Chinas Wirtschaft : Chinas Industrie im Preiskampf: Die Fabriken laufen, doch die Kunden fehlen
Chinas Fabriken laufen weiter, doch im Inland fehlen Käufer. Immer mehr Waren drängen deshalb auf Auslandsmärkte – mit Folgen für den Handel mit Europa.
- © Ng Han Guan / AP / picturedesk.comChinas Industrieunternehmen stehen trotz gestiegener Produktionskosten weiterhin unter erheblichem Preisdruck. Im Juni 2026 lagen die Erzeugerpreise zwar 4,1 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Gegenüber Mai gingen sie jedoch um 0,3 Prozent zurück. Auch die Verbraucherpreise sanken im Monatsvergleich um 0,3 Prozent und lagen lediglich ein Prozent höher als ein Jahr zuvor. Die Zahlen zeigen, dass sich der Preisanstieg auf den vorgelagerten Produktionsstufen bislang nur begrenzt auf die Endverbraucher übertragen lässt.
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Hinter den Erzeugerpreisen verbergen sich zudem deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Wirtschaftsbereichen. Die Preise für Produktionsmittel lagen im Juni 5,5 Prozent über dem Vorjahresniveau. Bergbauprodukte verteuerten sich sogar um 16,5 Prozent, Rohstoffe um 8,6 Prozent. Gleichzeitig waren industriell hergestellte Konsumgüter 0,9 Prozent günstiger als ein Jahr zuvor. Bei Nahrungsmitteln betrug der Rückgang 2,1 Prozent, bei Kleidung und Waren des täglichen Bedarfs jeweils ein Prozent. Auch die Herstellerpreise der Automobilindustrie lagen 2,1 Prozent unter dem Vorjahreswert.
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Warum Chinas Fabriken trotz Exportboom unter Druck stehen
Damit geraten viele Unternehmen von zwei Seiten unter Druck: Einerseits müssen sie für Energie, Metalle und andere Vorprodukte teilweise deutlich mehr bezahlen als im vergangenen Jahr. Andererseits können sie diese Belastungen im Wettbewerb um zurückhaltende Kunden nicht vollständig weitergeben. Das schmälert die Gewinnmargen und erhöht den Druck, Kosten zu senken oder größere Produktionsmengen abzusetzen.
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Im März waren Chinas Erzeugerpreise erstmals nach 41 Monaten mit rückläufigen Jahresraten wieder gestiegen. Der Produzentenpreisindex erhöhte sich damals um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Ausschlaggebend waren unter anderem höhere Energie- und Importkosten infolge des Konflikts im Nahen Osten. Im April und Mai setzte sich der Anstieg zunächst fort.
Der Rückgang gegenüber dem Vormonat im Juni zeigt jedoch, dass daraus noch keine breit angelegte Preiswende entstanden ist. Die Preise für Rohstoffe sanken im Monatsvergleich um 1,2 Prozent, jene für Bergbauprodukte um 0,9 Prozent. Bei den Einkaufspreisen der Industrie verbilligten sich chemische Rohstoffe um 1,3 Prozent und Brennstoffe sowie Energie um 0,5 Prozent. Besonders deutlich war die Korrektur bei der Förderung von Erdöl und Erdgas, wo die Erzeugerpreise gegenüber Mai um 11,8 Prozent zurückgingen.
Ein Teil des starken Anstiegs gegenüber dem Vorjahr ist somit auf den Vergleich mit einer niedrigen Ausgangsbasis und auf die vorangegangenen Energiepreisschocks zurückzuführen. Eine dauerhafte Verbesserung der Preissetzungsmacht chinesischer Hersteller lässt sich aus den Daten bislang nicht ableiten.
Überkapazitäten: Chinas größtes Industrieproblem wird global
Hinter dem Preisdruck steht ein strukturelles Problem der chinesischen Wirtschaft: In zahlreichen Branchen treffen hohe Produktionskapazitäten auf eine schwache Nachfrage im Inland. Unternehmen versuchen deshalb, ihre Anlagen auszulasten und Marktanteile zu verteidigen. Preisnachlässe erscheinen kurzfristig oft attraktiver als Produktionskürzungen, selbst wenn dadurch Gewinne sinken.
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Nach einer Analyse des Mercator Institute for China Studies arbeiteten 2025 rund 24 Prozent der chinesischen Industrieunternehmen mit Verlust. In einer klassischen Marktwirtschaft würden dauerhaft defizitäre Betriebe häufig aus dem Markt ausscheiden. In China können staatlich beeinflusste Kreditvergabe sowie regionale Interessen an Beschäftigung und Produktion jedoch dazu beitragen, dass verlustreiche Kapazitäten länger bestehen bleiben.
Der intensive Wettbewerb belastet nicht nur die Unternehmen. Er kann auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage weiter schwächen. Rechnen Haushalte und Unternehmen mit künftig niedrigeren Preisen, verschieben sie größere Anschaffungen und Investitionen. Dadurch sinkt die Nachfrage zusätzlich, was wiederum neue Preissenkungen auslösen kann.
Die Immobilienkrise bremst Chinas Wirtschaft weiter aus
Die inzwischen veröffentlichten Wirtschaftsdaten für das erste Halbjahr bestätigen, dass die chinesische Nachfrage nur langsam wächst. Die Einzelhandelsumsätze erhöhten sich zwischen Januar und Juni lediglich um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Juni betrug das Wachstum ein Prozent, nachdem die Umsätze im Mai um 0,6 Prozent zurückgegangen waren. Etwas dynamischer entwickelte sich der Dienstleistungskonsum, dessen Umsätze im ersten Halbjahr um 5,3 Prozent zunahmen.
Deutlich schwächer waren die Investitionen. Die Anlageinvestitionen ohne ländliche Haushalte gingen im ersten Halbjahr um 5,7 Prozent zurück. Private Investitionen sanken sogar um 8,5 Prozent. Besonders schwer wiegt die anhaltende Immobilienkrise: Die Investitionen in Immobilienprojekte brachen um 18 Prozent ein. Die verkaufte Fläche neuer Gewerbe- und Wohnimmobilien verringerte sich um 11,6 Prozent, der Wert der Verkäufe um 13,6 Prozent.
Gleichzeitig wächst Chinas industrielle Produktion weiterhin schneller als die Nachfrage. Die Wertschöpfung größerer Industrieunternehmen nahm im ersten Halbjahr um 5,4 Prozent zu. In der Hightech-Industrie betrug das Plus 13,3 Prozent. Die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien stieg um 39,3 Prozent, die von Industrierobotern um 28 Prozent und die von 3D-Druckgeräten um 48,5 Prozent. Diese Entwicklung verdeutlicht das Ungleichgewicht: Die Produktionsbasis expandiert vor allem in politisch geförderten Zukunftsbranchen, während der inländische Absatz nur langsam zunimmt.
Chinas Autohersteller flüchten in den Export
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung in der Automobilbranche. Nach Angaben des chinesischen Pkw-Verbands gingen die Verkäufe auf dem Heimatmarkt im Juni um 23,4 Prozent auf rund 1,62 Millionen Fahrzeuge zurück. Damit schrumpfte der Absatz bereits den neunten Monat in Folge. Im gesamten ersten Halbjahr lagen die inländischen Verkäufe rund 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau.
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Die Exporte entwickelten sich dagegen in die entgegengesetzte Richtung. Im Juni wurden rund 882.000 Fahrzeuge ins Ausland geliefert, 82,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Im ersten Halbjahr stiegen die Ausfuhren um mehr als 70 Prozent. Für chinesische Hersteller sind internationale Märkte damit zu einem entscheidenden Ventil geworden, um ihre Werke auszulasten und den schwachen Absatz im Inland auszugleichen.
Auch der gesamte Warenhandel legte kräftig zu. Chinas Exporte stiegen im ersten Halbjahr um 13,4 Prozent. Bei Maschinen und elektrotechnischen Produkten betrug das Wachstum 20,1 Prozent. Diese Warengruppe machte knapp zwei Drittel der chinesischen Ausfuhren aus.
Europa bekommt Chinas Preiskampf zu spüren
Der Exportboom verschärft jedoch die Spannungen mit wichtigen Handelspartnern. Chinas Warenhandelsüberschuss gegenüber der Europäischen Union erreichte 2025 rund 360,6 Milliarden Euro und war damit 15 Prozent höher als im Vorjahr. Im Juni 2026 berieten die Staats- und Regierungschefs der EU über zusätzliche Instrumente gegen unausgewogene Handelsbeziehungen und mögliche Wettbewerbsverzerrungen. Eine einheitliche Linie gibt es allerdings noch nicht: Während Frankreich für ein härteres Vorgehen wirbt, setzen Deutschland und Spanien stärker auf Dialog und Kooperation.
Die handelspolitischen Schutzmaßnahmen der EU richten sich bereits überwiegend gegen chinesische Produzenten. Von 21 neu eingeleiteten Antidumping- und Antisubventionsverfahren betrafen 18 Unternehmen aus China. Zusätzlich gelten seit 2024 Ausgleichszölle auf in China hergestellte Elektroautos. Die Europäische Kommission plant für das dritte Quartal 2026 eine umfassende Überprüfung ihrer handelspolitischen Schutzinstrumente.
Chinas Wachstumsmodell stößt an seine Grenzen
Die aktuellen Wachstumszahlen unterstreichen die strukturellen Probleme. Chinas Bruttoinlandsprodukt wuchs im zweiten Quartal 2026 um 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im ersten Quartal hatte das Plus noch fünf Prozent betragen. Für das gesamte erste Halbjahr meldete die Statistikbehörde ein Wachstum von 4,7 Prozent. Damit liegt die Entwicklung innerhalb des offiziellen Jahresziels von 4,5 bis fünf Prozent, die Wachstumsdynamik hat jedoch erkennbar nachgelassen.
Der Internationale Währungsfonds rechnet für 2026 mit einem Wachstum von 4,6 Prozent. Die Weltbank erwartet 4,4 Prozent und prognostiziert für 2027 eine weitere Abschwächung auf 4,3 Prozent. Als zentrale Belastungen nennt sie die vorsichtigen Verbraucher und die fortgesetzte Anpassung des Immobilienmarktes. Um den Konsum zu stärken, empfiehlt die Weltbank unter anderem einen Ausbau der sozialen Sicherungssysteme. Dadurch könnten Haushalte mehr Vertrauen gewinnen und einen geringeren Anteil ihres Einkommens vorsorglich sparen.
Chinas wirtschaftliches Kernproblem ist damit nicht allein die Entwicklung einzelner Preisindizes. Entscheidend ist das anhaltende Missverhältnis zwischen einer leistungsfähigen, teilweise weiter wachsenden Industrie und einer schwachen Binnennachfrage. Exporte können dieses Ungleichgewicht vorübergehend abfedern. Je stärker chinesische Unternehmen ihre überschüssigen Waren jedoch auf den Weltmarkt bringen, desto größer wird der Widerstand in Europa und anderen Absatzregionen. Eine nachhaltige Lösung dürfte deshalb nur gelingen, wenn China den privaten Konsum stärkt, die Immobilienkrise eindämmt und nicht rentable Produktionskapazitäten schrittweise reduziert.