Mercedes-Benz USA Expansion : Mercedes-Benz: Die große US-Offensive bekommt ein China-Problem
Mercedes-Benz baut seine US-Produktion aus: Im Werk Tuscaloosa in Alabama fertigt der Konzern zentrale SUV-Modelle für den nordamerikanischen Markt und den Export.
- © Mercedes BenzMercedes-Benz will sein Geschäft in den Vereinigten Staaten in den kommenden Jahren deutlich ausbauen. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen dort jährlich rund 400.000 Pkw und 80.000 Transporter verkauft werden. Damit würde der US-Absatz erheblich über dem heutigen Niveau liegen. Im Jahr 2025 setzte Mercedes-Benz USA nach offiziellen Unternehmensangaben 303.200 Personenwagen und 40.000 Vans ab. Die Vereinigten Staaten sind damit nicht nur einer der größten Absatzmärkte des Konzerns, sondern sollen künftig auch Rückgänge und schwächeres Wachstum in anderen Regionen, insbesondere in China, teilweise ausgleichen.
Die geplante Expansion fällt jedoch in eine Zeit, in der sich die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in den USA grundlegend verändern. Washington verbindet Industriepolitik, nationale Sicherheit und Handelspolitik immer stärker miteinander. Für Mercedes entsteht daraus eine ungewöhnliche Situation: Einerseits produziert der Konzern seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten, beschäftigt dort Tausende Menschen und zählt zu den bedeutenden Autoexporteuren des Landes. Andererseits könnten zwei große chinesische Aktionäre dazu führen, dass das Unternehmen unter neue gesetzliche Beschränkungen fällt.
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Connected Vehicle Security Act: Das neue Risiko für Mercedes
Im Mittelpunkt steht der „Connected Vehicle Security Act of 2026“. Der überparteiliche Gesetzentwurf wurde am 29. April 2026 von den Senatoren Bernie Moreno, einem Republikaner aus Ohio, und Elissa Slotkin, einer Demokratin aus Michigan, eingebracht. Am 22. Juli 2026 stimmte der Handelsausschuss des US-Senats dem Entwurf zu. Damit ist das Vorhaben zwar einen wichtigen Schritt weiter, aber noch nicht beschlossen: Es muss noch den gesamten Senat passieren, im Repräsentantenhaus behandelt und anschließend in einer gemeinsamen Fassung verabschiedet werden.
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Das Gesetz soll verhindern, dass vernetzte Fahrzeuge, Software und sicherheitsrelevante Hardware mit Verbindungen zu sogenannten ausländischen Gegnerstaaten auf den amerikanischen Markt gelangen. Gemeint sind vor allem China, Russland, Iran und Nordkorea. Moderne Fahrzeuge sammeln und übertragen große Mengen an Informationen, darunter Standort-, Sensor- und Bewegungsdaten. US-Politiker befürchten, dass ausländische Regierungen über Hersteller, Zulieferer oder Softwaresysteme Zugriff auf solche Daten erhalten oder Fahrzeugfunktionen aus der Ferne beeinflussen könnten.
BAIC und Geely: Chinesische Aktionäre rücken in den Fokus
Neben diesen Sicherheitsargumenten spielt auch Industriepolitik eine wichtige Rolle. Amerikanische Hersteller und Gewerkschaften warnen seit Längerem davor, dass stark subventionierte chinesische Autobauer mit vergleichsweise günstigen Elektrofahrzeugen in den US-Markt eintreten könnten. Der Gesetzentwurf soll deshalb nicht nur Daten und Infrastruktur schützen, sondern zugleich den Markteintritt chinesischer Hersteller dauerhaft erschweren. General Motors und die US-Autogewerkschaft UAW haben das Vorhaben öffentlich unterstützt.
Problematisch für Mercedes ist eine Bestimmung, nach der auch Unternehmen betroffen sein können, wenn mehr als 15 Prozent ihrer Eigentums- oder Kontrollrechte direkt oder indirekt mit einem der genannten Staaten verbunden sind. Nach der aktuellen Aktionärsübersicht von Mercedes-Benz hält die chinesische BAIC Group 9,98 Prozent der Stimmrechte. Weitere 9,69 Prozent entfallen auf eine Beteiligung des chinesischen Unternehmers und Geely-Gründers Li Shufu. Zusammengerechnet ergibt das 19,67 Prozent – deutlich mehr als die vorgesehene Schwelle.
Dabei bedeutet eine Beteiligung von knapp 20 Prozent nicht automatisch, dass die chinesischen Investoren das operative Geschäft von Mercedes kontrollieren. Der Konzern weist darauf hin, dass kein einzelner Anteilseigner mehr als zehn Prozent hält und die strategischen Entscheidungen vom Vorstand getroffen werden. Der Gesetzesentwurf orientiert sich jedoch nicht ausschließlich an der tatsächlichen Einflussnahme, sondern arbeitet teilweise mit festen Beteiligungsgrenzen. Genau diese Konstruktion macht ihn für Mercedes gefährlich.
Polestar als Warnsignal für die Autoindustrie
Dass die amerikanischen Behörden bereit sind, bestehende Regeln konsequent anzuwenden, zeigt der Fall Polestar. Die Elektroautomarke, die mehrheitlich zum chinesischen Geely-Umfeld gehört, erhielt vom Bureau of Industry and Security keine Genehmigung, ab dem Modelljahr 2027 weiterhin neue Fahrzeuge in den USA zu verkaufen. Bereits vorhandene Bestände dürfen noch angeboten werden, und bestehende Kunden sollen weiterhin Serviceleistungen erhalten. Polestar kündigte daraufhin an, sich stärker auf den europäischen Markt zu konzentrieren.
Die Polestar-Entscheidung beruht auf einer bereits bestehenden Regelung für vernetzte Fahrzeuge. Diese trat im März 2025 in Kraft. Für das Modelljahr 2027 untersagt sie bestimmte Fahrzeuge und Softwarelösungen von Herstellern, die als chinesisch oder russisch kontrolliert gelten. Beschränkungen für relevante Hardware folgen grundsätzlich ab dem Modelljahr 2030 beziehungsweise bei bestimmten Bauteilen ab Anfang 2029. Der neue Connected Vehicle Security Act würde diese Vorgaben gesetzlich verankern und teilweise ausweiten.
Für Mercedes wäre deshalb nicht nur entscheidend, wo ein Fahrzeug gebaut wird. Ebenso wichtig wären die Eigentümerstruktur, die Herkunft einzelner Komponenten, die verwendete Software sowie die Frage, ob das US-Handelsministerium eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Nach Angaben aus dem Gesetzgebungsverfahren soll Mercedes im Fall einer Verabschiedung grundsätzlich bis 2030 Zeit erhalten, um die Voraussetzungen zu erfüllen oder eine Ausnahme zu beantragen. Zugleich haben mehrere Senatoren erkennen lassen, dass die aktuelle Fassung noch verändert werden könnte.
Tuscaloosa: Mercedes’ Schutzschild in Alabama
Mercedes kann in Washington mit seiner umfangreichen wirtschaftlichen Präsenz argumentieren. Das Werk in Tuscaloosa im Bundesstaat Alabama produziert seit 1997 Fahrzeuge. Inzwischen sind dort fünf Millionen SUVs vom Band gelaufen. Rund 5.800 Menschen arbeiten an dem Standort, an dem unter anderem GLE, GLS, GLE Coupé sowie elektrische SUV-Modelle montiert werden. Etwa 60 Prozent der Produktion werden aus den Vereinigten Staaten in andere Länder exportiert.
Hinzu kommt das Transporterwerk in Charleston, South Carolina. Dort fertigen etwa 1.700 Beschäftigte den Sprinter und den elektrischen eSprinter für den nordamerikanischen Markt. Nach Berechnungen des Unternehmens unterstützt Mercedes einschließlich Zulieferern, Dienstleistern und Händlern annähernd 160.000 Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten. Das Händlernetz umfasst 386 Betriebe.
Milliardeninvestitionen gegen Zölle und Lieferkettenrisiken
Der Konzern betont zudem, dass ein großer Teil der Materialien für die US-Produktion aus dem Land selbst stammt. Mehr als 96 Prozent des in Alabama verwendeten Aluminiums und mehr als 98 Prozent des dort verarbeiteten Stahls werden nach Mercedes-Angaben von amerikanischen Lieferanten bezogen. Diese Zahlen sind politisch bedeutsam, weil sie zeigen, dass Mercedes nicht nur Fahrzeuge in den USA montiert, sondern tief in regionale Lieferketten eingebunden ist.
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Bis 2030 plant Mercedes Investitionen von mehr als sieben Milliarden US-Dollar in seine amerikanischen Standorte. Rund vier Milliarden US-Dollar sollen allein nach Tuscaloosa fließen. Vorgesehen sind unter anderem neue Modelle, modernisierte Produktionsanlagen sowie zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. Auch der GLC soll künftig in Alabama gebaut werden. Bislang werden viele Ausführungen dieses für Mercedes besonders wichtigen SUV-Modells aus Europa in die USA geliefert.
Die stärkere Lokalisierung bietet mehrere Vorteile. Sie reduziert Transportwege, verkürzt Lieferketten und schützt einen größeren Teil des Geschäfts vor Einfuhrzöllen. Seit der handelspolitischen Vereinbarung zwischen den USA und der Europäischen Union gilt für zahlreiche europäische Automobile und Autoteile eine kombinierte US-Zollbelastung von 15 Prozent. Vor den jüngsten handelspolitischen Veränderungen hatte der reguläre US-Zoll auf viele europäische Pkw lediglich 2,5 Prozent betragen. Je mehr Fahrzeuge Mercedes direkt in Nordamerika produziert, desto geringer ist daher die unmittelbare Belastung durch Zölle auf fertige Autoimporte aus Europa.
GLC, GLE und GLS: Die SUV-Wette von Mercedes in den USA
Die jüngsten Verkaufszahlen zeigen, dass der US-Markt für Mercedes weiterhin eine erhebliche Bedeutung besitzt. Im ersten Quartal 2026 verkaufte das Unternehmen dort 78.500 Pkw und Vans. Im zweiten Quartal kamen 84.500 Fahrzeuge hinzu, darunter 75.000 Pkw und 9.500 Transporter. Insgesamt erreichte Mercedes damit im ersten Halbjahr 2026 rund 163.000 Fahrzeuge. Besonders die in den USA gebauten SUV-Baureihen GLE und GLS entwickelten sich im ersten Quartal positiv.
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Für das angestrebte Wachstum reichen neue Produktionskapazitäten allein allerdings nicht aus. Der Konzern will auch seine Vertriebsorganisation, das Kundenerlebnis und die Zusammenarbeit der verschiedenen nordamerikanischen Gesellschaften verbessern. Dafür wurde unter Jason Hoff eine gemeinsame nordamerikanische Führungsstruktur geschaffen. Hoff verantwortet als CEO der Mercedes-Benz North America Corporation die übergreifende Strategie und soll Bereiche zusammenführen, die zuvor stärker voneinander getrennt nach Deutschland berichteten.
Auch bei der Fahrzeugentwicklung soll der amerikanische Markt stärker berücksichtigt werden. Große SUVs haben in den Vereinigten Staaten traditionell einen hohen Stellenwert. Mit der Ausweitung der GLC-Produktion in Alabama sowie der Weiterentwicklung von GLE und GLS kann Mercedes Fahrzeuge schneller an regionale Anforderungen anpassen. Das Design- und Entwicklungsnetzwerk des Konzerns umfasst unter anderem Standorte in Kalifornien, Michigan und Georgia.
MBUX und KI: Warum Fahrzeugdaten politisch werden
Neben Produktion und Vertrieb investiert Mercedes in digitale Fahrzeugtechnik. Im April 2026 gab der Konzern eine mehrjährige Kooperation mit dem KI-Unternehmen Liquid AI bekannt. Die Technologie soll künstliche Intelligenz direkt im Fahrzeug ausführen, anstatt für jede Anfrage eine Verbindung zu einem entfernten Cloud-Rechenzentrum zu benötigen. Geplant ist zunächst eine verbesserte Sprachverarbeitung für Fahrzeuge mit der dritten und vierten Generation des Infotainmentsystems MBUX in Nordamerika. Eine erste Serieneinführung wird für die zweite Hälfte des Jahres 2026 angestrebt.
Die Verarbeitung direkt im Auto kann Antworten beschleunigen, die Abhängigkeit von einer stabilen Mobilfunkverbindung reduzieren und die Übertragung bestimmter Daten an externe Server begrenzen. Damit berührt die Kooperation ausgerechnet jenes Themenfeld, das auch im Mittelpunkt der politischen Debatte steht: die Kontrolle über Fahrzeugsoftware, Datenströme und vernetzte Systeme.
Mercedes zwischen USA und China: Der neue Balanceakt
Die amerikanische Wachstumsstrategie von Mercedes ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Der Markt ist groß, hochwertige SUVs und Luxusmodelle sind stark nachgefragt, und das Unternehmen verfügt bereits über ein umfangreiches Produktions- und Entwicklungsnetzwerk. Gleichzeitig verändern Zölle, Sicherheitsvorschriften und die Rivalität zwischen den USA und China die Spielregeln.
Die größte Unsicherheit liegt derzeit nicht in den Fabriken oder Produkten, sondern in der Aktionärsstruktur. Sollte die Beteiligungsgrenze von 15 Prozent unverändert Gesetz werden, müsste Mercedes eine Ausnahme erreichen, seine Eigentümerstruktur verändern oder auf eine spätere Anpassung der Vorschriften hoffen. Dass der Konzern seit fast drei Jahrzehnten in Alabama produziert, große Summen investiert und einen erheblichen Teil seiner US-Fahrzeuge exportiert, dürfte ihm im politischen Prozess helfen. Eine automatische Garantie ist das jedoch nicht.
Für Mercedes wird die Expansion in den Vereinigten Staaten damit zu einem Balanceakt: Der Konzern muss weiter wachsen, mehr Fahrzeuge vor Ort bauen und zugleich beweisen, dass chinesische Minderheitsaktionäre weder seine Unternehmensführung noch sensible Fahrzeugtechnologien kontrollieren. Der Ausgang des Gesetzgebungsverfahrens wird zeigen, ob die tiefen wirtschaftlichen Wurzeln des Herstellers in den USA schwerer wiegen als Washingtons zunehmend strenge Regeln gegenüber chinesischem Kapital und chinesischer Technologie.