Innovationsfinanzierung

"Förderungen zögern den natürlichen Tod von Start-ups hinaus"

Marie-Helene Ametsreiter ist bei Speedinvest für Industrie-Start-ups verantwortlich. Für Sie besteht das Standortproblem Europas nicht in der mangelnden digitalen Innovationskraft oder der Startupfinanzierung.

Frau Ametsreiter, Sie haben gerade die zweite Finanzierungsrunde für ihren Industrie-Fonds bei Speedinvest abgeschlossen. Wie schwierig war es, Unternehmen dazu zu bewegen, zu investieren?

Marie-Helene Ametsreiter Direkt in Startups zu investieren ist hochriskant und auch nicht einfach, wenn es nicht zum Kerngeschäft gehört. Die Finanzierungsrunde abzuschließen war nicht sehr schwierig, denn wir übernehmen Teile dieser Aufgaben, wie die Selektion und das Screening für sie. Immer mehr Industrieunternehmen sagen, sie wollen einen Teil ihres Innovationsbudgets in ein Venture-Capital-Unternehmen investieren, denn vielleicht fällt sozusagen das ein oder andere strategisch wertvolle und interessante Startup ab. Sie gewinnen Einblick, wie Startups arbeiten und können sich eventuell sogar ein Portfolio, ein zweites Standbein aufbauen, das in einigen Jahren vielleicht ein komplett neues Geschäftsfeld darstellen könnte.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie für ihre Investoren, ob Sie Start-ups unterstützen oder nicht?

Ametsreiter Es gibt sozusagen einige No-Brainer, in die man nicht investieren kann. Auch wenn eine Idee oder Technologie sehr gut ist, die IP (Intellectual Property, Anm.) aber in einer Universität oder einem Forschungszentrum hängt und man sie nicht herauslösen kann, ist der Wert des Unternehmens nicht gewährleistet und somit nicht förderbar. Auch in Single Founder wollen wir nicht investieren, weil wir sehr stark daran glauben, dass Sparring und auch verteilte Kompetenzen wichtige Erfolgsfaktoren sind.

Start-ups bewerten Förderprogramme und die Unterstützung in der ersten Phase sehr gut, kritisieren aber häufig, dass es in späteren Phasen zu wenig Unterstützung, zu wenige Finanzierungsmöglichkeiten gibt. Wie sehen Sie das?

Ametsreiter Ich bin kein großer Fan von zu langen und extensiven Förderprogrammen. In manchen Bereichen hat es durchaus seine Berechtigung, vor allem wo es um Grundlagen oder Research geht. Aber mit zu langen Förderungen läuft ein Start-up natürlich schon Gefahr, den natürlichen Tod hinauszuzögern und die Marktmechanismen sozusagen auf zu lange Zeit auszuschalten. Es ist ein schwieriger Balanceakt, vor allem auch wie die Vergabe dieser Förderungen passiert. Gleichzeitig sind Finanzierungsmöglichkeiten danach tatsächlich vor allem in Österreich, aber auch in ganz Europa ein wirkliches Problem. Wir haben zu wenige Anschlussfördermöglichkeiten.

Wie kann man den Zugang zu Risikokapital fördern und verbessern?

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Ametsreiter Das sind natürlich steuerliche Incentivierungen und auch das Thema Pensionsgelder. Heute dürfen Pensionsfonds nicht in Venture Capital, in Fonds investieren, in Amerika war das aber der Ausschlag, der richtig viel Geld in Venture hineingespielt hat. Ich denke das ist ein Riesenthema. Das dritte sind standortpolitische Maßnahmen, um Österreich für Gründer und Gründungen attraktiv zu gestalten. Da geht’s um Dinge wie Steuern, Erleichterungen in der Firmengründung, Notariatspflichten, die Rotweißrot-Karte...

Wie steht Europa im Vergleich mit den USA da?

Ametsreiter Es ist ein interessantes Phänomen. Man würde denken es fehlt uns in Europa an Talent, und das ist der Grund warum wir nicht so viele Start-ups hervorbringen. Das zeigt die Statistik aber überhaupt nicht. Wir haben tatsächlich mehr Developer in Europa als in den USA, und wir bringen fast dreimal so viele technische PhDs in Europa hervor als in Amerika. Auf der anderen Seite aber, wenn es um die Finanzierung geht, ist Europa total unterentwickelt. Das ist das Eklatante. Wir sprechen von Venture Capital per Capita, also pro Einwohner, und hier liegen wir in Europa bei 30 Euro, in den USA bei 225 Euro. Nicht umsonst sind alle großen digitalen Unternehmen, die wir heute in Amerika kennen ‚venture back‘, das heißt die haben auch irgendwann als kleines Start-up begonnen und sind heute dominierende Konzerne.

Die besseren Chancen warten also definitiv in den USA...

Ametsreiter Wir haben gut und wirklich hochqualifiziert ausgebildete Leute, die mit ihrem Start-up in der zweiten, dritten Finanzierungsrunde fast immer in die USA gehen. Das ist tatsächlich ein echter Brain Drain. Wir beobachten aber auch, dass mehr und mehr US-amerikanische oder auch chinesische Investoren nach Europa kommen und tatsächlich nach europäischen Startups fischen.

Die Industrie-Startup-Finanziererin

Marie-Helene Ametsreiter ist beim Venture Capital Fonds für die Sparte Industrie-Tech-Startups zuständig. Kürzlich wurde das Fondsvolumen auf 70 Millionen Euro erweitert, aus Österreich investierten unter anderem Doppelmayr, Plansee, Wacker Neuson, Knapp AG oder Mahle International. Die 49jährige Speedinvest-Partnerin hatte zahlreiche Marketing- und Führungspositionen in der Telekom-Branche inne, bevor sie in die Öl- und Gasindustrie wechselte. Seit 2014 leitet sie das Büro in München.

INDUSTRIEMAGAZIN auf die Ohren!

Marie Helene Ametsreiter hatte noch einiges mehr zu erzählen. Hören Sie dazu mehr in unserem Podcast! 

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