Rüstung Produktion : Europa bestellt Waffen – doch die Fabriken sind der Engpass
Getaktete Fahrzeugmontage beim Hersteller unbemannter Roboterfahrzeuge ARX
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Die Bilder von der Hannover Messe waren bewusst gewählt: Greifer, Sensorik, Steuerungen, robuste Rechner, Werkstoffe. Das Handelsblatt berichtete, dass die Industriemesse erstmals einen eigenen Bereich für Verteidigungs- und Sicherheitsanwendungen eingerichtet habe. Rund 40 Unternehmen zeigten dort Materialien, Software und Produktionstechnologien. Einer der auffälligsten Demonstratoren: Ein System von IBG setzte auf der Messe Artilleriegranaten für Rheinmetall zusammen. Die Anlage baue Munition und prüfe sie automatisiert auf Qualität.
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Damit wurde ein Punkt sichtbar, der in der Rüstungsdebatte oft hinter großen Beschaffungsprogrammen verschwindet: Europas Verteidigungsindustrie muss nicht nur mehr entwickeln und bestellen. Sie muss in industriellen Takt kommen. Und genau dort beginnt das Feld der Automatisierungstechnik.
Automatisierte Rüstungsproduktion: Zwischen Hülse und Hochlauf
Das Beispiel der automatisierten Munitionsmontage in Hannover ist weniger Exotik als Symbol. Ein Roboter kann Bauteile greifen, positionieren, zwischen Stationen transportieren, einem Prüfschritt zuführen oder in eine weitere Bearbeitung übergeben. Entscheidend ist nicht der einzelne Arm, sondern das Zusammenspiel mit Zuführung, Spanntechnik, Qualitätssicherung, Kennzeichnen und Abtransport. Gerade deshalb verweist Peter Pühringer, Managing Director bei Stäubli Robotics, auf Integratoren: Sie übersetzen den Bedarf eines Rüstungsherstellers in eine sichere und freigegebene Produktionsanlage.
Technologisch kommen Prozesse zum Einsatz, die aus anderen Industrien bekannt sind. Im Beispiel von IBG ging es um Verpressen, Verschrauben und optische Qualitätsprüfung. Auch Pühringer beschreibt die Verteidigungsproduktion nicht als isolierte Sonderwelt. „Defense ist auch sehr viel Metallindustrie - mit Chancen für klassische Automatisierung“, sagt er. Hinzu kämen Prüftechnik, Oberflächentechnik und Montagetechnik. Viele vorgelagerte Schritte der Wertschöpfung seien damit nahe an Branchen, in denen Industrierobotik seit Jahren eingesetzt wird.
Das beginnt bei der metallischen Bearbeitung. Hülsen, Gehäuse, Strukturteile oder Trägerkomponenten müssen gefertigt, bearbeitet, geprüft und weitertransportiert werden. Wo Werkzeugmaschinen im Einsatz sind, ist Roboterhandling naheliegend: Rohteile einlegen, bearbeitete Teile entnehmen, Werkstücke zur Messstation bringen. Je nach Anwendung kann ein Roboter damit Personal entlasten und Maschinenlaufzeiten erhöhen.
Montage, Prüfung, Logistik
Pühringer nennt als aktuelle Schwerpunkte vor allem „Montage und Prüftechnik“. Bei der Montage können kleine Sechsachsroboter ebenso eingesetzt werden wie SCARA-Roboter, je nach Bewegung, Reichweite, Geschwindigkeit und Präzision. Für größere Teile oder Lasten rücken mobile Robotik und innerbetriebliche Transportsysteme in den Blick. Wenn Komponenten von einer Station zur nächsten müssen, entsteht ein Feld für mobile Flurfördersysteme und automatisierte Materialflüsse.
Rüstungsautomatisierung: Wenn Sonderausstattungen ins Spiel kommen
In anspruchsvolleren Anwendungen kommen auch Sonderausstattungen ins Spiel: Stäubli nennt für Wehrtechnik- und Munitionsanwendungen etwa Temperaturüberwachung der Antriebe, ESD-Schutz, Sperrluft-Optionen und ATEX-Ausführungen. Das verweist auf einen Punkt, der in der öffentlichen Debatte wenig vorkommt: Rüstungsproduktion ist nicht nur eine Frage höherer Stückzahlen, sondern auch eine Frage von Umgebung, Sicherheit und Prozessfreigabe.
Besonders deutlich wird der Nutzen in der Prüftechnik. Stäubli verweist auf Anwendungen mit Ultraschallprüfung, etwa in der Luftfahrt. Dort müssen Bauteile mit hoher Genauigkeit abgefahren werden. Pühringer nennt Anlagen, bei denen Roboter synchronisiert arbeiten, um Flugzeugteile zu prüfen. Entscheidend seien Genauigkeit, Präzision und ein ruhiger Lauf. „Der Stäubli-Roboter kommt immer zum Einsatz, wenn es genau werden muss, wenn es präzise ist und wenn es schnell gehen muss“, sagt er. In Umgebungen mit Nässe, Spänen oder anderen Belastungen komme Robustheit hinzu.
Solche Prüfprozesse lassen sich auf sicherheitskritische Verteidigungsanwendungen übertragen, ohne dass der Roboter selbst militärisch wäre. Strukturteile für Luftfahrzeuge, Rotorblätter, Gehäuse, Schutzkomponenten oder metallische Bauteile müssen geprüft werden. Automatisierte Prüfung schafft Geschwindigkeit und dokumentierte Qualität. Für eine Branche, die schneller produzieren soll, aber keine Abstriche bei Sicherheit und Nachweisführung machen kann, ist das ein zentraler Hebel.
Auch die Drohnenproduktion zeigt, wie nahe zivile und militärische Fertigungslogik beieinanderliegen. In Hannover wurde laut Handelsblatt ein Drohnentrainingssystem gezeigt, das den Prozess von der Montage bis zur Mission abbildet. Pühringer sieht gerade in der Drohnenmontage ein naheliegendes Feld für Robotik. Eine Drohne bestehe aus Baugruppen, Komponenten, Elektronik und Strukturteilen, die zusammengesetzt werden müssen. „Das ist ähnlich den Montageprozessen, wie man sie momentan in der Automobilzulieferindustrie macht“, sagt er.
Für junge Drohnenhersteller, die rasch wachsen wollen, stellt sich damit eine klassische Industrialisierungsfrage: Wann endet Werkstattfertigung, wann beginnt Linienfertigung?
Aus dem Sondermaschinenbau kommt dazu ein zweiter Gedanke: Bei Drohnen kann es weniger um reine Vorratsproduktion gehen als um flexible Fertigungskapazität. Wenn sich Produktgenerationen rasch ändern, braucht es Produktionssysteme, die nicht nur hohe Stückzahlen, sondern auch Variantenwechsel und Umbauten beherrschen. Das stärkt den Stellenwert von Robotik und flexibler Automation.
Der Integrator als Engpass
Der Hochlauf wird nicht allein durch Roboterarme entschieden. Pühringer beschreibt eine Branche, in der viele Beteiligte noch nach dem richtigen Zugang suchen. In der Vergangenheit sei Defence für viele Zulieferer kein populäres Feld gewesen, zudem habe der Mengenbedarf gefehlt. Die Folge: Netzwerke und Automatisierungsroutinen sind nicht überall gewachsen. „Was uns momentan noch fehlt: Wo findet die Umsetzung statt?“, sagt Pühringer. Automatisierung entsteht nicht durch politische Budgets allein. Sie braucht definierte Produkte, stabile Stückzahlen, freigegebene Prozesse, Investitionsentscheidungen und qualifizierte Integratoren. In der Verteidigungsindustrie kommt Diskretion hinzu. Pühringer sagt, Stäubli würde gern mehr über Anwendungen sprechen, doch Freigaben seien schwierig zu bekommen.
Dazu kommen formale Eintrittshürden. In der Branche spielen Zertifizierungen, Exportkontroll- und Beschaffungsregeln sowie besondere Anforderungen an Vertraulichkeit eine größere Rolle als in vielen zivilen Industrien. Wer Automatisierungstechnik liefern will, muss nicht nur technisch geeignet sein, sondern auch in ein Umfeld passen, in dem Projektdaten, Zugänge und Lieferketten sensibler behandelt werden.
Für Automatisierungsspezialisten ist deshalb der Schulterschluss mit Systemintegratoren entscheidend. IBG, wie auf der Hannover Messe sichtbar, ist ein solcher Sondermaschinenbauer. Der Roboterhersteller liefert die Komponente, der Integrator entwickelt die Anlage. In der Praxis kann das bedeuten: Roboterhandling an einer Werkzeugmaschine, automatisierte Verschraubung, optische Kontrolle, Ultraschallprüfung, Materialfluss zwischen Montageinseln oder die automatisierte Zuführung von Bauteilen. Die Wertschöpfung liegt im Zusammenspiel.
Automatisierung: Ein europäisches Argument
Ein weiterer Faktor ist die Herkunft der Technologie. Pühringer verweist darauf, dass Stäubli aus seiner Sicht der letzte verbliebene europäische Industrieroboterhersteller sei. Für Verteidigungskunden kann europäische Kontrolle über Hardware, Software und Daten ein Beschaffungskriterium sein. In der Rüstungsindustrie sei man bedacht, dass möglichst viel in europäischer Hand bleibe, auch wegen der Daten, die in einer Produktion entstehen.
Denn wer produziert, erzeugt Prozessdaten: Taktzeiten, Qualitätsmerkmale, Fehlerbilder, Materialflüsse, Auslastung, Seriennummern. Je digitaler die Fertigung wird, desto stärker rücken IT-Sicherheit, Zugriffskonzepte und Lieferkettenvertrauen in den Vordergrund. Dass die Hannover Messe neben Robotik auch robuste IT und Sicherheitslösungen zeigte, passt in dieses Bild.
Auch in der Logistik rückt diese Frage näher an die Produktion. Mobile Roboter, fahrerlose Transportsysteme und selbstfahrende Gabelstapler sind keine Nebentechnologie, wenn schwere Komponenten, Werkzeuge oder Baugruppen zuverlässig durch eine Fertigung bewegt werden müssen. Stäubli verweist in seiner Kommunikation etwa auf Schwerlastsysteme, die in der Leichtbauproduktion CFK-Strukturbauteile und Werkzeuge bewegen. Für gepanzerte Fahrzeuge, Flugzeuge oder Raketen kann solche Intralogistik zum Skalierungsfaktor werden.
Nicht der neue Autoersatz
Trotz der Dynamik warnt Stäubli-Manager Pühringer vor überzogenen Erwartungen. Das sei ein interessanter Bereich, aber kein Ersatz für die Volumina der Automobilindustrie. „Die Lücke, die Automobil hinterlässt, können Sie mit Defense niemals zufahren“, sagt er. Auch die Amortisation folge industrieller Logik. In vielen Branchen rechneten sich Automatisierungsinvestitionen typischerweise über drei bis fünf Jahre, abhängig von Anwendung, Produktzyklus und Auslastung.
Genau darin liegt die nüchterne Perspektive auf den Rüstungsboom. Der politische Druck kann Nachfrage erzeugen. Er ersetzt aber nicht die Arbeit an der Fabrik. Wer skalieren will, muss Produkte industrialisieren, Prozesse stabilisieren und Investitionen begründen. Für Roboterhersteller wie Stäubli ist das eine Chance. Der Markt öffnet sich, doch er muss erst automatisierungsfähig werden.
Stäubli versucht diesen Zugang inzwischen auch über Netzwerke zu strukturieren. In der Initiative Partners for Defence, kurz P4D, bündeln Stäubli, M.A.i. und weitere Unternehmen aus Maschinenbau und Automatisierungstechnik Kompetenzen für Fertigungsanlagen in der Verteidigungsindustrie. Ein Symposium in Bayreuth soll zusätzlich Mittelstand, Automatisierung und Defence-Know-how näher zusammenbringen. Das passt zu Pühringers Kernbefund: Die Technologie ist vielfach vorhanden. Die Frage ist, wie schnell sie in konkrete, freigegebene Produktionslinien übersetzt wird.