Versorgungssicherheit : Norwegen will mehr Erdgas nach Europa liefern

Raffinerie von Energiekonzern OMV in Schwechat, Österreich

Können Lieferungen aus Norwegen die Energiekrise lindern?

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Norwegen will die Erdgasförderung in den kommenden Monaten erhöhen und im Sommer mehr nach Europa liefern. Durch angepasste Genehmigungen der Regierung für das Oseberg-Feld könnten die Gasexporte bis zum 30. September um etwa eine Milliarde Kubikmeter (bcm) gesteigert werden, wie der Betreiber Equinor am Mittwoch mitteilte.

"1,4 Milliarden Kubikmeter Gas decken den Gasbedarf von rund 1,4 Millionen europäischen Haushalten in einem Jahr." Zudem könnte der Ausstoß im Heidrun-Feld heuer um 0,4 bcm hochgefahren werden.

Darüber hinaus könne mit dem Troll-Feld auch die größte Gasquelle in der Nordsee noch mehr fördern, erklärte Equinor. Durch den Aufschub einiger Wartungsarbeiten und andere Anpassungen kann Norwegen die europäischen Länder unterstützen. Dort haben sich die Speicher wegen verringerter russischer Gasexporte geleert. Norwegen ist nach Russland der zweitgrößte Erdölproduzent Europas und fördert täglich rund vier Millionen Barrel Öläquivalent, die sich fast gleichmäßig auf Erdöl und Erdgas verteilen. Nach Angaben von Equinor deckt Norwegen fast ein Viertel des Gasbedarfs in der Europäischen Union.

Österreich bezieht übers Jahr rund bis zu 11 Prozent seines Erdgases aus Norwegen sowie über kurzfristige Handelsplätze.

Hoffnungen auf Rettung aus dem Norden

Im Zuge der aktuellen Energie-Krise sind mehrfach Ideen laut geworden, russisches Erdgas durch verstärkte Einfuhren aus Norwegen zu ersetzen.
Im vergangenen Jahr wurden 110 Milliarden Kubikmeter norwegisches Erdgas in andere europäische Staaten exportier. Zudem befinden sich viele Öl- und Gasvorkommen noch unter der Erde – sind also noch nicht abgeschöpft. Und doch hat das Konzept, auf Norwegen auszuweichen, etliche Schwachpunkte.

Auf einer Vielzahl norwegischer Felder wird nicht nur Gas, sondern auch Öl gefördert. Dem Bericht zufolge ist es nicht möglich, beliebig die jeweiligen Förderungen zu variieren. Würde beispielsweise verstärkt Gas gefördert, könnte der Druck in einem anliegenden Ölreservoir abfallen. Etwas Gas müsste in dem Fall also zurückbleiben, bis genügend Öl gefördert wurde.

Auch richtet sich die Förderung von Öl und Gas nach den Preisen auf dem Markt. Der Ölpreis ist zuletzt stärker gestiegen als der Gaspreis. Für Unternehmen ist es daher lukrativer, verstärkt Öl zu fördern. Die norwegische Regierung rechnet im laufenden Jahr mit Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft in Höhe von umgerechnet 28 Milliarden Euro. Preissteigerungen infolge des russischen Krieges in der Ukraine könnten diese Summe versechsfachen.

Ein weiteres Problem bei der Lieferung von norwegischem Gas ist der Transport. Die Leitungen des staatlichen Unternehmens Gassco sind der „Wirtschaftswoche“ zufolge nahezu ausgelastet. Für eine Mehrförderung von Gas müssten also zusätzliche Pipelines gebaut werden. Kurzfristig lässt sich das allerdings nicht realisieren. Auch fehlen LNG-Terminals, mit denen verflüssigtes Erdgas importiert werden kann.

Bereits im Februar hatte die damalige norwegische Energieministerin Marte Mjøs Persen Anfragen der Europäischen Union aufgrund fehlender Transportmöglichkeiten abgelehnt. Unmittelbar nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hieß es ebenfalls, man könne die Liefermengen nicht erhöhen – die Pipelines seien bereits ausgelastet.