Humanoide Roboter Automatisierung Logistik : Humanoide Roboter vor dem Durchbruch? Wie nah sie der Logistik wirklich sind
Kein Thema dominiert die Tech-Nachrichten derzeit so stark wie humanoide Roboter. Beeindruckende Videos in sozialen Medien, Ankündigungen von Großunternehmen und Herstelleraussagen zu möglichen Stückpreisen von 20.000 bis 50.000 US-Dollar haben eine hohe Erwartungshaltung geschürt. Manche Marktbeobachter prognostizieren ein exponentielles Wachstum auf 13,25 Milliarden Dollar im Jahr 2029 und sogar auf 100 Milliarden Dollar im Jahr 2035.
Doch was steckt hinter dem Hype – und was bedeutet das konkret für die Logistik? Gleich drei Studien, die im Jahr 2025 und Anfang 2026 veröffentlicht wurden, geben Antworten: das Fraunhofer IPA in Stuttgart, die International Federation of Robotics (IFR) sowie das Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund haben den Stand der Technik, den Markt und die Erwartungen der deutschen Industrie gründlich untersucht.
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Warum humanoide Roboter für unsere Welt gebaut sind
Was ist ein humanoider Roboter?
Die IFR hat dazu eine Definition erarbeitet, die als globaler Standard dienen soll: Ein humanoider Roboter ist ein Roboter mit einer menschenähnlichen Erscheinung – typischerweise zwei Arme mit Händen, zwei Beine, Rumpf und Kopf – der in der Lage ist, Aufgaben in einer für Menschen gestalteten Umgebung auszuführen, ohne dass diese angepasst werden muss. Seine Leistungsfähigkeit wird durch menschenähnliche Wahrnehmungsfähigkeiten wie Sehen, Hören und Tasten ergänzt.
Der entscheidende Gedanke dahinter: Unsere gesamte gebaute Umwelt – Lager, Fabriken, Büros, Wohnungen – ist auf den menschlichen Körper ausgelegt. Ein Allzweck-Roboter, der viele Aufgaben erledigen kann, sollte daher dem menschlichen Körper und seinen Bewegungen nachempfunden sein. Genau das rechtfertige auch die hohen Entwicklungs- und Anschaffungskosten, argumentieren Befürworter der Technologie.
Praktisch unterscheidet die IFR drei Bauformen: vollständig beingetriebene Systeme (Legged), radbasierte Systeme (Wheeled) sowie Oberkörper-Systeme (Upper-body only). Für Logistikanwendungen sind vor allem die mobilen, vollständig beweglichen Varianten relevant.
Wo humanoide Roboter heute konkret eingesetzt werden sollen
Die Fraunhofer-IPA-Studie, für die 113 Unternehmen aus der deutschen Industrie befragt wurden, zeichnet ein klares Bild der erwarteten Einsatzfelder. Ganz oben auf der Liste: Materialtransport (84 %), Maschinenbeladung (79 %) und das Greifen komplexer Gegenstände wie beim Kommissionieren (62 %). Nutzung von Handwerkzeugen (45 %), Montagearbeiten und Maschinenbedienung (je 35 %) sowie Inspektion (22 %) folgen dahinter.
Das Muster ist eindeutig: Die Industrie erwartet Humanoide vor allem für einfache, flexible Aufgaben – nicht für hochpräzise Spezialanwendungen. Die Befragten sehen Humanoide primär als Springer, die vielfältige Aufgaben in Logistik und Produktion übernehmen können, dort wo situative Flexibilität gefragt ist und klassische Automatisierung nicht wirtschaftlich oder technisch realisierbar ist.
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Das IFR beschreibt dieses Potenzial anschaulich: Humanoide können in Lagerhallen und Fabriken navigieren, die ursprünglich für menschliche Arbeiter gebaut wurden. Damit unterstützen sie besonders das sogenannte Brownfield-Szenario – die Automatisierung bestehender Infrastruktur, ohne dass teure Umbaumaßnahmen oder spezialisierte Robotik-Infrastruktur nötig werden.
Neben der Industrie und Logistik sieht die IFR künftig auch Einsatzfelder im Gesundheitswesen (Transport von Ausrüstung, Laborassistenz, Physiotherapieunterstützung), im Einzelhandel und der Gastronomie (Bestandsmanagement, Kundenbetreuung, Concierge-Dienste) sowie langfristig im privaten Haushalt – etwa für Reinigungsaufgaben oder als digitale Begleiter.
Erste Praxis: Rossmann testet humanoide Roboter im Lager
Die deutsche Handelskette Rossmann will in einem langfristig angelegten Pilotprojekt praktische Erfahrungen beim Einsatz humanoider Robotik in logistischen Prozessen sammeln, deren Potenzial zur Entlastung der Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeiter prüfen und die Basis für eine mögliche Skalierung schaffen. Dafür setzt das Unternehmen den humanoiden Roboter des Typs UBTech Walker S2 ein, der von Terra Robotics geliefert wurde.
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Im Rahmen des Pilotprojekts wird untersucht, wie der Walker S2 in bestehende Abläufe der Rossmann-Logistik integriert werden kann. Der Test sei auf das gesamte Jahr 2026 angelegt und folge einer klaren Roadmap mit mehreren Projektphasen – von ersten Use-Case-Szenarien über den schrittweisen Einsatz in der Praxis bis hin zur Bewertung einer möglichen Ausweitung, heißt es aus dem Unternehmen.
Der Walker S2 verfügt über 52 Freiheitsgrade, durch die der humanoide Roboter die Beweglichkeit eines Menschen in vielen Bereichen nachahmt oder sogar übertrifft. Darüber hinaus kann er seine Batterie eigenständig wechseln und ist speziell für industrielle und logistische Anwendungen entwickelt worden. Terra Robotics, ein junges Unternehmen der Wortmann Gruppe, vertreibt die Technologie in Deutschland und unterstützt Rossmann bei der technischen Implementierung.
„Jetzt geht es ans Testen: Wie lässt sich der Walker S2 sinnvoll in unsere Prozesse einbinden, welche IT-Infrastruktur ist dafür notwendig und wie schnell können wir neue Anwendungen programmieren? Gleichzeitig beobachten wir genau, wie unsere Kolleginnen und Kollegen die Zusammenarbeit mit dem Roboter erleben. Uns ist bewusst, dass rund um humanoide Robotik derzeit viel Hype entsteht – gerade deshalb wollen wir frühzeitig und auf Basis eigener Erfahrungen herausfinden, was im Alltag tatsächlich funktioniert und wo die Grenzen liegen. In diesem Pilotprojekt wollen wir konkrete Antworten finden und den praktischen Nutzen für unsere Logistik realistisch bewerten“, sagt Hendrik van Duuren, Geschäftsleitung Logistik bei Rossmann.
Der humanoide Roboter soll insbesondere bei repetitiven sowie körperlich unergonomischen Tätigkeiten unterstützen und damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Logistik entlasten. Auf Grundlage der Ergebnisse des Jahrestests entwickelt Rossmann ein langfristig tragfähiges, skalierbares Einsatzkonzept für humanoide Robotik in der eigenen Logistik. Dazu gehört auch die Bewertung, in welchen Bereichen ein Rollout sinnvoll ist und wie sich Automatisierung und Digitalisierung verbinden lassen.
„Wir freuen uns sehr, gemeinsam mit Rossmann für den Walker S2 einen echten Praxis-Use-Case zu realisieren. Die Stärke einer Partnerschaft wie dieser liegt darin, die Zukunft nicht nur zu erkennen, sondern sie mit Innovationsgeist, Mut und Tatkraft aktiv zu gestalten“, sagt Murat Arpaci, Geschäftsführer von Terra Robotics.
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China und USA dominieren – Europa sucht seine Rolle
Das Fraunhofer IML hat für seine im März 2026 auf der LogiMAT vorgestellte Studie rund 80 unterschiedliche Systeme identifiziert, die sich in Mobilität, Sensorik und Software voneinander unterscheiden. Der Markt ist stark fragmentiert und wird überwiegend von außereuropäischen Anbietern geprägt.
Die Lieferantenliste der IFR bestätigt diesen Befund : Von den Legged-Systemen kommen allein über 20 Anbieter aus China – darunter Unitree Robotics, UBTech, Agibot, Deep Robotics und viele weitere Start-ups. Aus den USA stammen bekannte Namen wie Boston Dynamics, Figure, Agility Robotics, Apptronik und Tesla. Europa ist mit vergleichsweise wenigen Anbietern vertreten, darunter Neura Robotics aus Deutschland, PAL Robotics aus Spanien und 1X aus Norwegen.
Die IFR beschreibt die unterschiedlichen regionalen Strategien:
USA: Große Tech-Konzerne wie Google, Amazon, NVIDIA und Tesla investieren massiv. Daneben fließen erhebliche Mittel aus DARPA und dem US-Verteidigungsministerium. Der Fokus liegt auf praktischen Anwendungen in Logistik, Gesundheit und Produktion – Humanoide werden als Produktivitätswerkzeuge verstanden, nicht als soziale Begleiter.
China: Humanoide Roboter stehen im Zentrum der nationalen Technologiestrategie. Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) sieht in ihnen eine disruptive Technologie vergleichbar mit Computern oder Smartphones. China strebt den Aufbau einer skalierbaren Lieferkette für Schlüsselkomponenten an – zunächst mit Fokus auf Serviceanwendungen.
Japan: Pionierland der humanoiden Robotik, mit Honda's Asimo als frühem Meilenstein. Roboter gelten dort als Gefährten, nicht bloß als Werkzeuge. Der Fokus liegt auf sozialer Interaktion, Pflege und der Integration in eine alternde Gesellschaft.
Europa: Starke Betonung ethischer Grundsätze und des Schutzes menschlicher Arbeit. Die europäische Robotikbranche setzt auf einen Human-in-Command-Ansatz: Der Mensch bleibt stets in der Entscheidungshoheit. Europäische Unternehmen sind laut IFR kurzfristig zurückhaltender beim Einsatz von Humanoiden als ihre amerikanischen oder asiatischen Wettbewerber.
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Das Fraunhofer IPA bringt es auf den Punkt: Die aktuellen Entwicklungen und Investitionen in den USA und China und die verglichen dazu überschaubaren Mittel europäischer Unternehmen werfen die Frage auf, wie sich Industrieunternehmen und die deutsche Gesellschaft gegenüber humanoiden Robotern zukünftig positionieren sollten.
Technologie macht große Sprünge – aber mit klaren Grenzen
Die Technologie entwickelt sich rasant. Laut IFR treiben mehrere Trends die Entwicklung voran:
Materialien und Sensorik: Leichtere, langlebigere Materialien und miniaturisierte Komponenten ermöglichen agilere Systeme. Taktile Sensoren und Kraft-Drehmoment-Sensoren machen Greifer und Hände präziser und feinfühliger. Verbesserte dynamische Balancierung und Motorsteuerung erlauben komplexe Bewegungen wie Laufen, Springen und das Überqueren unebenen Geländes.
Künstliche Intelligenz: Besonders generative KI und sogenannte Vision Language Action Models (VLAMs) ermöglichen es Humanoiden, aus Daten zu lernen. Entscheidungen zu verbessern und sich an neue Umgebungen anzupassen. Imitation Learning erlaubt das direkte Lernen aus menschlichen Demonstrationen. Simulationsumgebungen mit digitalen Zwillingen helfen, fehlende Trainingsdaten zu kompensieren.
Autonomie: Verbesserte SLAM-Technologien (Simultaneous Localization and Mapping) und LIDAR-Systeme ermöglichen selbstständige Navigation in komplexen Umgebungen. Edge Computing reduziert Latenzen, Cloud-Integration erlaubt Echtzeitdatenverarbeitung und die Koordination mehrerer Roboter.
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Dennoch zeigt die Fraunhofer-IPA-Befragung erhebliche Diskrepanzen zwischen gefragten und aktuell verfügbaren Fähigkeiten – vor allem bei der Feinfühligkeit und Genauigkeit der Endeffektoren sowie bei der sicheren Zusammenarbeit mit Menschen.
Die Top-5 der gewünschten Fähigkeiten sind: Indoor-Navigation, Umgebungserfassung, Sortieren und Zuordnen von Gegenständen, Gehen auf ebenem Untergrund und Lastentransport. Interessant dabei: Beine und menschenähnliche Hände werden nur von rund 40 Prozent der Befragten als zwingend notwendig angesehen. 56 Prozent bevorzugen eine mobile Plattform als Fortbewegungsart, 42 Prozent sprechen sich für modulare Greifer oder menschenähnliche Hände als Endeffektoren aus.
Ein weiteres technisches Nadelöhr bleibt die Energieversorgung: Die Akkulaufzeit liegt heute bei typischerweise nur einer Stunde. Für den produktiven Einsatz wären laut IFR vier bis fünf Betriebsstunden mit einer Stunde Schnellladen – oder 20 Stunden Laufzeit – erforderlich.
Österreich mischt mit: Forschung bringt humanoide Robotik in die Praxis
Auch in Österreich wird intensiv an den technologischen Grundlagen für den Einsatz humanoider Robotik gearbeitet. Im Forschungsprojekt „RoboWork“, das im Herbst 2026 startet und bis 2029 angelegt ist, werden humanoide Roboter und multimodale Manipulationstechnologien gezielt für industrielle Produktion und Logistik weiterentwickelt. Im Fokus stehen dabei insbesondere flexible Greifsysteme, lernfähige Robotik sowie die Kombination unterschiedlicher Wahrnehmungs- und Bewegungsformen, um komplexe Aufgaben in realen Arbeitsumgebungen bewältigen zu können.
Ziel ist es, humanoide Systeme so weiterzuentwickeln, dass sie nicht nur einzelne Aufgaben automatisieren, sondern in bestehende Prozesse integriert werden können – ein entscheidender Schritt für den späteren Praxiseinsatz in Industrie und Logistik.
Das Projektkonsortium besteht aus der Montanuniversität Leoben als administrativer Koordinator, der Knapp AG, Boehlerit und Risksen.
Ein anderes Projekt unter der Federführung von BRP-Rotax und der FH Oberösterreich zeigt, wie humanoide Robotik und künstliche Intelligenz künftig in der industriellen Praxis zusammenwirken können.
Einsatz kommt – aber später als viele glauben
Rund 80 Prozent der befragten Unternehmen der Fraunhofer-IPA-Studie schätzen den Einsatz humanoider Roboter in Produktion und Logistik innerhalb der nächsten zehn Jahre als realistisch ein – davon 74 Prozent in einem Zeithorizont von drei bis zehn Jahren, nur sechs Prozent innerhalb von unter zwei Jahren.
Das deckt sich mit den Einschätzungen des Fraunhofer IML, das ebenfalls von rund drei Vierteln der befragten Logistikunternehmen erfahren hat, einen produktiven Einsatz innerhalb dieser Dekade zu erwarten.
Die IFR ist etwas zurückhaltender bei der gesellschaftlichen Dimension: Eine Massenadoption als universelle Haushaltshelfer sei in naher und mittlerer Zukunft nicht zu erwarten. Der breite Einsatz in Haushalten könnte 20 bis 30 Jahre dauern – auch weil kulturelle und soziale Faktoren die Akzeptanz maßgeblich beeinflussen.
Logistik, Lebensmittel- und Textilindustrie sind bei den Fraunhofer-IPA-Befragten hinsichtlich der Marktreife besonders optimistisch.
Die größten Hürden: Sicherheit, Kosten und Akzeptanz bremsen den Durchbruch
Die größten Hürden auf dem Weg zum Serieneinsatz sind laut Fraunhofer IPA:
Nicht geregelte Sicherheit (45 %): Fehlende Standards für den Betrieb neben Menschen werden als das größte Einzelhindernis gesehen. Systemintegratoren (53 %) sind dabei kritischer als Endanwender (35 %).
Zu hohe Erwartungshaltung (37 %): Bedingt durch teils manipulierte Herstellervideos und übertriebene Prognosen.
Fehlende wirtschaftliche Anwendungsfälle (35 %): Die Kostenfrage bleibt zentral.
Aufwendige Programmierung (33 %): Das Anlernen der Systeme gilt als komplex und zeitintensiv.
Akzeptanzprobleme in der Belegschaft (20 %): Endanwender (24 %) haben hier größere Bedenken als Systemintegratoren (18 %).
Zur Wirtschaftlichkeit: Die Mehrheit der befragten Unternehmen zeigt eine Zahlungsbereitschaft von unter 100.000 Euro – womit der von Herstellern anvisierte Preis von unter 50.000 Euro für humanoide Roboter grundsätzlich auf Resonanz stößt, wenn auch große Unternehmen tendenziell bereit sind, mehr auszugeben als KMU. Als Grundlage dieser Kalkulation gilt: Die Arbeitsleistung des Humanoiden entspricht der eines halben Menschen über mindestens fünf Jahre Laufzeit.
Auch die IFR sieht die Wirtschaftlichkeit als Bremse: Hohe Material- und Komponentenkosten sowie die Komplexität von Design und Programmierung machten eine breite Adoption derzeit schwierig. Skalierungseffekte müssten erst realisiert werden, um die Stückkosten substanziell zu senken.
Recht, Risiko und Regulierung: Warum humanoide Roboter noch problematisch sind
Die rechtliche Dimension wird oft unterschätzt. 35 Prozent der IPA-Befragten sehen die Mensch-Roboter-Kollaboration mit Humanoiden als rechtlich schwierig umsetzbar. 15 Prozent fordern eine Überarbeitung der Maschinenrichtlinie. Hinzu kommen Fragen der Cybersicherheit, des Datenschutzes sowie der Sicherheitsabschaltung – denn ein umstürzender Humanoider ist eine reale Gefahr.
Die IFR weist darauf hin: Anders als Roboter mit niedrigem Schwerpunkt oder breiter Standfläche müssen Humanoide ständig ihre Balance halten. Das erhöht das Sturzrisiko erheblich und erfordert komplexe Rückgewinnungsmechanismen – auch wenn die Stromversorgung unterbrochen wird. Die ISO arbeitet bereits an einem entsprechenden Komitee für Sicherheitsanforderungen bei industriellen mobilen Robotern mit aktiv kontrollierter Stabilität.
In der EU werden Humanoide, die KI-Funktionen nutzen, zudem unter das KI-Gesetz (EU AI Act) fallen.
Humanoide Roboter werden nach dieser Perspektive nicht als "Jobkiller" gesehen – auch wenn die Wahrnehmung je nach Position im Unternehmen stark variiert: Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter schätzen das Risiko eines Jobverlustes deutlich höher ein als die Geschäftsführung.
Und: 57 Prozent der IPA-Befragten geben an, dass Akzeptanzprobleme in der Belegschaft einen Einfluss auf die Kaufentscheidung hätten. Besonders in Großunternehmen ab 1.000 Mitarbeitenden würde eine mangelnde Mitarbeiterakzeptanz die Entscheidung gegen den Einsatz humanoider Roboter stärker beeinflussen als in kleineren Betrieben.
Was jetzt passieren muss: Forschung fordert klare Schritte
Aus den vorliegenden Studien lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen ableiten, die sich an Industrie, Wissenschaft und Politik richten.
Das Fraunhofer IPA nennt sieben Prioritäten: Entwicklung softwareseitiger Sicherheitsfunktionen, Optimierung der Feinfühligkeit von Endeffektoren, Vereinfachung von Programmierung und Anlernen, Verbesserung der Umgebungswahrnehmung, Erstellung einer neuen Norm vergleichbar mit ISO TS 15066 für Mensch-Roboter-Kollaboration, Schaffung rechtlicher Evaluierungsmöglichkeiten für Unternehmen sowie Förderung kritischer Technologien und Wachstumsfinanzierung für Start-ups.
Alice Kirchheim vom Fraunhofer IML fasst die Dringlichkeit zusammen: "Die Zeit zu handeln ist jetzt: Betreiber, Integratoren und Hersteller intelligenter Automatisierungslösungen in der Logistik sind gefragt, Testfelder aufzubauen und offene Standards und Partnerschaften voranzutreiben. Gleichzeitig muss Europa stärker in die Entwicklung autonomer Systeme investieren, um seine Technologiesouveränität sicherzustellen."
Das IFR betont den komplementären Charakter der neuen Technologie: Humanoide werden klassische Industrieroboter nicht ersetzen, sondern ergänzen. Für hochpräzise, repetitive Aufgaben im Hochgeschwindigkeitsbetrieb bleiben traditionelle Industrieroboter die bessere Wahl. Humanoide spielen ihre Stärken dort aus, wo Flexibilität, Mobilität und Interaktion mit Menschen gefragt sind.