Stahlindustrie Deutschland Wasserstoff : 5,9 Milliarden Euro Staatshilfe: Die große Wette auf grünen Stahl
Salzgitter steht exemplarisch für den milliardenschweren Umbau der deutschen Stahlindustrie.
- © Salzgitter AGDie deutsche Bundesregierung hat den klimafreundlichen Umbau der Stahlindustrie zu einem ihrer wichtigsten industriepolitischen Projekte gemacht. Milliarden Euro fließen in neue Anlagen, die langfristig ohne Kohle und möglichst mit grünem Wasserstoff arbeiten sollen. Eine aktuelle Untersuchung der Unternehmensberatung PwC weckt nun jedoch Zweifel daran, ob diese Strategie unter den erwartbaren Marktbedingungen wirtschaftlich aufgehen kann.
Die Berater verglichen unterschiedliche Produktionsverfahren, Standorte sowie Annahmen zu Energie-, Rohstoff- und CO₂-Kosten. Das zentrale Ergebnis fällt für Deutschland ernüchternd aus: In allen drei betrachteten Zukunftsszenarien verliert der Standort einen erheblichen Teil seiner Primärstahlproduktion. Gemeint ist die Herstellung neuen Stahls aus Eisenerz – im Gegensatz zum Recycling von Stahlschrott. Besonders energieintensive Produktionsschritte könnten sich demnach in Regionen mit günstigeren Rohstoffen und erneuerbaren Energien verlagern.
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Staatliche Förderung: Wie Deutschland den Stahlumbau finanziert
Die traditionelle Hochofenroute gilt wegen ihrer hohen Emissionen als Auslaufmodell. Dabei wird dem Eisenerz mithilfe von Koks der Sauerstoff entzogen. Der so entstehende flüssige Rohstoff wird anschließend im Konverter zu Stahl verarbeitet. Die Herstellung verursacht große Mengen Kohlendioxid.
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Als wichtigste Alternative setzt die europäische Branche auf die Direktreduktion. Dabei wird Eisenerz nicht mit Koks, sondern mit Gas reduziert. Zunächst kann Erdgas verwendet werden, später soll möglichst grüner Wasserstoff zum Einsatz kommen. Das Produkt ist festes, poröses Eisen, das häufig als Eisenschwamm oder DRI – „Direct Reduced Iron“ – bezeichnet wird. Anschließend wird es in einem elektrisch betriebenen Aggregat eingeschmolzen und zu Stahl weiterverarbeitet.
Das Problem: Auch diese Technologie benötigt große Mengen Energie und perspektivisch Wasserstoff. Genau hier sieht PwC einen entscheidenden Standortnachteil Deutschlands. Länder mit besonders günstiger Solar- oder Windenergie können Wasserstoff preiswerter herstellen. Hinzu kommen in Staaten wie Indien oder den Golfstaaten teilweise niedrigere Investitions-, Bau- und Arbeitskosten.
Vom Hochofen zum Wasserstoff: Warum der Umbau so teuer wird
Die Tragweite der Debatte zeigt sich an den bereits zugesagten Fördermitteln. Thyssenkrupp Steel erhält für seine neue Direktreduktionsanlage in Duisburg rund zwei Milliarden Euro vom Bund und vom Land Nordrhein-Westfalen. Die Anlage soll eine Kapazität von 2,5 Millionen Tonnen direkt reduziertem Eisen besitzen und jährlich bis zu 3,5 Millionen Tonnen CO₂ einsparen. Nach Angaben des Konzerns wurde der Bau trotz schwieriger Marktbedingungen und regulatorischer Unsicherheiten weitergeführt.
Das Transformationsprojekt SALCOS der Salzgitter AG wird inzwischen mit insgesamt rund 1,322 Milliarden Euro unterstützt. Im Februar 2026 erhöhte der Bund die Förderung um etwa 322 Millionen Euro.
Für das saarländische Projekt Power4Steel von Saarstahl, Dillinger und der gemeinsamen Roheisengesellschaft ROGESA genehmigte die EU-Kommission öffentliche Hilfen von bis zu 2,6 Milliarden Euro. Im Oktober 2025 meldete die Stahl-Holding-Saar zudem den Abschluss einer Finanzierung über rund 1,7 Milliarden Euro, ergänzt durch Eigenmittel und die staatliche Förderung.
Zusammengerechnet beläuft sich die zugesagte öffentliche Unterstützung für die drei großen Transformationsprojekte damit auf rund 5,9 Milliarden Euro. Die PwC-Ergebnisse bedeuten nicht automatisch, dass dieses Geld verloren ist. Sie legen aber nahe, dass neue Anlagen allein keine Wettbewerbsfähigkeit garantieren. Entscheidend sind dauerhaft bezahlbare Energie, ausreichend Wasserstoff, gesicherte Rohstofflieferungen und Kunden, die bereit sind, für emissionsärmeren Stahl einen Aufpreis zu zahlen.
PwC-Analyse: Warum Deutschland Stahlproduktion verlieren könnte
Im ersten PwC-Szenario bleiben Energie und Eisenerz in Europa teuer, während andere Weltregionen deutlich günstiger produzieren können. Gleichzeitig bietet der europäische Markt keinen ausreichenden Schutz vor importiertem, emissionsintensivem Stahl. Unter diesen Bedingungen wandert ein großer Teil der Primärstahlproduktion vor allem nach Indien und in die Golfregion.
In einem ausgewogeneren Szenario steigen zwar auch außerhalb Europas die Produktionskosten. Klimafreundlicher Stahl gewinnt an Bedeutung, und der europäische CO₂-Preis erhöht den Druck zur Dekarbonisierung. Neue europäische Primärstahlkapazitäten entstehen jedoch vorwiegend in Skandinavien. Dort stehen große Mengen vergleichsweise günstiger erneuerbarer Energie zur Verfügung. Deutschland konzentriert sich stärker auf Sekundärstahl aus Schrott.
Selbst in einem Szenario mit starker politischer Unterstützung, wettbewerbsfähigeren europäischen Energiepreisen und geringer Importabhängigkeit verlagert sich die neue Primärstahlproduktion nach Einschätzung der Berater eher nach Skandinavien. Deutschland bleibt zwar Stahlstandort, baut aber insbesondere Recyclingkapazitäten und höherwertige Verarbeitungsschritte aus.
EU-Zölle, CBAM, Importdruck: Der neue Schutzwall für Europas Stahl
Ein Teil der ursprünglichen Annahmen hat sich inzwischen verändert. Der europäische CO₂-Grenzausgleich CBAM ist nicht mehr lediglich geplant. Seit dem 1. Januar 2026 gilt die endgültige Phase des Mechanismus. Importeure bestimmter Produkte, darunter Eisen und Stahl, müssen die bei der Herstellung entstandenen Emissionen erfassen und schrittweise entsprechende CBAM-Zertifikate abgeben. Damit sollen die CO₂-Kosten europäischer Produzenten teilweise auf Importe übertragen werden.
Zusätzlich trat am 1. Juli 2026 ein neues Schutzinstrument für Stahlimporte in Kraft. Die zollfreien Importquoten wurden gegenüber dem Referenzsystem von 2024 um rund 47 Prozent reduziert. Für Mengen oberhalb der Quoten gilt ein Zollsatz von 50 Prozent. Außerdem müssen Importeure künftig nachweisen, in welchem Land der Stahl ursprünglich geschmolzen und erstmals vergossen wurde. Dadurch sollen Umgehungsgeschäfte erschwert und Lieferketten transparenter werden.
Diese Maßnahmen stärken grundsätzlich den Schutz der europäischen Hersteller. Sie beseitigen allerdings nicht die Unterschiede bei Strom-, Wasserstoff-, Erz- und Anlagenkosten. Ist der Kostenvorsprung eines außereuropäischen Produzenten besonders groß, können selbst hohe Zölle die Differenz möglicherweise nicht vollständig ausgleichen. Gleichzeitig verteuert ein übermäßig starker Handelsschutz Stahl für europäische Abnehmer, etwa aus dem Maschinenbau, der Automobilindustrie oder der Bauwirtschaft.
ArcelorMittal stoppt Pläne: Ein Warnsignal für grünen Stahl in Deutschland
Wie schwierig die wirtschaftliche Umsetzung ist, zeigt die Entscheidung von ArcelorMittal. Der Konzern gab im Juni 2025 seine Pläne für neue Direktreduktions- und Elektrolichtbogenanlagen in Bremen und Eisenhüttenstadt auf. Nach Unternehmensangaben fehlte eine ausreichende Planungssicherheit bei Energiepreisen, Absatzmärkten und politischen Rahmenbedingungen. Damit verfiel auch die Möglichkeit, eine vorgesehene staatliche Unterstützung von 1,3 Milliarden Euro für diese Vorhaben zu nutzen. ArcelorMittal konzentriert sich an den beiden deutschen Standorten zunächst auf Planungen für Elektrolichtbogenöfen, die bei einem tragfähigen Geschäftsmodell später umgesetzt werden könnten.
Stahlproduktion fällt: Deutschlands Industrie kämpft mit schwacher Auslastung
Die Diskussion findet in einer ohnehin angespannten Marktlage statt. Deutschland produzierte 2025 nur 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl – rund neun Prozent weniger als im Vorjahr. Die Kapazitätsauslastung sank auf unter 70 Prozent. Vergleichbar niedrige Produktionsmengen hatte es seit der Wiedervereinigung nur während der Finanzkrise 2009 gegeben.
Im ersten Halbjahr 2026 erholte sich die Produktion zwar um rund neun Prozent auf 18,6 Millionen Tonnen. Auf das Jahr hochgerechnet entspräche dies jedoch nur etwa 37 Millionen Tonnen und damit weiterhin weniger als der von der Branche als wirtschaftlich notwendig angesehenen Schwelle von 40 Millionen Tonnen.
Recycling statt Hochofen: Die neue Rolle für Deutschlands Stahlstandorte
Aus den PwC-Ergebnissen folgt nicht zwingend, dass Deutschland seine gesamte Primärstahlproduktion aufgeben sollte. Eine vollständige Abhängigkeit von importiertem Eisenschwamm würde neue Risiken schaffen. Politische Konflikte, Transportprobleme oder Exportbeschränkungen könnten Lieferketten unterbrechen. Eigene Kapazitäten können daher als strategische Reserve und als Grundlage für technisches Know-how wichtig bleiben.
Wahrscheinlicher ist eine Arbeitsteilung: Ein Teil des Eisenschwamms wird in Deutschland oder Europa hergestellt, ein weiterer Teil aus Ländern mit günstigeren Energiebedingungen importiert. Gleichzeitig gewinnt die Sekundärstahlproduktion aus Schrott an Bedeutung. Sie kann die Primärroute allerdings nicht vollständig ersetzen, weil Menge, Qualität und Zusammensetzung des verfügbaren Schrotts begrenzt sind.
Spezialstahl und Hightech-Werkstoffe: Deutschlands Ausweg aus der Kostenfalle
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob Deutschland künftig noch Stahl produziert, sondern welche Schritte der Wertschöpfungskette hier verbleiben. Gute Chancen bestehen bei Spezialstählen, zertifizierten Werkstoffen, kundenspezifischen Legierungen und Bauteilen mit hohen Anforderungen an Qualität, Rückverfolgbarkeit und Sicherheit. Einfache Arbeitsschritte wie Schneiden, Walzen, Biegen oder Stanzen könnten dagegen zunehmend dorthin wandern, wo bereits das Ausgangsmaterial hergestellt wird.
Die Milliardenförderung für grünen Stahl ist damit eine Wette auf mehrere Entwicklungen zugleich: auf fallende Preise für erneuerbare Energie und Wasserstoff, wirksamen Handelsschutz, eine steigende Nachfrage nach emissionsarmen Produkten und die Bereitschaft der Unternehmen, sich stärker auf technologisch anspruchsvolle Angebote zu konzentrieren. Ob diese Wette aufgeht, entscheidet sich nicht allein auf den Baustellen in Duisburg, Salzgitter und im Saarland. Ausschlaggebend wird sein, ob Europa ein dauerhaft wettbewerbsfähiges industrielles Umfeld schafft.