Volkswagen 60 Milliarden-Sparplan : Volkswagen vor radikalem Umbau? Warum Emden, Zwickau & Co. plötzlich wieder wackeln
Inhalt
Volkswagen in Wolfsburg: Die Jahreszahlen 2025 könnten zur Richtungsentscheidung für die deutschen Werke werden.
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Volkswagen steht an einem Wendepunkt. Was im Dezember 2024 wie ein klassischer Tarifkonflikt begann, entwickelte sich innerhalb weniger Wochen zu einer Grundsatzfrage über die Zukunft der deutschen Werke. In Wolfsburg stand plötzlich weit mehr auf dem Spiel als Löhne und Arbeitszeiten – es ging um Standorte, Strukturen und die industrielle Substanz des Konzerns in Deutschland.
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Als das Management harte Einschnitte ankündigte, war von möglichen Werksschließungen und zehntausenden gefährdeten Arbeitsplätzen die Rede. Die Reaktion der Belegschaft folgte unmittelbar. Rund 100.000 Beschäftigte legten die Arbeit nieder – die größte Protestwelle in der Geschichte des Unternehmens. Die Produktion stockte, der Druck auf beide Seiten wuchs mit jeder Stunde. Der Konflikt drohte zu eskalieren und sich zu einer offenen Kraftprobe zwischen Vorstand und Gewerkschaft auszuweiten.
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Volkswagen-Standortfrieden: Wie das Weihnachtswunder Zeit erkaufte
In Wolfsburg begannen schließlich Marathon-Verhandlungen. Mehr als siebzig Stunden rangen die Parteien um einen Kompromiss. Beobachter sprachen von einer historischen Zuspitzung. Als am Ende doch eine Einigung verkündet wurde, nannten beide Seiten das Ergebnis ein „Weihnachtswunder“. Der Begriff war bewusst gewählt: Er sollte signalisieren, dass ein sozialer Flächenbrand verhindert worden war.
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Der Kompromiss enthielt jedoch harte Elemente. Zwar wurden betriebsbedingte Kündigungen bis 2030 ausgeschlossen und sofortige Werksschließungen vermieden. Gleichzeitig wurde ein Stellenabbau von mehr als 35.000 Arbeitsplätzen bis 2030 vereinbart. Beschäftigte und Management müssen mehrere Jahre ohne Lohnerhöhungen auskommen. Das Werk in Dresden beendet die Fahrzeugproduktion, Osnabrück bleibt ohne klare Zukunftsperspektive, und in Wolfsburg werden Montagelinien reduziert. Der Weihnachtskompromiss war damit kein Befreiungsschlag, sondern ein Balanceakt.
Viele Beobachter werteten die Einigung dennoch als industriepolitisches Meisterstück: Transformation ohne abrupte Entlassungswelle, Strukturwandel ohne offenen sozialen Bruch. Der Konflikt schien befriedet, der Konzern hatte Zeit gewonnen. Doch diese Zeit erwies sich als fragil.
VW unter Druck: US-Zölle, China-Schwäche und Audi-Margen reißen Löcher
Vierzehn Monate später zeigen sich Risse im Fundament des Deals. Nicht, weil die Werke ineffizienter geworden wären – im Gegenteil, vielerorts wurden Prozesse gestrafft und Kosten deutlich gesenkt. Doch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechterten sich weiter. US-Zölle belasteten den Absatz, das China-Geschäft blieb schwach, sinkende Margen bei Audi und Abschreibungen bei Porsche rissen zusätzliche Löcher in die Planung. Die externe Realität entwickelte sich schneller als die interne Stabilität.
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Im Januar 2026 trifft sich der Konzernvorstand in Berlin zur Jahresauftaktklausur. Eine Sitzung wie viele zuvor – zumindest formal. Strategie, Zahlen, Ausblick. Doch diesmal präsentieren Vorstandschef Oliver Blume und Finanzvorstand Arno Antlitz eine deutlich verschärfte Lageeinschätzung. Um wieder konkurrenzfähig zu werden, müsse Volkswagen radikaler sparen als bisher geplant.
Die neue Zielmarke ist ambitioniert: 20 Prozent weniger Kosten bis 2028, insgesamt 60 Milliarden Euro. Alle Marken, alle Bereiche, keine Ausnahmen. Damit wird klar, dass der Weihnachtskompromiss lediglich der erste Schritt war. Die eigentliche Sanierung des Konzerns beginnt erst jetzt – umfassend, tiefgreifend und ohne Schonbereiche.
Hohe Personalkosten verschärfen die Standortdebatte
Brisant ist vor allem der Zeitpunkt. Denn die Inhalte der Berliner Sitzung dringen ausgerechnet kurz vor den Betriebsratswahlen in den deutschen Werken nach außen. Für die Arbeitnehmervertreter ist das eine heikle Situation: Sie stehen unter erheblichem Druck, weil sie einerseits den Standortfrieden wahren, andererseits aber die Interessen der Beschäftigten verteidigen müssen. Jede Diskussion über zusätzliche Einsparungen verschärft die Stimmung in den Belegschaften – und zwingt die Arbeitnehmerseite in eine potenzielle Eskalationslogik.
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Offiziell kommentiert Volkswagen die Berichte über die Berliner Sitzung nicht. Doch klar ist: Vor allem die Personalkosten stehen im Zentrum der Debatte. Mit einem Anteil von 15,3 Prozent am Umsatz liegt Volkswagen deutlich über nahezu allen großen Wettbewerbern. Selbst Premiumhersteller wie Mercedes-Benz Group und BMW kommen mit rund elf Prozent aus. Der Mehrmarkenkonzern Stellantis liegt bei etwa 10,9 Prozent, die Toyota Motor Corporation sogar bei rund neun Prozent.
- Volkswagen: 15,3 %
- BYD (inkl. Batterieproduktion): 14,8 %
- Mercedes: 11,9 %
- Stellantis: 10,9 %
- BMW: 10,6 %
- Toyota: rund 9 %
Und auch der chinesische Elektroautohersteller BYD, der zusätzlich Batterien und Elektronik selbst produziert und damit eine tiefere Wertschöpfungskette abbildet, bleibt unter dem Niveau der Wolfsburger. Damit wird deutlich: Die Diskussion über Effizienz ist keine theoretische Rechengröße, sondern berührt den Kern der Wettbewerbsfähigkeit – und damit unmittelbar die Zukunft der deutschen Standorte.
Fünf VW-Schlüsselwerke jetzt besonders im Fokus
Zwar wurden die Kosten in mehreren deutschen Werken bereits deutlich gesenkt. In Wolfsburg, Emden und Zwickau sollen die Fabrikkosten im vergangenen Jahr um rund 30 Prozent gefallen sein. Die Werke wurden effizienter – doch gleichzeitig sank die Auslastung. Weniger produzierte Fahrzeuge bedeuten, dass sich die Fixkosten auf eine geringere Stückzahl verteilen. Dadurch steigen die Kosten pro Einheit wieder an. Effizienzgewinne werden so teilweise aufgezehrt.
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Ein Beispiel ist Zwickau: Dort wurden im vergangenen Jahr rund 210.000 Fahrzeuge gefertigt – mehr als 2024, aber deutlich weniger als noch zwei Jahre zuvor mit rund 250.000 Einheiten. Bleiben Werke bis Jahresende hinter den vereinbarten Zielwerten zurück, dürften erneut Debatten über einzelne Standorte beginnen. Dann geht es nicht mehr nur um Optimierung, sondern um die grundsätzliche Perspektive.
Fünf deutsche Schlüsselwerke stehen dabei besonders im Fokus.
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1
Zwickau: Symbol der TransformationDas Werk in Zwickau ist ein historischer Ort der deutschen Automobilindustrie. Schon 1904 begann hier mit August Horch die Autoproduktion, später folgten Audi und zu DDR-Zeiten der Trabant.
2020 wurde Zwickau zum weltweit ersten großen Werk, das vollständig von Verbrennern auf Elektromobilität umgestellt wurde. Heute laufen dort mehrere ID-Modelle sowie der Audi Q4 e-tron vom Band. Fast jeder zweite Stromer des Konzerns stammt aus Sachsen.
Doch die Auslastung bleibt hinter den Erwartungen. 2025 wurden rund 210.000 Fahrzeuge gebaut – deutlich weniger als in früheren Jahren. Recycling-Aufgaben sollen den Standort stabilisieren. Doch intern gilt: Werden die Ziele erneut verfehlt, steht die Zukunft wieder zur Debatte.
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2
Emden: Herzstück der E-MittelklasseDas Werk in Emden war jahrzehntelang eines der zentralen Exportwerke des Konzerns. Seit 1964 liefen hier vor allem Passat-Modelle für den Weltmarkt vom Band – über Jahrzehnte hinweg war der Standort ein Synonym für solide Volumenproduktion und internationale Ausrichtung. Emden gehörte zu den tragenden Säulen im europäischen Produktionsnetzwerk von Volkswagen.
Mit der Transformation zur Elektromobilität wurde das Werk strategisch neu ausgerichtet. Heute produziert Emden die Elektromodelle ID.4 und ID.7 und steht damit vollständig im Zeichen der elektrischen Mittelklasse-Strategie des Konzerns. Der Standort ist also nicht irgendeine Fabrik im Verbund, sondern ein zentraler Baustein der E-Offensive in Europa.
Gerade deshalb ist die Nachfrage nach diesen Modellen entscheidend. Emden hängt stark an genau jenen Fahrzeugen, die dort gefertigt werden. Bleibt die Auslastung hinter den Erwartungen zurück, wirken sich Absatzschwächen unmittelbar auf die Wirtschaftlichkeit des Standorts aus. Die Kostenziele gewinnen dadurch zusätzlich an Bedeutung.
Besonders sensibel ist die Perspektive über das laufende Modellportfolio hinaus. Ob das Nachfolgemodell des ID.4 ab 2031 überhaupt in Emden gebaut wird, gilt als offen. Sollte der Standort die vereinbarten Fabrikkostenziele nicht erreichen, könnte die Produktion des Nachfolgers an einen anderen Standort – etwa nach Zwickau – vergeben werden. Für Emden wäre das ein gravierender Einschnitt. Die Zukunft des Werks hängt damit unmittelbar an Effizienz, Auslastung und der Erreichung der internen Vorgaben.
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3
Osnabrück: Der PrüfsteinDas Werk in Osnabrück ist innerhalb des Volkswagen-Konzerns kein klassischer Volumenstandort, sondern ein Spezialbetrieb für Nischenmodelle. Über viele Jahre hinweg wurden hier vor allem Cabrios gefertigt – eine Fahrzeugklasse, die in der Großserienproduktion kaum noch eine Rolle spielt. Zuletzt liefen in Osnabrück Porsche-Sportwagen der 718-Reihe sowie das T-Roc Cabriolet vom Band. Der Standort ist damit stark auf einzelne, klar definierte Modelle ausgerichtet und weniger breit aufgestellt als große Volumenwerke.
Gerade diese Spezialisierung macht Osnabrück besonders anfällig. Anders als in Werken mit mehreren parallel produzierten Baureihen fehlt die Flexibilität, kurzfristig auf andere Modelle umzusteigen. Wenn ein Fahrzeug ausläuft, endet unmittelbar ein wesentlicher Teil der Auslastung.
Genau das ist nun das Problem: Alle aktuell produzierten Modelle laufen spätestens 2027 aus. Für keines der Fahrzeuge sind bislang Folgeaufträge vergeben. Während in anderen Werken vor allem über Effizienzkennzahlen, Kostenziele und Auslastungsquoten diskutiert wird, stellt sich in Osnabrück eine grundlegendere Frage: Gibt es künftig überhaupt noch eine industrielle Aufgabe für diesen Standort?
Damit geht es hier weniger um Optimierung im bestehenden System – sondern um die Existenzperspektive des Werks insgesamt.
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Hannover: Zu spezialisiert?In Hannover produziert Volkswagen seit 1956 Transporter. Das Werk entstand ursprünglich aus Platzmangel in Wolfsburg – für den legendären VW Bulli fehlte dort die Kapazität, also wurde mit Hannover-Stöcken ein eigener Standort aufgebaut. Über Jahrzehnte hinweg entwickelte sich das Werk zu einem zentralen Pfeiler im Nutzfahrzeuggeschäft des Konzerns und ist bis heute eng mit der Transporter-Tradition von Volkswagen verbunden.
Aktuell laufen dort mehrere Modelle dieser Fahrzeugklasse vom Band, darunter der Multivan, die Caravelle sowie die elektrische Variante ID Buzz. Hannover steht damit für eine Kombination aus klassischen Vans und der elektrischen Weiterentwicklung dieses Segments. Der Standort ist stark spezialisiert und technisch auf genau diese Modellfamilien ausgerichtet.
Doch genau diese Spezialisierung wird zunehmend zur Herausforderung. Der Markt für Vans und Transporter ist im Vergleich zu klassischen Pkw-Volumenmodellen deutlich kleiner und stärker konjunkturabhängig. Bleibt die Nachfrage hinter den Erwartungen zurück, wirkt sich das unmittelbar auf die Auslastung aus. Teilweise wurde im vergangenen Jahr nur noch im Einschichtbetrieb produziert – ein klares Zeichen für fehlende Volumina.
Das Werk leidet dabei weniger an struktureller Ineffizienz als an mangelnder Nachfrage in seinem spezifischen Segment. Während andere Standorte mit hohen Kosten oder Effizienzzielen ringen, ist Hannover vor allem von der Marktentwicklung abhängig. Die Zukunft des Werks entscheidet sich damit weniger an internen Kennzahlen als an der Frage, wie sich das Van- und Nutzfahrzeugsegment in den kommenden Jahren entwickelt.
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Wolfsburg: Das Herz des KonzernsDas Stammwerk in Wolfsburg ist das industrielle Herz des Konzerns und gilt als das größte zusammenhängende Automobilwerk der Welt. Hier nahm die Geschichte von Volkswagen ihren Anfang, hier sitzen zentrale Entwicklungs-, Verwaltungs- und Produktionsbereiche eng beieinander. Der Standort ist nicht nur ein Werk unter vielen, sondern Symbol und Machtzentrum zugleich – wirtschaftlich wie historisch.
Zuletzt wurde die Produktion in Wolfsburg wieder gesteigert. Dazu trug auch bei, dass die ursprünglich für 2027 geplante Verlagerung der Verbrenner-Golf-Produktion nach Mexiko um mehrere Jahre verschoben wurde. Diese Entscheidung sicherte dem Werk zusätzliche Stückzahlen und stabilisierte die Auslastung zumindest vorübergehend. Wolfsburg profitiert damit von einer strategischen Verschiebung innerhalb des Produktionsnetzwerks.
Dennoch steht auch das Stammwerk unter Druck. Teile der technischen Infrastruktur gelten als veraltet, alte Anlagen sorgen immer wieder für Störungen und Schichtausfälle, was sich unmittelbar auf die Produktivität auswirkt. Gleichzeitig gelten auch hier die konzernweit verschärften Effizienzvorgaben. Größe und Tradition bieten keinen Schutz vor den neuen Kostenzielen.
Wolfsburg bleibt damit zwar das Herz des Konzerns – doch auch dieses Herz muss beweisen, dass es unter den verschärften Bedingungen wettbewerbsfähig produzieren kann.
VW-Finanz-Chef Antlitz wird zur Schlüsselfigur im Werks-Check
In wenigen Wochen werden Oliver Blume und Arno Antlitz die Jahreszahlen 2025 präsentieren. Antlitz trägt dabei eine besondere Verantwortung: Als Finanzvorstand und zugleich Chief Operating Officer ist er für Organisation, Produktion, Logistik und Vertrieb verantwortlich. Seine Bewertung der Standorte dürfte maßgeblich sein.
>>> Porsche-Krise: CEO-Abgang mitten im Konzernchaos
Unausgesprochen wird bei dieser Präsentation im Raum stehen, was viele längst ahnen: Volkswagen ist wieder an einem Punkt angekommen, den der Weihnachtskompromiss eigentlich verhindern sollte. Es geht nicht mehr nur darum, wie gespart wird, sondern wo in Deutschland künftig überhaupt noch produziert werden kann. Der Konflikt verschiebt sich damit – vom Tarifstreit zur Standortfrage, vom Arbeitskampf zur Industriepolitik.
Der Streit von 2024 war womöglich nur der Auftakt. Der zweite Akt beginnt noch 2026 – und er wird darüber entscheiden, wie viel Automobilindustrie langfristig in Deutschland bleibt.