Europa organisiert sich neu – wirtschaftlich, technologisch und sicherheitspolitisch. Was lange als abstrakte Debatte über digitale Souveränität galt, wird angesichts geopolitischer Spannungen zur industriepolitischen Realität. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die EU AI Champions Initiative, ein Zusammenschluss großer Unternehmen, Start-ups und Investoren, der Europas KI-Fähigkeiten bündeln soll.
Nikolaus Pelinka, seit Oktober 2025 Direktor der Initiative beim globalen Investment- und Transformationsunternehmen General Catalyst, beschreibt das Projekt als industriegetriebenes Bündnis mit strategischem Anspruch. „Wir sind eine Koalition aus mehr als 140 führenden europäischen Konzernen und Start-ups mit dem Ziel, ein möglichst resilientes, souveränes und global wettbewerbsfähiges KI-Ökosystem zu ermöglichen“, sagt er.
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Im Zentrum stehe nicht ein einzelner Sektor, sondern die Breite der Wirtschaft – von Industrie über öffentliche Verwaltung bis hin zur Verteidigung. „KI ist ein entscheidender Faktor im globalen Wettbewerb um technologische, wirtschaftliche und politische Macht“, sagt Pelinka. Entscheidend sei, dass die daraus entstehenden Wertschöpfungspotenziale in Europa bleiben und nicht erneut an andere Kontinente abwandern.
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Gerade im Verteidigungsbereich gewinnt diese Perspektive an Bedeutung. Der Ukraine-Krieg und die veränderte Sicherheitslage haben das Thema strategische Autonomie in Europa beschleunigt. Gleichzeitig entstehen neue Kooperationen zwischen Rüstungsunternehmen und Tech-Start-ups. So arbeiten etwa das deutsche Rüstungs-Start-up Helsing und der französische KI-Entwickler Mistral an Modellen für militärische Anwendungen wie Lagebilder oder Zielerkennung. Ziel ist es, verteidigungsrelevante KI langfristig eigenständig entwickeln zu können. Auch etablierte Konzerne setzen verstärkt auf digitale Technologien. Rheinmetall, MBDA und das Berliner Start-up Spread AI wollen mithilfe digitaler Zwillinge Entwicklungs- und Zulassungsprozesse beschleunigen. Durchgängige Datenketten sollen militärische Systeme schneller von der Konstruktion in die Produktion bringen – ein Versuch, die notorisch langsamen Beschaffungsprozesse zu überwinden.
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Pelinka verweist darauf, dass solche Kooperationen nicht nur aus militärischen Motiven entstehen. Viele Projekte zielen zunächst auf Effizienzsteigerungen in der industriellen Produktion. „Diese Unternehmen sind wie jedes andere produzierende Unternehmen motiviert, die technologischen Möglichkeiten von KI auch in der Fertigung zu nutzen“, sagt er. Anwendungen wie digitale Zwillinge seien dabei zentral.
Parallel dazu entwickelt sich eine neue Generation technologiegetriebener Defense-Start-ups. Robin Dechant, Partner General Catalyst mit Fokus auf Resilienz in Europa, beobachtet eine deutliche Zunahme unternehmerischer Aktivitäten in sicherheitsrelevanten Technologien. Die Gründe liegen auf der Hand: „Wir haben enorme technologische Lücken und uns zum Teil abhängig gemacht von anderen Partnern.“ Diese Defizite würden nun sichtbar – und müssten geschlossen werden.