Interview : "Erst die Spitze des Eisbergs"

Jan Mrosik
© Siemens

Herr Mrosik, „Digital Enterprise – Implement now!“ lautete 2018 das Siemens-Motto auf der Hannover Messe. Ein Aufruf an Unternehmen, verfügbare digitale Technologien und Geschäftsmodelle nun sehr selbstbewusst auf den Prüfstand zu stellen. Fand er Gehör?

Jan Mrosik Das Internet der Dinge hat heute erfolgreich seine erste Testphase durchschritten. Durchgängig vernetzte Lösungen kommen in den Unternehmen schon vermehrt zum Einsatz. Und da ist unser cloudbasiertes IoT-Betriebssystem Mindsphere ein wesentlicher Treiber. Es macht die Entwicklung und den Einsatz von Applikationen und digitalen Services einfach. Auch deshalb, weil sie sich in die gängigen Cloud-Plattformen wie Amazon Web Services, Microsoft Azure und seit April der Alibaba Cloud einbinden lässt. So kommen unsere Kunden schnell in die industriellen Use Cases – egal, auf welchem Teil der Erde und für welches Unternehmen sie operativ tätig sind.

Seit dem Vorjahr sogar noch schneller: Mit der 29. Siemens-Akquisition von Mendix, einem US-holländischen Unternehmen für Low-Code-Entwicklungsplattformen, soll sich die App-Entwicklung für den Anwender radikal vereinfachen. Gartner spricht gar vom magischen Quadranten, den Siemens damit nun betritt.

Mrosik Erst die Low-Code-App-Programmierung bringt das Internet der Dinge schnell auf den Shopfloor. Kenntnisse von Hochsprachen wie C++ oder Java sind nicht mehr zwingend erforderlich. Die Drag-and-drop-Funktionalitäten halten Einzug. Gerade im klein- und mittelständischen Umfeld sind Hochsprachenprogrammierer nicht in der Zahl verfügbar, in der sie eigentlich benötigt werden.

In Rankings, die sich das Disruptionspotenzial von Unternehmen anschauen, landet Mendix in den Top Ten. Ist die Integration ein dementsprechend heißes Eisen?

Mrosik Wir gehen – wie bei den Übernahmen der vergangenen Jahre – behutsam vor. Es wird keine großen Eingriffe in die bestehende Firmenkultur geben. Im Gegenteil. Mendix soll und wird alle Freiheiten haben, die das Unternehmen schon bisher genoss. Es wird am Markt weiterhin eigenständig agieren und sein erfolgreiches Geschäft weiterentwickeln können. Und natürlich erhoffen wir uns aus der Start-up-Kultur des Unternehmens frische Impulse für die Siemens-Organisation. Beide Seiten sollen profitieren.

Auf Austausch setzen Sie auch in Ihrer Nutzervereinigung Mindsphere World. Anfang des Jahres erweiterte man gen Osten – mit 13 Gründungsmitgliedern von Linde bis Tata.

Mrosik Ein logischer Schritt. Wir reagieren auf die Markterfordernisse. Als wir auf der Hannover Messe die Verfügbarkeit der Mindsphere in der Alibaba Cloud bekannt gaben, waren wenige Stunden später drei Absichtserklärungen mit chinesischen Kunden unterschrieben. Die Mindsphere wird ganz klar als Enabler wahrgenommen – als Plattform zum Generieren von zusätzlicher Produktivität am Shopfloor oder konkretem Kundennutzen wie etwa durch Pay-per-Use-Modelle zur effizienteren Abrechnung von Maschinenleistung.

Künftig soll über eine zusätzliche von Siemens bereitgestellte Plattformebene, die der Industrial Edge, der Doppelpass mit der Cloud vonstattengehen. Dem Hoffnungsfeld des maschinellen Lernens könnte dort elegant ein Betätigungsfeld erwachsen.

Mrosik Ein Beispiel ist der Bereich der kognitiven Bildverarbeitung. Nehmen Sie eine Optimierungsaufgabe beim Teilehandling durch Roboter. Diese Lernprozesse könnten zunächst in der Cloud stattfinden, während die optimierten Algorithmen dann dezentral im Feld – in Echtzeit – auf Edge-Basis laufen.

In Ihrer Promotionsarbeit befassten Sie sich mit den Potenzialen von Sensorik. Zwei Jahrzehnte später: Kam es, wie Sie damals dachten?

Mrosik Die Konzepte und Ideen waren damals schon weit gediehen. Es existierten technische Prototypen, die mittels Laser Entfernungen über große Distanzen mikrometer- und wiederholgenau messen konnten. Was dann passierte, war nicht weniger als eine technologische Befreiung. Mit Mehrkernprozessoren und günstig verfügbarem Speicher rückten wir der Speicherung und Auswertung von Massendaten näher. Deren Möglichkeiten werden uns noch sehr weit tragen. Momentan kratzen wir hier nicht einmal an der Spitze des Eisbergs.

Noch einmal zurück zu den Hannover Messe-Mottos. 2014 lautete es bei Siemens „Making things right“. Auch selbst wurde offenbar vieles richtig gemacht, man hat sich mit Zukäufen im Softwarebereich komplettiert und so die Deutungshoheit im Digitalgeschäft erlangt. Oder orten Sie Lücken im Portfolio?

Mrosik Seit 2007 haben wir uns sukzessive zum Anbieter mit dem wohl komplettesten Design- und Simulationsportfolio in den Bereichen der Mechanik, Elektronik und der Embedded Software entwickelt. Die Automatisierungslösung Simatic, die voriges Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum feierte, ist auch heute noch sehr erfolgreich. Dazu sind wir mit Sinumerik in der CNC-Welt und dem Prozessleitsystem PCS 7 bestens aufgestellt. Mit Mindsphere schließen wir den Kreis: Datenverarbeitung und -analytik sowie die Rückführung der Erkenntnisse in Produktentwicklung und Produktion sind für die digitale Transformation essenziell.

Jan Mrosik, 54, war von 2016-2019 CEO der Siemens-Division Digital Factory und ist seit April heurigen Jahres COO Digital Industries im Siemens-Konzern. Der ausgebildete Elektrotechniker und Wirtschaftsingenieur trat 1996 ins Unternehmen ein und durchlief seither eine steile Karriere. Nach Bereichsleitungen in den Segmenten Infrastruktur und Kommunikationsnetze leitete Mrosik als CEO die Divisionen Smart Grid, Power Transmission sowie Energy Management. Der gebürtige Freiburger ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Speaker am Gainer-Festival am 9. und 10. Oktober in der Tabakfabrik Linz.