Industriekonjunktur

Geschäftsklima der deutschen Wirtschaft steigt vierten Monat in Folge

Die Wirtschaft in Deutschland setzt nach dem Absturz im zweiten Quartal auf Erholung: Der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts ist zuletzt zum vierten Mal in Folge gestiegen.

Nach dem beispiellosen Absturz der deutschen Wirtschaftsleistung von April bis Juni steigt die Zuversicht in den Chefetagen der Unternehmen weiter. Der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts, eine Umfrage unter 9.000 Unternehmen, legte im August den vierten Monat in Folge zu.

Die Firmen beurteilen ihre aktuelle Lage "merklich besser" als noch im Vormonat; ihre Erwartungen an die kommenden Monate fallen "leicht" optimistischer aus.

Im zweiten Quartal von April bis Juni schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach Berechnungen des deutschen Statistischen Bundesamts um 9,7 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Das war nicht ganz so negativ wie die zunächst geschätzten minus 10,1 Prozent, aber immer noch der stärkste Rückgang seit Beginn der vierteljährlichen BIP-Berechnungen für Deutschland ab dem Jahr 1970, wie die Statistiker mitteilten.

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Die privaten Konsumausgaben brachen bedingt durch die anhaltende Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen um 10,9 Prozent gegenüber dem ersten Quartal ein. Die Investitionen in Ausrüstungen wie Maschinen, Geräte und Fahrzeuge gingen um fast ein Fünftel (19,6 Prozent) zurück.

Massiv sank auch der Handel mit dem Ausland, im zweiten Quartal wurden rund 20 Prozent weniger Waren und Dienstleistungen exportiert als im ersten Quartal von Jänner bis März. Auch die Einfuhren sanken drastisch um 16 Prozent. Diese Rückgänge seien "nochmals deutlich größer als während der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise im ersten Quartal 2009 gewesen, betonten die Statistiker. Damals waren die Exporte um elf Prozent geschrumpft und die Importe um knapp sechs Prozent.

Stabilisierend wirkten lediglich die Konsumausgaben des Staates: Sie stiegen im zweiten Quartal um 1,5 Prozent, wie die Statistiker mitteilten. Sie verhinderten damit einen noch stärkeren Rückgang des BIP.

Mit Einbruch der Wirtschaftsleistung sank auch die Zahl der Erwerbstätigen - erstmals überhaupt seit der Finanzkrise. 574.000 Arbeitnehmer und Selbstständige verloren demnach ihren Job. Damit gab es 1,3 Prozent weniger Erwerbstätige als im Vorjahr. Der Rückgang war gering, denn: Wer kurzarbeitet, wird weiter als erwerbstätig gezählt.

Dass die Kurzarbeit "extrem" zunahm, wie die Statistiker erklärten, zeigt sich bei der Zahl der durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen: Sie verringerte sich nach ersten vorläufigen Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der deutschen Bundesagentur für Arbeit um 8,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen - also die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen - ging noch stärker um zehn Prozent zurück.

Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte war im zweiten Quartal wegen der staatlichen Hilfen wie Kurzarbeitergeld nur um 0,8 Prozent geringer als vor einem Jahr. Weil gleichzeitig die privaten Konsumausgaben stark zurückgingen, sparten die Haushalte erheblich mehr: Vorläufigen Berechnungen zufolge lag die Sparquote im zweiten Quartal 2020 mit 20,1 Prozent fast doppelt so hoch wie im Vorjahresvergleich mit 10,2 Prozent.

Der Staat machte erstmals seit 2011 wieder ein Minus: Die Einnahmen sanken im ersten Halbjahr bis Ende Juni um 3,6 Prozent, die Ausgaben - darunter Soforthilfen und die Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge für Kurzarbeit - erhöhten sich um 9,3 Prozent. Das Finanzierungsdefizit betrug damit nach vorläufigen Ergebnissen 51,6 Mrd. Euro. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt in jeweiligen Preisen (1,622 Billionen Euro) ergibt das eine Defizitquote von 3,2 Prozent.

SPD-Fraktionsvize Achim Post erklärte, es sei "auch weiterhin wichtig, dass der Staat starke Konjunktur- und Investitionsimpulse gibt". Das bedeute, dass der nächste Bundeshaushalt wieder ein "Investitionshaushalt" und "kein Sparhaushalt" sein müsse.

Der designierte FDP-Generalsekretär Volker Wissing mahnte hingegen, die deutsche Regierung müsse aufpassen, dass ihre Hilfsprogramme nicht "zu dauerhaften Abhängigkeiten" führten. Ansonsten könnten sich permanent nicht wirtschaftlich arbeitende Unternehmen "zu enormen Marktrisiken entwickeln, die einen durch Milliardenprogramme ausgelaugten Staat an seine Grenzen bringen können", warnte er. (afp/apa/red)

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