Wo sehen Sie die Hauptursache für die aktuelle Schwäche?
Walter: Wenn ein wichtiger Markt wie Europa schwächelt, spürt das auch ein globales Unternehmen. Der deutschsprachige Markt ist derzeit einfach schwierig. Die europäische Automobilindustrie steht vor großen Herausforderungen, Entwicklungszyklen müssen beschleunigt werden, Kosten müssen gesenkt werden, während Produkte technologisch komplexer werden. Wenn ein so wichtiger Markt schwächelt, hat das Auswirkungen auf die gesamte Branche. Zudem haben sich die regulatorischen Rahmenbedingungen in Europa mehrfach verschoben. Rein batterieelektrische Fahrzeuge haben sich zeitlich nach hinten verschoben, gleichzeitig gewinnen andere CO₂-arme Technologien an Bedeutung. Global sind die Anforderungen stark unterschiedlich und machen es für globale Hersteller noch schwieriger Plattformen zu entwickeln.
Wurde die Elektromobilität im Konzern also keineswegs verschlafen?
Walter: Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind in vielen Bereichen früh aktiv gewesen. Aber die Geschwindigkeit und die Investitionsbereitschaft der Märkte bestimmen letztlich, wie schnell sich Technologien durchsetzen. Wir arbeiten an sehr effizienten Verbrennungssystemen, etwa Benzinmotoren mit Wirkungsgraden um 48 Prozent, an kleinen Range-Extender-Motoren, an elektrischen Antriebseinheiten mit rund 95 Prozent Wirkungsgrad, an Batterietechnologien und Batterie-Management-Systemen.
Sie haben ein umfassendes Restrukturierungsprogramm gestartet.
Walter: Wir haben die Organisation verschlankt, Führungsspannen erhöht und End-to-End-Verantwortungen eingeführt. Entscheidungsprozesse wurden beschleunigt. Außerdem haben wir Ebenen reduziert, auch auf der obersten Managementebene und auch in der Geschäftsführung verschlankt. Auch in allen anderen Geschäftsbereichen gab es ähnliche Anpassungen. Ziel war, Kleingliedrigkeit zu reduzieren und Verantwortlichkeiten nach modernen Bedürfnissen zu bündeln. Kleinteilige Strukturen führen dazu, dass in Silos optimiert wird.
Welche strukturellen Änderungen in der Organisation gibt es?
Walter: Das reicht von der Zusammenlegung von Funktionen über die Reduktion nichtproduktiver Tätigkeiten bis zur stärkeren standortübergreifenden Zusammenarbeit. Ein Beispiel ist die Bündelung digitaler Entwicklungsaktivitäten zu einem durchgängigen „Digital Product Development“. Statt getrennte Zuständigkeiten für Konstruktion und Berechnung gibt es integrierte Teams, die virtuell Produkte entstehen lassen. Ein anderes Beispiel ist die Weiterentwicklung von Testeinrichtungen in Richtung Data Factory. Dort entstehen enorme Datenmengen, die wir noch mehr und systematischer nutzen wollen. Praktisch jeden physikalischen oder chemischen Zusammenhang haben wir irgendwann schon einmal gemessen – dieses Wissen muss man verfügbar machen.
Wurden fachliche Schwerpunkte aufgegeben?
Walter: Wir sprechen eher von Konsolidierung als von vollständiger Aufgabe. In Bereichen mit geringer Differenzierung und hoher Wettbewerbsdichte haben wir Kapazitäten angepasst.
Wie etwa?
Walter: Ein Beispiel sind Themen rund um Niedervolt-Verkabelung oder Steuergeräte-Architekturen. Das ist ein Markt mit vielen Anbietern und relativ geringer Differenzierung. Wenn wir dort keinen klaren technologischen oder methodischen Mehrwert bieten können, ist das langfristig kein sinnvolles Geschäft. Deshalb wurde aus einem größeren Fachbereich ein kleineres Team. Auch Themen wie bestimmte Exterieur-Oberflächen gehören nicht zu unserem Fokus. Wir investieren in Bereiche, in denen wir uns differenzieren können, und weniger in reife Märkte mit vielen Wettbewerbern.
Wie schmerzhaft waren diese Einschnitte?
Walter: Restrukturierungen sind nie angenehm, aber leider notwendig. Natürlich ist Wissen abgeflossen, und zwar auf allen Ebenen.
Ist Graz als Hauptstandort gefährdet?
Walter: Nein. Österreich bleibt Technologiezentrum. Hier entsteht der technologische Kern – Methodik, Systemintegration, Gesamtentwicklungen, die viele Skills benötigen. Zusätzlich nutzen wir unser starkes globales Netzwerk mit unterschiedlichen Kostenstrukturen.