Rüstungsindustrie : Europas Geld, Amerikas Waffen: So massiv profitieren US-Konzerne

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Schweres Gerät, schwere Entscheidungen: Europas Aufrüstung stärkt vor allem die US-Rüstungsindustrie.

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Während Europas Regierungen Rekordsummen in ihre Verteidigungshaushalte pumpen, klingeln in Washington die Kassen. Von F-35-Kampfjets über HIMARS-Raketenwerfer bis hin zu hochmodernen Luftabwehrsystemen – ein erheblicher Teil der milliardenschweren Beschaffungen europäischer NATO-Staaten fließt direkt in die US-Rüstungsindustrie. Was als sicherheitspolitische Reaktion auf den russischen Angriffskrieg begann, hat sich zu einem transatlantischen Geschäft entwickelt, das vor allem eines offenbart: Die Europäische Union subventioniert durch ihren Aufrüstungsdrang zunehmend die industrielle Vormachtstellung der Vereinigten Staaten – und lässt dabei ihre eigene Verteidigungswirtschaft oft außen vor.

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„Wir subventionieren die USA“: Kritik am EU-Kurs beim Industriekongress

Beim Österreichischen Industriekongress 2025 schlug Herbert Decker, CEO der Maschinenfabrik Liezen (MFL), deutliche Töne an: Europa verliere im Rüstungsboom systematisch die Kontrolle über seine industrielle Wertschöpfung: Ein Großteil der Aufträge gehe an außereuropäische Konzerne, insbesondere in die USA. Laut Decker seien 78 Prozent der EU-weiten Rüstungsausgaben im Jahr 2023 – das entspricht rund 50 Milliarden Euro – an Nicht-EU-Anbieter geflossen. „Wir subventionieren mit unseren Verteidigungsbudgets die industrielle Vormachtstellung der USA“, warnte er. Dabei verfüge Europa über das technologische und industrielle Potenzial, selbst eine sicherheitspolitische Supermacht zu sein.

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  • MFL-Geschäftsführer Herbert Decker spricht beim Interview
    „Europa ist nicht die Königin im Spiel. Europa ist nicht einmal ein Spieler. Europa ist das Brett, auf dem geopolitisch Schach gespielt wird.“

    Herbert Decker, CEO der Maschinenfabrik Liezen (MFL)

Milliarden für Washington: Europas Geld fließt in US-Waffentechnik

Decker untermauerte seine Kritik mit konkreten Beispielen: Die Großaufträge europäischer NATO-Staaten gingen bevorzugt an US-Systeme wie den Kampfjet F‑35 von Lockheed Martin, das Patriot-Luftabwehrsystem von Raytheon, Black-Hawk-Hubschrauber von Sikorsky sowie an Drohnen von General Atomics. Allein im Jahr 2023 wurden in Europa über 140 F‑35-Jets bestellt, mit einem geschätzten Volumen von über 20 Milliarden Euro. Weitere Milliardenverträge betreffen Luftabwehr und taktische Flugabwehr – Bereiche, in denen europäische Anbieter wie MBDA oder Diehl Defence zwar alternative Produkte anbieten aber nicht zum Zug gekommen sind. Neben dem Verlust strategischer Autonomie führe diese Praxis auch zu massiven Wertschöpfungsverlusten: „Wir verschenken jährlich bis zu 30 Milliarden Euro an wirtschaftlichem Potenzial – weil wir nicht in Europa produzieren lassen“, so Decker in seinem Vortrag.

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Rüstungsimporte 2024/25: Warum Europa weiter in den USA einkauft

Auch im Zeitraum 2024 bis Mitte 2025 zeigt sich, dass der Trend ungebrochen anhält: EU-Mitgliedstaaten vergeben weiter Großaufträge an US-Rüstungshersteller, während europäische Anbieter oft außen vor bleiben. Rumänien etwa unterzeichnete im November 2024 einen Vertrag über 32 F-35A-Kampfjets im Wert von rund 7,2 Milliarden US-Dollar. Griechenland sicherte sich im selben Zeitraum 20 Maschinen mit einer Option auf weitere 20 – ein Beschaffungsvolumen von geschätzt über 3 Milliarden US-Dollar. Tschechien plant mit 24 F-35 eine ähnliche Größenordnung. Parallel dazu stockte Italien seine Bestellung auf insgesamt 21 HIMARS-Raketenwerfer auf. Kroatien orderte acht Systeme für 390 Millionen US-Dollar, Norwegen weitere 16 für rund 580 Millionen US-Dollar. Auch die Luftabwehr wird konsequent mit US-Systemen modernisiert: Deutschland bestellt bis zu 600 Patriot-Flugkörper für rund 5 Milliarden US-Dollar, während die Niederlande neue Startgeräte sowie sechs NASAMS-3-Batterien orderten. Italien investiert 738 Millionen US-Dollar in sechs MQ-9A-Reaper-Drohnen des Herstellers General Atomics.

Auch nach dem Jahr 2023 flossen die europäischen Rüstungsgelder weiterhin in erheblichem Maße in die Vereinigten Staaten – und das in einem Umfang, der nicht nur industrielle Abhängigkeit zementiert, sondern auch langfristig Wertschöpfungspotenziale aus Europa abzieht

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Lieferland Anteil an Waffenimporten europäischer NATO-Staaten (2020–2024)*
USA 64,0%
Frankreich 6,5%
Südkorea 6,5%
Deutschland 4,7%
Israel 3,9%
*Quelle: Friedensforschungsinstituts SIPRI

Auch Israel und Südkorea rüsten Europa auf – auf Kosten der eigenen Industrie

Vom europäischen Rüstungsboom profitieren längst nicht nur US-Konzerne – auch andere Länder sichern sich lukrative Aufträge. So bestellte die Slowakei im Dezember 2024 das israelische Barak-MX-Luftabwehrsystem für rund 583 Millionen US-Dollar. Rumänien griff im selben Zeitraum mehrfach auf israelische Anbieter zurück: Spike-LR2-Panzerabwehrraketen von Rafael für 92 Millionen US-Dollar sowie Gegen-Drohnen-Systeme von Elbit für weitere 60 Millionen US-Dollar. Besonders ins Gewicht fällt auch die deutsche Entscheidung, im Rahmen der European Sky Shield Initiative das israelische Arrow-3-Raketenabwehrsystem zu beschaffen – der Vertrag wurde Ende 2023 abgeschlossen, erste Komponenten werden seit Anfang 2025 aufgebaut.

Auch Südkorea profitiert vom europäischen Aufrüstungsprogramm: Rumänien orderte im Juni 2024 insgesamt 54 K9 „Tunet“-Haubitzen von Hanwha Aerospace im Wert von rund 920 Millionen US-Dollar. Diese Deals zeigen, dass der europäische Rüstungsboom nicht nur transatlantische Kassen füllt – auch israelische und asiatische Hersteller zählen inzwischen zu den wirtschaftlichen Gewinnern der neuen europäischen Sicherheitsarchitektur.

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Importrekorde und strategische Lücken: Europas Rüstungsdilemma in Zahlen

Dass Europa nicht nur massiv aufrüstet, sondern strukturell abhängig bleibt, belegen auch aktuelle Zahlen des Friedensforschungsinstituts SIPRI: Zwischen 2020 und 2024 haben sich die europäischen Waffenimporte im Vergleich zum vorherigen Fünfjahreszeitraum fast verdoppelt – ein Anstieg um 94 Prozent. Europa ist damit inzwischen der größte Waffenimporteur weltweit. Über 63 Prozent aller Waffenimporte europäischer NATO-Staaten stammen aus den USA. Trotz Frankreichs wachsender Rüstungsindustrie – weltweit auf Platz 2 mit 6,5 Prozent Marktanteil – bleibt der Abstand zu den USA (41 Prozent) gewaltig. SIPRI-Experten sehen in der zersplitterten europäischen Beschaffungslandschaft eine Hauptursache: Statt koordinierter Projekte herrscht ein Flickenteppich nationaler Alleingänge, wodurch die industrielle Eigenständigkeit Europas weiter geschwächt wird.

Wie schwerwiegend diese strukturellen Defizite tatsächlich sind, zeigen aktuelle Bedarfsanalysen europäischer Wirtschaftsforscher.

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250 Milliarden Euro und 300.000 Soldaten: Was Europa verteidigungsfähig machen würde

Wie groß der Rückstand Europas in Sachen militärischer Eigenständigkeit tatsächlich ist, zeigen aktuelle Berechnungen des Brüsseler Thinktanks Bruegel und des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW): Um auch ohne US-Unterstützung gegen einen russischen Angriff gewappnet zu sein, müssten die europäischen Staaten ihre Verteidigungsausgaben jährlich um rund 250 Milliarden Euro erhöhen. Konkret bräuchte Europa nach Einschätzung der Analysten mindestens 50 zusätzliche Brigaden mit etwa 300.000 Soldaten sowie umfangreiche materielle Ausstattung: 1400 Kampfpanzer, 2000 Schützenpanzer, 700 Artilleriegeschütze, 2000 Langstreckendrohnen und einen Vorrat von eine Million 155-Millimeter-Granaten. Das entspricht einem Aufrüstungsbedarf, der die derzeitigen Landstreitkräfte Frankreichs, Deutschlands, Italiens und Großbritanniens zusammen deutlich übersteigt.

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FCAS, MGCS & Co: Warum Europas Schlüsselprojekte nicht vom Fleck kommen

Europa verfolgt seit Jahren mehrere große Rüstungsprojekte, die die Abhängigkeit von US-Technologie langfristig verringern sollen. Doch viele dieser Vorhaben scheitern bislang an einem Mix aus politischen Rivalitäten, industriellen Machtspielen und technischen Verzögerungen. 

Beim Future Combat Air System (FCAS) – einem geplanten europäischen Tarnkappen-Kampfflugzeug – geraten vor allem Dassault Aviation (Frankreich) und Airbus Defence (Deutschland) immer wieder aneinander. Frankreich fordert, bei der Entwicklung des Kampfjets rund 80 Prozent der Systemverantwortung zu übernehmen – also bei Design, Technologieentwicklung und geistigem Eigentum die Führungsrolle zu behalten. Das stößt in Berlin auf massiven Widerstand, da Deutschland eine gleichberechtigte Partnerschaft anstrebt. Obwohl das Projekt bereits 2017 gestartet wurde, bleibt der Fortschritt schleppend. Der ursprünglich angestrebte Prototyp-Flug 2028 ist längst vom Tisch – derzeit gilt selbst 2035 als optimistisch.

Auch das Main Ground Combat System (MGCS), ein deutsch-französisches Projekt zur Entwicklung eines neuen Kampfpanzers, kommt kaum vom Fleck. Die Zusammenarbeit zwischen Rheinmetall (Deutschland) und Nexter (Frankreich) ist seit Jahren von Kompetenzstreitigkeiten geprägt: Wer übernimmt welche Systemverantwortung? Wer profitiert langfristig von Exporten? Einigung über diese Fragen blieb lange aus. Erst 2024 wurde nach zähen Verhandlungen ein neuer Arbeitsplan vorgelegt – allerdings mit einem Zeithorizont, der die Einführung frühestens 2045 vorsieht. 

Ein weiteres Beispiel ist die Eurodrohne, ein unbemanntes Luftfahrzeugsystem unter Beteiligung von Airbus, Leonardo (Italien) und Dassault. Das Programm war ursprünglich auf 2024 terminiert, verzögert sich nun aber bis mindestens 2028. Gründe dafür sind anhaltende Meinungsverschiedenheiten über technische Standards, deutlich gestiegene Kosten und ein Mangel an Koordinierung. 

Selbst bei der europäischen Luftabwehr zeigen sich strukturelle Schwächen: Das System SAMP/T NG, entwickelt von MBDA und Thales, gilt als wichtiges Element der künftigen europäischen Verteidigung. Doch lange Lieferzeiten – mit bis zu 40 Monaten für bestimmte Raketenteile – machen es in der Praxis kaum einsatzbereit. Hinzu kommen Engpässe bei der Produktion, die eine schnelle Beschaffung unmöglich machen.

Europa mangelt es nicht am technologischen Potenzial, sondern an politischer Kohärenz, industrieller Skalierung und realistischer Umsetzung. Solange nationale Egoismen dominieren und zentrale Programme nicht mit vereinten Kräften vorangetrieben werden, bleibt die oft beschworene strategische Autonomie eine Absichtserklärung – während die Realität durch kurzfristige Käufe in den USA geprägt wird.

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Was passiert, wenn die USA nicht mehr liefern?

Abgesehen von der fehlenden industriellen Wertschöpfung in Europa birgt die enge Abhängigkeit von US-Waffenlieferungen auch strategische Risiken. Ein gemeinsamer Bericht des Brüsseler Thinktanks Bruegel und des Kieler Instituts für Weltwirtschaft warnt eindringlich vor drohenden Engpässen in der amerikanischen Rüstungsproduktion: Die US-Defense-Industrie sei bereits heute an der Kapazitätsgrenze, insbesondere bei gefragten Systemen wie Flugabwehr, Munition und Aufklärungstechnologie. Sollte sich der sicherheitspolitische Fokus der USA – etwa im Fall einer Eskalation im Indopazifik – stärker nach Asien verschieben, könnten europäische NATO-Staaten trotz bestehender Verträge und Zusagen plötzlich auf ausbleibende Lieferungen stoßen. Die Vorstellung, sich über Milliardenaufträge militärisch abzusichern, wäre in diesem Fall trügerisch. Europas aktuelle Beschaffungspolitik riskiert damit nicht nur wirtschaftliche, sondern auch operative Handlungsunfähigkeit in einer realen Krise.

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Ohne industrielle Unabhängigkeit bleibt Europa verwundbar

Der europäische Rüstungsboom steht auf einem widersprüchlichen Fundament: Während Milliardenbeträge in neue Systeme fließen, bleibt die Wertschöpfung oft im Ausland – vor allem in den USA. Europas Verteidigungsfähigkeit wird damit teuer erkauft, ohne dass eine echte strategische Autonomie entsteht. Die Daten zeigen: Es mangelt nicht an politischem Willen zur Aufrüstung, sondern an industriepolitischer Koordination, an Vertrauen zwischen Partnerstaaten und an der Bereitschaft, nationale Egoismen zugunsten gemeinsamer Lösungen aufzugeben. Gleichzeitig macht die Abhängigkeit von US-Lieferketten Europa nicht nur wirtschaftlich verletzlich, sondern auch operativ angreifbar – vor allem, wenn geopolitische Prioritäten in Washington sich verschieben.

Wenn Europa seine sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit zurückgewinnen will, muss es nicht nur mehr investieren, sondern auch anders: koordiniert, europäisch, langfristig. Strategische Autonomie beginnt nicht mit dem nächsten Rüstungsdeal – sondern mit der Entscheidung, europäische Interessen auch industriell selbst in die Hand zu nehmen.

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Der industrielle Schwerpunkt in Europa verschiebt sich: Während die Automobilbranche unter Absatzrückgang und Strukturwandel leidet, erlebt die Rüstungsindustrie einen Aufschwung. Verteidigungsunternehmen profitieren von wachsenden Budgets – und greifen dabei zunehmend auf Technologien, Fertigungskapazitäten und Fachkräfte klassischer Zulieferer zurück.

Auch Akteure aus der zivilen Industrie wittern neue Chancen: Selbst traditionsreiche Unternehmerfamilien wie Porsche-Piëch investieren in den Verteidigungssektor. Gründe dafür gibt es viele: stabile staatliche Aufträge, geopolitische Spannungen und der steigende Bedarf an Hightech-Lösungen für militärische Anwendungen.

Was lange als reine Zivilsparte galt, öffnet sich nun sicherheitsrelevanten Märkten – besonders im Mittelstand. Für viele Autozulieferer wird die Rüstung zur wirtschaftlichen Alternative mit Zukunftspotenzial.

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