Maschinenbau : 87 Prozent aus China: Europa verliert bei humanoiden Robotern den Anschluss
China prescht bei humanoiden Robotern vor - Europa sucht noch nach dem Geschäftsmodell.
- © Unitree; KI-generiertAktive Mitgliedschaft erforderlich
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Als der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz im Februar in Hangzhou eine Gruppe humanoider Roboter bei Rückwärtssaltos und Boxmanövern beobachtete, war das mehr als Show. Es war eine Machtdemonstration – und sie traf. Nach seiner Rückkehr zeigte sich Merz zerknirscht: Deutschland sei „schlichtweg nicht mehr produktiv genug“ kommentierte er.
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Die Zahlen geben ihm auf den ersten Blick recht: 2025 wurden weltweit knapp 13.000 humanoide Roboter ausgeliefert, rund 87 Prozent davon aus China. Die beiden Platzhirsche Agibot und Unitree kommen zusammen auf mehr als 9.000 Einheiten – europäische Start-ups bewegen sich meist noch im ein- oder niedrigen zweistelligen Bereich.
Auch bei den Industrierobotern streben chinesische Hersteller an die Spitze: In den ersten beiden Monaten 2026 stieg die Produktion um 31,1 Prozent auf 143.608 Einheiten. Im ersten Quartal legte sie sogar um 33,2 Prozent zu. Bereits 2025 hatte China mit 773.074 gefertigten Industrierobotern einen neuen Höchststand erreicht – 28 Prozent mehr als im Jahr davor.
Das trifft das europäische Selbstverständnis bis ins Mark, waren Maschinenbau und Automatisierungstechnik doch jahrzehntelang eine der großen Stärken der heimischen Industrie. Dabei soll der Markt in den kommenden Jahren förmlich explodieren: Barclays Research identifiziert humanoide Roboter als nächste KI-Frontier. Der weltweite Markt könnte laut den Analysten von heute rund 2 bis 3 Milliarden US-Dollar bis 2035 auf etwa 40 Milliarden US-Dollar steigen – im optimistischen Szenario sogar auf bis zu 200 Milliarden US-Dollar.
Auch auf der ICRA 2026, der weltgrößten Robotik-Konferenz, ließ sich die Dominanz Chinas besichtigen. Die Veranstaltung fand vom 1. bis 5. Juni erstmals in Wien statt und wurde von der TU Wien mitorganisiert. Mehr als 9.000 Teilnehmer aus Forschung und Industrie kamen – knapp die Hälfte mehr als im Vorjahr. 196 Aussteller und 20 Start-ups zeigten ihre Technik auf 14.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Wer sich dort umsah, erblickte vor allem Aussteller aus dem Reich der Mitte – und die waren nicht nur als Hardware-Lieferanten präsent, sondern traten als vollständige Ökosystem-Player auf, die von der KI über die Sensorik bis zur Massenproduktion alle Stufen der Wertschöpfungskette abdecken.
China gegen Europas Industrie: Der Wettlauf um humanoide Roboter erreicht die Fabrik
Vieles auf der Roboterkonferenz wirkte zwar noch spielerisch-experimentell – etwa der Wettbewerb, bei dem Roboter ihre Fähigkeiten in einem Hindernisparcours unter Beweis stellen mussten. Oder die Rennbahn für selbstfahrende Autos. Doch die Veranstaltung zeigte klar, wohin die Reise geht: weg von spektakulären Demos, hin zu robuster, realer Einsatzfähigkeit. Maßgeblich dazu beigetragen haben neue Lösungen für „geschickte“ (dexterous) Hände, die es Robotern erlauben, etwa aus Luftballons Tiere zu zaubern, ohne sie platzen zu lassen, oder sich als Kartendealer beim Pokern zu versuchen. Denn während das Problem der Fortbewegung der Roboter weitgehend gelöst scheint, tun sich Humanoide nach wie vor schwer damit, Objekte angemessen zu handhaben.
Humanoide Roboter und die große Lücke: Die Hand als Nadelöhr
Dass ausgerechnet die Hand zum Nadelöhr der Branche wurde, hat einen einfachen Grund: Fünf Finger unabhängig voneinander und dennoch koordiniert zu steuern, war technisch schlicht nicht zu bewältigen – zumindest bis vor Kurzem. „Das machen jetzt erst die neuen KI-Modelle möglich“, bestätigt auch Alicia Veneziani, Global VP of Go-to-Market und President of Europe bei Sharpa. Und es gibt ein weiteres Problem, auf das Veneziani hinweist: Die Hände brauchen eine Art Tastsinn. Ohne einen solchen Tastsinn bleiben Roboter auf Sichtkontrolle angewiesen – ein Nachteil überall dort, wo blind oder schnell gegriffen werden muss.
Humanoide Roboter: Nvidia wird zum Schlüssel für Semperits ehrgeizige Roboterpläne
Mit der Roboterhand SharpaWave zeigte der chinesische Hersteller in Wien, wie nahe man einer Lösung bereits ist: 22 Bewegungsachsen, hochauflösende taktile Sensoren an den Fingerspitzen, die der Hand ein „Gefühl“ für das Greifen geben und es dem Roboter erlauben, Werkzeuge zu nutzen oder zerbrechliche Objekte zu fassen. Geschicklichkeit trifft dabei auf Kraft.
TARS Robotics, ein erst 2025 in Shanghai gegründetes Unternehmen, verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Die firmeneigene DexHand mit 21 Freiheitsgraden arbeitet mit hochauflösenden Miniaturkameras, die mikroskopische Texturen bis zu 0,05 Millimeter erfassen. Die angeschlossene KI liest daraus Eigenschaften wie Härte, Rauheit oder Griffigkeit ab und erkennt so frühzeitig, wenn ein Objekt abzurutschen droht. Mit einem A1-Roboter, ausgestattet mit DexHand und gesteuert vom hauseigenen KI-Fundamentmodell AWE 3.0, stellte TARS einen in Wien bestätigten Guinness-Weltrekord in der Kabelbaummontage auf: 105 Kabelbäume mit Submillimeter-Drähten in einer Stunde – eine Aufgabe, die in der Fertigung lange als kaum automatisierbar galt.
Roboter und das 100.000-Jahre-Problem
Ein Thema, das die gesamte Branche beschäftigt, ist der Mangel an Trainingsdaten für physische KI. Während Sprachmodelle aus Internet-Texten lernen, fehlt der Robotik das Äquivalent an Bewegungsdaten. Den Begriff dafür prägte der Robotik-Professor Ken Goldberg von der UC Berkeley mit dem „100.000-Jahre-Problem“, 100.000 Jahre physischer Erfahrung, die der Branche fehlt.
Wie gravierend dieses Problem ist, veranschaulichte Goldberg, der neben seiner Professur auch selbst als Unternehmer aktiv ist, in seiner ICRA-Keynote anhand eines einfachen Beispiels: Ein KI-gesteuerter Roboterarm, der ein Objekt mit hundertprozentiger Erfolgsquote greifen konnte, so erzählte er, brach auf gerade einmal 17 Prozent ein, sobald der Gegenstand nur um wenige Zentimeter verschoben wurde. Die vielbeschworenen „Generalisten“-Modelle, die angeblich jede Aufgabe meistern sollen, seien in der Praxis oft überraschend fragil, so Goldberg.
Humanoide Roboter: Fill prüft den nächsten großen Sprung in der Automatisierung
TARS begegnet dem Problem mit einem „human-centric“ Ansatz: Menschen tragen Sensoranzüge namens SenseHub, die Bewegungsdaten direkt aus dem menschlichen Alltag erfassen und auf den Roboter übertragen – eine Form der Teleoperation, wie sie in der Branche verbreitet ist. Von dieser Art der Datensammlung hält Goldberg wenig: Er beschreibt sie süffisant als wenig beneidenswerten Knochenjob, der das Problem ohnehin nur teilweise löse. Vielversprechender sei ein anderer Weg: Roboter, die bereits im Dauerbetrieb laufen, erzeugen nebenbei genau jene Daten, die zu ihrer eigenen Verbesserung nötig sind. Diesen sich selbst verstärkenden Kreislauf nennt Goldberg „Datenlawine“.
Europäische Akteure wie Flexion Robotics gehen einen anderen Weg und setzen auf Simulation statt realer Datensammlung: Per Reinforcement Learning lassen sich in virtuellen Umgebungen große Datenmengen vergleichsweise günstig erzeugen, ganz ohne aufwendige Teleoperation durch Menschen. Der Erfolg hängt von der Qualität des Sim-to-Real-Transfers ab – also daran, wie verlustfrei sich im digitalen Zwilling erlernte Fähigkeiten auf die reale Maschine übertragen lassen. Plattformen wie NVIDIA Isaac Sim liefern dafür inzwischen physikalisch belastbare Testumgebungen.
Wie China Druck am Robotiksektor aufbaut
Die Chinesen beherrschen den Markt, und diese Dominanz ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis dreier zusammenwirkender Faktoren: aggressive Kapitalspritzen, vertikal integrierte Lieferketten und ein regulatorisches Umfeld, das schnelle Iteration begünstigt. Dahinter steht eine Regierung, die humanoider Robotik hohe strategische Bedeutung beimisst. Die Zentren des Booms: Shenzhen im Süden und Hangzhou im Osten. Shenzhen beherbergt UBTECH, EngineAI und AgiBot-Zulieferer, Hangzhou ist Heimat von Unitree und Deep Robotics.
Während europäische Unternehmen oft Jahre investieren, um Sicherheit und Präzision einzelner Gelenke zu perfektionieren, verfolgen chinesische Hersteller wie Unitree einen „Fail-Fast“-Ansatz: neue Hardware-Generationen alle paar Monate, öffentliche Iteration, reale Daten im Tempo der Massenproduktion. Hinzu kommt die geografische Nähe zu Motoren-, Sensor- und Batterielieferanten in den Clustern. Dadurch schaffen chinesische Firmen in drei bis sechs Monaten, was westliche Start-ups 18 Monate kostet.
Dass der Druck auch bei etablierten europäischen Herstellern ankommt, bestätigt Tatjana Zakharova, die bei dem Münchner Unternehmen Franka Robotics für Marketing und Produktrobotik verantwortlich ist. Doch sie nimmt es als Herausforderung: „Die Konkurrenz ist stark, aus China, aus den USA und auch innerhalb Europas. Aber das ist gut so – sie zwingt uns, schneller zu werden, besser zu werden und Produkte zu entwickeln, die wirklich zu unserem Publikum passen“, sagt sie. Der deutsche Hersteller, eine Tochter von Agile Robots, bedient vor allem Forschung und Lehre, während die Konzernmutter die volle industrielle Automatisierung abdeckt.
Trotz dieser offensichtlichen Überlegenheit gibt sich TARS-Mitgründer und Chefwissenschaftler Ding Wenchao Gespräch mit dem INDUSTRIEMAGAZIN bescheiden. Er nennt den chinesischen Vorsprung zwar real, hält ihn aber nicht für entscheidend. „Unternehmen wie Kuka, Festo und Bosch gehörten zu den Pionieren der industriellen Robotik, und sie bleiben weiterhin hochrelevant für repetitive, klar definierte Aufgaben, die industrielle Zuverlässigkeit und Skalierung erfordern. Dieses Know-how sollte man keinesfalls abwerten“, glaubt Ding.
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TARS selbst versteht sich nicht als klassischer Roboterbauer, sondern als Anbieter von „Embodied AI“ – verkörperter Intelligenz. „Unsere Roboter wiederholen nicht einfach nur vorprogrammierte Sequenzen“, erklärt Ding. „Wenn sich ein Kabelstecker während der Aufgabe verschiebt, nimmt unser Roboter die Situation neu wahr, plant neu und führt die Operation ohne menschliches Eingreifen zu Ende. Genau hier kann Embodied AI die klassische Industrieautomation sinnvoll ergänzen.“ Ding sieht darin Potenzial für Partnerschaften: europäische Ingenieursstärke bei Hardware, Aktoren und industrieller Integration, gepaart mit den Embodied-AI-Fähigkeiten von TARS – das ergebe eine schlagkräftige Kombination, glaubt er.
Standards statt Stückzahlen: Europas Gegenentwurf
Eine Haltung, die den europäischen Hersteller durchaus nicht fremd ist, wie erste Kooperationen zeigen. Etwa die von Leju Robotics mit Schaeffler. Sie zielt auf konkrete industrielle Anwendungen und die Weiterentwicklung von Robotern ab.
Die Strategie, die sich daraus abzeichnet, heißt technologische Souveränität statt Masse – und ruht auf drei Säulen.
Die erste Säule: Zertifizierung und Regulierung. Viele chinesische Hersteller können ihre Systeme derzeit nicht ohne Weiteres in Europa vermarkten, weil sie die jeweils erforderlichen Konformitäts- und Sicherheitsanforderungen nicht erfüllen – ein Vorteil, den europäische Anbieter aktiv ausspielen. „Wir erfüllen als deutscher Hersteller praktisch alle relevanten Normen und sind TÜV-zertifiziert. Nicht alle chinesischen Hersteller sind das – und dürfen deshalb in Europa gar nicht verkaufen", bestätigt Zakharova von Franka Robotics. Auch die Datenfrage spielt hinein: Während zahlreiche chinesische Modelle Telemetriedaten ungefiltert ins Ausland senden und damit potenziell gegen DSGVO und EU AI Act verstoßen, punkten europäische Systeme mit Datenschutz „out of the box".
Die zweite Säule: der Fokus auf Cobots statt auf Allzweck-Humanoide. Statt mit China um billige Massenware zu konkurrieren, positioniert sich Europa im Markt für kollaborative Roboter, die sicher und unmittelbar neben Menschen arbeiten. NEURA Robotics aus Metzingen etwa setzt auf eine „Sensor-Haut", die gefahrlose physische Interaktion ermöglichen soll, und kooperiert mit Industriepartnern wie HD Hyundai im Schiffbau oder Bosch in der Automobilzulieferung.
Auch aus Österreich gibt es erste Antworten: Iono Robotics hat mit „Workmate“ einen humanoiden Arbeits-Roboter entwickelt, der für körperlich belastende Tätigkeiten vorgesehen ist. Getestet wird der Einsatz derzeit gemeinsam mit heimischen Industrieunternehmen. Iono Robotics ist eines von nur rund 20 europäischen Start-ups im Bereich humanoider Robotik und stammt aus Linz.
Auch das Schweizer Start-up Flexion Robotics, das Software statt eigener Hardware entwickelt, setzt auf diese Karte: Das Unternehmen liefert Steuerungssoftware an europäische und amerikanische Roboterbauer und arbeitet an ersten Proof-of-Concepts in Logistik und Produktion, etwa beim automatisierten Bewegen von Kisten, so ein Mitgründer im Gespräch. Die Entwicklung in Europa verlaufe zwar langsamer als in China oder den USA, vor allem wegen geringerer Finanzierung – doch spezialisierte Ökosysteme etwa im Raum Zürich holten sichtbar auf. Der aktuelle chinesische und amerikanische Vorsprung habe in Europa inzwischen für einen regelrechten „Weckruf" gesorgt.
Die dritte Säule: die regulatorische Doppelrolle von EU AI Act und der ab 20. Jänner 2027 geltenden neuen Maschinenverordnung. Humanoide und kollaborative Roboter mit direktem Personenkontakt dürften künftig als Hochrisiko-KI-Systeme eingestuft werden und damit strengen Pflichten unterliegen – Konformitätsbewertung, technische Dokumentation, Registrierung in einer EU-Datenbank, Nachweis geschulten Personals. Verstöße gegen diese Auflagen können empfindliche Millionenstrafen nach sich ziehen.
Was auf den ersten Blick wie eine Innovationsbremse wirkt, lässt sich auch als Vertrauensvorschuss lesen: Anbieter wie NEURA Robotics oder der spanische Hersteller PAL Robotics liefern bereits CE-zertifizierte Systeme, die europäischen Industriekunden Rechtssicherheit geben, wo chinesische Konkurrenz sie noch nicht bieten kann. Auch Ding sieht die regulatorischen Bemühungen keineswegs als Hemmnis, im Gegenteil: Für ihn sind sie die Chance auf eine Vorreiterrolle Europas. Die Region verfüge über tiefe Erfahrung mit industrieller Sicherheit und Qualitätsmanagement – eine Kompetenz, die für verkörperte KI global wertvoll werden könnte, ähnlich der Rolle, die die GSMA einst für globale Mobilfunkstandards spielte.
Fazit für Europa: Kein Grund zur Kapitulation
Es ist nicht zu übersehen: China dominiert bei humanoiden Robotern klar in Stückzahlen, Iterationsgeschwindigkeit und Lieferketten-Tempo. Aber daraus zu schließen, Europa habe den Anschluss endgültig verloren, greift zu kurz, auch weil das Rennen um den Markt gerade erst begonnen hat. Noch sind beispielsweise die Laufzeiten der humanoiden Roboter eher wenig alltagstauglich. Sie liegen bei etwa zwei Stunden für aktive, kontinuierliche Bewegung – weit entfernt von einer Acht-Stunden-Schicht. Und dann natürlich der Preis: Ein chinesischer Top-Roboter kostet heute rund 100.000 Euro – in den kommenden Jahren könnte der Preis laut Roland-Berger-Berater Thomas Kirschstein immerhin auf 20.000 bis 30.000 Euro fallen. Einen Business Case für humanoide Roboter in der Fabrikhalle erwartet Kirschstein erst ab 2028.
Europas Chance liegt nicht darin, China bei der Massenproduktion einzuholen, sondern in Systemintegration, softwareseitiger Sicherheit und hochkomplexen industriellen Nischen. Gelingt es, die eigene Stärke in Zertifizierung, Sensorik und Antriebstechnik mit neuen KI-Fähigkeiten zu verbinden, könnte Europa am Ende genau jene Rolle spielen, die Dr. Ding der Region zutraut: nicht die des Nachzüglers, sondern die des Standardsetzers für vertrauenswürdige, verkörperte KI.