Aufrüstung Europa : Rheinmetall: Der stille Schulterschluss zwischen Werkbank und Wehrtechnik

Jasmin Zehic Rheinmetall auf der Bühne des Industriekongress 2026

Jasmin Zehic von Rheinmetall MAN Military Vehicles Österreich sprach beim Industriekongress 2026 über Europas Aufrüstung, Dual Use und neue Chancen für zivile Industrieunternehmen in der Verteidigungswirtschaft.

- © Matthias Heschl

Europa rüstet auf – und mit dieser sicherheitspolitischen Zeitenwende verschieben sich auch die Grenzen zwischen ziviler Industrie und Verteidigungswirtschaft. Jasmin Zehic von Rheinmetall MAN Military Vehicles Österreich machte deutlich, dass sich für klassische Industrieunternehmen neue Chancen eröffnen: nicht nur als Lieferanten, sondern auch als Entwicklungs- und Technologiepartner.

Rheinmetall selbst steht beispielhaft für diese Dynamik. Das Unternehmen wachse stark, berichtete Zehic: „Wir haben aktuell ungefähr 34.000 Mitarbeiter.“ Allein im vergangenen Jahr hätten sich rund 15.000 Menschen beworben. Auch die Umsatzziele zeigen den Expansionsdruck: Nach rund zehn Milliarden Euro Umsatz in den vergangenen Jahren sei für 2030 inzwischen ein Ziel von 50 Milliarden Euro ausgegeben worden. Entscheidend sei dabei nicht nur, Aufträge zu gewinnen, sondern sie auch industriell abwickeln zu können.

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Warum nicht jedes Militärteil automatisch Dual Use ist

Im Zentrum seines Vortrags stand der Begriff Dual Use. Zehic warnte davor, ihn zu weit zu fassen. „Dual Use ist im Wesentlichen ein Rechtsbegriff“, sagte er. Nicht jedes Produkt, das in einem militärischen Umfeld eingesetzt werde, sei automatisch Dual Use. Maßgeblich seien rechtliche Klassifizierungen, insbesondere EU-Vorgaben, Außenwirtschaftsrecht und Exportkontrolle. Ein ziviles Produkt könne zivil bleiben, auch wenn es in einem militärischen Fahrzeug verbaut werde. Anders liege der Fall, wenn es ausdrücklich als Dual-Use-Gut oder militärisches Produkt klassifiziert sei.

Gerade diese Unterscheidung ist für Unternehmen wichtig, die aus der zivilen Industrie kommen. Denn viele Komponenten aus klassischen industriellen Wertschöpfungsketten werden auch im Verteidigungssektor gebraucht: Getriebe, Lenkungen, Kräne, Tanks, Kabel, Sensoren, Kamerasysteme, Software oder digitale Steuerungstechnik. „Zivile Produkte werden auch sehr viel in militärische Produkte eingebunden“, erklärte Zehic. Ein Sitz, ein Kabelstrang oder ein Stecker müsse nicht neu erfunden werden, wenn er bereits im zivilen Markt entwickelt und erprobt wurde.

Der Vorteil der Werkbank: Was zivile Zulieferer Rheinmetall bringen

Darin liegt einer der größten Vorteile neuer Allianzen zwischen Werkbank und Wehrtechnik: Entwicklungskosten sind oft bereits getragen, Produkte getestet, Produktionsprozesse etabliert. „Wenn bereits erprobte und getestete Produkte verwendet werden können, bietet das einen Wettbewerbsvorteil“, sagte Zehic. Für Rheinmetall bedeute das kürzere Entwicklungszeiten; für zivile Zulieferer eröffne sich ein Zugang zu einem wachsenden Markt.

Die Formen der Zusammenarbeit sind vielfältig. Zehic nannte vier konkrete Wege: Unternehmen können als direkte Tier-1-Lieferanten auftreten, komplette Module als Systemintegratoren liefern, gemeinsam mit Rheinmetall Entwicklungen vorantreiben oder Technologien über Lizenzen bereitstellen. Besonders im Automotive-Bereich seien modulare Lieferformen, Just-in-Time- und Just-in-Sequence-Prozesse bereits bekannt und könnten in die Verteidigungsindustrie übertragen werden.

Der Einstieg in die Wehrtechnik beginnt bei Exportkontrolle

Zugleich machte Zehic klar, dass der Einstieg in diesen Sektor neue Anforderungen mit sich bringt. Exportkontrolle, Re-Export-Regeln, Technologietransfer und Geheimhaltungsstufen müssten verstanden werden. Schon die Übermittlung von Zeichnungen oder Konstruktionsdaten in ein anderes Land könne relevant sein. „Man muss einfach manche Dinge berücksichtigen“, sagte Zehic. „Ist das superkompliziert? Nein. Aber man muss es wissen.“

Für Rheinmetall zählen neben Preis und Qualität auch Resilienz, Innovationskraft und ESG. Resilienz bedeute nicht, keine Produkte mehr aus China kaufen zu wollen, sondern „eine ungesunde Abhängigkeit“ zu vermeiden und Lieferketten in Krisenfällen abzusichern.

Zehics Fazit war eindeutig: Wehrtechnik sei kein abgeschlossener Bereich mehr. „Europa rüstet auf, und für Sie entstehen viele Chancen“, sagte er an die Adresse ziviler Unternehmen. Die Botschaft: Wer industrielle Kompetenz mitbringt, kann Teil neuer sicherheitsrelevanter Wertschöpfungsketten werden – zwischen Werkbank, Fahrzeugtechnik, Software und Verteidigung.

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