Mercedes-Benz Produktion Ungarn : Mercedes-Benz Ungarn: Die Milliardenfabrik, die acht Jahre auf ihren Neustart wartete

Mercedes-Benz eröffnet den erweiterten Produktionsstandort Kecskemét in Ungarn, der künftig elektrische Modelle wie die neue elektrische C-Klasse fertigen soll.

Mercedes-Benz hat die Erweiterung seines Werks im ungarischen Kecskemét offiziell eröffnet. Der Standort soll künftig eine zentrale Rolle in der europäischen Elektroauto-Produktion des Konzerns spielen.

- © Mercedes Benz

Als Mercedes-Benz am 5. Juni 2018 im ungarischen Kecskemét den Grundstein für ein zweites Fahrzeugwerk legte, präsentierte der Konzern das Projekt als Modellfabrik der Zukunft. Geplant war das erste sogenannte „Full-Flex-Werk“ des Unternehmens. Auf einer gemeinsamen Produktionslinie sollten unterschiedliche Fahrzeugarchitekturen, Karosserieformen und Antriebsarten gefertigt werden können – von Kompaktwagen über Limousinen mit Hinterradantrieb bis zu Elektrofahrzeugen. Mercedes kündigte eine Investition von einer Milliarde Euro und mehr als 2.500 zusätzliche Arbeitsplätze an. Vorgesehen waren ein Presswerk, ein Karosseriebau, eine Lackiererei und eine Montage.

Acht Jahre später, am 13. Juli 2026, eröffnete Mercedes-Benz den erweiterten Standort offiziell und startete dort die Produktion der neuen elektrischen C-Klasse. Zwischen beiden Terminen liegt eine außergewöhnlich lange Projektgeschichte. Sie zeigt, wie schnell selbst weit fortgeschrittene Industrieplanungen durch technologische Veränderungen, neue Produktstrategien und wirtschaftliche Unsicherheit überholt werden können.

Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!

Mercedes-Werk in Ungarn: Eine fertige Lackiererei, die jahrelang auf ihren Einsatz wartete

Besonders deutlich wird die Verzögerung an der neuen Lackiererei. Nach Angaben des am Projekt beteiligten ungarischen Baukonzerns KÉSZ war das rund 40.000 Quadratmeter große Gebäude bereits 2019 fertiggestellt. Anschließend stand es mehrere Jahre ungenutzt. Vor der Inbetriebnahme musste die Halle revitalisiert, mit neuer Technik ausgestattet und nach inzwischen veränderten technischen Standards erneut in Betrieb genommen werden. Auch mechanische und elektrische Systeme mussten überprüft und angepasst werden.

>>> Ungarns Autowunder: Wie ein Billigstandort zur Schlüsselregion deutscher Hersteller wurde

Damit konnte ein zentraler und kapitalintensiver Bestandteil der ursprünglich geplanten Fabrik über Jahre nicht für die reguläre Serienproduktion genutzt werden. Weitere Bereiche entstanden oder wurden erst später ausgerüstet. So wurde das zweite Presswerk nach Angaben von Mercedes im Jahr 2020 angekündigt und innerhalb von zwei Jahren fertiggestellt. Es beliefert nicht nur die Fertigung in Kecskemét, sondern kann auch Stahl- und Aluminiumteile für andere Standorte des globalen Produktionsnetzwerks herstellen.

Die lange Zeitspanne lässt sich deshalb nicht als einfacher achtjähriger Baustopp beschreiben. Vielmehr wurde das ursprüngliche Konzept schrittweise verändert, ergänzt und technisch neu ausgerichtet. Der 2018 angekündigte Plan und das 2026 eröffnete Werk tragen zwar denselben Grundgedanken einer flexiblen Produktion, unterscheiden sich aber bei Fahrzeugplattformen, Digitalisierung und elektrischer Antriebstechnik erheblich.

Luftbild des erweiterten Mercedes-Benz-Werks in Kecskemét: Der ungarische Standort wurde für die Produktion elektrischer Modelle deutlich ausgebaut.

- © Mercedes Benz

Elektrische C-Klasse: Warum Mercedes den Standort Kecskemét neu ausrichtete

Ein entscheidender Wendepunkt war die Neuausrichtung des europäischen Produktionsverbunds. Im Juni 2022 erklärte Mercedes-Benz, sein Werknetz auf ein stärker elektrisch geprägtes und neu positioniertes Modellportfolio vorzubereiten. Kecskemét erhielt dabei eine zentrale Rolle: Gemeinsam mit Bremen sollte der Standort Modelle auf Basis der elektrischen MB.EA-Architektur fertigen. Außerdem war Kecskemét zusammen mit Rastatt für Fahrzeuge auf Basis der Mercedes Modular Architecture, kurz MMA, vorgesehen.

>>> Mercedes GLC: Der wichtigste Elektro-Mercedes kommt nicht vom Fleck

Diese Entscheidungen machten umfangreiche Anpassungen an Gebäuden, Anlagen und Produktionsabläufen notwendig. Hinzu kamen die Folgen der Corona-Pandemie. Im bestehenden Kecskeméter Werk musste die Fahrzeugproduktion im Frühjahr 2020 zeitweise eingestellt und anschließend schrittweise wieder hochgefahren werden. Die Pandemie und spätere Lieferkettenprobleme belasteten die gesamte Automobilindustrie. Aus den öffentlich zugänglichen Unternehmensangaben lässt sich jedoch nicht eindeutig ableiten, welchen Anteil diese Faktoren konkret an der Verzögerung der Werkserweiterung hatten. Die dokumentierte strategische Neuordnung des Produktionsnetzes dürfte mindestens ebenso bedeutsam gewesen sein.

Produktion im erweiterten Mercedes-Benz-Werk Kecskemét: Der ungarische Standort wurde auf elektrische Modelle und eine flexiblere Fertigung ausgerichtet.

- © Mercedes Benz

Mercedes-Produktion: Vom Kompaktwagenwerk zur Elektro-Drehscheibe

Der 2026 eröffnete Werksteil umfasst zwei neue Hallen für Karosseriebau und Montage, ein zweites Presswerk, die modernisierte Lackiererei und eine eigene Batteriemontage. Die Werksfläche wuchs nach Konzernangaben von 200 auf 440 Hektar. Mercedes bezeichnet Kecskemét damit als größten Automobilproduktionsstandort Ungarns und als einen der größten Standorte seines weltweiten Produktionsverbunds. Aktuell arbeiten dort mehr als 5.000 Menschen.

>>> Mercedes-Zulieferer: Ein Werk in Marokko zeigt die Schwäche der Elektroauto-Lieferkette

Mit der elektrischen C-Klasse produziert Kecskemét erstmals ein batterieelektrisches Modell aus dem sogenannten Core-Segment. Karosserieteile und Antriebsbatterien für die dort gebauten Elektrofahrzeuge werden direkt am Standort gefertigt. Mercedes verfolgt dabei ein zweigleisiges Konzept: In der bestehenden Produktionshalle können Verbrenner und Elektrofahrzeuge flexibel auf derselben Linie entstehen. Die neue Halle ist dagegen gezielt auf vollelektrische Modelle ausgerichtet. Dadurch soll der Konzern das Produktionsvolumen schneller an die tatsächliche Nachfrage nach den jeweiligen Antriebsarten anpassen können.

Künftig soll auch der elektrische GLC bedarfsabhängig sowohl in Bremen als auch in Kecskemét gebaut werden. Darüber hinaus kündigte Mercedes an, eine kompaktere Version der G-Klasse exklusiv in Ungarn zu fertigen. Der Standort wird damit enger mit deutschen Werken verbunden, statt als isolierte Fabrik zu arbeiten. Produktionsvolumen können zwischen mehreren Standorten verteilt werden, wenn Nachfrage, Lieferketten oder Auslastung dies erfordern.

350.000 oder 400.000 Fahrzeuge: Die offene Kapazitätsfrage in Kecskemét

Über die künftige Jahreskapazität kursieren unterschiedliche Angaben. In einer Investorenpräsentation nennt Mercedes-Benz für Kecskemét eine Kapazität von bis zu 400.000 Fahrzeugen und damit eine Verdoppelung gegenüber dem bisherigen Niveau. Die ungarische Regierung sprach gegenüber Reuters dagegen von rund 350.000 Fahrzeugen pro Jahr. Die Differenz dürfte auf unterschiedliche Annahmen zur technischen Maximalkapazität und zur geplanten praktischen Auslastung zurückzuführen sein; eine genaue Aufschlüsselung veröffentlichte Mercedes nicht.

>>> Mercedes: Wie die Luxuswette in China zum Milliardenproblem wurde

Auch die finanziellen Folgen der jahrelang ungenutzten Lackierereihalle bleiben unbekannt. Grundsätzlich beginnt die Abschreibung einer Sachanlage nach IAS 16, sobald sie sich an dem vorgesehenen Ort und in dem Zustand befindet, in dem sie wie geplant eingesetzt werden kann. Eine Abschreibung endet grundsätzlich nicht allein deshalb, weil eine Anlage vorübergehend stillsteht. Ob und zu welchem Zeitpunkt diese Voraussetzungen bei den einzelnen Gebäuden und technischen Einrichtungen in Kecskemét erfüllt waren, lässt sich ohne Einblick in die Anlagenbuchhaltung des Konzerns nicht beurteilen. Projektbezogene Angaben zu Abschreibungen, Instandhaltungskosten oder Wertminderungen hat Mercedes nicht veröffentlicht.

In Kecskemét fertigt Mercedes-Benz künftig auch elektrische Modelle. Die Werkserweiterung soll dem Konzern mehr Flexibilität zwischen Verbrenner- und Elektroauto-Produktion geben.

- © Mercedes Benz

Mercedes in Ungarn: Die neue Standortwette von Mercedes beginnt erst jetzt

Fest steht dagegen, dass die Wiederinbetriebnahme zusätzliche Arbeit erforderte. Die 2019 fertiggestellte Lackiererei musste nach mehreren Jahren Leerstand technisch neu ausgerüstet werden. Heute soll sie rund 20 Prozent weniger Energie verbrauchen und etwa 80 Prozent weniger Kohlendioxid ausstoßen als die bestehende Anlage am Standort. Photovoltaikanlagen mit insgesamt 42,3 Megawatt Peak sollen rund ein Viertel des jährlichen Energiebedarfs des Werks decken.

Die Erweiterung von Kecskemét ist deshalb weder nur eine Erfolgsgeschichte noch lediglich ein Beispiel für eine Fehlplanung. Das Projekt demonstriert vielmehr das Risiko langfristiger Industrieinvestitionen in einer Phase grundlegender technologischer Veränderungen. Eine Fabrik, die 2018 für möglichst viele konventionelle und alternative Antriebsarten geplant wurde, musste während des Baus auf neue Elektroplattformen, Batteriemontage, digitale Produktionssysteme und veränderte Modellzuweisungen vorbereitet werden.

Mit der Eröffnung im Juli 2026 endet eine ungewöhnlich lange Übergangsphase. Gleichzeitig beginnt für Kecskemét eine neue Bewährungsprobe: Erst die tatsächliche Auslastung der kommenden Jahre wird zeigen, ob die kostspielige Flexibilität des Standorts die jahrelange Verzögerung wirtschaftlich ausgleichen kann.

Sie wollen mehr zum Thema?