Sandvik Mining and Construction

Taktzeit-Darling

Durch hocheffiziente Fertigungstaktung erreicht der Bergbaumaschinenhersteller Sandvik Mining and Construction einen Standardisierungsgrad wie sonst nur Serienfertiger.

Von &
Fabrik2013

Holten den zweiten Platz in der Kategorie Konzerne: Sandvik-Zeltweg-Geschäftsführer Michael Viet (li.) mit Standortleiter Gerhard Hubmann in ihrer Fertigung „der kurzen Wege“.

Es ist ein volles Programm, das die achtköpfige Delegation des Kohleproduzenten Shenhua im Juli 2011 in Zeltweg abspult. Neben Besprechungen zur Maschinentechnik und einer mehrstündigen Werkbesichtigung gipfelt der mehrtägige Besuch der Chinesen beim Bergbaumaschinenhersteller Sandvik Mining and Construction in einem Abschlussabendessen unter dem Motto „Steirische Küche meets Chinese Kitchen“. Um auf die Partnerschaft anzustoßen, haben die Chinesen ihr traditionelles Hausgetränk Moutai mitgebracht. Die Stimmung ist herzlich. Wie gut es läuft, sehen die Steirer zu später Stunde: Der Delegationsleiter von Shenhua kündigt an, bei Hochleistungskohlebergwerken die Streckenauffahrungstechnologie durch Maschinen von Sandvik ersetzen zu wollen – besser könnte es nicht laufen.
 

Als Sandvik wenige Monate später, im September 2011, von Shenhua eine Anfrage über die Rekordlieferung von 20 bis 30 Maschinen erhält, glaubt in Zeltweg trotzdem mancher an einen Scherz. Bedeutete die angefragte Liefermenge doch ziemlich genau die Hälfte einer durchschnittlichen Jahresproduktion der Steirer. Sie gaben daher sportliche Lieferzeiten „von acht Monaten für die ersten zwei Maschinen und dann gestaffelt je zwei Maschinen per Monat an“, erinnert sich Sandvik-Sales-Manager Bruno Reumüller. Dann die Überraschung – den Chinesen ist es ernst. Im Februar 2012 kommt es zur Vertragsunterzeichnung. Damit der Riesenauftrag die Kapazitäten des Zeltweger Werks nicht sprengt – und sich eine akzeptable Gewinnspanne beim Abschluss mit den niedrigpreisverwöhnten Chinesen ausgeht –, gehen die Steirer massiv das Thema Prozessoptimierung in der Eigenfertigung an. Ein entscheidender Baustein: „Die völlige Neutaktung der Produktion“, schildert Sandvik-Zeltweg-Geschäftsführer Michael Viet. Deren Rekordumsetzung ist eines jener Highlights, die den Steirern zum Fabrik2013-Finaleinzug und hervorragenden Rang zwei in der Kategorie Konzerne verhalf. „Sandvik wendet bei extremer Fertigungstiefe moderne Methoden hervorragend an“, resümierte Fraunhofer-Austria-Produktionsexperte Daniel Palm.

Im Takt

Nicht nur in der Zeltweger Endmontage, wo 80 Mitarbeiter die rund 60 Maschinen pro Jahr endmontieren, wird man Zeuge dieser Fertigungsexzellenz. Hochgradig taktorientiert – das beeindruckte die Evaluatoren des Wettbewerbs ganz besonders – legen die Steirer auch ihre Vor- und Detailplanung an. Die Zaubermelodie der Taktung dringt aber auch in die mechanische Einzelteil- und Kleinstserienfertigung, wo die bis zu 3500 Teile einer Maschine, etwa Trommeln, Getriebegehäuse oder Ventilblöcke, produziert werden. „Wir definieren gewisse Kapazitätstöpfe und die werden schonungslos durchgetaktet“, erklärt Produktionsleiter Andreas Anbauer. Getaktet werden nicht Maschinen, sondern Material und Mitarbeiter. Letztere haben so mehr Eigenverantwortung, „wenn wir ihnen drei Tage Zeit zur Abarbeitung der Aufträge geben, aber nicht vorschreiben, wie diese Abarbeitung erfolgen muss“, lässt Anbauer seiner Fertigung durchaus Handlungsspielraum.
 

Die Einsparungen, die der Betrieb auf diesem Weg erreichte, sind schwindelerregend. Die Montage einer Maschine, die in Zeltweg bis vor kurzem noch in sechs Wochen erfolgte, dauert jetzt nur noch fünf. Die Gesamtdurchlaufzeit einer Maschine reduzierte sich um ein Drittel (aktuell: 110 Tage), der Umlaufbestand gar um 40 Prozent. Zugleich steigerten die Steirer deutlich ihre Flexibilität, indem sie die Prozessbedarfe über Wertstromanalysen nunmehr meisterlich dosieren: So werden etwa Getriebe genau zum richtigen Zeitpunkt an die Montage angeliefert. „Wo es ging, parallelisierten wir unsere Fertigungen“, schildert Anbauer.

Kennzahlenoffensive

Dem Ziel, die Produktionskosten am Standort bis 2015 um gut ein Fünftel zu senken, rückte Sandvik damit spürbar näher. Nachhaltige Optimierungslaune fanden die Fraunhofer-Austria-Evaluatoren aber in vielen weiteren Zeltweger Fertigungsbereichen vor. Dazu zählen auch Themen wie KVP, die Optimierung von Schweißplätzen – oder die Mehrmaschinenbedienung. Produktionsleiter Andreas Anbauer veranschaulicht die Effizienzsteigerungen anhand der Profilschleifanlagen im Verzahnungsbereich. Stand früher eine Maschine im Mittelpunkt, sind es jetzt zwei Maschinen, deren Betrieb ein Mitarbeiter verantwortet. „Die eine Anlage hier arbeitet gerade einen Auftrag ab, die andere wird vom Mitarbeiter gerüstet“, erklärt Anbauer. Und der dahinter liegende Prüfplatz beweist: Die Fertigung der Steirer ist eine der kurzen Wege.
 

Auch deshalb, weil „unsere Mitarbeiter bei allen Schlüsselmaschinen Kennzahlentafeln zur Dokumentation und Maschinenoptimierung vorfinden“, erzählt Sandvik-Standortleiter Gerhard Hubmann. Ein Punkt, der auch Fraunhofer-Austria-Produktionsexperte Andreas Jäger bei der Evaluierung beeindruckte: „Derart systematisch über alle Ebenen ziehen das nicht viele Produktionsbetriebe durch“, sagt er. Die Steirer messen online so etwa aufs Gründlichste die Anlageneffektivität. Bei einem Stillstand von länger als drei Minuten hinterlegt der Mitarbeiter Details dazu im System. Dasselbe gilt für Wartungsaufgaben: „Mitarbeiter sehen jederzeit, wie viele der wöchentlichen Wartungsaufgaben bereits umgesetzt sind“, so Hubmann.