Energieversorgung : Ersatz für russisches Gas in Österreich – das Problem mit LNG

Gastanks bei Raffinerie
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Europa deckt derzeit 40 Prozent seines Gasbedarfs durch Importe aus Russland. Österreich liegt hier im Spitzenfeld der Abhängigkeit. Nicht nur wird hier im internationalen Vergleich viel Erdgas importiert, 80 Prozent davon stammen aus Russland.

Viele Länder sehen sich nach Alternativen um. Österreich ist derzeit nicht nur an grünem Wasserstoff aus den Emiraten interessiert, sondern auch an LNG, also Flüssigerdgas. Eine Delegation der Bundesregierung war dafür bereits kürzlich in den VAE.

Doch wie schnell könnte ein LNG-Import rein von der Infrastruktur aufgebaut werden? "Wir haben keinen Flüssiggasterminal in Österreich, wir sind also angewiesen auf die Kapazitäten der Terminal, die es in Europa gibt", sagte Energieministerin Leonore Gewessler. Das wolle man sich in Kooperation mit der OMV anschauen.

Klar ist nur: Sehr schnell dürfte es nicht gehen, man solle sich "keine Wunder erwarten", so Karl Nehammer. "Wir müssen auch unsere Pipeline-Strukturen neu denken", sagt der Bundeskanzler. "Wir haben ganz viel Nord-Süd oder Ost-West, aber wir haben ganz wenig Süd-Nord."

Eine kurzfristige Diversifizierung der Gaslieferanten ist also nicht möglich. "Eine Flüssiggas-Andockstelle kostet 30 Milliarden Euro. Nur damit wir wissen, von welchen Dimensionen der Investition wir sprechen, wenn wir sagen, wir müssen Flüssiggas-Andockstellen erweitern", erklärt Nehammer. Und ein kompletter Ersatz für russisches Erdgas könnte LNG wohl sowieso nicht sein.

Auch Ökonom Kurt Kratena vom Centre of Economic Scenario Analysis and Research (CESAR) in Wien meint, die EU könnte die entfallenden Importmengen aus Russland (1.700 Terawattstunden) durch nicht genutzte Kapazitäten anderer Lieferanten über Pipelines (650 TWh) und über LNG (1.100 TWh) ersetzen. Das würde aber Investitionen in die LNG-Infrastruktur erfordern und wäre mit einem signifikanten Gaspreisanstieg verbunden. Allerdings berücksichtige die dazu kürzlich veröffentlichte Kurzstudie des Bruegel-Institutes nicht, dass sich der Preisanstieg auch auf das globale Angebot und die Nachfrage auswirken würde.

Der nächste Punkt ist, dass LNG nicht überall Erdgas ersetzen könnte. Laut Energieexperte Florian Haslauer liegt beim Ziel, den Gasverbrauch zu senken "der große Hebel" in der Gasverstromung– nicht in den Haushalten und auch nicht in der Industrie. In letzterer sehe er nur einen Spielraum von 10 Prozent, wo ein Umstieg auf andere Brennstoffe möglich sei, ohne die Produktion einzuschränken. Haslauer sieht ebenfalls Potenzial in einem erhöhten LNG-Bezug, doch prognostiziert auch, dass künftig viel mehr Kohle- und Atomkraftwerke laufen werden.

Neben den Vereinigten Arabischen Emiraten ist auch Katar von Interesse für Österreich. Hier sei laut Gewessler ein Vorteil, dass die OMV bereits einen Rahmenvertrag mit Katar habe, "der die Basis bietet, auf der man weitere Gespräche aufsetzen kann." Im bestehenden Vertrag mit Katar sei die Fixabnahme einer großen Gasliefermenge vorgesehen, bis zu sechs weitere seien möglich, erklärte Nehammer. "Das wird jetzt konkretisiert."

Dieser Vorteil könnte entscheidend sein – denn Österreich ist nicht das einzige Land, das sich nun besonders für Alternativen zu Russland umsieht.

Allgemein will die EU durch Flüssigerdgas, Biogas und Wasserstoff die Energieversorgung auf eine breitere Basis stellen. Auch der Ausbau erneuerbarer Energien soll vorangetrieben werden. Die EU-Kommission legte kürzlich einen Plan mit Maßnahmen vor, um russische Gasimporte bis Ende 2022 um zwei Drittel im Vergleich zum Vorjahr zu reduzieren.

Für den Bezug von Flüssiggas hat die Kommission unter anderem Katar auf dem Radar, aber auch die USA, Ägypten und Westafrika. Das LNG könne mit Tankern übers Meer geliefert werden, heißt es. Laut dem Plan könnte die EU bis zu 50 Milliarden Kubikmeter LNG pro Jahr importieren. Zusätzlich könnten 10 Milliarden Kubikmeter herkömmliches Gas über Pipelines etwa aus Algerien oder Aserbaidschan kommen. Dafür laufen bereits Gespräche. Die Biogas-Produktion in der EU soll derweil auf rund 35 Milliarden Kubikmeter pro Jahr bis 2030 erhöht werden.

Die österreichische Energieregulierungsbehörde E-Control begrüßt die Ideen der Kommission zwar. "Allerdings erscheint das Ausmaß der Gasreduktion um zwei Drittel innerhalb eines Jahres als extrem ambitioniert", sagte Vorstandsdirektor Wolfgang Urbantschitsch. "Für die Umsetzung braucht es wohl mehr Zeit."

Deutschland hingegen will besonders schnell sein. Der Import von Flüssigerdgas über ein geplantes Importterminal in Wilhelmshaven könnte laut Niedersachsens Energieminister Olaf Lies noch vor dem Winter 2023 gelingen. Das sagte der SPD-Politiker nach einem Treffen der Taskforce "LNG Wilhelmshaven" bestehend aus 30 Vertretern von Behörden und der Hafenwirtschaft am Montag in der Stadt. Bisher gebe es drei Projekte von Unternehmen, die den Import über Terminals in der Stadt organisieren wollen.

"Wenn wir sie alle drei umsetzen würden, würden wir wirklich auf eine nennenswerte Leistungsfähigkeit kommen. Wir könnten damit die Hälfte des importierten russischen Gases über die Küste Wilhelmshavens importieren", sagte Lies. Insgesamt gehe es um 25 Milliarden Kubikmeter.

Hinsichtlich des Terminals müsse nun geschaut werden, wie und in welche Reihenfolge die drei Projekte umgesetzt werden können. Laut Lies solle eine Entscheidung dazu noch im März getroffen werden, um das anvisierte Ziel, den Import von LNG bis 2023, zu erreichen.

Geplant ist nach Angaben des Ministers, in einem ersten Schritt zügig eine schwimmende Anlande- und Speicherplattform zu schaffen, eine sogenannte Floating Storage and Regasification Unit (FSRU). Dort soll das flüssige LNG mit Tankern angelandet und zwischengelagert werden. Ein solcher Speicher verfügt laut dem Energieministerium in Hannover über die Kapazität von 9 bis 10 Milliarden Kubikmeter. Weitere Terminal-Projekte sollen danach bis 2026 folgen.

Als Reaktion auf den Ukraine-Krieg hatte der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz den schnellen Bau von zwei LNG-Terminals in Deutschland angekündigt und dabei Brunsbüttel in Schleswig-Holstein und Wilhelmshaven in Niedersachsen als Standorte genannt. Auch im niedersächsischen Stade laufen Planungen für ein Flüssigerdgas-Terminal.

Neben dem Energiekonzern Uniper hatte sich die belgische Firma Tree Energy Solutions (TES) angeboten, den Aufbau eines LNG-Terminals in Wilhelmshaven anzugehen. Laut Lies gibt es zudem ein Projekt auf dem Gelände der Nord-West Oelleitung, das in Frage komme. (apa/red)