Exklusiv : AMAG-Chef Gerhard Falch zum Börsegang: "Wir wussten, wir müssen das jetzt durchziehen"
INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Falch, sind Sie eigentlich froh, dass sich mit dem Börsegang Ihr Finanzinvestor mehrheitlich zurückgezogen hat? Gerhard Falch: Lassen Sie mich folgendes sagen: Ich weiß, dass viele meiner Industrievorstandskollegen durchaus durchwachsene Erfahrungen mit Finanzinvestoren gemacht haben. Aber ich kann diese Erfahrungen nicht bestätigen - im Falle unseres Eigentümers OEP (der Finanzinvestor, der den Verpackungskonzern Constantia, zu dem die AMAG gehörte übernahm, Anm. der Red.) sogar ganz im Gegenteil... Wirklich? Wenn man die Medienberichterstattung verfolgte, könnte man zu dem Schluss kommen, OEP und deren Eigentümer JP Morgan Chase hätten versucht, Kasse zu machen... Falch: In den Medien wurde einiges ziemlich falsch dargestellt. Es hat für den Eigentümer einige Male die Möglichkeit gegeben, einen ganz anderen - einen für das Unternehmen AMAG weitaus ungünstigeren Weg zu gehen. Das begann schon mit der Entscheidung, ob wir überhaupt an die Börse gehen oder an einen strategischen Investor verkauft werden. Zweiteres hätte bedeutet, dass der Standort an Bedeutung verloren hätte. Sie waren ein Verfechter der Börsenpläne. Wie man hört, sind im Herbst vergangenen Jahres zwei konkrete und attraktive Angebote von Aluminiumkonzernen zur Komplettübernahme auf dem Tisch gelegen. So sehr ich Ihnen glaube, dass Sie Ihren Eigentümer schätzen - Mildtäter sind das wohl nicht... Falch: Natürlich musste es für den Eigentümer darstellbar sein, dass sich durch die Option Börse kein Nachteil ergibt. Aber gerade hier ist der Punkt: Die AMAG und die OEP sind mit der Entscheidung den Börsegang zu wagen und damit die AMAG unabhängig wachsen zu lassen, ein ziemliches Risiko eingegangen. Das Umfeld für einen IPO war alles andere als optimal, wie die lange Liste von teilweise wirklich renommierten Unternehmen zeigt, die seit September vorigen Jahres Börsegänge abgeblasen haben. Dass der Eigentümer trotzdem die Option IPO gewählt hat, ist positiv für die AMAG und findet meine Anerkennung. Der Ausgabepreis musste letztlich am untersten Rand des Preisbandes festgelegt werden. Stand es bei der entscheidenden Sitzung, in der es letztlich darum ging, den Ausgabepreis deutlich niedriger Anzusetzen, noch die Gefahr, dass der Eigentümer die Sache abbläst? Falch: Ja, aber letztendlich wollte uns unser Eigentümer eine Chance geben, uns positiv weiterzuentwickeln. Und wurde das Thema angeschnitten? Falch: Alles wurde besprochen. Auch, dass wir von den Investoren im Zuge unserer Roadshow durchaus ein exzellentes Feedback bekommen haben. Top Management, top strategische Positionierung und überzeugende Börsenstory. Uns war klar, wir mussten das jetzt durchziehen. Dem negativen Börseumfeld, der Explosion der Reaktoren in Japan und der Libyenkrise zum Trotz. Wie muss man sich Ihr Verhältnis zur jetzt Nicht-Mehr-Mutter Constantia vorstellen? Einerseits ist einer Ihr größter Einzelkunden, die Teich GmbH (die AMAG stellt für Teich Vormaterial für die Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie her, Anm.) nicht mehr Teil des Unternehmens. Andererseits bleibt Constantia-CEO Hanno Baestlein weiterhin ihr Aufsichtsratspräsident... Falch: Dass unser Hauptkunde jetzt nicht mehr Teil des Konzernes ist, ist völlig bedeutungslos. Wir liefern an Teich seit 1997 auf Basis eines 20-jährigen Vertrages, der schon abgeschlossen wurde, als die AMAG noch gar nicht Teil der Constantia war. Zu Hanno Baestlein. Es ist Sache der Eigentümer, den Aufsichtsratschef zu bestimmen. Aber ich weiß, dass Hanno Baestlein, den ich bereits aus der VA-Tech kenne, sowohl das notwendige fachliche Know How als auch die persönlichen Qualifikationen für diese Position besitzt. Ich freue mich über einen solch kompetenten Aufsichtsratschef. Fortsetzung auf Seite 2.
Die AMAG weist nach dem Börsegang eine Eigenkapitalquote von knapp 50 Prozent auf. Einige Analysten würden zynisch meinen, die AMAG sei keine Bank. Sie sei überkapitalisiert... Falch: Die hohe Kapitalquote ist für die AMAG in vielerlei Hinsicht notwendig. Erstens werden wir in den nächsten Jahren stark ausbauen. So laufen bereits Maßnahmen zu Engpassbeseitigungen in Ranshofen. Die Planungen für das neue Walzwerk wurden schon in Angriff genommen. Weiters verfolgen wir gemeinsam mit unseren Partnern Pläne zum Ausbau der kanadischen Elektrolyse. Andererseits wollen wir die hohe Eigenkapitalausstattung, um am volatilen Aluminiummarkt unsere Preise möglichst effizient sichern zu können. Diese Sicherung können wir heute - dank unserer Kapitalquote – nicht wie viele Wettbewerber durch Cash, sondern durch Avallinien darstellen. Ich glaube, Analysten honorieren das... Sie positionieren sich im Zuge ihres Börseganges als strategisch exzellent aufgestellter, “grüner” Aluminiumerzeuger. Können Sie das näher erläutern? Falch: Wir sind ein „grüner“ Aluminiumerzeuger. Am Standort mit unserer Gießerei sind wir der größte Aluminiumrecycler an einem Standort in Europa. Wir verarbeiten derzeit 200.000 Tonnen Schrott pro Jahr – und zwar Schrott aller Qualitäten, was uns jedenfalls von unseren Mitbewerbern unterscheidet, die zumeist nur ausgewählte Schrottqualitäten verarbeiten können. Mit diesem Recycling decken wir etwa 75 bis 80 Prozent unseres gesamten Materialbedarfs in Ranshofen ab. Damit sind wir weltweit einzigartig aufgestellt. Im Gegensatz zu Ihren Mitbewerbern, die versuchen, über so genannte “Dedicated Plants”, also Werke, die sich auf einzelne Produktgruppen spezialisieren, über Menge zu gehen, sehen Sie sich als hochqualitativer Nischenanbieter, der viele Produktgruppen und Branchen serviciert. Das mag in Krisenzeiten ein Vorteil sein – aber ist es da auch in Boomzeiten? Falch: Mitbewerber, die mit so genannten Schwerpunktwerken arbeiten, haben ein Problem, wenn die Nachfrage aus einer Branche nachlässt. Wir sind der einzige Produzent weltweit, der an einem Standort, alle Legierungsfamilien herstellt. Von der 1000er Legierung bis zur 8000er Legierung. Wir können alle Produkte. Und wir haben ein ausgewogenes Branchenportfolio: von unseren Walzprodukten geht ungefähr 15 PRozent an Premium OEMs der Automobilindustrie für Anwendungen in Strukturbauteilen, Karosserie und Beleuchtungs- und Zierteile. Dazu kommen noch Flüssigaluminiumlieferungen aus unserer Gießerei. Weitere etwa 20 Prozent geht als Folienvormaterial an die Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie. Ein weiteres Viertel geht in den Bereich Engineering & Construction – für Wärmetauscher in Klimaanlagen bis hin zu Fassadenpanelen. Darüber hinaus sind wir mittlerweile über höchst anspruchsvolle Qualifizierungsmaßnahmen von allen namhaften Flugzeugherstellern als Lieferant anerkannt. Wir sind damit von Volatilitäten einzelner Branchen relativ unabhängig. Aber viele der von Ihnen genannten Branchen – etwa die Automobilindustrie – hat doch in unseren Breiten keinerlei Wachstumsphantasien mehr… Falch: Selbst wenn die Produktion von Automobilen innerhalb unseres derzeitigen Lieferradiusses stagnieren würde, bedeutet das nicht, dass auch der Aluminiumbedarf stagniert. Im Gegenteil. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein namhafter deutscher Premiumhersteller, den wir beliefern, ersetzt mit kommendem Jahr eines seiner älteren Modelle. Das alte Modell hatte zwei Prozent Aluminiumanteil, das neue hat 20 Prozent. Ähnliches gilt für den fortschreitenden Leichtbau bei Nutzfahrzeugen. Mit jeder Tonne Gewichtseinsparung im Fahrzeug kann die Nutzlast entsprechend erhöht und somit Kosten gespart werden. Wie hoch schätzen Sie die Wachstumsraten für Ihre Branche? Falch: Der Aluminiumbedarf wächst, so Studien, in den nächsten 10-12 Jahren um rund 100 Prozent. So dringt Aluminium durch fortgeschrittene Legierungsentwicklung und thermomechanische Behandlung in immer mehr Anwendungsbereiche ein. Dazu kommt noch ein geografisches Ungleichgewicht in der Nachfrage – so wird in den nächsten Jahren der Bedarf in Schwellenländern wie China und Indien überproportional zunehmen. In Westeuropa wird das Wachstum auf 4,5 Prozent im Jahr geschätzt – kaum ein anderer Wirtschaftszweig hat solch gute Aussichten. Und die AMAG wird – wie schon in der Vergangenheit – natürlich über dem Branchenschnitt wachsen. Fortsetzung auf Seite 3
Dazu müssen Sie allerdings ihre Kapazitäten stark erweitern. Sie fahren im Walzwerk derzeit mit 150.000 Jahrestonnen am Limit. Geplant ist bis 2014 ein neues Walzwerk, das rund 120 bis 150 Millionen Euro kosten soll. Wie bewältigen Sie die steigende Nachfrage bis dahin? Falch: Wir fahren an der Kapazitätsgrenze. Und zwar sowohl im Walzwerk in Ranshofen als auch im kanadischen Alouette, bei unserer Primäraluminiumerzeugung. In Ranshofen wird in einem ersten Schritt durch eine Kette von Maßnahmen der Output der bestehenden Linien von 150.000 auf 186.000 Tonnen erhöht. Bis 2014 – wenn das geplante, neue Walzwerk aus der Anlaufphase draussen ist – werden so jährlich fünf Prozent Wachstum drinnen sein. Neben der laufenden Errichtung einer Passivierungslinie für Automobilaußenhautteile und neuen Scherenlinien beschleunigen wir etwa das Coilhandling und verkürzen Rüstzeiten. Spätestens 2014 wären wir wieder am Kapazitätslimit. Daher müssen wir heuer den Bau des neuen Walzwerkes beschliessen, das dann 2014 den Betrieb aufnimmt. Freuen Sie sich auf diese Aufgabe, als ehemaligem Anlagenbauer? Falch: Ich fühle mich wohl, meine ehemaligen Kollegen und Mitbewerber zu sehen und ihnen gegenüberzusitzen. Ist der Zeitplan, bis 2014 ein voll funktionstüchtiges, neues Walzwerk auf die grüne Wiese zu stellen, nicht sehr optimistisch? Falch: Nein, im Gegenteil. Wir können das Werk auf dem eigenen Gelände bauen, wir haben hier alles gewidmet und glücklicherweise viel Platz ohne Beschränkungen bauen zu können. Mit Ende des Jahres – das ist die Zielstellung - soll der Vertrag stehen. Dann haben wir eine Bauzeit von zweieinhalb Jahren. Sollte es kapazitätsmäßig eng werden, könnten wir, das weiß ich aus meiner langjährigen Anlagenbauerfahrung auch die Errichtungszeit des Walzwerkes auf unter 2 Jahre herunterschrauben. Im der ersten Ausbaustufe soll das Werk zusätzlich rund 60.000 Tonnen Aluminium walzen… Falch: Ja, aber hier geht es nicht nur um neue Kapazität. Die Walzanlage kann auch grössere Breiten und Dicken produzieren. Bisher konnten wir 1680 Millimeter breite Bleche walzen – zukünftig werden auch 2300 Millimeter möglich sein. Damit erschliesst sich ein neuer Markt bei gleichen Kunden – breites Vormaterial für Kühlerhauben können wir somit künftig liefern. In einem ersten Schritt planen wir 60.000 Tonnen im neuen Werk – dass wir jedoch für weiteren Ausbau planen, ist klar. Ab 2015 – also ein Jahr nach Hochlauf, steht eine theoretische Kapazität von 250.000 Tonnen zur Verfügung. Für den Ausbau der Elektrolyse im kanadischen Alouette wurden bisher 200 Millionen Euro veranschlagt. Woher soll dieses Geld nach der Megainvestition in das neue Walzwerkes kommen? Falch: Der aus dem Jahr 2008 stammende Schätzwert unseres Investitionsanteiles an Alouette betrug rund 200 Millionen Euro. Ich erwähne das, weil im Boomjahr 2008 die Preise sehr hoch waren – und es gut möglich ist, dass das derzeit günstiger geht. Wenn unsere Pläne, Anfang bis Mitte kommenden Jahres mit dem Ausbau zu beginnen aufgehen, sollte einer Finalisierung bis 2016 nichts im Wege stehen. Wie soll dieser 200-Millionen Euro-Ausbau – zusätzlich zum neuen Walzwerk, das 120 bis 150 Millionen Euro kostet – finanziert werden? Falch: Im Falle einer positiven Investionsentscheidung gemeinsam mit unseren Partnern müsste die Finanzierung bis zum Jahr 2014 stehen. Wir verfügen derzeit mit einer Eigenkapitalquote von knapp 50 Prozent über eine wohl gefüllte Kasse – und hatten alleine im Jahr 2010 ein EBITDA von 140 Millionen Euro. Ich darf ihnen nicht mehr sagen als dass auch die Geschäftsentwicklung im laufenden Jahr ´äußerst zufriedenstellend ist. Wir könnten den Ausbau von Alouette finanziell sogar aus dem operativen Ertrag stemmen. Entschieden ist da allerdings noch nichts: Wir könnten natürlich auch abermals auf den Kapitalmarkt gehen oder mit den Banken eine Projektfinanzierung vereinbaren. Abschlussfrage: Einer Ihrer Mitbewerber, Novelis, hat im April Preiserhöhungen angekündigt. Die Preise für Spezialaluminium steigt je nach Produkt um bis zu 120 Euro pro Tonne. Haben Sie im Herbst ähnliches vor? Falch: Wir verhandeln unsere Jahresverträge im Spätherbst. Aber – wenn Sie auf die Aluminiumpreise anspielen – diese sind in Ranshofen von unseren Preisen abgekoppelt. Wir verhandeln nur die Umarbeitungskosten, die Rohstoffpreise sind LME gebunden und durch Hedging völlig neutralisiert. Unsere Preisverhandlungen richten sich nach Angebot und Nachfrage aber unter Berücksichtigung des von uns gelieferten Qualitätsniveaus. Und: Wir sind uns der Qualität, die wir liefern, durchaus bewusst. Interview: Rudolf Loidl