ist.

Die notwendige Ausbildung wird (tatsächlich) interdisziplinär sein müssen, und geprägt sein, durch einen intensiven Austausch zwischen den Sozialwissenschaften und den unterschiedlichen Technikwissenschaften.  Es wird um unstrukturierte Problemlösungen gehen und um sozialpsychologische Kalküle hinter digitalen Plattformen: breite Denkhorizonte und sich schnell in neue Arbeitsumgebungen einarbeiten können, wird genauso zentral sein, wie hohe soziale Kompetenz und erstklassige Kommunikationsfähigkeiten. Die amtliche Losung "alle in die MINT" ist schlicht das Gegenteil, von dem was gefordert ist.

These 2: Die Organisation der Märkte die Angebot und Nachfrage nach Dienstleitungen regulieren, werden sich viel grundsätzlicher ändern als gegenwärtig diskutiert. Die Zahlenspielereien mit "automatisierungs-gefährdeten" Jobs ist die völlig falsche Blickrichtung und lenkt von sinnvollen Innovationen nur ab.

Es werden nicht nur völlig neue Marktmechanismen entstehen, die neue Dienstleistungsstrukturen ermöglichen, sondern auch neue Kapitalisierungsmöglichkeiten werden sich bieten. Ein wesentlich höherer Anteil an "selbstständiger Arbeit" ist eine gute Nachricht, es gibt keinen Anlass für nostalgische Blicke auf den "Industriejob". 

These 3: Die wesentlichen Szenarien von Industrie 4.0 zielen auf Effizienzsteigerung. Das ist schon in Ordnung, aber nicht die Zukunft der Wirtschaft.

Die "Digitalisierung" wird neue Märkte schaffen und mit Hilfe neuer Technologien neue Spielregeln und deren Kapitalisierung entwickeln. Der 4.0-Ansatz hat keine horizontale Marktsicht sondern nur eine vertikale Technologiesicht, das kann bei aller Technikbegeisterung nicht die Zukunft sein.

These 4: Fokus auf marktschaffende Innovationen

Wer 4.0 haben will, muss auf marktschaffende Innovationen zielen, und die Hightech-Obsessionen hinten anstellen. Die bekommt man nur mit der Kreation neuer Märkte, neuer Spielregeln und Dienstleistungen. Die 4.0-Ideen stehen in Verbindung mit einem überholten Technology-Push Innovationsbegriff, der seit drei Dekaden als überholt gilt.  Sie zielen auf effizienzsteigernde nicht marktschaffende Innovationen. Das bedeutet nach allg. Lehre das es zu keinen ernsthaften Nachfrageeffekten kommt. (die wir auch erleben)

These 5: Die "Rückkehr der Produktion" sollte bestenfalls ein untergeordnetes politisches Ziel sein.

Die Fokussierung darauf wird eine Intensivierung staatlicher Förderungen von Ansiedelungsstrategien in Gang setzen, und die notwendige Innovationspeitsche für die europäischen Innovationssysteme wieder im Schrank lassen. Das Problem mit der schwachen europäischen Innovationsfähigkeit, trotz Vorhandensein von wettbewerbsfähiger Industrie, muss offensiver angegangen werden und sollte nicht primär auf die Ausweitung von Subventionierungsprogrammen zielen.

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