Mercedes Kecskemét Ungarn : Mercedes-Benz verlagert die Gewichte: Wie Kecskemét zur Machtprobe für Deutschlands Autowerke wird
Mercedes-Benz baut sein Werk im ungarischen Kecskemét massiv aus. Während in Deutschland über Sparprogramme, Arbeitszeiten und Stellen gestritten wird, gewinnt der Standort für neue Elektroautos strategisch an Bedeutung.
- © Mercedes BenzDie beiden Schauplätze könnten gegensätzlicher kaum sein. Am 3. Juli 2026 protestierten Beschäftigte von Mercedes-Benz an mehreren deutschen Standorten gegen den verschärften Sparkurs des Konzerns. Allein in Baden-Württemberg beteiligten sich nach Angaben der IG Metall rund 26.500 Menschen. Für Sindelfingen nannte die Gewerkschaft etwa 20.000 Teilnehmende, während Mercedes von rund 10.000 ausging. In Sprechchören forderten Demonstrierende den Rücktritt von Vorstandschef Ola Källenius. Im Mittelpunkt der Kritik standen mögliche längere Arbeitszeiten, Einschnitte bei Sonderzahlungen und die Sorge vor einer schleichenden Verlagerung von Aufgaben ins Ausland.
Nur zehn Tage später präsentierte Mercedes in Kecskemét ein völlig anderes Bild. Am 13. Juli eröffnete der Konzern einen neuen Teil seines ungarischen Werks und startete dort die Fertigung der elektrischen C-Klasse. Rund eine Milliarde Euro investierte Mercedes in den Ausbau. Nach Angaben der ungarischen Regierung steigt die jährliche Kapazität dadurch auf etwa 350.000 Fahrzeuge. Mercedes selbst nennt in seiner längerfristigen Produktionsplanung eine mögliche Kapazität von bis zu 400.000 Einheiten. Damit wird Kecskemét zum größten europäischen Produktionsstandort des Konzerns und zum zweitgrößten Mercedes-Werk weltweit.
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Kecskemét wird zum Schlüsselwerk: Warum Mercedes seine Produktion neu sortiert
Was auf den ersten Blick wie ein Gegensatz zwischen Deutschland und Ungarn wirkt, ist Teil einer umfassenden Neuordnung des Produktionsnetzwerks. Mercedes steht unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Im Gesamtjahr 2025 erzielte der Konzern ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 8,2 Milliarden Euro, nach 13,7 Milliarden Euro im Vorjahr. In der Pkw-Sparte sank das bereinigte EBIT auf 4,8 Milliarden Euro. Die bereinigte Umsatzrendite der Autosparte lag nur noch bei 5,0 Prozent. Belastend wirkten vor allem niedrigere Verkaufszahlen, ein ungünstigeres Preisumfeld, Zölle und die schwache Entwicklung in China.
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Auch im zweiten Quartal 2026 blieb die Lage angespannt. Mercedes setzte konzernweit 32,1 Milliarden Euro um und erzielte ein EBIT von 1,5 Milliarden Euro. In der Pkw-Sparte wurden rund 417.800 Fahrzeuge verkauft, acht Prozent weniger als im Vorjahresquartal. Besonders deutlich war der Rückgang in China: Dort sank der Absatz um 30 Prozent. Außerhalb Chinas legten die weltweiten Pkw-Verkäufe dagegen um zwei Prozent zu. Positiv entwickelte sich zudem das Elektrogeschäft: Der Absatz batterieelektrischer Mercedes-Pkw stieg im zweiten Quartal um 51 Prozent.
China bleibt dennoch das zentrale Problem. Lokale Hersteller bringen in kurzen Abständen technisch umfangreich ausgestattete Elektro- und Hybridfahrzeuge auf den Markt. Viele dieser Modelle werden deutlich aggressiver bepreist als Fahrzeuge europäischer Premiumhersteller. Der Wettbewerb beschränkt sich längst nicht mehr auf China. Nach Angaben des Marktforschers Dataforce erreichten chinesische Newcomer im ersten Quartal 2026 europaweit bereits einen Marktanteil von 8,5 Prozent. Allein für das Jahr 2026 waren 56 weitere Modelleinführungen chinesischer Anbieter angekündigt.
Mercedes Sparkurs: Warum deutsche Werke jetzt um ihre Rolle kämpfen
Kecskemét bietet Mercedes vor allem einen erheblichen Kostenvorteil. Eurostat bezifferte die durchschnittlichen Arbeitskosten in der ungarischen Gesamtwirtschaft für 2025 auf 15,20 Euro je Stunde. Damit gehörte Ungarn gemeinsam mit Bulgarien und Rumänien zu den drei EU-Ländern mit den niedrigsten Arbeitskosten. Zwar stiegen die Kosten in Ungarn zuletzt deutlich, der Abstand zu den westeuropäischen Industriestandorten bleibt jedoch groß.
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Hinzu kommen Unterschiede bei der Arbeitszeit. Nach Daten der OECD arbeiteten Erwerbstätige in Ungarn 2025 durchschnittlich rund 1.671 Stunden, in Deutschland waren es etwa 1.332 Stunden. Diese Werte sagen allein noch nichts über die Produktivität einer Arbeitsstunde, die Qualität der Arbeit oder den Automatisierungsgrad eines Werks aus. Für Unternehmen beeinflussen sie jedoch die Auslastung von Anlagen und damit die rechnerischen Produktionskosten.
Mercedes will seine Produktionskosten pro Fahrzeug deshalb bis 2027 um insgesamt zehn Prozent gegenüber 2024 senken. Neben Standortentscheidungen sollen eine stärkere Automatisierung, künstliche Intelligenz, niedrigere Energieausgaben, effizientere Transportwege und eine bessere Auslastung der Anlagen dazu beitragen. Die weltweite Produktionskapazität soll bis 2028 auf etwa 2,2 Millionen Fahrzeuge angepasst werden. Für Deutschland sieht die Planung noch eine Kapazität von 900.000 Fahrzeugen vor, während Kecskemét perspektivisch bis zu 400.000 Einheiten fertigen können soll.
Elektrische C-Klasse aus Kecskemét: Was der Ungarn-Ausbau für Mercedes bedeutet
Die Bedeutung des ungarischen Werks zeigt sich nicht nur an seiner Größe, sondern auch an den dort vorgesehenen Fahrzeugen. Mit der elektrischen C-Klasse produziert Kecskemét erstmals ein vollelektrisches Modell aus dem sogenannten Core-Segment. Zusätzlich sollen der elektrische GLC und die angekündigte kleinere Variante der G-Klasse dort gebaut werden. Gerade C-Klasse und GLC gehören zu den strategisch wichtigen Baureihen des Konzerns.
Bereits zu Beginn des Jahres hatte Mercedes angekündigt, die Produktion der A-Klasse ab dem zweiten Quartal 2026 von Rastatt nach Kecskemét zu verlagern. Nach Darstellung des Unternehmens entsteht dadurch in Rastatt Platz für künftige Modelle. Gleichzeitig zeigt die Entscheidung, dass das ungarische Werk nicht mehr lediglich eine Ergänzung des deutschen Produktionsnetzes ist. Kecskemét übernimmt zunehmend Aufgaben, die zuvor fest mit deutschen Standorten verbunden waren.
Mit dem Ausbau sollen in Ungarn rund 3.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Ende Mai beschäftigte Mercedes dort bereits knapp 5.200 Menschen. Zur neuen Infrastruktur gehören neben erweiterten Produktionsanlagen auch eine Batteriemontage. Die lokale Fertigung wichtiger Komponenten soll nach Darstellung des Konzerns schnellere Reaktionen auf Nachfrageschwankungen ermöglichen und Transportwege verkürzen.
Mercedes in der Kostenfalle: Warum Ungarn im Produktionsnetz gewinnt
Während Mercedes in Ungarn investiert, fordert das Management von den deutschen Beschäftigten weitere Zugeständnisse. In einer Mitteilung an die Belegschaft erklärte der Vorstand Ende Juni, die Kosten einer Arbeitsstunde müssten in Entwicklung, Vertrieb, Verwaltung und Produktion sinken. Beschäftigte sollten länger arbeiten, ohne dass die Vergütung entsprechend steige. Eine tarifliche Sonderzahlung in Höhe von 18,4 Prozent eines Monatsgehalts, die ursprünglich im Juli fällig gewesen wäre, wurde auf 2027 verschoben. Zudem kündigte das Unternehmen an, einzelne Produkte und Verwaltungsaufgaben ins Ausland zu verlagern.
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Der Konzern verweist darauf, dass die festen Kosten seit 2019 bereits um rund 25 Prozent reduziert worden seien. Im Juni 2026 wurden die Produktivitätsmaßnahmen nochmals verschärft, insbesondere mit Blick auf die deutschen Standorte. Im ersten Halbjahr flossen etwa 1,1 Milliarden Euro für Abfindungen im Rahmen des Sparprogramms ab.
Betriebsrat und Gewerkschaft sehen die Strategie kritisch. Aus ihrer Sicht sind nicht die Beschäftigten für frühere Modellentscheidungen, die schwache Marktposition in China oder Verzögerungen bei neuen Technologien verantwortlich. Außerdem führt mehr Arbeitszeit nicht automatisch zu mehr Produktion, wenn Werke wegen einer schwachen Nachfrage oder laufender Modellwechsel nicht vollständig ausgelastet sind.
Mercedes-Werk Kecskemét: Vom Nebenstandort zum Zentrum der Elektrostrategie
Die Expansion in Kecskemét bedeutet nicht zwangsläufig, dass Mercedes seine deutschen Werke vollständig ersetzen will. Das Management betont, unterschiedliche Standorte sollten künftig flexibler zusammenarbeiten. Modelle könnten abhängig von Nachfrage, Antriebsart und Kapazität an mehreren Orten produziert werden. Ein solches Netzwerk kann Lieferketten stabilisieren und das Risiko reduzieren, von einem einzelnen Werk abhängig zu sein.
Trotzdem verschiebt sich das Kräfteverhältnis. Neue Investitionen, zusätzliche Arbeitsplätze und zentrale Modelle gehen nach Ungarn, während in Deutschland über Arbeitszeitverlängerungen, Einsparungen und Personalabbau diskutiert wird. Kecskemét ist deshalb mehr als nur ein kostengünstiger Produktionsstandort. Das Werk steht für einen grundlegenden Wandel der europäischen Autoindustrie: Entwicklung und Know-how bleiben vielfach in Deutschland, doch die industrielle Fertigung folgt zunehmend den Standorten, an denen Kosten, Arbeitszeit, Infrastruktur und politische Rahmenbedingungen aus Sicht der Unternehmen günstiger zusammenkommen.
Für Mercedes kann diese Strategie kurzfristig die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Langfristig muss der Konzern jedoch beweisen, dass Kostensenkungen, neue Elektrofahrzeuge und ein flexibleres Produktionsnetz tatsächlich zu dauerhaft höheren Verkaufszahlen und besseren Margen führen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass der Konflikt um die Standorte lediglich verwaltet wird, ohne die entscheidenden Probleme bei Produkten, Preisen und Marktposition zu lösen.