EVN-Chef Hofer: "Lutz Claassen war sehr eigen"

Burkhard Hofer, der Generaldirektor der EVN im Interview mit INDUSTRIEMAGAZIN über die Ursachen des geplanten Ausstiegs von Miteigentümer EnBW – und warum dieser nur „konsequent“ sei. Was der EVN-General von den bizarren Re-Verstaatlichungsplänen in Bulgarien hält und wie er die erste internationale Kooperation mit dem Verbund beurteilt.

Es heißt, die Alpine wolle mit diesem Schritt ihre Verhandlungsposition gegenüber der Regierung verbessern, was die Konditionen angeht. Halten Sie einen Wiedereinstieg Ihres ehemaligen Partners für realistisch?
Alles ist möglich. Die Baufirma wird im Rahmen einer Ausschreibung neu auszuwählen sein. Sollte die Alpine daraus als Best-Bieter hervorgehen, wäre sie wieder mit im Boot.

Könnte die Budgetnot in Bulgarien dazu führen, dass das Projekt auf Eis gelegt wird?
Nein, das schließe ich aus. Unseren Informationen nach ist die bulgarische Regierung sehr daran interessiert, Kraftwerkskapazitäten zu erreichen. Geplant ist eine Kraftwerkskette mit einer maximalen Kapazität von 170 Megawatt zu errichten. Das können zwei oder drei Anlagen sein. Die Entscheidung fällen wir in den nächsten Monaten.

Bulgarien will die Privatisierung der E-Wirtschaft weiter vorantreiben und plant den Verkauf des Drittel-Anteils an der bulgarischen E.ON-Tochter. Hat man Ihnen auch schon angeboten, die Stromverteilgesellschaft, an der Sie in Bulgarien beteiligt sind, vollständig zu übernehmen?
Die Überlegung, dass Bulgarien seine noch bestehenden Minderheitsanteile an den Verteilgesellschaften abgeben könnte, ist im Zusammenhang mit den Budgetnöten hochgekommen. Sollte uns die bulgarische Regierung ein entsprechendes Angebot unterbreiten, werden wir uns als Mehrheitseigentümer an einem solchen allfälligen Verkaufsprozess natürlich beteiligen. Es ist aber alleinige Entscheidung der Republik Bulgarien ob sie uns Anteile anbietet oder ihre Anteile über die Börse veräußert. Grundsätzlich liegt unser Fokus aber auf der Schaffung weiterer Erzeugungskapazitäten.

Sie haben also an den EON-Anteilen kein Interesse, sollte sich das Unternehmen aus Bulgarien zurückziehen?
Nein, daran haben wir kein Interesse. In Bulgarien als auch in Mazedonien sind wir an Verteilgesellschaften beteiligt, weitere Engagements in diesem Bereich sind für uns nicht von Interesse.

Parallel zu den Überlegungen zu einer weiteren Privatisierung schwelt in Bulgarien die Diskussion einer Re-Verstaatlichung der E-Wirtschaft. Wie geht das Ihrer Meinung nach zusammen?
Da ist noch keine klare Linie gefunden worden. Fakt ist, dass die budgetären Probleme in Bulgarien derzeit sehr akut sind. Können diese auch auf einem anderen Weg als über weitere Privatisierungen gelöst werden, wird der Staat sicherlich keine weiteren Anteile abgeben. Schließlich ist die Energiewirtschaft auch in Bulgarien ein wichtiger strategischer Sektor.

Haben Sie sich nie ernsthafte Sorgen gemacht, dass der bulgarische Staat seine Anteile von Ihnen  zurückfordern könnte?
Innerhalb der EU ist es heute nicht mehr so einfach möglich, Re-Verstaatlichungen vorzunehmen. Das wäre nur gegen Entschädigung möglich – und angesichts der Verhältnisse halte ich das nicht für besonders  realistisch.

Der Staat drohte auch deshalb mit Re-Verstaatlichung, weil er mit dem Geschäftsgebaren der bulgarischen EVN-Tochter unzufrieden war. Insbesondere kritisiert er, dass diese keine Dividenden ausschüttet. Werden Sie dem Staat hier entgegenkommen?
Wir haben bewusst in den vergangenen Jahren keine Dividenden gezahlt, weil wir das Geld im Unternehmen belassen wollten, um in Bulgarien in die Versorgungssicherheit zu investieren. Entsprechende Vereinbarungen haben wir bei der Übernahme getroffen. Ein solches Verhalten kann man uns also nicht wirklich vorwerfen.  

Sie werden also auch künftig keinen Beitrag leisten, um die Haushaltslöcher des bulgarischen Staates zu stopfen?
Wir planen heuer erstmals Dividenden auszuschütten. Der bulgarische Staat ist mit einem Drittel an unserer Stromgesellschaft beteiligt, somit wird auch er profitieren. Es wird aber nicht so viel Geld fließen, dass sich damit Haushaltslöcher stopfen lassen.

Wie steht die bulgarische EVN-Tochter wirtschaftlich dar?
Wir haben im vergangenen Jahr rund 20 Millionen Euro Gewinn erzielt. Das ist angemessen, aber natürlich auch noch steigerbar.

Auch in Mazedonien gibt es Probleme. Dort sind Sie in einen Rechtsstreit verwickelt, der immer wieder vertagt wird. Worum geht es hier genau?
Der staatliche Energieversorger ELEM hat uns auf die Zahlung von 160 Millionen Euro geklagt, weil es im Vorgängerunternehmen der EVN Mazedonia offene Stromrechnungen mehrerer hunderttausender Kunden gab, die wir nun eintreiben und abführen sollen. Das Problem hat sich über die Jahre extrem aufgeschaukelt. Nur durch intensive Gespräche konnten wir jetzt ein Klima schaffen, der in einem Vergleich münden könnte.
 
Wie könnte der aussehen?
Wir sind dabei eine Paketlösung zu vereinbaren, die nicht nur das Thema Altschulen enthält, sondern alle bis dato strittigen Punkte. Die Bandbreite reicht von einem besseren Rechtsschutz über die  Erledigung der strittigen Investitionsverpflichtungen bis hin zu zukünftigen Regulierungsbestimmungen. Hier gibt es sehr konkrete Vorschläge, so dass man davon ausgehen kann, dass wir uns in den nächsten Wochen einigen werden.

Lesen Sie auf Seite drei, wie Hofer gegen Stromdiebstahl vorgehen will.

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